Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Kapitel 2
schrecklichsten Zauberkünste kannte sie. Sie verstand, den Menschen so an
einen Fleck zu bannen, daß er niemals mehr aus dem Hexenringe herauskonnte,
und wenn er noch sosehr mit Armen und Beinen um sich schlug; er irrte im
Kreise dicht vor seinem Hause herum und konnte nicht ins Haus herein; stand
dicht vor seiner Schwelle und konnte kein Glied rühren. Die andern Hexen sehen
eben wie Hexen aus, und auch das kleinste Kind kann sie auf den ersten Blick
erkennen: sie sind alle dürr, haben Hakennasen und Schwänze; diese aber ist
hübsch — die ganze Welt kann man absuchen und keine ähnliche finden —,
dabei aber eine Mißgeburt, wie man eine solche seit Erschaffung der Welt nicht
gesehen hat: der Körper und alles andere ist echt wie bei jedem gesunden Weibe,
aber die Beine sind wie bei einem kleinen Kinde: sie kann gar nicht gehen, nur
umherkriechen. Wenn sie doch nur immer umherkriechen wollte! Aber die Leute
sagten, daß sie auch fliegen konnte: wie ein Vogel konnte sie in die Luft steigen!
Man bekam sie auch fast nie zu Gesicht, höchstens des Nachts. Gott möge aber
einen jeden davor bewahren: besser ist’s, dreimal in die Erde zu versinken oder
der heiligen Ostermesse nicht beizuwohnen, als sie zu erblicken.
2
Sanofas Vater war Kaufmann und reiste mit seinen Waren von Jahrmarkt zu
Jahrmarkt. Die Waren verlagen sich bei ihm niemals, die Käufer drängten sich
nur so: auf den alten Tschabak konnte man sich verlassen, niemals hängte er
einem faule Ware an. Hätte sich der Alte nicht die Sünde auf die Seele geladen,
so wäre er unter die Heiligen gesetzt worden, bei Gott!
Sanofas Mutter war wildes Zigeunerblut, hatte getanzt und gesungen: wenn
sie nur einmal in die Hände klatschte, war man verloren, seine Seele wollte man
hingeben, nur um sie einmal tanzen zu sehen. Eine zweite Marja gab’s nicht in
der Welt.
Nicht immer war es dem Tschabak so gut gegangen. In der ersten Zeit schlug
er sich mühsam durch, hatte einen Kramladen im Dorf und lebte davon. Das
ganze Haus war voller Kinder, und es kostete schon etwas, alle zu ernähren und
zu bekleiden. Wie die Bauern lebten sie.
Sanofa kam zur Welt — und gleich wurde alles anders.
Nun hatte Tschabak auf einmal Glück und wurde ein echter Kaufmann. Die
Käufer strömten von allen Seiten zu seinem Laden herbei, und er konnte gar
nicht genug Ware auf Lager haben. Reich wurde der Kaufmann. Die Einkünfte
reichten nun für alles aus: er baute sich ein Haus, pflanzte einen Garten, verheiratete die Töchter und brachte den Sohn in der Stadt im Handelsfache
unter. Kornej stiftete eine Kirchenglocke, und die Glocke klang so laut, daß das
Abendläuten durch alle Schwarzen Wälder dröhnte und selbst bis zu der Iljinka
in Moskau reichte.
Tschabak suchte den Reichtum gar nicht: das Geld kam ganz von selbst in
seine Hände.
Kluge Menschen ahnten schon damals, daß es da nicht mit rechten Dingen
zuging, sie behielten aber ihre Meinung für sich: das Wort ist kein Spatz, und
wenn es einmal entsprungen ist, so kann man’s nicht wieder einfangen. Wie
leicht kann man einen Unschuldigen in üblen Ruf bringen und muß es dann
später im Jenseits büßen. Nur Mitroschka — so hieß ein Bursche im Dorf —
fürchtete nichts: wenn er sich einen Rausch antrank, begann er zu plaudern: er
deutete immer auf das Mädel und schrieb ihm alles zu.
Man beachtete seine Worte nicht: wenn ein Mensch angetrunken ist, kann man
ihn für seine Worte nicht verantwortlich machen.
