Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Kapitel 2
nichts!‹ Sie hörte aber diese unheimlichen Worte nicht; seine Stimme klang für
sie genau wie damals, als sie seinen ersten Kuß empfing. Die Liebe machte sie
blind, und sie gab ihm die ganze Leidenschaft einer reifen, doch gut aussehenden
Frau.
Wie toll hätte der am Fenster lauschende Landstreicher über eine solche Szene
gelacht! Vielleicht hätte er aber auch keinen Ton von sich gegeben und wäre
ohnmächtig zusammengebrochen wie jener Gast, der Jugendfreund Pjotr
Nikolajewitschs.
2
Ganz ›Gottessegen‹ rüstete sich zu einem großen Ereignis: gleich nach
Weihnachten sollte die Hochzeit der ältesten Tochter Lida, die erst im vorigen
Jahre das Institut verlassen hatte, stattfinden. Der Bräutigam war der reiche
Großgrundbesitzer Ramejkow.
Die Feier wurde von allen mit großer Spannung erwartet. Man erzählte sich,
daß das Hochzeitsmahl besonders üppig sein werde und daß Pjotr
Nikolajewitsch beinahe alle Hühner abgeschlachtet habe. ›Gottessegen‹ bekam
einen feierlichen Anstrich. Die Gäste kamen schon am frühen Morgen
zusammen, und Pjotr Nikolajewitsch, der besonders gut aufgelegt war, sorgte
dafür, daß alle sich vor Lachen wälzten. Alexandra Pawlowna hatte alle
Vorbereitungen zu treffen und konnte vor Überanstrengung kaum auf den Beinen
stehen.
Endlich war die ganze Familie versammelt: aus Petersburg kam der älteste
Sohn Mischa, Student im ersten Semester; aus Kiew die zweite Tochter Sina, die
dort in einem Institut erzogen wurde; und aus der Kreisstadt — die Gymnasiastin
Sonja. Der feierliche Augenblick rückte heran. Die Hochzeitsfeier fiel, wie jeder
zugeben mußte, ungemein lustig aus. Es gab natürlich einige seltsame
Zwischenfälle: als Pjotr Nikolajewitsch dem jungen Paar vor der Trauung seinen
Segen gab und offenbar die Absicht hatte, dem Segen einige Ermahnungen für
die Ehe folgen zu lassen, platzte er, nach einer längeren peinlichen Pause, mit
einem einzigen Wort heraus, das man unmöglich wiedergeben kann; der junge
Ehemann war dadurch so frappiert, daß es ihn große Mühe kostete, sich von den
Knien zu erheben, und alle andern konnten schwer ihr Lachen verbeißen.
Während der kirchlichen Trauung flüsterte Pjotr Nikolajewitsch dem Geistlichen
P. Iwan zu, daß er letzte Nacht von Eiern, die in einer Grube lagen, geträumt
hätte. Der Geistliche kannte natürlich die böse Bedeutung dieses Traumes; er kam ihm aber im Augenblick so ungemein komisch vor, daß er mitten im Gebet
in schallendes Gelächter ausbrach. Der Küster, der das Weihwasserfaß hielt,
wieherte ganz ungeniert los, und mit ihm lachte das ganze Publikum: es war eher
eine Narrensposse als eine Trauung.
Die Neuvermählten reisten gleich nach der Tafel nach Moskau ab, die
Festlichkeiten in ›Gottessegen‹ dauerten aber fort. Die Jugend veranstaltete eine
Theateraufführung und einen Maskenball. Auf dem Teich wurde eine
Schlittschuhbahn und ein Eisberg eingerichtet, und die jungen Leute wetteiferten
im Laufen.
Mischa Suchotin galt als hervorragender Schlittschuhläufer. Er war schlank
und gelenkig und zeigte im Kunstlauf wahre Wunder. Auch seine Schwester
Sonja, ein flinkes, lustiges Mädchen, war ungemein geschickt. Hell klang ihr
Lachen in den sternenklaren Januarnächten über die Eisdecke hin. Es war ein
Vergnügen zu sehen, wie Bruder und Schwester Arm in Arm den Eisberg
hinuntersausten. Sina war anders geartet und hatte mehr Ähnlichkeit mit Lida:
sie war wie diese schweigsam und etwas schüchtern, aber nicht temperamentlos.
»Die Kinder sind der Mutter nachgeraten«, sagten alle Onkel und Tanten und
alle alten Freunde des Hauses, die Alexandra Pawlowna näher kannten.
Der Dreikönigstag rückte heran. Mischas Kollegen und die Freundinnen
seiner Schwester reisten ab. Auch die Suchotinschen Kinder mußten fort, es
gefiel ihnen aber auf dem Lande so gut, daß die Abreise immer wieder
verschoben wurde.
