Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Kapitel 3
Tätigkeit zurück.
Die ganze Wirtschaft und das ganze Schicksal der Wersenews ruhten nun auf
den Schultern des tüchtigen und fleißigen Gutsverwalters, eines mürrischen
Letten, und Jelisaweta Nikolajewnas, die es verstanden hatte, das alte Haus mit
unaufhörlichem Lärm und lustigen Gästen anzufüllen.
3
Gorik und Buba lernten gut und absolvierten die Schule mit Auszeichnung.
Gorik kam auf die Universität und Buba auf die Frauenhochschule.
Der letzte Sommer, den sie in Krutowrag verbrachten, war ganz besonders
lustig.
Die Bauernjungen von Krutowrag, die schüchternen: Fischbein, Roßhaar und
Schaufel, und auch die frechen: Igonka, Igoschka, Jenka, Jeschka und
Jermoschka spielten unter Goriks Anführung ›Expropriationen‹; ein Überfall,
den sie veranstalteten, war so täuschend echt, daß die tscherkessischen
Flurwächter des Generals Belojarow den Anführer um ein Haar erschossen
hätten.
Raketen und persische Blitze stiegen über dem Hause auf im Garten qualmten
Reisigfeuer, in der ganzen Umgegend loderten Feuersbrünste, und die Nächte
waren stets von unheimlichem rotem Feuerschein erhellt.
Als die Kinder endlich nach Petersburg abreisen mußten, begann auch
Jelisaweta Nikolajewna zu packen.
Die Kinder reisten mit ihrer Mutter ab und kehrten niemals nach Krutowrag
zurück.
Jelisaweta Nikolajewna erklärte ihrem Mann, daß sie nie wieder nach
Krutowrag zurückkommen wolle und daß auch die Kinder niemals zurückkehren
würden.
Als sie das sagte, hatte sie nicht mehr ihren kindlich-schelmischen Ausdruck.
Ihr Entschluß war offenbar fest und unumstößlich.
Sergej Sergejewitsch begriff anfangs gar nichts; er wollte nichts begreifen; es
war ihm zu peinlich, er wollte sich nicht von seiner Familie trennen, es fiel ihm
schwer, ein neues Leben zu beginnen, sich das gewohnte Leben abzugewöhnen
und sich in neue Verhältnisse zu schicken; er konnte sich ein anderes Leben gar
nicht vorstellen. Die Wersenews hatten ja achtzehn Jahre zusammengelebt!
Er wollte seiner Frau widersprechen, brachte aber kein einziges Wort hervor:
statt aller Einwände drang aus seiner Kehle nur ein Röcheln und Pfeifen, und dann folgte sein obligates ›Teufel!‹
Er konnte einfach nichts dagegen tun.
Schließlich wurde er still wie ein Kind, dem man das Hautjucken, das es
plagte, besprochen hat, erklärte sich mit allem einverstanden und unterschrieb
alles, was man von ihm verlangte.
Auch die Geldfrage wurde leicht und einfach gelöst.
Der Gutsverwalter erstattete einen klaren und erschöpfenden Bericht über die
Wersenewschen Verhältnisse und übernahm es, Jelisaweta Nikolajewna auch in
Zukunft auf dem laufenden zu halten.
In Krutowrag wurde es auf einmal leer.
Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich über die Felder von
Krutowrag und lief dann die Landstraße entlang, bald nach rechts, bald nach
links abschwenkend und in jeden Gutshof einkehrend.
Niemand wunderte sich, niemand regte sich darüber auf; es war, als ob alle
das Ereignis vorausgeahnt und nur aus Feingefühl geschwiegen hätten, ebenso
wie man in Gegenwart eines Schwerkranken von seinem nahen Tode zu
sprechen sich scheut.
Das eheliche Zerwürfnis (General Belojarow gebrauchte übrigens einen
andern, nicht wiederzugebenden Ausdruck), mit dem man sich den plötzlichen
Entschluß Jelisaweta Nikolajewnas erklärte, beschäftigte eigentlich nur ihre
ehemaligen Freundinnen, die nun mit ihren heimlichen Verdachtsgründen
triumphierten.
