Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Kapitel 3
»Eine verdammte Hexe ist sie!«
Foma und Jerjoma redeten den Leuten zu, der Hexe den Garaus zu machen; es
fand sich aber kein Kühner: alle hatten viel zu kurze Arme.
Alle wichen Sanofa aus, auch Bruder und Schwester sagten sich von ihr los.
Jedes Unglück, das in Batyjewo vorkam, jede Sünde, alles schrieb man Sanofa
zu.
Sanofa lebte nun mit ihrer Mutter allein.
Alle schielten ängstlich nach dem weißen Häuschen mit der blauen Tür und
den blauen Fensterladen; man brach den Gesang ab und verstummte, wenn der
Blick auf den spitzen Dachgiebel fiel, wo ein Storch wie ein Wachposten das
Hexennest bewachte.
Sie aber hielt sich im Hause versteckt, lag am Fenster, sah alles — über drei
Felder hinweg konnte sie sehen —, und hörte alles — durch drei Wälder
hindurch konnte sie hören.
Sie sah alles und hörte alles, und das Herz verging ihr; aber aufstehen konnte
sie nicht.
3
Öde ist es nun im Hause des alten Tschabak.
Wo das Volk sich einst so drängte, daß die Wände erbebten, hört man weder
Lachen noch Trampeln, und draußen vor dem fest verschlossenen Tor sieht man
keine Pferdespuren mehr.
Ein Christenmensch kommt um nichts in der Welt in den Hof; er wird lieber
an der Schwelle sterben als das Haus betreten.
In den Stuben sind überall Kräuter aufgehängt. Und sie duften so scharf, daß
man sich kaum auf den Beinen halten kann. An allen Wänden sind Vögel
gemalt: Sanofa hat sie selbst gemalt, es sind aber keine richtigen Vögel, sondern
eher geflügelte Kater. Diese Vögel machen es, daß die Wände und das ganze
Haus gleichsam davonfliegen möchten.
Nicht geheuer ist es in den Stuben.
Wenn die Mutter mit der Hausarbeit fertig ist, setzt sie sich zu Sanofa. Sie
schaut die Tochter mitleidig an und weiß nicht, was sie anfangen soll. Sanofa
aber liegt mit offenen Augen da, und in ihren Augen brennt etwas, was man mit
keinem Wasser löschen kann.
Sanofa pflegte der Mutter zu sagen:
»Glücklich bist du! Hast dein Leben gelebt, hast getanzt und gesungen, hast so
getanzt, daß die Leute herbeikamen, um dich zu sehen. Und ich habe nichts.«
Die Alte erhob sich, schüttelte ihren grauen Kopf, und die Adern an ihrem
bronzenen Hals schwollen an.
»Nein, Sanofa, du bist schön und stark, und keine ist so schön wie du!«
Sanofa hörte es nicht und sprach weiter:
»Du bist glücklich. Es muß ja auch glückliche Menschen geben! Wer hat es so
eingerichtet? Und was habe ich verbrochen? . . .«
»Nichts hast du verbrochen. Aber die Menschen sind so schlecht.«
»Die Menschen? Sind sie glücklich? Ich aber kenne keinen glücklichen
Augenblick . . .«
Die Alte richtete sich auf und sagte:
»Gehen wir von hier fort, Sanofa. Verlassen wir dieses Haus, verlassen wir
alles, dann finden wir unser Glück . . . Ziehen wir in die Steppe, in die Freiheit
. . .«
»Warum lügst du? Warum sagst du, daß ich schön bin? Was willst du von mir?
Wie soll ich von hier fort? Ich bin ja ein Krüppel — und kann nicht gehen!
Womit hab ich das verdient? Wer hat es so eingerichtet? Wo ist die
Gerechtigkeit?« Sanofa richtete sich auf den Armen halb auf, blickte die Mutter
voller Haß an, verfluchte die Menschen und die ganze Welt. Alle erschienen ihr
so glücklich, nur sie allein war so unglücklich, ein verkrüppeltes Kind, sie war
verdammt und wußte nicht, für welche Schuld.
Und ihr Herz war wie ein zähnefletschender Eber — schreckliche Rache
drang ihr aus dem Herzen.
