Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Kapitel 3
konnte diesen Wunsch aber nicht mehr aussprechen: sie hatte bereits ihre
Sprache verloren.
Unter Anspannung ihrer letzten Kräfte bat sie Sonja durch Zeichen um einen
Bleistift und ein Stück Papier. Als sie den einen Buchstaben ›K‹ geschrieben
hatte, entfiel der Bleistift ihrer Hand, und sie war tot. Wieder war der Schmerz
unbeschreiblich.
3
Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen.
Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas Leiche Abschied nahm und
zum letztenmal ihr demütiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern und den
vom Todeskampf verzerrten Lippen sah, fiel ihr plötzlich das alte, ängstlich
gehütete Geheimnis ein, an das sie in den vielen Jahren des Glücks kein einziges
Mal gedacht hatte. Und sie weinte bittere Tränen, und als sie sich von der Leiche
abwandte, war sie plötzlich eine alte, gebückte Frau geworden.
»Habe ich denn gewußt, daß ich sie in diesem Alter verlieren werde?« sagte
sie weinend und kopfschüttelnd vor sich hin.
Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu trösten, daß nur sie allein schuld sei
und es sonst keinen Schuldigen gäbe. Und unter der Last dieses Gedankens fiel
sie noch mehr zusammen und wurde noch älter.
Sonja wich nicht von ihrer Seite. Sie versuchte, sie zu trösten, sie weinte mit
ihr und blickte sie mit großen Augen an — sie war vor Schreck wie gelähmt.
»Mutter, was sprichst du da?« fragte sie und erschrak vor der eigenen Stimme.
Und die Mutter erzählte ihr alles.
Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, war Alexandra Pawlowna
einmal zu ihrer Mutter auf Besuch gefahren und hatte alle Kinder mitgenommen.
Es war das erstemal, daß sie ›Gottessegen‹ und ihren Gatten verließ. Und sie
hatte gleich in der ersten Nacht einen bösen Traum: sie sah ihren Mann in einer
Kirche hinter den Altar treten. Da wurde ihr ganz bange: ob er nicht erkrankt
oder gar tot sei? Auch in der nächsten Nacht hatte sie einen bösen Traum: daß
ihr Trauring entzweigebrochen sei. Sie bekam wieder Angst um ihren Mann und
beschloß, sofort heimzureisen.
»Während der Heimreise«, erzählte sie Sonja, »betete ich unaufhörlich zu
Gott: Wenn schon ein Unglück geschehen soll, so laß, o Herr, ein Kind von mir
sterben, oder zwei Kinder, oder sogar alle drei — Mischa, Lida und Sina —,
erhalte aber meinen Mann am Leben! Ich dachte mir: sie sind ja noch so klein, ihren Verlust werde ich leichter ertragen als seinen Tod. Dich nannte ich aber in