»Jetzt ist es klar, daß sie in einen Roman verwickelt ist; natürlich ist es ein
Roman, obwohl niemand den Auserwählten ihres Herzens kennt; aber dieser
Auserwählte muß doch irgendwo vorhanden sein! Wo käme denn sonst das
Zerwürfnis her?«
So urteilten die Damen.
Niemand hatte aber Lust, sich mit der Sache eingehender abzugeben; niemand
hatte Lust, seine Nase in ein fremdes Malheur zu stecken; denn man kommt
immer besser weg, wenn man sich in solche Angelegenheiten nicht einmischt.
Unruhig rauschte das Korn auf den Feldern, unruhig brauste es im Walde;
auch die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, flimmerten unruhig über dem
Wersenewschen Hause.
Krutowrag war nun leer. Niemand hatte Lust, Wersenew in seiner Einsamkeit
zu besuchen.
In den ersten Tagen kamen allerdings einmal drei Damen, die mit Jelisaweta
Nikolajewna befreundet waren, zu Besuch. Sie kamen nach Krutowrag, um, wie
sie später selbst erklärten, zu riechen, welch ein Wind jetzt dort wehte.
Die Damen fielen über Wersenew her und redeten ihm die Ohren voll, so daß er nicht einmal die Möglichkeit hatte, seinen ›Teufel‹ loszulassen.
Obwohl Solomowna, die diese letzten Gäste hinausbegleitete, ihnen klipp und
klar erklärte, daß die gnädige Frau nur die Krankheit des gnädigen Herrn nicht
hätte vertragen können und daß sie nur aus diesem einen Grunde abgereist sei,
wollten es die Damen doch nicht glauben und hielten hartnäckig an ihrer
Ansicht, daß auch ein Auserwählter des Herzens mit im Spiele sein müsse, fest.
Bald darauf ließ General Belojarow, als er bei einer der drei Damen anläßlich
einer Geburtstagsfeier zu Besuch war, den bekannten pittoresken, doch nicht
wiederzugebenden Ausdruck fallen. Er fügte übrigens beschwichtigend hinzu:
»Alles hat sein Gewicht und Maß.«
Damit war die Sache erledigt.
Von den Nachbarn kam nur der Landrat Pustoroslew einmal zu Besuch, Er
brachte den Agronomen Ratzejew mit, den er aus irgendeinem Grunde als einen
berühmten politischen Redner aus Petersburg vorstellte, der Fischleim statt
Knochen im Leibe habe.
Ratzejew wand sich tatsächlich wie ein Sterlet, sprach aber während des
ganzen Abends kein Wort. Pustoroslew schwatzte dafür ununterbrochen und
führte verschiedene Beispiele seiner sprichwörtlich gewordenen Vergeßlichkeit
an.
Die Geschichte von seiner Auslandsreise in wichtiger amtlicher Mission
erzählte er sogar zweimal: einmal vor und einmal nach dem Abendessen.
Sergej Sergejewitsch hatte diese Geschichte mehr als einmal gehört. Das
Ministerium schickte Pustoroslew zu irgendeinem Zweck nach Frankreich: er
reiste aber aus Frankreich nach Spanien, aus Spanien nach Italien, aus Italien
nach Algier: er ließ sich immer wieder Geld schicken, verbrauchte eine
Riesensumme, besann sich aber auf den eigentlichen Zweck seiner Reise erst
dann, als er nach Rußland zurückgekehrt war.
»Vergessen können ist eine Gabe der Götter!« sagte Pustoroslew, indem er
sein obligates ›gewissermaßen‹ bedeutungsvoll dehnte und mit seinen farblosen
Augen, die keine Wimpern hatten und blind zu sein schienen, zwinkerte; er
spielte offenbar auf das eheliche Zerwürfnis an.
Ein einziges Mal kam der Krämer Charin zum Tee.
Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über diesen Gast.
