Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 24 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Rotkohl

 

Ich stehe am Flußufer mitten in einer Volksmenge. Jemand meint, daß diese

Volksmenge von der Darstellung des jüngsten Gerichts in der Mariä-

Verkündigungs-Kathedrale zu Solwytschegodsk herabgestiegen sei und daß der

Fluß, an dem wir stehen, die Donau oder der Safat sei; es werden noch andere

Namen genannt, ich kann sie aber nicht verstehen, da alles in einer barbarischen

Sprache erzählt wird.

Wir alle warten auf etwas und sind sehr aufgeregt. Ich kann nicht ruhig an

einem Platz stehen und laufe bald zu dem einen, bald zu dem andern und frage:

»Kommt es bald?«

Statt mir zu antworten, zeigt man mit den Fingern auf eine dunkle Masse, die

vom Walde her naht.

Am Ufer, dicht am Wasser, ist ein kleiner Platz abgezäunt; auf dem Platz

stehen zwei Fäßchen mit einem quer darüber gelegten Brett. Ich dränge mich bis

an die Umzäunung vor, richte mich recht bequem ein und beobachte die

heranrückende dunkle Masse.

Allmählich kann man die seltsamen Gestalten unterscheiden: an der Spitze

reitet auf einem Ochsen der Zeremonienmeister, ein vornehmer Würdenträger

mit braunem Vollbart und goldgesticktem Rock; in seinen Händen glänzt ein

goldener Stab; nach dem Zeremonienmeister schreiten paarweise Damen in

langen weißen Gewändern, mit bloßen Füßen, und jedem Paar folgen Diener, die

je zwei Klappstühle und einen Fächer tragen. Endlich erscheint unter einem

Baldachin der König: er trägt einen mit silbernen Sternen besäten Mantel, so

blau wie der Fluß, und an den Händen weiße Ritterhandschuhe; sein Gesicht ist

dunkel wie das eines Mohren, und seine Nase gleicht einer silbernen Sichel.

Der Mann, der neben mir stand und eine staubige rote Perücke aufhatte, seines

Zeichens Schwarzkünstler, schnaubte mit der Nase und sagte mir auf russisch:

»Dieser König Napoleon hat eine angesetzte Nase!« Mit diesen Worten stürzte

er entseelt zu Boden.

Und ich sah, daß noch viele andere Menschen in der Volksmenge tot

niederfielen, offenbar für ihre Blasphemie bestraft. Nun kam es irgendwie

zutage, daß es durchaus kein gewöhnlicher König war.

Der Zug kam immer näher. Ich unterschied schon einen schlanken, weißen

Hofmann, der dem König folgte und Befehle erteilte. Dann kamen wieder

Damen und Diener; polternde Bauernwagen, bis an den Rand mit Rotkohl

beladen, beschlossen den Zug.

Alle Blicke waren auf den König gerichtet. Er betrat den am Ufer abgezäunten

Platz, und nun kam ich darauf, daß sein Gesicht unter einer Larve verborgen und daß der schlanke Hofmann kein lebendiger Mensch, sondern ein Automat war.

Die Diener legten indessen den Baldachin zusammen und stellten die Stühle

auf. Die weißen Damen rafften die Röcke hoch, nahmen Platz und begannen, mit

ihren bloßen Beinen baumelnd, ein Gebet zu murmeln. Der König verbeugte

sich vor dem Flusse, rief den Automaten herbei und setzte sich zugleich mit ihm

auf das Brett, das quer über den Fässern lag, doch so, daß die Mitte des Brettes

frei blieb.

Wir riefen alle hurra und schrien so lange, bis der Zeremonienmeister mit dem

braunen Vollbart und dem goldgestickten Rock mit seinem Stabe winkte. Nun

trat Totenstille ein.

»Warum hast du gesagt«, wandte sich der König an den Automaten, »daß

diese Bank zusammenbrechen würde? Du siehst doch, wir beide sitzen auf ihr,

und sie ist noch immer ganz.«

Die Stimme des Königs klang so jugendlich und stark, daß ein jeder von uns,

von einem plötzlich erwachten Gefühl von Jugend und Kraft ergriffen,

emporsprang. Wir alle waren bereit, für unsern König zu sterben.

Die Damen schrien hurra.

»Kaiser, du sitzt nicht richtig, setz dich in die Mitte!« sagte der Automat zum

König. Mit diesen Worten erhob er sich vom Brett und ging an den Zaun zu der

Stelle, wo ich mich so bequem eingerichtet hatte.

Ich konnte mich nicht enthalten und rührte ihn hinten an: meine Hand stieß

auf etwas Metallisches und Kaltes, ich zog sie unwillkürlich zurück und fühlte

ein Zittern wie vom elektrischen Strom.

Der König erhob sich. Der König legte seinen Mantel zurecht. Der König

setzte sich auf die Mitte des Brettes. Kaum hatte er es berührt, als das Brett

mitten entzweibrach. Der König flog in den Fluß.

Die Damen brachen in Tränen aus. Wir schrien hurra und begannen den

Automaten zu prellen; während wir ihn in die Höhe warfen, warfen wir auch die

Rotkohlköpfe zum Himmel empor.