Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 35 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Die Teufel

 

Ich lag an ein eisernes Bett gekettet, doch nicht im Obuchowschen

Krankenhause, sondern im Grabe, und war nicht aus dem Polizeirevier, sondern

aus der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte unmittelbar nach der Einsegnung

hergeschafft worden.

Mein Herz zerriß in Stücke! Warum hatten mich die Totengräber mit solchem

Haß verscharrt?! Ich habe ihnen doch nichts getan, bei Gott! Ich tue keiner

Fliege etwas zu Leide und verstehe so gar nicht, mit einem Gewehr umzugehen.

Während ich mich in meiner traurigen Lage auf diese Weise quälte, besuchten

mich drei Teufel. Zwei von ihnen waren mir gänzlich unbekannt: sie waren still

und schwach und atmeten kaum; der dritte bemühte sich zwar, vor meinen

Augen eine Verwandlung durchzumachen, doch ich erkannte ihn sofort: es war

der Schalterbeamte von der Postfiliale Nr. 10 namens Kisseljow.

Alle drei Teufel stellten sich harmlos, sanft und freundlich und stammelten

mit feinen Kinderstimmen etwas höchst Naives und Einfältiges. Ich erriet aber

intuitiv, was sie im Sinne hatten: sie hatten es auf meine Extremitäten und meine

Wirbelsäule abgesehen.

»Nein, so billig bekommt ihr mich nicht«, sagte ich mir, »ich werde euch

schon von meinem Haferbrei zu kosten geben!« Ich spannte alle meine Kräfte

an, riß mich vom eisernen Bett los, stürzte mich plötzlich auf die Teufel und ging

mit ihnen fürchterlich ins Gericht.

Der eine ließ mir zum Andenken einen Büschel Haare zurück, dem andern biß

ich einen Finger durch; als ich aber schon triumphieren wollte, nahm dieser

Kisseljow eine Handvoll Unrat und verpappte mir damit, ehe ich mir’s versah,

den Mund. Und ich begann zu ersticken.

 

Iwan der Grausame

 

Teils in Reih und Glied, teils einander überholend, voreinander ausweichend und

ungestüm vorwärtsdrängend, laufen wir durch die Marossejka zum Roten Platz.

Wir eilen alle zur Richtstätte, um die Ankündigung anzuhören, deren

bevorstehende Verlesung heute an allen Straßenecken und in allen Sackgassen

bekanntgegeben worden war.

Die Uhr am Spaski-Turm hatte schon zwölf geschlagen, und das Volk strömte noch immer zusammen. Die Richtstätte selbst blieb aber noch frei; einigen

Gassenjungen gelang es ab und zu, sich ihrer zu bemächtigen, sie flogen aber

zum allgemeinen Vergnügen sofort wieder hinaus.

Mit Hilfe eines mir befreundeten Parkettbohners von der Sazepa kletterte ich

auf das Dach der Basiliuskathedrale, von wo aus ich auch das kleinste Detail

verfolgen konnte.

Die Menge räusperte sich plötzlich wie ein Mann, wich etwas zurück und

entblößte die Köpfe, und auf der Richtstätte erschien ein kleiner Mann in hohem

Stehkragen und Smoking; sein Kopf war aber nach Weiberart mit einem Tuch

umbunden.

»Es ist der Narr in Christo«, brauste es über den Platz von Mund zu Mund,

»das ist er selbst!«

Die Uhr am Spaski-Turm begann wieder zu singen und sang sehr lange:

dreizehn.

»Nehmen Sie Platz, meine Damen und Herren«, sagte der Narr, nachdem er

sich nach allen vier Himmelsrichtungen verneigte: vor dem Kreml, vor der

Moskwa-Vorstadt, vor dem Historischen Museum und vor dem Großen

Kaufhause.

Da ich schon saß, aber gegen die Aufforderung nicht verstoßen wollte, rückte

ich ein wenig auf meinem Platz hin und her, als ob ich mich gerade setzte. Alle

andern, die unten standen, folgten der Aufforderung bedingungslos und ließen

sich, wenn es auch nicht ganz bequem war, augenblicklich auf den Boden nieder.

»Meine Damen und Herren«, begann der Narr nach der Weise des

Kirchenliedes, das am Feste der Erscheinung der Heiligen Jungfrau gesungen

wird: »Wir alle haben in der Schule die Gebote gelernt, und jedermann weiß, daß

es ihrer zehn gibt. Nicht wahr, zehn?«

Die Menge antwortete wie aus einem Munde, wie man bei der Ostermesse in

den Kirchen ›Christ ist erstanden‹ ruft.

»Nun sehen Sie es, meine Damen und Herren«, fuhr der Narr in der gleichen

Weise fort. »In Wirklichkeit sind ihrer aber nicht zehn, sondern vierzehn. Unsere

Väter haben sie vor uns verheimlicht; aber wir haben sie ebenso wie die weisen

Väter seit jeher befolgt.«

»Wir haben sie befolgt«, blökte die Menge.

»Nun sehen Sie es selbst!« sang der Narr. »Nach den Berechnungen des

Kugelheim von Gustav ist nun die Zeit gekommen, sie vollständig zu verkünden

und nicht mehr heimlich, sondern öffentlich zu befolgen. Vernehmt also und

schreibt euch in eure Herzen diese neuen Gebote:

Das elfte: Du sollst nicht Maulaffen feilhalten.

Das zwölfte: Du sollst deine Zunge im Zaum halten.