Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 12 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Der den Teufel rief

 

1

 

Das alte Wersenewsche Haus ist in aller Munde. In Krutowrag ist es nicht

geheuer.

Viel Interessantes und natürlich auch viel Gruseliges erzählte man sich über

das alte Haus.

Sergej Sergejewitsch Wersenew selbst ist allerdings nicht sehr gesprächig:

auch kümmert er sich wenig um solche Dinge. Aber seine Frau Jelisaweta

Nikolajewna und die beiden Kinder — der Gymnasiast Gorik und die

Gymnasiastin Buba — lieben es, von den alten Zeiten zu sprechen. Mit Genuß

sprechen sie davon, wie auch das Hausgesinde, die alte Kinderfrau Solomowna,

der Koch Prokofi Konstantinowitsch und der Lakai Sinowi, in der Küche beim

Teetrinken gern über die gleichen Dinge sprechen; doch im Flüsterton!

Im Garten, am Sandhügel, den noch in den Tagen der Leibeigenschaft Kinder

und Greise aufgeschüttet hatten, zeigte man einen kleinen schlammigen Weiher,

der selbst beim stärksten Frost nur am Rande, um die kalte Quelle herum, die in

seiner Mitte sprudelte, zufror und, wie es hieß, gar keinen Grund hatte.

Jede Nacht kam aus dem Weiher eine Troika heraus; sie fuhr lautlos durch die

Lindenallee und hielt vor der Veranda des Herrenhauses; ein uralter Greis,

Wersenews Großvater, sprang aus dem Wagen, ging auf die Veranda hinauf,

spazierte dort auf und ab und roch an den Blumen; dann begab er sich in den

großen Saal, stieg in den Keller hinab und kehrte schließlich mit seiner Troika in

den grundlosen Weiher zurück.

Unter dem Hause befanden sich zwei sehenswerte gewölbte Keller: ein

großer, der jetzt leer war, und ein kleiner, der als Weinkeller benutzt wurde. Aus

dem leeren Keller, wo man vor Zeiten die Leibeigenen, die sich etwas

zuschulden hatten kommen lassen, zu züchtigen pflegte, hörte man nachts ein

Stöhnen; und im kleinen Keller, wo einst die Wersenewschen Schätze verwahrt

wurden, klirrte es oft, wie wenn jemand Dukaten zählte.

Einen neuen Gast pflegte man vor allen Dingen in das Eckzimmer im

Obergeschoß zu führen, aus dessen Fenster man die Landstraße sehen konnte. In

diesem Zimmer standen mit altmodischen Kleidern und merkwürdigem

Schuhwerk angefüllte Schränke: es war Großmutters Garderobe.

Man erzählte sich, daß Sergej Sergejewitschs Mutter, Fedossja Alexejewna, von ihrem Mann in Krutowrag verlassen, Tag und Nacht vor diesem Fenster

gesessen habe; sie sei auch, so vor dem Fenster sitzend und auf die Straße

schauend, gestorben.

Sehr traurig war es in diesem hellen, traurigen Zimmer und sehr unheimlich;

viel unheimlicher und öder als im großen Keller, an dessen Wänden man noch

die braunen Blutspritzer sehen konnte. Das Zimmer, das an Fedossja

Alexejewnas Zimmer anstieß, war unbewohnt; man bewahrte die alten

Spielsachen der Kinder dort auf.

Durch eine Galerie, die das Haus in zwei Hälften teilte, gelangte man in das

geräumige Vestibül im Erdgeschoß und von da aus in einen großen Saal mit zwei

übereinanderliegenden Reihen Fenster; zwischen den Fenstern, die auf die

Veranda hinausgingen, standen schmale Spiegel.

In ihnen spiegelte sich der Kronleuchter, und sie begleiteten jeden, der

vorbeiging, mit ihrem schweren Spiegelblick.

Rechts folgten die innern Wohnräume, an die sich eine in späterer Zeit

angebaute Küche anschloß, und links — die Paradezimmer.

Im Salon standen unter den Familienbildnissen L’hombretische, die schon

manches wahnwitzige Hasardspiel gesehen hatten.

