Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 9 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Kapitel 2

nichts!‹ Sie hörte aber diese unheimlichen Worte nicht; seine Stimme klang für

sie genau wie damals, als sie seinen ersten Kuß empfing. Die Liebe machte sie

blind, und sie gab ihm die ganze Leidenschaft einer reifen, doch gut aussehenden

Frau.

Wie toll hätte der am Fenster lauschende Landstreicher über eine solche Szene

gelacht! Vielleicht hätte er aber auch keinen Ton von sich gegeben und wäre

ohnmächtig zusammengebrochen wie jener Gast, der Jugendfreund Pjotr

Nikolajewitschs.

 

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Ganz ›Gottessegen‹ rüstete sich zu einem großen Ereignis: gleich nach

Weihnachten sollte die Hochzeit der ältesten Tochter Lida, die erst im vorigen

Jahre das Institut verlassen hatte, stattfinden. Der Bräutigam war der reiche

Großgrundbesitzer Ramejkow.

Die Feier wurde von allen mit großer Spannung erwartet. Man erzählte sich,

daß das Hochzeitsmahl besonders üppig sein werde und daß Pjotr

Nikolajewitsch beinahe alle Hühner abgeschlachtet habe. ›Gottessegen‹ bekam

einen feierlichen Anstrich. Die Gäste kamen schon am frühen Morgen

zusammen, und Pjotr Nikolajewitsch, der besonders gut aufgelegt war, sorgte

dafür, daß alle sich vor Lachen wälzten. Alexandra Pawlowna hatte alle

Vorbereitungen zu treffen und konnte vor Überanstrengung kaum auf den Beinen

stehen.

Endlich war die ganze Familie versammelt: aus Petersburg kam der älteste

Sohn Mischa, Student im ersten Semester; aus Kiew die zweite Tochter Sina, die

dort in einem Institut erzogen wurde; und aus der Kreisstadt — die Gymnasiastin

Sonja. Der feierliche Augenblick rückte heran. Die Hochzeitsfeier fiel, wie jeder

zugeben mußte, ungemein lustig aus. Es gab natürlich einige seltsame

Zwischenfälle: als Pjotr Nikolajewitsch dem jungen Paar vor der Trauung seinen

Segen gab und offenbar die Absicht hatte, dem Segen einige Ermahnungen für

die Ehe folgen zu lassen, platzte er, nach einer längeren peinlichen Pause, mit

einem einzigen Wort heraus, das man unmöglich wiedergeben kann; der junge

Ehemann war dadurch so frappiert, daß es ihn große Mühe kostete, sich von den

Knien zu erheben, und alle andern konnten schwer ihr Lachen verbeißen.

Während der kirchlichen Trauung flüsterte Pjotr Nikolajewitsch dem Geistlichen

P. Iwan zu, daß er letzte Nacht von Eiern, die in einer Grube lagen, geträumt

hätte. Der Geistliche kannte natürlich die böse Bedeutung dieses Traumes; er kam ihm aber im Augenblick so ungemein komisch vor, daß er mitten im Gebet

in schallendes Gelächter ausbrach. Der Küster, der das Weihwasserfaß hielt,

wieherte ganz ungeniert los, und mit ihm lachte das ganze Publikum: es war eher

eine Narrensposse als eine Trauung.

Die Neuvermählten reisten gleich nach der Tafel nach Moskau ab, die

Festlichkeiten in ›Gottessegen‹ dauerten aber fort. Die Jugend veranstaltete eine

Theateraufführung und einen Maskenball. Auf dem Teich wurde eine

Schlittschuhbahn und ein Eisberg eingerichtet, und die jungen Leute wetteiferten

im Laufen.

Mischa Suchotin galt als hervorragender Schlittschuhläufer. Er war schlank

und gelenkig und zeigte im Kunstlauf wahre Wunder. Auch seine Schwester

Sonja, ein flinkes, lustiges Mädchen, war ungemein geschickt. Hell klang ihr

Lachen in den sternenklaren Januarnächten über die Eisdecke hin. Es war ein

Vergnügen zu sehen, wie Bruder und Schwester Arm in Arm den Eisberg

hinuntersausten. Sina war anders geartet und hatte mehr Ähnlichkeit mit Lida:

sie war wie diese schweigsam und etwas schüchtern, aber nicht temperamentlos.

»Die Kinder sind der Mutter nachgeraten«, sagten alle Onkel und Tanten und

alle alten Freunde des Hauses, die Alexandra Pawlowna näher kannten.

Der Dreikönigstag rückte heran. Mischas Kollegen und die Freundinnen

seiner Schwester reisten ab. Auch die Suchotinschen Kinder mußten fort, es

gefiel ihnen aber auf dem Lande so gut, daß die Abreise immer wieder

verschoben wurde.

