Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 17 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Kapitel 3

»Eine verdammte Hexe ist sie!«

Foma und Jerjoma redeten den Leuten zu, der Hexe den Garaus zu machen; es

fand sich aber kein Kühner: alle hatten viel zu kurze Arme.

Alle wichen Sanofa aus, auch Bruder und Schwester sagten sich von ihr los.

Jedes Unglück, das in Batyjewo vorkam, jede Sünde, alles schrieb man Sanofa

zu.

Sanofa lebte nun mit ihrer Mutter allein.

Alle schielten ängstlich nach dem weißen Häuschen mit der blauen Tür und

den blauen Fensterladen; man brach den Gesang ab und verstummte, wenn der

Blick auf den spitzen Dachgiebel fiel, wo ein Storch wie ein Wachposten das

Hexennest bewachte.

Sie aber hielt sich im Hause versteckt, lag am Fenster, sah alles — über drei

Felder hinweg konnte sie sehen —, und hörte alles — durch drei Wälder

hindurch konnte sie hören.

Sie sah alles und hörte alles, und das Herz verging ihr; aber aufstehen konnte

sie nicht.

 

3

 

Öde ist es nun im Hause des alten Tschabak.

Wo das Volk sich einst so drängte, daß die Wände erbebten, hört man weder

Lachen noch Trampeln, und draußen vor dem fest verschlossenen Tor sieht man

keine Pferdespuren mehr.

Ein Christenmensch kommt um nichts in der Welt in den Hof; er wird lieber

an der Schwelle sterben als das Haus betreten.

In den Stuben sind überall Kräuter aufgehängt. Und sie duften so scharf, daß

man sich kaum auf den Beinen halten kann. An allen Wänden sind Vögel

gemalt: Sanofa hat sie selbst gemalt, es sind aber keine richtigen Vögel, sondern

eher geflügelte Kater. Diese Vögel machen es, daß die Wände und das ganze

Haus gleichsam davonfliegen möchten.

Nicht geheuer ist es in den Stuben.

Wenn die Mutter mit der Hausarbeit fertig ist, setzt sie sich zu Sanofa. Sie

schaut die Tochter mitleidig an und weiß nicht, was sie anfangen soll. Sanofa

aber liegt mit offenen Augen da, und in ihren Augen brennt etwas, was man mit

keinem Wasser löschen kann.

Sanofa pflegte der Mutter zu sagen:

»Glücklich bist du! Hast dein Leben gelebt, hast getanzt und gesungen, hast so

getanzt, daß die Leute herbeikamen, um dich zu sehen. Und ich habe nichts.«

Die Alte erhob sich, schüttelte ihren grauen Kopf, und die Adern an ihrem

bronzenen Hals schwollen an.

»Nein, Sanofa, du bist schön und stark, und keine ist so schön wie du!«

Sanofa hörte es nicht und sprach weiter:

»Du bist glücklich. Es muß ja auch glückliche Menschen geben! Wer hat es so

eingerichtet? Und was habe ich verbrochen? . . .«

»Nichts hast du verbrochen. Aber die Menschen sind so schlecht.«

»Die Menschen? Sind sie glücklich? Ich aber kenne keinen glücklichen

Augenblick . . .«

Die Alte richtete sich auf und sagte:

»Gehen wir von hier fort, Sanofa. Verlassen wir dieses Haus, verlassen wir

alles, dann finden wir unser Glück . . . Ziehen wir in die Steppe, in die Freiheit

. . .«

»Warum lügst du? Warum sagst du, daß ich schön bin? Was willst du von mir?

Wie soll ich von hier fort? Ich bin ja ein Krüppel — und kann nicht gehen!

Womit hab ich das verdient? Wer hat es so eingerichtet? Wo ist die

Gerechtigkeit?« Sanofa richtete sich auf den Armen halb auf, blickte die Mutter

voller Haß an, verfluchte die Menschen und die ganze Welt. Alle erschienen ihr

so glücklich, nur sie allein war so unglücklich, ein verkrüppeltes Kind, sie war

verdammt und wußte nicht, für welche Schuld.

Und ihr Herz war wie ein zähnefletschender Eber — schreckliche Rache

drang ihr aus dem Herzen.