Die Alte ließ sich wieder auf die Bank nieder, schloß die Augen und schlief
ein, kraftlos, ohnmächtig, etwas zu tun.
Sanofa verharrte aber noch lange halbaufgerichtet, sich auf die gestreckten
Arme stützend, und sträubte die Haare wie eine Katze. Sie zielte irgendwohin
mit den Augen und ließ die Blicke im Kreise schweifen. Etwas Unmögliches,
Unmenschliches geschah in ihrer Seele, etwas Unmögliches, Unmenschliches
ging in ihrem Herzen in Erfüllung.
Um diese Zeit begann es im Dorfe zu brennen, und die Menschen begannen
dahinzusterben, und eine Seuche befiel das Vieh, und die Felder wurden
ausgetreten — jedes Unheil, jede Seuche, alles kam von ihrem bösen Blick.
Allmählich wurde ihr leichter ums Herz, allmählich zog sie die stählernen
Arme wieder ein.
Sanofa verkroch sich in einen Winkel ihres Bettes, schrumpfte ganz
zusammen und versteckte sich wie ein verwundetes kleines Tier.
Sie gedachte ihrer Kindheit, des Vaters, ihrer glückbringenden Hand . . . Wie
sie einst im Reigen gestanden hatte, wie der Sturmwind kam und wie sie zu
Boden fiel, von dem sie sich nie wieder erhob . . . Wie sie sich selbst aus ihrer rechten Hand ihr Glück herauskratzen wollte, wie sie zur Kirche fuhr und, auf
allen vieren kriechend, nach Hause zurückkehrte.
Die Alte erwachte.
Sanofa weinte.
Wenn sie weinte, war ihr Gesicht wieder so winzig, kaum faustgroß, wie bei
jenem glücklichen Mädelchen, das, ihr glückspendendes Händchen schwingend,
auf einem Bein von der Haustür zur Gartenpforte hüpfte, mit feinem Stimmchen
sang und das Märchen vom Hahn erzählte, der den Bären gefressen hatte; das
mit den Lippen den Donner nachahmen wollte und selbst vor den eigenen Tönen
erschrak; das scheltend den Regen zu verjagen suchte und ebenso wie jetzt
weinte, wenn der Regen nicht aufhören wollte und man sie nicht aus dem Hause
ließ.
»Willst du essen?« fragte die Alte, sich über die Tochter beugend.
»Sterben will ich«, flüsterte Sanofa.
Die Alte biß sich in die welken Lippen, zerrte an den Enden ihres erdgrauen
Kopftuches und war selbst so grau wie Erde.
Die Vögel an der Wand reckten ihre Katzenköpfe und flogen irgendwohin;
und auch die ganze Wand wollte sich losreißen und davonfliegen.
»Ich will sterben!«
Wenn die Abenddämmerung kam und der laue Abend den Wind des Tages zur
Ruhe brachte und die Nacht, mit Sternen wie zu einem Festmahl geschmückt,
langsam heraustrat und die von den Sternen geweckten Eulen ihre Trauer in
gedehnten Schreien ergossen — kroch Sanofa in den Garten hinaus. Da blieb sie
bis zum Morgengrauen unter vier Augen mit der Nacht, grub die Erde um und
machte sich mit ihren Blumen zu schaffen.
Manche Nächte aber waren wie Tage, und Sanofa konnte in solchen Nächten
nicht vom Bette steigen.
Der Garten verwilderte von Sommer zu Sommer immer mehr. Die
Blumenbeete wurden von Unkraut überwuchert, und die Blumen gingen
zugrunde. Wildes Steppengras drang in alle Winkel ein. Die Baumäste neigten
sich zur Erde, die Schatten wurden immer dicker und vertilgten jedes Licht.
Nachts wurde Sanofa von Träumen heimgesucht; schreiend riß sie sich von
ihnen los und lebte dann den ganzen Tag unter ihrem Schatten.
An solchen Tagen sprachen Mutter und Tochter nicht miteinander. Sie sahen
sich nur an. Zuweilen war es ihnen zu schrecklich, einander auch nur
anzuschauen.
Die Alte legte Karten.
Die Karten prophezeiten nichts Gutes: ›Schlag‹, ›Unannehmlichkeiten‹ und ›Nachtlager‹. Das bedrückte das Herz mit unsagbarer Schwere, und alles endete