Hier erschien jede Nacht, so berichteten die Augenzeugen, Sergej

Sergejewitschs Vater, Sergej Petrowitsch, ein leidenschaftlicher Spieler, der im

Auslande das ganze Riesenvermögen seiner von ihm verlassenen Frau verspielt

hatte; er ging von Tisch zu Tisch, klappte sie auf und stöberte unter dem Tuch

herum, als hoffe er, noch einen vergessenen Dukaten zu finden.

Aus dem Salon führte man den Gast in die Bibliothek und ins Arbeitszimmer.

Hier in diesem Arbeitszimmer, in die Ecke neben dem Schrank mit dem

dunklen astronomischen Globus gekauert, war Sergej Petrowitsch gestorben; vor

seinem Tode soll er echte Teufel, das heißt Teufel ohne Schweif und Hörner,

gesehen haben.

Obwohl niemand außer Sergej Sergejewitsch etwas Sicheres darüber wissen

konnte — der Vater ließ in seiner Sterbestunde nur ihn allein zu sich kommen

—, konnte man die Geschichte von den echten Teufeln ohne Schweif und Hörner

in ganz Krutowrag hören, in allen Winkeln und von allen Kreaturen: von dem

alten tauben Gemüsegärtner Gordej bis zu der allmächtigen Näherin Anna

Fjodorowna Raphael. Der selige Sergej Petrowitsch pflegte nämlich alle

einfachen Leute ohne Ausnahme Kreaturen zu nennen.

Nachdem der Gast die Paradezimmer, die zu beiden Seiten eines dunklen

Korridors gelegenen Wohnräume in der rechten Hälfte des Hauses und die

beiden Keller besichtigt hatte, führte man ihn in das Speisezimmer, wo vor

verhältnismäßig kurzer Zeit der Wein in Strömen floß; zu der gleichen Zeit, als im Salon klirrendes Gold mit beiden Händen ausgestreut wurde.

Im länglichen niedern Speisezimmer fanden die Wersenewschen Gespräche

und überhaupt alle Erinnerungen ihren Abschluß.

Noch manches andere Interessante und natürlich auch Gruselige erzählte man

sich über das Haus.

Darum brannten in allen Zimmern bis spät in die Nacht hinein Kerzen. Das

nächtliche Knistern der Parkettböden verbannte aber jeden Schlaf aus dem

Hause.

Weiße Säulen, schwer und massiv wie Elefantenbeine, stützten das im Winde

klirrende feste Eisendach. Sie allein schienen Tag und Nacht ruhig zu schlafen,

ohne sich um all diese Geschichten, um das Grauen, das nachts in den Zimmern

herrschte, und um die Fledermäuse, die an ihnen klebten wie die Fliegen an der

Kinderfrau Solomowna, zu kümmern. Die alten Pappeln aber, die das Haus

überragten, rauschten ständig, ganz gleich ob der Tag windstill oder stürmisch

war.

 

Die Türen stehen bei den Wersenews immer weit offen: jedermann kann zur

beliebigen Stunde kommen. Die Wersenews haben ständig Besuch; das ganze

Jahr ist wie ein Geburtstag.

Verwandte und Bekannte, Nachbarn und Leute aus der Stadt kommen sehr oft

und sehr gern nach Krutowrag. Sie kommen nicht einzeln und nicht in Paaren,

sondern mit der ganzen Familie, wie in Großvaters Tagen.

Selbst in Zeiten, wo alle miteinander verzankt waren, verstanden es die

Wersenews, sich mit allen gut zu vertragen. Sie freuten sich über jeden Gast.

Gar lustig ging es in Krutowrag zu!

Warum sollte es dort auch nicht lustig zugehen! Die Nacht mit ihren

Schmerzen währte ja nicht ewig; es gab ja auch einen Tag! Und was hatte auch

schließlich so eine Wersenewsche Nacht mit all ihren dummen Ängsten zu

bedeuten?

Jelisaweta Nikolajewna verstand es meisterhaft, ihren Gästen Unterhaltungen

und Zerstreuungen zu bieten. Sie war die Anstifterin aller lustigen Streiche und

ließ auch ihren Kindern darin volle Freiheit.