Am Dreikönigsabend liefen Mischa und Sonja zum letztenmal auf die Eisbahn
hinaus. Es war eine herrliche sternenklare Nacht; die blauen Schneefelder
glitzerten in zahllosen Funken, und der starke Frost kniff in die Wangen und ließ
das Eis krachen. Mischa und Sonja flogen über die Eisfläche und wollten gar
nicht aufhören. Da fiel Mischa plötzlich der ganzen Länge nach hin. Sonja
glaubte anfangs, es sei nur ein Scherz von ihm. Es war aber doch nicht so. Man
hob ihn auf, trug ihn nach Hause und ließ Ärzte kommen. In drei Stunden war er
tot. Der Schmerz war unbeschreiblich.
Am Abend nach der Beerdigung, als es im Hause plötzlich so leer war und
alle abgespannt und schwermütig herumsaßen und herumirrten, kam plötzlich
ein dringendes Telegramm von Ramejkow aus Moskau: Alexandra Pawlowna
sollte sofort hinreisen.
Sie reiste noch in der gleichen Nacht ab.
Sina und Sonja waren in der größten Sorge, Pjotr Nikolajewitsch schien aber
ganz ruhig, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Er änderte auch nichts an seiner
Lebensweise und seinen Gewohnheiten. Der einzige Unterschied war der, daß er
in diesen Tagen noch mehr Hühner schlachtete als sonst. Das hatte aber einen Grund: Sina, die sich bei Mischas Beerdigung erkältet hatte, lag krank zu Bett
und brauchte besondere Diät. Und dann noch etwas — das ist aber nur eine
seiner Schrullen! —, er ließ zu Mittag die riesengroße Ochsenzunge auftragen,
die noch vom Hochzeitsmahl übriggeblieben war.
Endlich kam aus Moskau die Nachricht: Lida hatte sich erhängt. Groß war der
Schmerz der Familie.
Nun wurde der zweite Sarg in die Suchotinsche Familiengruft versenkt. Im
Hause wurde es noch öder und einsamer. Alexandra Pawlowna schlich tagelang
wie ein Schatten umher.
Sie konnte sich jetzt nicht verzeihen, daß sie ihre Zustimmung zu dieser Ehe
gegeben hatte: sie hatte ja den Ramejkow als einen leichtsinnigen und gemeinen
— ja, ganz gemeinen! — Menschen gekannt. Warum hatte sie Lida nicht
gewarnt? Lida hätte doch sicher auf ihre Warnung gehört. Sie hätte sie leicht
überzeugen können, denn sie kannte so viele häßliche und gemeine Geschichten
aus Ramejkows Vorleben, über die sogar am Hochzeitstage in ihrem Hause
getuschelt wurde.
Nun war es zu spät. Gewissensbisse halfen nicht. Alexandra Pawlowna schrie
beinahe vor Schmerz.
Pjotr Nikolajewitsch war etwas abgespannt, doch wohl kaum aus Schmerz
über die Verluste. Der Tod der beiden Kinder rief in ihm nur die gleiche Neugier
hervor wie der Tod jedes andern, ihm gänzlich fremden Menschen. Seine
Abgespanntheit rührte eher von einer schlaflosen Nacht her. Lidas Leiche war in
einem geschlossenen Sarge nach ›Gottessegen‹ gebracht worden; Pjotr
Nikolajewitsch bestand aber darauf, daß der Deckel abgeschraubt wurde. Er
enthüllte mit eigenen Händen das Gesicht seiner Tochter und stand dann die
ganze Nacht vor dem Sarge, den Blick unverwandt auf die Tote gerichtet. Nun
saß er, mit seinem flaschengrünen Schlafrock angetan, in einem Lehnsessel und
schlummerte.
So verging die Nacht nach Lidas Beerdigung.
In Sinas Zustand trat indessen eine Verschlimmerung ein. Die Ärzte
konstatierten Typhus. Ganz ›Gottessegen‹ hielt den Atem an und wartete auf die
Krisis. Und die Krisis kam. Die Ärzte traten zu einem Konsilium zusammen und
erklärten, daß keine Hoffnung mehr da sei.
Bei den Suchotins herrschte eine strenge Hausordnung, an der die Kinder,
selbst als sie erwachsen waren und in den Ferien auf Besuch nach Hause kamen,
noch immer festhielten: Lida mußte ihrem Vater die Zigaretten stopfen und Sina
die Uhr im Eßzimmer aufziehen. Jetzt stopfte der alte Kammerdiener Michej die
Zigaretten, und die Uhr im Eßzimmer stand still.
Sina litt sichtlich unter dem Gedanken, daß ihre Krankheit die alte Hausordnung störte, und wollte daher ins Krankenhaus gebracht werden; sie