Charin saß in dem niedern länglichen Eßzimmer sehr lange am Teetisch. Er
sprach von furchtbar gleichgültigen Dingen und blieb, obwohl er sich zum
tausendsten Male das Versprechen gegeben hatte, von seiner gefährlichen
Angewohnheit zu lassen, immer wieder in seinem ›gewissermaßen‹ stecken,
während Sergej Sergejewitsch den bestürzten Gast anstarrte, ab und zu mit der
Hand winkte und seine Gedanken in dem Wort ›Teufel‹ zusammenfaßte.
»Die Gewohnheit ist gewissermaßen die zweite Natur!« stammelte Charin. Er
war ganz rot geworden, in Schweiß gebadet und so aufgeregt, daß er kaum die
Tür finden konnte.
Nur der Geistliche P. Astriosow, der noch immer hoffte, das ›eiserne
Bindeglied‹ zwischen den Ereignissen zu konstruieren, kam noch öfters zu
Wersenew.
P. Astriosow, der von Natur aus schüchtern war, verlor, sobald er mit Sergej
Sergejewitsch unter vier Augen war, jeden Mut. Er rauchte eine der berühmten
Zigarren, an denen er allmählich Geschmack gefunden hatte, und parierte den
Wersenewschen ›Teufel‹ mit seinem ›Bindeglied‹, das ihm wirksamer als das
Zeichen des Kreuzes schien.
»Ja, ja, ein Bindeglied«, sprach P. Astriosow, indem er die Asche von der
Zigarre schüttelte; er tat es, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht und ob er
eine Zigarre mit mexikanischem oder mit brasilianischem Deckblatt in der Hand
hatte.
Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über den Geistlichen.
Sonst war er aber tagelang allein.
Sergej Sergejewitsch hörte sogar auf, die Kirche zu besuchen; selbst während
des Gottesdienstes konnte er sich seiner Redensart nicht mehr enthalten, was bei
den Betenden großes Ärgernis hervorrief. Einmal führte es sogar zu einem
unliebsamen Auftritt: der Kirchenälteste, Goloweschkin, versuchte während
eines Festgottesdienstes an Kaisers Geburtstag den ›Freimaurer‹ zu ohrfeigen.
Seit diesem Zwischenfall kam Sergej Sergejewitsch nie wieder in die Kirche.
In seinem Schlafrock aus weißem Flanell, mit der Zigarre im Munde, irrte
Wersenew tagelang durch die leeren Zimmer. Die glimmende Zigarre
beleuchtete seine eingefallenen trüben Augen und den grün angelaufenen grauen
Schnurrbart.
Er hatte nichts, um die Zeit totzuschlagen. Was sollte er tun? Doch nicht mit
den Kinderspielsachen spielen! Er hatte sich so sehr an den ewigen Lärm und die
lustigen Gäste, an seine Frau und seine Kinder gewöhnt: achtzehn Jahre hatten ja
die Wersenews zusammen gelebt!
Oft stand er stundenlang vor der Balkontür und zählte die Krähen, die über
den nackten Linden kreisten . . . Wie viele waren es, und warum krächzten sie
so? Oder er ging ins Eckzimmer im Obergeschoß, wo einst seine Mutter
Fedossja Alexejewna gesessen hatte, setzte sich wie sie ans Fenster und sah auf
die Landstraße hinaus . . . Wohin führte die Straße, und hatte sie irgendwo ein
Ende? Oder er hörte dem Rauschen der Pappeln vor dem Hause zu . . . Worüber
tuschelten sie? Manchmal saß er im Sessel seines Vaters, vor dem Schrank mit
dem astronomischen Globus, starrte auf einen Punkt, vielleicht sogar auf denselben Punkt, wo seinem Vater die echten Teufel ohne Hörner und Schweife
erschienen waren, und schlief, im Sessel kauernd, ein . . .
»Teufel!« klang es Tag und Nacht, im Wachen und im Schlafen durch das
leere Haus.
Als die ersten Fröste kamen und man die Doppelfenster einsetzte, dichtete
man auch die Balkontür mit Werg und Kitt ab.
Nun kamen die dunklen Wintertage und die langen Winternächte.