Das Mädel war aber wirklich Gott weiß was!
Sanofa wurde in der Johannisnacht, beim ersten Hahnenschrei, als letztes
Kind ihrer Mutter geboren. Sie kam mit einer Glückshaube und einem
Muttermal am linken Daumen zur Welt.
Die Haube hatte die Hebamme auf die Seite gebracht und an sich genommen.
Tschabak und sein Weib grämten sich deswegen, konnten aber nichts mehr
machen: so ein Ding kann man doch nie mehr zurückerlangen; wer es zuerst in
die Hand bekommt, der zieht eben den Nutzen daraus.
Die Kunde verbreitete sich aber im Dorfe.
Wanderer und Wallfahrer strömten zu Tschabak herbei. Viele kamen ins Haus,
um aus Sanofas linker Hand ihr Glück zu holen. Die Hand teilte das Glück
freigebig aus und wies niemanden ab. Wanderer und Wallfahrer kamen dann
immer glücklich an ihr Ziel und kehrten ebenso glücklich heim. Niemand konnte
sich über etwas beklagen.
Aus fernen Dörfern kamen die Leute zu Tschabak, ihr Glück zu holen, und
kehrten zufrieden heim: niemandem stieß irgendein Unheil zu.
Das Kind wuchs als kluges Mädel heran und zwitscherte den ganzen lieben
Tag wie ein Vöglein. Alles mußte man ihr zeigen und erklären, sie lief immer
den Erwachsenen nach und hatte vor nichts Furcht.
Marja nahm sie einmal zum Heuerntefest mit und stellte sie in den Reigen.
Das Mädchen liebte es, im Reigen zu stehen. Und als der Reigen durch die
Dorfstraße zog, erhob sich ein Wind und warf das Mädel um. Seit jener Zeit
waren ihre Beine gelähmt, und sie konnte nicht mehr gehen.
Sie lief nicht wie die andern Kinder umher, sondern lag den ganzen lieben Tag still.
Eine wunderliche Sache: ihr Körper wuchs weiter, aber ihre Beine blieben,
wie sie waren: kleine Kinderbeinchen.
Noch mehr Menschen kamen nun zu Tschabak, und das Glück
überschwemmte die Welt.
Aber es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen.
Eine wandernde Nonne entdeckte auf Sanofas Glückshand kleine Kreuzmale,
es waren aber keine gewöhnlichen Kreuze; und danach kam Foma, der heil zur
Wallfahrt auszog, ohne das eine Bein zurück; dem Jerjoma wurde ein Auge
ausgeschlagen; Katerina, des Schulzen Enkelkind, heiratete, lebte ein Jahr in
glücklicher Ehe, begann aber im zweiten Jahr zu trinken; Baran, den man als
Boten nach Petersburg geschickt hatte, kam nie wieder heim; der bewußte
Mitroschka aber bekam einen Nabelbruch.
Nun geschahen Dinge, die man auch einem Narren nicht zu deuten braucht.
Je älter Sanofa wurde, um so mehr wuchs das Geschäft ihrem Vater über den
Kopf. Der alte Kornej wollte die Tochter noch bei seinen Lebzeiten verheiraten
und dann ruhig sterben. Er schickte Freiwerber aus. Gar mancher Freier kam ins
Haus. Viele wurden durch den Reichtum angelockt: Tschabak war ja der reichste
Mann im Dorf. Es kam aber nichts dabei heraus. Gar mancher Freier hätte gern
zugegriffen, aber im letzten Augenblick hatte er doch nicht den Mut. Einen gar
zu seltsamen Blick hatte Sanofa: wie ein Messer drang er einem ins Herz. Vor
solchen Augen konnte man nichts verbergen. Darum kam auch nichts zustande.
Sanofa konnte die Freier nicht leiden und machte dem Vater oft Vorwürfe. Mit
dem Alten hätte aber auch der Teufel nicht fertig werden können: so trotzig und
eigensinnig war er.
