Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 5 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Kapitel 2

»Die Toten geben den Neugeborenen die Seele«, sagt Kusmitsch.

›Wenn man doch einmal zusehen könnte, wie sie das machen‹, denkt sich

Atja.

Kusmitsch ist sein Freund. Kusmitsch hat sich einmal mit dem Beil die Hand

abgehackt; ohne Hand kann man doch nicht arbeiten! Also lebt er schon seit

vielen Jahren beim Großvater als eine Art Kirchenwächter. Atja erfuhr von ihm

manches Wunderbare; mit vielen Wundern ist er aber selbst im Walde

zusammengetroffen.

Einmal begegnete er im Dickicht dem Waldgott Poljeß. Poljeß liebt es, die

Leute zu erschrecken, die zu ihm in den Wald kommen. Es war aber um die

Mittagszeit, und in dieser Stunde kommt doch niemand in den Wald! Poljeß trieb

sich darum ohne Beschäftigung umher; er ist ganz mager, kaum größer als ein

Topf, hat nur einen Arm, ein Bein und ein Auge; doch Mund und Nase sind wie

bei Atja. Viel schrecklicher war aber eine andere Begegnung: unter einer alten

Tanne schnarchte im nassen Moose der schreckliche Kus-Pine; er hatte furchtbar

lange Zähne, und vor seinen Füßen lag ein Haufen abgenagter weißer

Menschenknochen. Atja warf nur einen einzigen Blick auf ihn und lief schnell

davon: mit dem ist nicht zu spaßen, der frißt einen im Nu auf! Und wie er einmal

Erdbeeren suchte, kam aus dem Graben der Geist Iskal-Pydo heraus. Der ist

harmlos: er sieht ganz wie Kusmitsch aus und trägt auf der Schulter einen dicken

Knüppel; er hat aber Kuhfüße: zottig und mit Hufen. Atja gab ihm von seinen

Erdbeeren. Iskal-Pydo aß auch wirklich davon.

Doch den Waldteufel und den Wassergott hat er noch niemals gesehen; er

weiß aber ganz genau, wo der Wassergott im Flusse seine Wohnung hat; und

wenn im Frühjahr das Wasser steigt und die Dämme zerreißt, weiß Atja sehr gut,

was das zu bedeuten hat.

›Wenn ich nur einmal zum Wassergott auf die Hochzeit kommen könnte!‹

träumt Atja. ›Die Wasserprinzessin ist so schön, und die Meerprinzessin ist noch

schöner . . . sie ist wie die Klawdija Gurjanowna . . .‹

 

2

 

Atja bewahrt alle diese Gedanken in seinem Herzen und spricht mit niemand

davon. Kljutschi ist sein Geheimnis! Selbst seine Busenfreunde Romaschka und

Charpik sind nur zum Teil eingeweiht; nur Klawdija Gurjanowna allein würde er

alles enthüllen. Warum gerade ihr, das weiß er selbst nicht. Aber sie ist einmal

so!

Er fühlt sich immer zu ihr ins Zimmer hingezogen; er liebt es, wenn sie mit

ihm Tee trinkt, ihm Bonbons und Apfelsinen schenkt und ihn zu lachen zwingt;

wenn sie ihn auf den Newski in die Läden oder in ein Kino mitnimmt. Er weiß,

daß sie ganz anders ist als alle, daß man eine zweite Klawdija Gurjanowna

nirgends findet: das weiße Gesicht ist stark gepudert, das Haar fällt in

gebrannten Löckchen auf die Stirn herab, die Lippen sind rot geschminkt, die

Augen schmal wie Ritzen; alles ist an ihr so winzigt, als ob sie überhaupt kein

Gesicht hätte; ihr Kleid ist vorn ausgeschnitten und raschelt so seltsam; auch ihre

Stimme klingt ganz eigen; niemand spricht so wie sie; er könnte ihr immer

zuhören und sie immer anschauen.

Atja kommt oft ohne jeden Grund zu ihr ins Zimmer, steht schweigend da und

starrt sie an. Wenn sie ihn etwas fragt, so antwortet er so schüchtern und kurz;

daß sie nichts verstehen kann.

»Ach du dummer, dummer Junge! Lache einmal!« sagt Klawdija Gurjanowna

und lacht dabei selbst mit seltsam tiefer Stimme. Atja glaubt, das kann kein

gewöhnliches Lachen sein; niemand sonst lacht so!

Einmal hielt er es nicht aus und sagte:

»Schön war es bei uns in Kljutschi . . . Da müßten Sie auch einmal hin . . .«

»Du weißt also, wo sie sind!« rief Klawdija Gurjanowna erfreut. Das war aber

ein Mißverständnis: ›Kljutschi‹ heißt ja ›Schlüssel‹, und sie hatte gerade an

diesem Tage die Schlüssel von ihrem Kleiderschrank verlegt und konnte sie

unmöglich finden.