Gorik und Buba hatten viele Altersgenossen. Man veranstaltete

Liebhabervorstellungen und lebende Bilder, man spielte Scharaden; immer gab

es Feuerwerk, Picknicks, Ausflüge zu Wagen und zu Pferde und Bootfahrten.

Wie sollte man sich da fürchten: es war ja zu lustig!

Nur eines fehlte ihnen: ein Aeroplan. Die Wersenews träumten von einem

Aeroplan mit der gleichen Sehnsucht, mit der die Gymnasiasten der guten alten

Zeit von Amerika träumten. Hätten sie aber wirklich solch einen Aeroplan bekommen, so wäre es wohl um sie geschehen: sie wären dann in solche Höhen,

in solche Wolkenmeere emporgeflogen, daß ihnen nur das eine übriggeblieben

wäre: ein Ende mit Schrecken!

Sie betrieben alle Zerstreuungen und Belustigungen mit viel zuviel Eifer und

Leidenschaft; die Spiele erschienen als wichtige und bedeutsame

Angelegenheiten, ohne die man gar nicht leben könnte, ohne die nur das eine

übrigblieb: ein Ende mit Schrecken!

Die Erwachsenen wurden von dieser Lustigkeit angesteckt und waren stets mit

den Kindern zusammen. Sie ließen ihnen einfach keine Ruhe. Ganze Tage

gingen im Spiel hin.

Gar lustig ging es in Krutowrag zu!

Alle diese Belustigungen kosteten eine Menge Geld und erforderten große

Mühe und viele Arbeitshände. Manchmal nahmen sie auch ein schlechtes Ende.

Aber jede vernünftige Sache kann zu einem schlechten Ende führen!

Der Gärtner Eduard, den man sich nach Krutowrag aus Riga verschrieben

hatte, ein arbeitsamer, zu philosophischen Betrachtungen neigender und

kunstfertiger Mann, mußte einen ganzen Sommer lang, statt sein

Gärtnerhandwerk auszuüben — die Blumen zu pflegen und Kunstgärtnerei zu

treiben —, Abend für Abend Raketen steigen lassen. Er erlangte darin eine große

Fertigkeit, aber die Blumen gingen zugrunde. Und was waren das für Blumen!

Es ist noch manches Ähnliche passiert; die Belustigungen kamen gar nicht

billig zu stehen!

Nur wenige Abende liefen ohne Feuersbrunst ab.

In den letzten Jahren hatte es so oft gebrannt, daß selbst die Sterne, die trüben

Sterne von Krutowrag, die scheu über dem Wersenewschen Hause flimmerten,

die emporlodernden Flammen der Feuersbrünste nicht mehr fürchteten. Auch in

den Nachbardörfern brannte es in einem fort. Das wurde aber weniger der

Unvorsichtigkeit der Wersenews als Brandstiftungen zugeschrieben: es gab ja

genug Gesindel in der Gegend und viele reiche Besitzungen.

Man könnte doch meinen, die Wersenews müßten etwas vorsichtiger werden!

Wie leicht konnte ein Unglück passieren! Und doch kannten sie kein größeres

Vergnügen als Brennen.

Man brannte Raketen und Feuerwerk ab; man legte im Walde Feuer an, um

Kartoffeln zu braten oder auch ohne jeden Zweck; in Sommernächten brannten

diese Feuer bis zum Morgengrauen; im Garten gab es immer Feuerwerk oder

brennende Reisighaufen. Ohne Feuer gab es bei ihnen kein Vergnügen; man

vergaß viel eher das Abendbrot als irgendeinen qualmenden und über die ganze

Gegend Funken werfenden ›Persischen Blitz‹. Den Blitz vergaß man niemals!

Die Wersenews brannten, wo man nur brennen konnte, und auch dort, wo man es gar nicht durfte. Sie steckten an, was ihnen gerade in die Hände fiel.

Jelisaweta Nikolajewna begnügte sich nicht damit, ihre Kinder zu solchen

gefährlichen Spielen zu ermuntern: nein, sie erfand selbst neue Variationen und

war die eigentliche Rädelsführerin. Sie benahm sich bei diesen gefährlichen

Unternehmungen so kindlich und schelmisch, als ob sie nicht Bubas Mutter,

sondern ihre Schwester wäre; sie stand ihren Kindern in nichts nach und betrieb

alles mit dem gleichen verrückten Eifer und komischen Ernst wie sie.