Die Alte ließ sich wieder auf die Bank nieder, schloß die Augen und schlief

ein, kraftlos, ohnmächtig, etwas zu tun.

Sanofa verharrte aber noch lange halbaufgerichtet, sich auf die gestreckten

Arme stützend, und sträubte die Haare wie eine Katze. Sie zielte irgendwohin

mit den Augen und ließ die Blicke im Kreise schweifen. Etwas Unmögliches,

Unmenschliches geschah in ihrer Seele, etwas Unmögliches, Unmenschliches

ging in ihrem Herzen in Erfüllung.

Um diese Zeit begann es im Dorfe zu brennen, und die Menschen begannen

dahinzusterben, und eine Seuche befiel das Vieh, und die Felder wurden

ausgetreten — jedes Unheil, jede Seuche, alles kam von ihrem bösen Blick.

Allmählich wurde ihr leichter ums Herz, allmählich zog sie die stählernen

Arme wieder ein.

Sanofa verkroch sich in einen Winkel ihres Bettes, schrumpfte ganz

zusammen und versteckte sich wie ein verwundetes kleines Tier.

Sie gedachte ihrer Kindheit, des Vaters, ihrer glückbringenden Hand . . . Wie

sie einst im Reigen gestanden hatte, wie der Sturmwind kam und wie sie zu

Boden fiel, von dem sie sich nie wieder erhob . . . Wie sie sich selbst aus ihrer rechten Hand ihr Glück herauskratzen wollte, wie sie zur Kirche fuhr und, auf

allen vieren kriechend, nach Hause zurückkehrte.

Die Alte erwachte.

Sanofa weinte.

Wenn sie weinte, war ihr Gesicht wieder so winzig, kaum faustgroß, wie bei

jenem glücklichen Mädelchen, das, ihr glückspendendes Händchen schwingend,

auf einem Bein von der Haustür zur Gartenpforte hüpfte, mit feinem Stimmchen

sang und das Märchen vom Hahn erzählte, der den Bären gefressen hatte; das

mit den Lippen den Donner nachahmen wollte und selbst vor den eigenen Tönen

erschrak; das scheltend den Regen zu verjagen suchte und ebenso wie jetzt

weinte, wenn der Regen nicht aufhören wollte und man sie nicht aus dem Hause

ließ.

»Willst du essen?« fragte die Alte, sich über die Tochter beugend.

»Sterben will ich«, flüsterte Sanofa.

Die Alte biß sich in die welken Lippen, zerrte an den Enden ihres erdgrauen

Kopftuches und war selbst so grau wie Erde.

Die Vögel an der Wand reckten ihre Katzenköpfe und flogen irgendwohin;

und auch die ganze Wand wollte sich losreißen und davonfliegen.

»Ich will sterben!«

 

Wenn die Abenddämmerung kam und der laue Abend den Wind des Tages zur

Ruhe brachte und die Nacht, mit Sternen wie zu einem Festmahl geschmückt,

langsam heraustrat und die von den Sternen geweckten Eulen ihre Trauer in

gedehnten Schreien ergossen — kroch Sanofa in den Garten hinaus. Da blieb sie

bis zum Morgengrauen unter vier Augen mit der Nacht, grub die Erde um und

machte sich mit ihren Blumen zu schaffen.

Manche Nächte aber waren wie Tage, und Sanofa konnte in solchen Nächten

nicht vom Bette steigen.

Der Garten verwilderte von Sommer zu Sommer immer mehr. Die

Blumenbeete wurden von Unkraut überwuchert, und die Blumen gingen

zugrunde. Wildes Steppengras drang in alle Winkel ein. Die Baumäste neigten

sich zur Erde, die Schatten wurden immer dicker und vertilgten jedes Licht.

Nachts wurde Sanofa von Träumen heimgesucht; schreiend riß sie sich von

ihnen los und lebte dann den ganzen Tag unter ihrem Schatten.

An solchen Tagen sprachen Mutter und Tochter nicht miteinander. Sie sahen

sich nur an. Zuweilen war es ihnen zu schrecklich, einander auch nur

anzuschauen.

Die Alte legte Karten.

Die Karten prophezeiten nichts Gutes: ›Schlag‹, ›Unannehmlichkeiten‹ und ›Nachtlager‹. Das bedrückte das Herz mit unsagbarer Schwere, und alles endete