›Es ist noch zu früh‹, sagte sich Atja, ›es ist noch nicht die Zeit . . . Ich muß

mich zuvor irgendwie auszeichnen, etwas Großes vollbringen, dann kann ich

alles wagen . . .‹

Die Mutter sagte am gleichen Abend:

»Atja, du sollst doch nicht immer bei Klawdija Gurjanowna stecken: das kann

ihr unangenehm werden, und sie wird ausziehen.«

Da sie eine große Wohnung hatten und Atjas Vater, der Doktor, in diesem

Jahre wenig verdiente, mußte ein Zimmer vermietet werden. In diesem Zimmer

eben wohnte Klawdija Gurjanowna.

Ihr Erscheinen brachte neues Leben ins Haus. Alle Gespräche drehten sich um

sie. Man beschäftigte sich nur mit ihr. Man erwies ihr alle möglichen

Aufmerksamkeiten. Ihretwegen zog sich Atjas Mutter das Korsett an, während

sie früher tagelang im Morgenrock umherging. Ihretwegen vermied es der

Doktor, beim Mittagessen von seinen Operationen zu sprechen. Onkel Arkadi

besorgte ihr Karten für Theater und Konzerte.

Sooft von ihr gesprochen wurde, spitzte Atja die Ohren und merkte sich jedes

Wort.

Atja mußte sich jeden Morgen vom Kopf bis zu den Füßen waschen: in der

Küche wurde ein Waschfaß aufgestellt, Atja zog sich aus und plätscherte im

Wasser.

»Du bist nicht mehr so klein, daß du nackt umherlaufen kannst«, bemerkte

einmal die Mutter. »Klawdija Gurjanowna kann dich doch einmal sehen.«

Dies geschah am ersten oder zweiten Tage nach dem Auftauchen der

geheimnisvollen Dame. Die Worte der Mutter erschienen Atja im ersten

Augenblick unverständlich; erst später wurde ihm der Sinn dieser Worte klar und

bestätigte seine eigenen Wahrnehmungen.

›Vor der Köchin Fjokluschka, vor Mama, und in Kljutschi vor der Patin, vor

Panja und Sascha brauche ich mich nicht zu schämen‹, sagte sich Atja, ›weil sie

alle wie die anderen Menschen sind; vor ihr darf ich aber nicht ohne Hemd

umherlaufen, denn sie ist anders als alle: sie ist einzig!‹

Bald erfuhr er von Fjokluschka, daß Klawdija Gurjanowna eine Mätresse, ein

ausgehaltenes Frauenzimmer, sei. Dieses Wort, das er zum erstenmal im Leben

hörte, bekam für ihn sofort einen ganz anderen Sinn: es bedeutete in seiner

Vorstellung nicht mehr und nicht weniger als den Inbegriff aller Gescheitheit und

allen Reichtums.

›Ausgehalten, Gehalt . . .‹ kombinierte Atja. ›Wenn in meinem Aufsatz kein

Gehalt ist, so gibt’s eine Vier; ist aber im Aufsatz Gehalt, so bekomm ich eine

Eins. Der Rektor bekommt ein großes Gehalt. Gehalt bedeutet Geld.‹

Nicht umsonst wandten sich alle im Hause, wie Atja bald merkte, in

schwierigen Fällen an Klawdija Gurjanowna, um ihre Meinung zu hören; nicht

umsonst trug sie eine lange Halskette, die ihr bis zu den Knien reichte, und einen

weißen Pelz mit schwarzen Schwänzchen, wie ihn die Kaiserin hat.

Der Doktor kam eines Abends sehr spät nach Hause und sprach während des

Essens kein Wort. Als man aber zum Nachtisch einen Auflauf reichte, der gerade

an diesem Tag nicht aufgegangen war, sagte er ziemlich gereizt zu der Mutter:

»Es paßt mir gar nicht, daß du eine Prostituierte bei uns einquartiert hast . . .«

Das war ein schwieriges Wort, und Atja konnte es sich unmöglich erklären,

sosehr er sich auch den Kopf zerbrach.

›Es ist natürlich lateinisch‹, sagte er sich. ›Latein kommt erst in der zweiten

Klasse. Ich will aber nicht bis zum nächsten Jahr warten. Lieber werde ich gleich

Onkel Arkadi fragen: der versteht lateinisch.‹

Als Onkel Arkadi am nächsten Sonntag zu Besuch kam, legte ihm Atja die

Frage vor.

»Prostituierte«, erklärte Onkel Arkadi, ohne mit der Wimper zu zucken,

»heißen alle diejenigen, die ein Institut absolviert haben. Ein Institut ist aber eine

Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen werden. Dich würde man zum Beispiel, da du nur der Sohn eines Arztes bist, um nichts in der Welt aufnehmen,

wenn du auch aus der Haut fährst.«

Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor Verzweiflung darüber, daß er

keine Prostituierte werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also doch recht:

sie war ganz anders als alle Menschen; sie war nicht nur ein ausgehaltenes

Frauenzimmer, das heißt klug und reich, sondern auch eine Prostituierte, das

heißt adlig.

›Sie ist eine Fürstin‹, sagte er sich. ›Und wenn sie in diesem Jahr eine Fürstin

ist, so wird sie nächstes Jahr eine Großfürstin sein, und in noch einem Jahre —

eine Prinzessin.‹

»Meine Prinzessin!« flüsterte er vor sich hin, sooft er an der Tür des

verbotenen Zimmers vorbeiging.

Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch, außer einem einzigen Herrn, der

entweder ganz früh am Morgen oder sehr spät am Abend zu ihr kam. Wenn er

am Abend kam, so blieb er bis tief in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und sie

begleitete ihn. Alle nannten ihn ›den Abgeordneten‹.

»Der Abgeordnete ist gekommen«, sagte die Mutter zu Atja. »Mach nicht

solchen Lärm und zupfe deine Jacke zurecht.«

Wenn der Doktor den Gesang hörte, verzog er das Gesicht:

»Ist das der Abgeordnete, der da singt?«

»Ja, der Abgeordnete«, antwortete die Mutter.

Bald erfuhr Atja, wer dieser Gast war.

Mutter teilte Onkel Arkadi eines Tages die letzte Neuigkeit mit: der Doktor

habe sich entschlossen, die Zeitung abzubestellen, da zu Klawdija Gurjanowna

jeden Tag ein Mitglied der Reichsduma käme und sie alles viel besser wisse als

jede Zeitung.

›Ein ungewöhnlicher Gast!‹ sagte sich Atja. ›Einer aus der Reichsduma! Der

bedeutet natürlich viel mehr als Iwan Martynytsch und Iwan Jewsejitsch.

Vielleicht ist er gar so viel wie der ›Grieche‹ Kopossow, der Klassenlehrer der

dritten Klasse.‹

Einmal begegnete Atja dem Gast im Hausgange und verbeugte sich vor ihm

wie vor dem Schulinspektor. Er stellte fest, daß der Abgeordnete ebenso

kahlköpfig war wie der Religionslehrer, den die Schüler ›den Chinesen‹ nannten,

und viel schöner gekleidet als Onkel Arkadi. Onkel Arkadi war zwar

Schauspieler, hätte aber dem Abgeordneten nicht einmal die Schuhe putzen

dürfen.

Die Abendstunden verbrachte Klawdija Gurjanowna mit der Mutter im

Eßzimmer; sie sprachen von allen möglichen Dingen. Atja saß im Nebenzimmer,

tat, als ob er seine Aufgaben machte, und hörte dem Gespräch zu. Das Gespräch drehte sich meistens um den Abgeordneten.

Es stellte sich allmählich heraus, daß er verheiratet war und zwei erwachsene

Töchter hatte; seine Frau liebte er so sehr, daß er ohne sie gar nicht atmen

konnte. Die bittere Notwendigkeit zwang ihn aber, fern von ihr in Petersburg zu

leben; statt sich Briefe zu schreiben, wechselten sie tagtäglich Telegramme.

»Als ich ihn kennenlernte«, erzählte einmal Klawdija Gurjanowna, »sagte er

mir: Meine liebe Klawdija Gurjanowna, ich kann ohne Sie nicht leben; bleiben

Sie in Petersburg, solange ich Mitglied der Reichsduma bin.«

»Meine Prinzessin«, flüsterte Atja, über dem Lesebuch sitzend, »ich bleibe

aber ewig bei dir!«

Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft. Wenn sie allein in ihrem Zimmer war,

sang sie oft ein Straßenlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung im

dritten Hinterhof singt. Die Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie liebte

ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen, und die Sache war aus; aber er liebte

sie noch immer, kann sie nicht vergessen, ›irrt wie ein Grashalm‹ unter den

Menschen umher und ›sieht sie immer und überall vor sich‹ . . .

 

O wär diese Nacht

Nicht so schwül, nicht so schön,

So müßt nicht das Herz

Vor Wehmut vergehn . . .

 

Atja hörte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen Gefühlen verwandt war:

auch seine Prinzessin stand ›immer und überall‹ vor ihm.

Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen existierte; man durfte aber

weder laut von ihr sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten auf sie

und bewahrten diese Erwartung wie ein Heiligtum in ihren Seelen. Das war der

Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der Ferne das Glöckchen ertönte, vor

das Tor hinauslief und mit stockendem Atem auf die Straße blickte: ob sie nicht

schon käme? Und wenn Großvater in der Kirche die Messe las, wenn er die

Arme hob und leise über dem Kelch betete, so betete er zu ihr. Und wenn die

Patin lustig war, wenn ihr alles gut gelang, so kam es daher, weil sie von ihr

geträumt hatte. Und wenn Sascha und Panja den ganzen Tag lachten, ohne selbst

zu wissen warum, so hatten sie wohl irgendwie erfahren, daß sie nach Kljutschi

kommen sollte. Und wenn Kusmitsch ein Märchen plötzlich abbrach und sagte,

daß er das Ende nicht erzählen werde, und über seine Lippen ein Lächeln glitt,

so war auch das verständlich: das Ende des Märchens handelte von ihr; wie

konnte er das geheime, unaussprechliche Wort aussprechen? Atja selbst dachte

immer nur an sie; darum lachte er, darum leuchteten seine Augen . . .

»Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt, ich gratuliere!« scherzte die Mutter.