Im Wersenewschen Hause wurde es noch leerer, leer wie in einem großen
Keller.
Wenn er doch wenigstens ruhige Träume hätte.
Einmal träumte ihm, er, Sergej Sergejewitsch Wersenew, Hauptmann a. D.,
siebenundvierzig Jahre alt, sei gar kein Mensch, sondern krieche als ein böses,
rachsüchtiges, giftiges Insekt, eine Art Tausendschwanz, über eine Wiese und
klammere sich mit den Beinen an den Grashalmen fest. Es ist ein kalter
Sommermorgen, es beginnt erst zu dämmern, und am Himmel steht ein
riesengroßer blasser Mond mit rötlich schimmerndem Rand. Sergej
Sergejewitsch Wersenew kriecht als ein Tausendschwanz über das Gras; er weiß,
daß es ganz gewöhnliches Krutowrager Gras ist, aber die Halme erscheinen ihm
so dick und hoch wie Schilf, das Schilf größer und dicker als jeder Baum und
das schwarze Erdreich als ein Haufen von Riesenklumpen. Er hat es so schwer:
er muß auf jeden Halm hinaufkriechen, dann wieder hinunter und wieder hinauf.
So kriecht er und weiß nicht, wohin er kriecht und warum er dazu verurteilt ist,
von Halm zu Halm zu kriechen. Er vergeht vor Bosheit, der Haß vergiftet sein
Herz, und er ist so furchtbar müde. Am Himmel steht der riesengroße blasse
Mond mit rotglühendem Rand, und es ist so furchtbar kalt.
Er erzählte einmal diesen Traum P. Astriosow. Dieser gab die kurze Deutung:
»Das bedeutet, daß ein Witterungsumschlag bevorsteht.« Sergej Sergejewitsch
lächelte.
»Mir ist so eigen zumute«, sagte er, »als ob alles nicht echt wäre.«
Ein anderes Mal versuchte er, seinen Traum dem Lakai Sinowi zu erzählen; er
blieb aber mitten im Satze stecken und zischte wie der selige Sergej Petrowitsch
durch die Zähne:
»Die Seele haben sie mir gestutzt . . . Teufel!« Und er brach in Tränen aus.
Dem kleinen Pjotr soll er aber gesagt haben:
»Wenn ich doch in Armut, auf einem Strohlager sterben könnte, Pjotr!«
Sergej Sergejewitsch langweilte sich furchtbar.
Wie sollte man sich ohne Beschäftigung und ohne Gäste an trüben
Wintertagen nicht langweilen?
»Der Herr hat oft Angstzustände«, meldete Solomowna dem P. Astriosow, als er um die Weihnachtszeit mit dem Kreuz ins Haus kam. »Früher hatte er vor
nichts Angst, jetzt kommt er aber jeden Abend zu mir in die Mägdekammer
gelaufen und zittert vor Furcht: es ist ihm immer, als ob jemand neben ihm
stünde. Auch wartet er immer auf Gäste; er glaubt, daß jeden Augenblick Gäste
kommen werden! Oder er sitzt da und weint.«
Nach Neujahr beichtete Solomowna dem Geistlichen, daß sie böse Träume
gehabt habe: in der Christwoche hätte sie Blei gegossen und sonstigen Zauber
getrieben, und darum wären ihr die bösen Träume gekommen.
Träume, die man in der Christwoche hat, sind immer prophetisch.
Bald träumte ihr, sie wischte den Boden auf; es ist aber nicht gut, wenn man
im Traume den Boden aufwischt. Bald träumte ihr von einer Feuersbrunst: das
Haus brennt, man hat schon alle Balken und Bretter herausgebrochen und nimmt
den Ofen auseinander; vom Feuer ist aber nichts zu sehen.
»Zwei Männer machen sich am Ofen zu schaffen, und ich frage sie: ›Was ist
denn los?‹ Und sie antworten: ›Wir wissen nichts, Solomowna!‹«
Den schlimmsten Traum hatte sie aber in der Neujahrsnacht.
