Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 34 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Der Leim Syndetikon

»An diesem Beispiel können Sie es sehen!« sagt er mir und reicht mir ein

Knäuel Gedärme.

Wir gehen schweigend von Grab zu Grab. Die Gräber sind offen. Ich sehe es

nicht, aber ich fühle, daß sich in ihnen etwas regt, und höre, wie schwerer

Goldbrokat knistert. Ich möchte gern in ein Grab hineinschauen, habe aber

furchtbare Angst.

»Du bist der Urheber dieses Blutvergießens«, schrie plötzlich jemand aus

einem Grabe. »Du bist der verdammte Feind, der Christusverkäufer, der

abgefeimte Schurke, der Feind Gottes!«

›Das ist die Moskauer Unbildung!‹ denke ich mir und sehe: durch das Feld

geht ein Pilger, sieht ganz wie unser Wassja der Barfüßige aus; über den Lumpen

trägt er einen Frack und hat an der Brust ein riesengroßes steinernes Kreuz

hängen. Der geweihte Pilger lächelt.

»Noli eos esse meliores!«3) sagt er und lächelt.

»Vielleicht hat er auch recht«, sagt der Philosoph.

Wir stehen zu dritt vor dem offenen Grabe. Der Pilger lächelt.

»Dieser Wassja der Barfüßige hat ja auch keinen Hut auf!« Ich nahm mir den

Hut vom Kopfe und erwachte.

 

Der Leim Syndetikon

 

Im Hause fand das große Reinemachen statt — es ist das die gräßlichste Zeit vor

den Feiertagen und kann höchstens noch mit dem Umziehen in eine neue

Wohnung verglichen werden. Man gab sich die größte Mühe: man holte von der

Decke mit langen Besen den verrauchten Staub und das Spinngewebe herunter,

wusch die Fenster und Fensterbänke und machte sich schließlich an die

Fußböden. Diese aber starrten so vor Schmutz, daß man sie weder abwaschen

noch abkratzen konnte; überall waren auch Spuren bloßer Füße zu sehen. Die

Oberaufsicht bei dem Reinemachen hatte ein mir unbekannter zottiger Mann mit

Hundeschnauze. Als dieser Mann einsah, daß alle Mühe vergebens war, nahm er

all seine staubigen Besen und Schabeisen zusammen, spuckte aus und

verschwand.

Als ich allein geblieben war, blickte ich vorsichtig unter das Bett.

›Aha!‹ sagte ich mir, ›da ist also die Schmutzquelle!‹ Ich empfand solchen

Ärger und solche Abneigung, mich vor den Leuten zu erniedrigen und sie zu

bitten, den Schmutz unter dem Bett zu beseitigen oder mich selbst zu

beschmutzen, daß ich meinen Rock auszog, mich bis aufs Hemd entkleidete,

Syndetikon zur Hand nahm und mich damit ordentlich einschmierte. Dann legte ich mich auf den Fußboden und begann mich zu wälzen.