Einmal kam zu Tschabak ein Kaufmann aus der Stadt; in Geschäften kam er
zu ihm. Ein hübscher, lustiger Kerl, das ganze Dorf brachte er in Aufregung; Die
Weiber weinen auch heute noch, wenn die Rede auf Rodionow kommt. Und
dieser Kaufmann gefiel Sanofa. Sie selbst gestand es dem Vater. Der Alte freute
sich mächtig und ging gleich zu dem Kaufmann. Der Alte liebte die Tochter so,
daß er seine Seele für sie hingeben würde. Der Kaufmann war aber ein
leichtsinniger Kerl und achtete nicht der Gefahr. Er schüttete drei Scheffel
Scherze hin, und man wurde einig. Alles ging, wie sich’s gehörte: die Eltern
gaben ihren Segen, man feierte die Verlobung und machte alles, was die Sitte
verlangt: Weiber verstehen sich ja darauf! Man tanzte so lange, bis alle lahm
waren. Und als der festgesetzte Tag anbrach, kleidete man Sanofa zur Trauung
ein. Man kam in die Kirche, das ganze Dorf war dabei — denn alle wollten es
sehen —, man wartete, der Bräutigam aber fehlte noch. Man dachte sich, es sei
ihm etwas zugestoßen. Man suchte hin, man suchte her. Man schickte einen Boten hin, dann einen andern, der Kaufmann war nirgends zu finden. Man
ächzte und seufzte, doch es war nichts zu machen. Nun fuhr man wieder heim.
Sanofa wollte sich aber nicht vom Fleck rühren. Man bat sie, man flehte sie an,
man versuchte, sie mit Gewalt nach Hause zu bringen, sie wollte aber um nichts
in der Welt fahren. So, wie sie war, im Brautkleide, legte sie sich platt auf die
Erde und kroch auf allen vieren nach Hause. War dabei so weiß wie Papier, und
ihre Augen — ja, wenn alle Donner des Himmels erdröhnen und alle Blitze
niederführen, gäbe es kein solches Ungewitter: — die Augen glühten und
sengten. Ein jeder blieb wie angewurzelt stehen, und sie kroch immer weiter.
Gegen morgen fand man den Kaufmann in Tschabaks Stall. Eine Sau hatte
Ferkel geworfen, und im Stalle stand eine alte geflochtene Krippe für die Ferkel.
Der Kaufmann lag in der Krippe, und die Pferdeleine war mit dem einen Ende
an einer Pappel festgebunden. Tot war er.
Nun kam die gerichtliche Untersuchung. Die Leute sagten gegen Kornej aus.
Kornej schwor, daß er an der Sache nicht beteiligt sei. Man glaubte aber seinen
Schwüren nicht und sprach ihn schuldig. Der Alte ging nach Sibirien und ist
wohl auch dort gestorben.
So war die Sache.
Mitroschka mit dem Nabelbruch begann nun ganz laut zu schimpfen, und die
Klugen, die früher ebenfalls alles gewußt, aber geschwiegen hatten, redeten
drauflos.
Jetzt war es allen klar, was für eine Bewandtnis es mit Tschabaks Reichtum
und Sanofas glückbringender Hand mit dem Muttermal am linken Daumen und
den kleinen Kreuzen hatte.
Und wenn es auch Kornej war, der den Rodionow erdrosselt hatte — das
wußte ja jedermann —, Sanofa war jedenfalls mitbeteiligt: ihrer Hände Werk
war es!
Das ganze Dorf geriet in Aufruhr.
»Sie wird noch etwas ganz anderes anstellen«, sagte man von Sanofa: »Sie
wird einen Hagel schicken und die Felder verwüsten, sie wird einen Blitz
herabsenden und das Korn verbrennen, das Vieh umbringen, die Kinder
erwürgen, die Weiber verderben, die Männer zugrunde richten, den Fluß
austrinken, den Wald mit den Wurzeln ausrotten, weder die Kirche noch ein
einziges Haus stehenlassen und selbst den letzten Holzspan nicht verschonen.«
»Sie wird es noch ganz anders treiben«, flüsterte man mit erstarrenden
Lippen, »sie wird alle in Eulen verwandeln und in Erdlöchern zu leben
zwingen.«
»Einen schwarzen Blick hat sie!«
»Eine verdammte Hand!«