Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 10 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Kapitel 3

konnte diesen Wunsch aber nicht mehr aussprechen: sie hatte bereits ihre

Sprache verloren.

Unter Anspannung ihrer letzten Kräfte bat sie Sonja durch Zeichen um einen

Bleistift und ein Stück Papier. Als sie den einen Buchstaben ›K‹ geschrieben

hatte, entfiel der Bleistift ihrer Hand, und sie war tot. Wieder war der Schmerz

unbeschreiblich.

 

3

 

Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen.

Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas Leiche Abschied nahm und

zum letztenmal ihr demütiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern und den

vom Todeskampf verzerrten Lippen sah, fiel ihr plötzlich das alte, ängstlich

gehütete Geheimnis ein, an das sie in den vielen Jahren des Glücks kein einziges

Mal gedacht hatte. Und sie weinte bittere Tränen, und als sie sich von der Leiche

abwandte, war sie plötzlich eine alte, gebückte Frau geworden.

»Habe ich denn gewußt, daß ich sie in diesem Alter verlieren werde?« sagte

sie weinend und kopfschüttelnd vor sich hin.

Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu trösten, daß nur sie allein schuld sei

und es sonst keinen Schuldigen gäbe. Und unter der Last dieses Gedankens fiel

sie noch mehr zusammen und wurde noch älter.

Sonja wich nicht von ihrer Seite. Sie versuchte, sie zu trösten, sie weinte mit

ihr und blickte sie mit großen Augen an — sie war vor Schreck wie gelähmt.

»Mutter, was sprichst du da?« fragte sie und erschrak vor der eigenen Stimme.

Und die Mutter erzählte ihr alles.

Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, war Alexandra Pawlowna

einmal zu ihrer Mutter auf Besuch gefahren und hatte alle Kinder mitgenommen.

Es war das erstemal, daß sie ›Gottessegen‹ und ihren Gatten verließ. Und sie

hatte gleich in der ersten Nacht einen bösen Traum: sie sah ihren Mann in einer

Kirche hinter den Altar treten. Da wurde ihr ganz bange: ob er nicht erkrankt

oder gar tot sei? Auch in der nächsten Nacht hatte sie einen bösen Traum: daß

ihr Trauring entzweigebrochen sei. Sie bekam wieder Angst um ihren Mann und

beschloß, sofort heimzureisen.

»Während der Heimreise«, erzählte sie Sonja, »betete ich unaufhörlich zu

Gott: Wenn schon ein Unglück geschehen soll, so laß, o Herr, ein Kind von mir

sterben, oder zwei Kinder, oder sogar alle drei — Mischa, Lida und Sina —,

erhalte aber meinen Mann am Leben! Ich dachte mir: sie sind ja noch so klein, ihren Verlust werde ich leichter ertragen als seinen Tod. Dich nannte ich aber in