Es träumte ihr, sie käme in den Saal herein und aus der Balkontür träte ihr der
selige Sergej Petrowitsch entgegen; er war nicht allein, sondern befand sich in
Begleitung eines uralten Mannes; sie hätten die Balkontür hinter sich fest
zugeschlossen und wären geradeaus ins Arbeitszimmer gegangen, sich wie
Blinde an den Wänden entlangtastend.
P. Astriosow hatte aber für die Träume der Kinderfrau wenig Interesse: sein
eigener Neujahrstraum saß ihm noch im Nacken.
P. Astriosow hatte sieben Kinder: der Älteste war schon Küster, und das
jüngste ein Säugling. Im Traum war es aber umgekehrt: der Älteste war ein
Säugling und lag in den Windeln, und der jüngste war Küster und hatte einen
langen Bart.
»Ja, ja, das Bindeglied!« sagte der Geistliche, indem er von Solomowna den
Sack mit den Neujahrsgeschenken entgegennahm.
In den Feiertagen war es gar nicht lustig.
Auch in der Küche herrschte eine gedrückte Stimmung. Man sprach im
Flüsterton, als ob ein Schwerkranker im Hause wäre.
Es war noch immer die alte Gesellschaft: der alte Koch Prokofi
Konstantinowitsch, der Kutscher Anton, die Wäscherin Matrjona Simanowna,
der Bautischler Terenti, der Schmied ›Truthahn‹, der Lakai Sinowi und sein
Gehilfe, der kleine Pjotr. Sie saßen im Kreise um Solomowna und tranken Tee.
Nur die Stubenmädchen fehlten: Charitina war mit der gnädigen Frau nach
Petersburg gegangen, und Ustja und Sanja hatte man gekündigt.
Beim Teetrinken gedachten sie der alten Zeiten, sprachen von allen Wersenewschen Angelegenheiten und äußerten Bedenken wegen des gnädigen
Herrn, mit dem es doch früher oder später ein schlimmes Ende nehmen werde.
»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer
Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht
zugrunde!« sagte Solomowna gähnend. Sie bekreuzigte sich den Mund und
schüttelte den Kopf.
Sergej Sergejewitsch, der den ganzen Abend durch die Zimmer gewandert
war, kam plötzlich in die Küche und blieb, schwer mit der Nase schnaufend, vor
den bestürzten Dienstboten stehen. Er starrte auf den verwilderten Truthahn und
verzog das Gesicht, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Dann winkte
er mit der Hand ab und sagte:
»Teufel!«
»Teufel!« hallte es irgendwo im Korridor wider und irgendwo unter dem
Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem
dunklen Dachboden; das Wort flog auch in den Garten hinaus und umkreiste die
weißen Säulen.
Den Weihnachtsfrösten folgte plötzliches Tauwetter. Am Vorabend des
Dreikönigstages fing es wie im Frühling an zu tröpfeln, und der Weiher im
Garten wurde gelb.
Es war wie der Hauch des Frühlings.
Sergej Sergejewitsch sah den ganzen Tag unruhig zum Fenster hinaus. Er
machte auch die Balkontür auf, stand lange in der offenen Tür und horchte
hinaus. Den ganzen Tag konnte er keinen Augenblick ruhig sitzen und irrte von
Zimmer zu Zimmer. Am Abend, als man in allen Zimmern Licht machte, wurde
er noch unruhiger.
Draußen taute der Schnee, und die Tropfen prasselten von den Bäumen auf
das Dach wie ein Herbstregen gegen die Fensterscheiben.
Nach dem Abendtee ging Wersenew hinauf. Eine Zeitlang hörte man nichts
von ihm.
Solomowna ging unten von Zimmer zu Zimmer, flüsterte Gebete und malte
Kreidekreuze über die Fenster und Türen.
Sergej Sergejewitsch saß oben im Eckzimmer und blickte hinaus.
Die sternlose Nacht verdeckte die Landstraße; er sah nur die nackten
Baumäste vor dem Fenster im Winde beben.
Sergej Sergejewitsch saß lange da und starrte, ohne an etwas zu denken, zum
Fenster hinaus.
