Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Der Leim Syndetikon
»An diesem Beispiel können Sie es sehen!« sagt er mir und reicht mir ein
Knäuel Gedärme.
Wir gehen schweigend von Grab zu Grab. Die Gräber sind offen. Ich sehe es
nicht, aber ich fühle, daß sich in ihnen etwas regt, und höre, wie schwerer
Goldbrokat knistert. Ich möchte gern in ein Grab hineinschauen, habe aber
furchtbare Angst.
»Du bist der Urheber dieses Blutvergießens«, schrie plötzlich jemand aus
einem Grabe. »Du bist der verdammte Feind, der Christusverkäufer, der
abgefeimte Schurke, der Feind Gottes!«
›Das ist die Moskauer Unbildung!‹ denke ich mir und sehe: durch das Feld
geht ein Pilger, sieht ganz wie unser Wassja der Barfüßige aus; über den Lumpen
trägt er einen Frack und hat an der Brust ein riesengroßes steinernes Kreuz
hängen. Der geweihte Pilger lächelt.
»Noli eos esse meliores!«3) sagt er und lächelt.
»Vielleicht hat er auch recht«, sagt der Philosoph.
Wir stehen zu dritt vor dem offenen Grabe. Der Pilger lächelt.
»Dieser Wassja der Barfüßige hat ja auch keinen Hut auf!« Ich nahm mir den
Hut vom Kopfe und erwachte.
Der Leim Syndetikon
Im Hause fand das große Reinemachen statt — es ist das die gräßlichste Zeit vor
den Feiertagen und kann höchstens noch mit dem Umziehen in eine neue
Wohnung verglichen werden. Man gab sich die größte Mühe: man holte von der
Decke mit langen Besen den verrauchten Staub und das Spinngewebe herunter,
wusch die Fenster und Fensterbänke und machte sich schließlich an die
Fußböden. Diese aber starrten so vor Schmutz, daß man sie weder abwaschen
noch abkratzen konnte; überall waren auch Spuren bloßer Füße zu sehen. Die
Oberaufsicht bei dem Reinemachen hatte ein mir unbekannter zottiger Mann mit
Hundeschnauze. Als dieser Mann einsah, daß alle Mühe vergebens war, nahm er
all seine staubigen Besen und Schabeisen zusammen, spuckte aus und
verschwand.
Als ich allein geblieben war, blickte ich vorsichtig unter das Bett.
›Aha!‹ sagte ich mir, ›da ist also die Schmutzquelle!‹ Ich empfand solchen
Ärger und solche Abneigung, mich vor den Leuten zu erniedrigen und sie zu
bitten, den Schmutz unter dem Bett zu beseitigen oder mich selbst zu
beschmutzen, daß ich meinen Rock auszog, mich bis aufs Hemd entkleidete,
Syndetikon zur Hand nahm und mich damit ordentlich einschmierte. Dann legte ich mich auf den Fußboden und begann mich zu wälzen.