Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Kapitel 4
mit dem ›Gastmahl‹ — der Piquedame.
Nur selten kam es vor, daß ein Morgen das Haus wie mit strahlendem Glück
erleuchtete.
Sanofa erwachte und rief:
»Mütterchen, wenn du wüßtest, was mir heute geträumt hat?«
Die Alte lief zur Tochter:
»Was hat dir denn geträumt?«
»Ich träumte von Stiefeln, und dann, daß du mir ein Hemd reichst und das
Hemd ganz blutig ist.«
»Stiefel bedeuten eine Reise«, erklärte die Alte. »Das Blut aber das
Wiedersehen mit Blutsverwandten. Und mir träumte, daß ich eine aus Samen
gezogene Zwiebel esse. Vielleicht kehrt noch der Alte zurück . . .«
Die Alte versank in ihre Gedanken und begann ein Lied zu summen.
»Mütterchen, ich weiß, was es für eine Reise ist: es ist mein Tod.«
Die Alte schwieg.
»Auf dem Friedhof ist es ruhig, dort wird mich niemand anrühren.«
Die Alte schwieg.
Alles fiel ihr aus den Händen: so sehr zitterten ihr die Hände, und sie wußte in
ihrem Kummer nicht, ob sie stehend oder sitzend weinen sollte.
Ein Tag folgte dem andern.
So viele endlose, traurige Tage zogen durch das verödete Haus. Man könnte
mit dem Kopf gegen die Wand rennen, nur um irgendeinen Schrei aus der Kehle
zu pressen.
Ganz gleich, ob das Wetter trocken oder naß war, ob es regnete oder die Sonne
schien, die Augen hatten nur den einen Wunsch: sich zu schließen.
Die Alte konnte es nicht länger ertragen, sie fürchtete das Schweigen, sie ging
leise auf die Tochter zu und sagte:
»Mein Kind, mein Kindchen!«
»Was ist denn?« fragte Sanofa, ihre schrecklichen Augen auf die
gramgebeugte Mutter richtend.
»Ich habe nur so . . . Ich bitte mit dem Herzen . . .«
4
Es war wohl eine herrliche Nacht: im fernen Sumpfe trompeteten die Unken,
kleine Vögel zwitscherten kaum hörbar, und ihr Gezwitscher verschmolz mit
dem Zirpen der Grillen, von dem die ganze Erde zitterte. Jenseits des Flusses schrien traurig die Eulen und lärmten die Frösche: es klang, wie wenn ein Wagen
über das Straßenpflaster rollt.
Die schlanken Pappeln warfen tiefe Schatten über den mondbeschienenen
Hof.
Wie eine weiße Blüte lag Sanofa in ihrem weißen Hemd auf dem Rasen.
Traurig fielen ihre dunklen Flechten von den Schultern hinab. Ihre Lippen waren
halb offen und ließen die weißen Zähne sehen. Sie starrte zu den Sternen empor.
Die Sterne waren aber so fern.
Ein einziger Gedanke schmolz wie Mondlicht in ihrem Herzen: der Gedanke
an den Tod.
Und es kam Sanofa vor, als ob jemand mit einem Licht unter dem Stall
hervorkrieche, dann um die Pappel herumgehe, auf den Boden falle und nun den
Schattenstreifen entlang zum Garten krieche; das Flämmchen flackerte wie eine
Kerze, — wie zwei Kerzen. Und je näher es kam, um so deutlicher konnte sie
erkennen, daß es ein Mensch war und daß seine Augen wie Kerzenflammen
leuchteten.
Sanofa stützte sich auf die Arme, bog den Kopf wie eine Katze vor und kroch
ihm entgegen.
Und so krochen sie aufeinander zu, und die Entfernung zwischen ihnen wurde
immer kürzer; schon sah sie seine wehenden Haare und seine lächelnden Lippen
. . .
Schon war der Weg durchschritten.
Er streckte seine Arme nach ihr aus, umklammerte sie und drückte sie fest,
heiß, für das ganze Leben, für ewig an seine Brust. Plötzlich wurde er ebenso
blau, wie er es im Stalle mit der Pferdeleine am Halse gewesen war, er grinste
mit seinen schrecklichen Zähnen, hob sie empor, und schon flogen sie — als
Bräutigam und Braut — davon.
Man fand Sanofa am nächsten Morgen am Ende des Gartens beim Fischkasten
tot auf dem Zaune sitzen: der Teufel hatte sie erwürgt.
Ganz Batyjewo ist betrunken. Gesang, Geschrei und Gestampfe erfüllen die
Luft. Man tanzt, ohne die Beine zu schonen. Ganz außer Rand und Band sind die
Leute: Foma hat dem Jerjoma sein einziges Auge ausgeschlagen, dem
Mitroschka riß jemand den Nabelbruch heraus. Wie sollte man auch bei einer
solchen Gelegenheit nicht über die Schnur hauen?