Und plötzlich hörte er fern auf der Straße ein Glöcklein tönen. Er sprang auf.
Das Glöckchen tönte. Er kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Das Glöckchen tönte noch immer. Er wollte hinunterlaufen, Sinowi,
Solomowna, den Kutscher und alle Dienstboten zusammenrufen. Und das
Glöckchen hörte nicht auf zu läuten.
Und plötzlich kam ihm das Eckzimmer verändert vor: an der Stelle, wo der
Spiegel hing, gähnte eine offene Tür. Er trat in diese Tür, und sie schloß sich
sofort hinter ihm.
Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam ihm vor, als habe er das alles
schon einmal gesehen, die vielen Marmorplatten mit erhabenem Ornament, den
Mosaikboden aus weißen und roten Steinen. Es war heiß, schwül und feucht.
Er ging durch den Korridor und wußte, daß er ihn zu Ende gehen müsse. Und
als er das Ende erreicht hatte und eine reichverzierte Tür aus getriebenem
Eisenblech öffnete, sah er sich vor einer zweiten Tür. Er machte auch diese Tür
auf. Dann kam eine dritte Tür. Und so folgte eine Tür auf die andere: wenn er die
eine öffnete, so war gleich eine andere dahinter. Und wie er so immer weiterging
und eine Tür nach der andern aufmachte, sagte ihm das Gefühl, daß er
wenigstens einen Augenblick stehenbleiben oder sich umschauen müsse, daß er
sonst verloren sei. Er konnte aber weder stehenbleiben noch den Kopf heben,
noch zurückblicken; es war ihm, als ob ihn jemand führte und ein anderer ihn
von hinten vorwärtsstieße.
Und als er endlich ganz bestürzt, sinnlose Worte stammelnd, lachend und
schimpfend, die letzte Tür aufmachte — er glaubte, daß es die letzte Tür sei —,
hatte er plötzlich das Gefühl, als ob man ihn mit irgendeinem spitzen
Gegenstand in den Rücken stieße, und er fiel hin. Im Fallen sah er, wie die
Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, immer greller leuchtend und wie von
einem Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen. Es war aber umgekehrt: die
Sterne standen still, und er flog, von einem Sturmwind erfaßt, ihnen entgegen
. . .
»Ich malte Kreidekreuze über die Türen und Fenster«, berichtete später
Solomowna, »als mich plötzlich Sinowi rief der Viehwärter Nasar sei
gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreikönigstag zu holen. Wie ich in die
Küche hinausgehe, höre ich plötzlich, wie jemand die Balkontür zuschlägt. Und
da denke ich mir: wie leicht kann da ein Unglück geschehen! Es sind ja unruhige
Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel herum. Und dann höre ich die Tür noch
einmal krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch: ›Prokofi
Konstantinowitsch‹, sage ich, ›hören Sie es?‹ — ›Ich höre‹, sagt er, ›wie der
Wind die Tür zuschlägt.‹ Und kaum hat er das gesagt, als die Tür zum drittenmal
kracht; alle Fensterscheiben zitterten, so laut krachte es! Ich renne in den Saal:
die Balkontür steht wirklich offen. Und ich rufe Sinowi: ›Wo ist der Herr?‹ Der
Herr ist aber nirgends zu sehen. Der Wind weht so stark herein, daß wir zu zweit die Tür gar nicht zumachen können. Der Wind reißt sie immer wieder auf, er
heult im ganzen Hause und bläst alle Lichter aus. ›Gnädiger Herr!‹ schreie ich.
Aber er ist nirgends zu sehen.«
Am Morgen des Dreikönigstages fand man Wersenew im Weiher: die
Fußspuren führten von der Balkontür direkt dorthin.
Der Böse hatte ihn wohl verwirrt. Er war nachts zum Weiher gegangen, und
das Eis war unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in den Schlamm
eingesunken, und während der Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen. So
war er in seinem weißen Schlafrock, stehend, den Kopf im Schnee, erfroren.
Natürlich wurde sehr viel darüber geredet; ganz Krutowrag war in Aufruhr.
Aber vom Gerede wird man ja nicht satt!