Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 38 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Die Gendarmen und die Leichen

herumhüpften. Und als endlich der Schlaf kam, befand ich mich schon in einem

anderen geräumigen Zimmer. Ich lag auf dem Rücken. Doch seltsam, während

ich so im Bett lag, sah ich zugleich ein anderes Ich liegen, das mir aber durchaus

unähnlich war.

Dieser Unähnliche, der mein Ich war, erhob sich vom Bett und ging durch

einen schmalen Korridor ins Nebenzimmer. Er sah mir wirklich nicht im

geringsten ähnlich: er war groß gewachsen, hatte ein spitzes Gesicht mit

eingefallenen Wangen und einer raubgierigen Adlernase und war mit einem

kurzen, recht abgetragenen und verschossenen Mantel aus purpurroter Seide

bekleidet; in seinen Augen brannte aber ein so glühender und stechender Haß,

daß ein einziger Blick genügte, um einen Menschen wie eine Fliege zu Brei zu

zermalmen. Er trat vor ein Bett, in dem jemand, mit dem Kopf in die Bettdecke

gehüllt, schlief, schluchzte vor wildem Haß, der seine Seele bis an den Rand

füllte, auf; ergriff mit den Fingern das Bettlaken und begann, es unter dem

Schlafenden herauszuzerren, seine Wut an dem unschuldigen weißen Gewebe

auslassend.

Meine wilde Seele war wie in einem Rausch, ich verging vor Haß.

In diesem Augenblick verließ mich der Schlaf

Ich lag und wagte mich nicht zu rühren. Im Zimmer, in dem nichts als einige

Bücher und Spielsachen waren, quakte jemand. Die Nacht war aber noch nicht

zu Ende.

 

Die Gendarmen und die Leichen

 

Vor mir erschien eine schwarze wollene Schnauze mit langen weißen Zähnen;

sie zwinkerte mir zu und verschwand.

Ich befinde mich im alten Hause in der Tolmatschowski-Gasse zu Moskau, in

dem Zimmer, in dem ich das Licht der Welt erblickt hatte. Ein kleines Mädchen

hat ein Album aufgeschlagen, zeigt mir trockene Blumen und fragt mich bei

jeder neuen Blume, ob ich sie erkenne oder nicht. Ich habe gar nicht Zeit zu

antworten, denn jemand anders antwortet für mich.

»Diese Blumen hier sind von Judas. Hast du sie erkannt?« fragt mich das

Mädchen.

Ich bin aber nicht mehr im Zimmer, sondern in einer Hundehütte und schreie

aus Leibeskräften. Nachdem ich genug geschrien habe, komme ich wieder ins

Zimmer. Der Tisch ist zu Mittag gedeckt. Ich setze mich an den Tisch und

schlafe ein.

Und es träumt mir, daß drei Gendarmen, mit Blumen in der Hand, ins Haus

treten.

Nun erwachte ich und begann zu essen. Kaum hatte ich aber den ersten Bissen

verschlungen, als die Tür aufging und die drei Gendarmen ins Zimmer traten.

»Ich habe euch soeben im Traume gesehen«, sage ich zu den Gendarmen,

»Wo habt ihr nur die Blumen hingetan?«

»Der Hund hat sie gefressen«, antworten die Gendarmen, indem sie sich die

Lippen belecken.

Ein mir unbekannter buckliger Mann in Zivil, der plötzlich Gott weiß woher

erschienen ist, nimmt mir gegenüber Platz. Er macht auf mich einen höchst

unangenehmen Eindruck; ich will ihn sogar schlagen, gebe aber diese Absicht

auf.

Der Bucklige bindet sich die Serviette vor und sagt, ohne mich aus den Augen

zu lassen:

»Die Anklage gegen Sie lautet: als Sie sich über den Fluß hinübersetzen

ließen, versuchten Sie die natürliche Abstammung der Eltern zu erklären.«

Ich höre es und verstehe ihn nicht.

»Ich habe nichts dergleichen erklärt.«

»Jemand hat Sie wohl belauscht und Ihre Gedanken aufgeschrieben«, fährt der

Bucklige fort und knetet mit den Fingern aus Schwarzbrot Kügelchen.

»Ich weiß nichts davon!« Ich wehre mich mit beiden Händen, ich höre, daß

die alte Kinderfrau Irinja im Nebenzimmer den Boden kehrt und aufräumt, und

denke mir: ›Was ist das nun eigentlich, träume ich oder sitzt wirklich der

Bucklige vor mir und erhebt gegen mich Gott weiß was für Anklagen?‹

»Ich wollte Sie schon längst kennenlernen«, sagt mir ein erst vor ganz kurzer

Zeit verstorbener bekannter russischer Dichter, den ich einhole, als er mit

irgendeinem Jungen durch eine menschenleere Straße geht.

»Wo leben Sie denn jetzt?« frage ich den Dichter, mich vor ihm verbeugend.

»In Moskau«, antwortet er mir, »im Hause der Georgischen Kirche auf dem

Woronzowschen Felde; die Kirche steht oben auf dem Berge, mein Haus aber

unten zwischen den Disteln; es gibt dort so einen leeren Platz.«

Ich wollte ihn fragen, ob er noch schreibe, aber er war schon verschwunden.

Und ich stand plötzlich in der leeren Kirche, in deren Mitte viele Leichen

unmittelbar auf den Steinfliesen aufgeschichtet lagen. Ich sah mir ihre Gesichter

aufmerksam an und bemerkte, daß die eine von ihnen, obwohl wirklich tot, sich

dennoch bewegte. Sie stand plötzlich auf und trat vor den Altar.

Wir sahen einander an. Sie war nackt, ihre Füße waren mit Teer beschmiert

und ihr Gesicht hatte auffallende Ähnlichkeit mit der Somowschen Illustration

zu ›Aimé Lebœuf‹.4)