Am Dreikönigsabend liefen Mischa und Sonja zum letztenmal auf die Eisbahn

hinaus. Es war eine herrliche sternenklare Nacht; die blauen Schneefelder

glitzerten in zahllosen Funken, und der starke Frost kniff in die Wangen und ließ

das Eis krachen. Mischa und Sonja flogen über die Eisfläche und wollten gar

nicht aufhören. Da fiel Mischa plötzlich der ganzen Länge nach hin. Sonja

glaubte anfangs, es sei nur ein Scherz von ihm. Es war aber doch nicht so. Man

hob ihn auf, trug ihn nach Hause und ließ Ärzte kommen. In drei Stunden war er

tot. Der Schmerz war unbeschreiblich.

Am Abend nach der Beerdigung, als es im Hause plötzlich so leer war und

alle abgespannt und schwermütig herumsaßen und herumirrten, kam plötzlich

ein dringendes Telegramm von Ramejkow aus Moskau: Alexandra Pawlowna

sollte sofort hinreisen.

Sie reiste noch in der gleichen Nacht ab.

Sina und Sonja waren in der größten Sorge, Pjotr Nikolajewitsch schien aber

ganz ruhig, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Er änderte auch nichts an seiner

Lebensweise und seinen Gewohnheiten. Der einzige Unterschied war der, daß er

in diesen Tagen noch mehr Hühner schlachtete als sonst. Das hatte aber einen Grund: Sina, die sich bei Mischas Beerdigung erkältet hatte, lag krank zu Bett

und brauchte besondere Diät. Und dann noch etwas — das ist aber nur eine

seiner Schrullen! —, er ließ zu Mittag die riesengroße Ochsenzunge auftragen,

die noch vom Hochzeitsmahl übriggeblieben war.

Endlich kam aus Moskau die Nachricht: Lida hatte sich erhängt. Groß war der

Schmerz der Familie.

Nun wurde der zweite Sarg in die Suchotinsche Familiengruft versenkt. Im

Hause wurde es noch öder und einsamer. Alexandra Pawlowna schlich tagelang

wie ein Schatten umher.

Sie konnte sich jetzt nicht verzeihen, daß sie ihre Zustimmung zu dieser Ehe

gegeben hatte: sie hatte ja den Ramejkow als einen leichtsinnigen und gemeinen

— ja, ganz gemeinen! — Menschen gekannt. Warum hatte sie Lida nicht

gewarnt? Lida hätte doch sicher auf ihre Warnung gehört. Sie hätte sie leicht

überzeugen können, denn sie kannte so viele häßliche und gemeine Geschichten

aus Ramejkows Vorleben, über die sogar am Hochzeitstage in ihrem Hause

getuschelt wurde.

Nun war es zu spät. Gewissensbisse halfen nicht. Alexandra Pawlowna schrie

beinahe vor Schmerz.

Pjotr Nikolajewitsch war etwas abgespannt, doch wohl kaum aus Schmerz

über die Verluste. Der Tod der beiden Kinder rief in ihm nur die gleiche Neugier

hervor wie der Tod jedes andern, ihm gänzlich fremden Menschen. Seine

Abgespanntheit rührte eher von einer schlaflosen Nacht her. Lidas Leiche war in

einem geschlossenen Sarge nach ›Gottessegen‹ gebracht worden; Pjotr

Nikolajewitsch bestand aber darauf, daß der Deckel abgeschraubt wurde. Er

enthüllte mit eigenen Händen das Gesicht seiner Tochter und stand dann die

ganze Nacht vor dem Sarge, den Blick unverwandt auf die Tote gerichtet. Nun

saß er, mit seinem flaschengrünen Schlafrock angetan, in einem Lehnsessel und

schlummerte.

So verging die Nacht nach Lidas Beerdigung.

In Sinas Zustand trat indessen eine Verschlimmerung ein. Die Ärzte

konstatierten Typhus. Ganz ›Gottessegen‹ hielt den Atem an und wartete auf die

Krisis. Und die Krisis kam. Die Ärzte traten zu einem Konsilium zusammen und

erklärten, daß keine Hoffnung mehr da sei.

Bei den Suchotins herrschte eine strenge Hausordnung, an der die Kinder,

selbst als sie erwachsen waren und in den Ferien auf Besuch nach Hause kamen,

noch immer festhielten: Lida mußte ihrem Vater die Zigaretten stopfen und Sina

die Uhr im Eßzimmer aufziehen. Jetzt stopfte der alte Kammerdiener Michej die

Zigaretten, und die Uhr im Eßzimmer stand still.

Sina litt sichtlich unter dem Gedanken, daß ihre Krankheit die alte Hausordnung störte, und wollte daher ins Krankenhaus gebracht werden; sie