Jelisaweta Nikolajewna konnte niemals ruhig auf einem Platze sitzen: im

Sommer gab es jeden Augenblick Liebhaberaufführungen und Feuerwerk, im

Winter Abendunterhaltungen und Besuche bei den Nachbarn. Sie machte

überhaupt den Eindruck eines höchst leichtsinnigen Menschen. Wenn man aber

mit ihr sprach, so konnte man hören, daß sie das alles nur den Kindern zuliebe

tat; auch das viele Geld reute sie nicht, wenn sie ihnen damit eine Freude

machen konnte.

Sie sprach von ihren Mutterpflichten mit solcher Überzeugung und zeigte

darin einen so unerschütterlichen Glauben, daß der sonst allzu auffällige

schelmische Ausdruck in solchen Momenten spurlos in der Tiefe ihrer

erschrockenen Augen verschwand.

Die Damen aus der Nachbarschaft, die die erstaunliche Gabe besaßen, jeden

Unsinn mit den unsinnigsten Einzelheiten aufzustöbern und zu verbreiten und so

flink wie die Flöhe in die verborgensten Winkel einzudringen, selbst die

bedeutendsten Spezialistinnen auf dem Gebiete des Klatsches und der Intrige,

wußten mit ihr nichts anzufangen: man konnte ihr beim besten Willen nichts

nachweisen und keinen Roman, in dem sie eine handelnde Person wäre,

konstruieren.

Die Kinder waren von Natur aus schwächlich, sie wären wohl dauernd krank

gewesen, wenn die Mutter sie nicht immer zu den ausgelassensten Spielen

angehalten hätte. Sie waren wahre Räuber, die Mutter aber eine noch größere

Räuberin als sie. Ohne sie würde keine einzige Belustigung zustande kommen

und kein Feuerwerk brennen; von ihr ging diese ausgelassene Freude aus, und

ihretwegen wäre man am liebsten immer in Krutowrag geblieben; alles war das

Werk ihrer Hände, die so klein und flink waren, sich aber auch an ein Ding wie

mit Krallen festzuklammern verstanden . . .

Man kann nicht behaupten, daß Sergej Sergejewitsch ungastlich gewesen

wäre; im Gegenteil: er freute sich aufrichtig über jeden Gast und bot einem jeden

von seinen vorzüglichen Havannazigarren an, mit brasilianischem oder mit

mexikanischem Deckblatt — ganz nach Wunsch! Es war aber einmal so

eingeführt und konnte anscheinend gar nicht anders sein, als daß die Gäste, die

so gern zu den Wersenews kamen, den Herrn des Hauses nach Möglichkeit mieden.

Der Grund war sehr einfach: in Wersenews Gesellschaft war es immer

furchtbar langweilig.

Von außen gesehen, waren seine Erscheinung, seine Manieren und

Gewohnheiten durchaus normal und in keiner Weise sonderbar oder auffallend;

er war ein Mensch wie alle Menschen und schnaufte sogar wie mancher andere

mit der Nase: wenn auch etwas lauter als der Krutowrager Adelsmarschall

Turbejew, aber doch nicht so laut wie der General a. D. Belojarow. Er hielt viel

auf gute Kleidung und trug sich nicht weniger elegant als der Landrat

Pustoroslew, dessen beispiellose Vergeßlichkeit in seinen privaten wie auch

öffentlichen Angelegenheiten sprichwörtlich geworden war. Was konnte man

von ihm noch mehr verlangen? Aber trotz all seiner Liebenswürdigkeit und

Aufmerksamkeit und trotz der berühmten Havannazigarren würde es jedermann

vorziehen, vierundzwanzig Stunden lang auf irgendeiner gottverlassenen

Eisenbahnstation zu sitzen, als eine Minute unter vier Augen mit Sergej

Sergejewitsch zu verbringen.

