Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 31 von 42

PDF-Seiten

Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Die Zwergin

Neben der Birke steht ein weißes Pferd. Ich schaue auf das Pferd. Ein Spatz

fliegt vorbei, hüpft dem Pferd auf den Kopf und beginnt ihm die Augen

auszupicken. Und er pickt sie ihm gänzlich aus. Blut fließt aus den

Augenhöhlen.

Neben der Birke steht das weiße Pferd, das Blut fließt. Und ich weine, und

meine Tränen fließen wie das Blut.

 

Die Zwergin

 

Wir gehen beide über den Platz an der Frauenkirche, ich und mein Freund, der

Hofmusiker im himbeerroten Rock. Ich zeige dem Musiker die Stadt Nürnberg,

die Türme, die so schwarz sind wie das schwärzeste Gußeisen, und die

lilagrauen, wie mit Asche überpuderten Häuser.

Wir gehen und sprechen miteinander. Es ist mir so lustig zumute, das Herz

zittert vor Freude. In mildem, goldenem Lichte strahlt der Schöne Brunnen.

Plötzlich besinne ich mich, daß ich nach Hause muß: zu Hause habe ich etwas

vergessen, weiß aber nicht mehr, was . . . Ich lasse den Musiker stehen und gehe.

Ich gehe aber nicht mehr durch Nürnbergs Straßen, sondern durch die

Tawritscheskaja zu Petersburg.

Schon im Vorzimmer höre ich Lärm, Nun weiß ich es: es ist die, der ich

erlaubte, eine einzige Stunde in meinem Zimmer zu bleiben; nun sitzt sie immer

noch da.

Ich sage mir: ›Ich kann ihr doch nicht ins Gesicht sagen, daß sie fortgehen

soll. Ich will es ihr freundlich vorhalten, ich verstehe ja auch freundlich zu

sprechen!‹

Ich trete in mein Zimmer, es ist auffallend groß, viel größer, als es in

Wirklichkeit ist. Es ist mir aber nicht mehr um das Zimmer zu tun — ich fühle,

wie sich mir der Magen umdreht. Es ist ja auch wirklich unerhört: ich hatte es ihr

allein erlaubt, und nun sitzen ihrer drei da; sie haben sich auch nicht für eine

Stunde niedergelassen, sondern für immer.

Die eine, der ich es selbst erlaubt hatte, schreibt auf meinem Papier; die

andere, die ich gar nicht kenne, eine alte Zwergin, liegt auf dem Sofa; und die

dritte liegt im Bett, und ich kann ihr Gesicht gar nicht sehen.

»Welches Recht haben Sie«, sage ich, »sich in meinem Zimmer

niederzulassen? Ich habe es Ihnen nur für eine Stunde erlaubt, und auch nur

Ihnen allein!«

»Wo soll ich denn hin?« sagt der zudringliche Gast, ohne vom Papier

aufzublicken.