Er unterbrach seinen Gesprächspartner mitten in einem Satze und verzog das

Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wolle oder nach

einem Wort suche, das präziser als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte

seinen Gedanken ausdrücken könne, während es in seiner Kehle eigentümlich

pfiff. Nachdem er den bestürzten Gesprächspartner eine Zeitlang in

gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand

ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in dem einzigen Worte

zusammen:

»Teufel!«

›Teufel!‹ klang es zu allen Tages- und Nachtstunden im Hause, im Garten, im

Felde, auf dem Flusse, kurz überall, wo Wersenew nur auftauchte.

Wersenew blieb aber niemals der lustigen Gesellschaft fern; es zog ihn immer

zu seinen Gästen, und er folgte ihnen, laut mit der Nase schnaufend, überallhin

wie ein Schatten. Von allen vernachlässigt und in den Schatten gedrängt,

wiederholte er zu den Klängen der Tanzmusik, zu dem lustigen Lachen und

Schreien, zu dem Knistern des Feuerwerks und dem Krachen der Raketen sein

einziges, seinen Ärger und seine Ohnmacht zusammenfassendes schwarzes

Wort:

»Teufel!«

Alle hatten sich so sehr an diesen Wersenewschen ›Teufel‹ gewöhnt, daß es

niemand mehr merkte.

Nur die alte Kinderfrau Solomowna, eigentlich Jefimija Awessalomowna, die

den Sergej Sergejewitsch großgezogen hatte, schlug das Kreuz und schüttelte den Kopf.

Wenn in der Küche oder in der Mägdekammer von den Herrschaften

gesprochen wurde, tadelten sie weder deren Verschwendungssucht noch die

Lotterwirtschaft, sondern nur das eine: daß der gnädige Herr immer den ›Teufel‹

im Munde habe.

Man wußte ja sehr gut, von Solomowna wußte man es, wohin das führen

konnte.

»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer

Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht

zugrunde!« sagte die Kinderfrau, indem sie sich den Mund bekreuzigte und den

Kopf schüttelte.

Und alle waren ihrer Meinung; niemand widersprach ihr, besonders wenn

abends davon die Rede war. Der Koch Prokofi Konstantinowitsch spottete nicht,

der Kutscher Anton wußte nichts dagegen einzuwenden, die drei

Zimmermädchen: Charitina, Ustja und Sanja waren ganz ihrer Meinung, ebenso

wie die Wäscherin Matrjona Simanowna und der Bautischler Terenti; selbst der

verwilderte Schmied, den man ›Truthahn‹ nannte, der an keine übernatürliche

Macht glaubte und selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß was war, sagte

kein Wort dagegen; der schweigsame Lakai Sinowi lächelte nicht, und sein

Gehilfe, der kleine Pjotr, wagte nicht zu grinsen; dieser Pjotr glaubte nur an den

schrecklichen Wels mit dem langen Schnurrbart, der einmal vor grauen Jahren

ein Kalb verschlungen hatte und sich alle zwölf Jahre im Flusse zeigte; beim

bloßen Gedanken an diesen Wels zitterte er am ganzen Leibe.

»Auch der selige Herr Sergej Petrowitsch hatte so eine Angewohnheit«,

pflegte Solomowna zu sagen, »alle Leute nannte er ›Kreaturen‹. ›Kreatur‹,

pflegte er zu sagen, ›komm einmal her!‹ Selbst den Dorfgeistlichen nannte er

Kreatur. Die Sünde ist zwar groß, aber doch lange nicht so groß wie die von

Sergej Sergejewitsch.«

Sergej Sergejewitsch, dem es unter den Gästen langweilig wurde, kam

plötzlich in die Küche oder in die Mägdekammer und stand, schwer mit der Nase

schnaufend, da.

Die Dienstboten sprangen erschrocken auf und erwarteten von ihm

irgendeinen Befehl oder auch ein ordentliches Donnerwetter.

Sergej Sergejewitsch stand aber regungslos da, starrte unverwandt auf den

verwilderten ›Truthahn‹, der selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß was

war, und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas

besinnen wollte, oder nach einem Wort suchte, das präziser als alle sonst

gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könnte, während es

in seiner Kehle eigentümlich pfiff.