Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Kapitel 2
Nachdem er die bestürzten Dienstboten eine Zeitlang in gespanntester
Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und faßte
seinen Ärger und seine Ohnmacht in das eine Wort zusammen:
»Teufel!«
»Teufel!« — hallte es irgendwo im Korridor wider, und irgendwo unter dem
Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem
dunklen Dachboden; das Wort übertönte die Musik, den Tanz, das Lachen,
Schreien, das Krachen der Raketen und das Knistern des Feuers.
Die Sterne am Himmel, die trüben Sterne von Krutowrag, die sich an die
emporlodernden Flammen längst gewöhnt hatten, blickten unruhig auf das
Wersenewsche Haus hernieder.
2
Woher und wie lange Wersenew die üble Angewohnheit hatte, den Teufel zu
rufen, wußte niemand; niemand dachte auch je darüber nach.
Wollte man auf alle Redensarten und Scherzworte aufpassen und über sie
nachdenken, so würde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen; außerdem
riskiert man dabei, sich selber eines davon anzugewöhnen: es gibt doch recht
üble Redensarten! Der Adelsmarschall Turbejew pflegt zum Beispiel an jeden
Satz, den er spricht, das Wort ›gewissermaßen‹ anzuhängen, und das hat ihm
noch niemals geschadet. Als aber der Krutowrager Krämer Charin diese
Redensart vom Adelsmarschall übernommen hatte, kam er beinahe an den
Bettelstab. Wie sollte er auch nicht an den Bettelstab kommen? Nehmen wir zum
Beispiel die von einem Krämer am häufigsten gebrauchte Wendung: ›Das kostet
soundsoviel‹; dieser Ausdruck ist durchaus eindeutig und bestimmt den Preis in
Rubeln und Kopeken aber: ›Das kostet gewissermaßen soundsoviel‹ — klingt
schon ganz anders. Oder: ›Schicken Sie es mir gewissermaßen sofort‹; ›Schicken
Sie es mir sofort‹ — das versteht der größte Dummkopf, aber ›gewissermaßen
sofort‹ wird auch der Gescheiteste nicht verstehen. Dasselbe gilt von Wersenews
›Teufel‹: wenn man dieser Redensart zuviel Beachtung schenkt und immer an sie
denkt, so kann sie leicht an einem hängenbleiben; und wenn man sie sich
angewöhnt hat, geht man sicher zugrunde. Die alte Solomowna mußte es ja
wissen: Solomowna stammte noch aus der Zeit der Leibeigenschaft; sie hatte
vieles gesehen, gehört und erlebt; also hatte sie wohl recht, wenn sie sagte: Wenn
man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind
geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!
So urteilten alle Leute in Krutowrag und auch anderwärts, die, ob sie wollten oder nicht, mit Sergej Sergejewitsch zusammenkommen mußten; es waren auch
gar nicht die ersten besten, sondern lauter belesene und verständige Menschen,
bewanderte Archäologen und Mechaniker.
So urteilte auch der Geistliche von Krutowrag P. Astriosow, der zwischen
allen Dingen und Handlungen ein ›Bindeglied‹ zu konstruieren suchte, kein
gewöhnliches, sondern unbedingt ein ›eisernes‹ Bindeglied.
Von den übrigen Bekannten lohnt sich gar nicht zu sprechen. Sie überhörten
den Wersenewschen ›Teufel‹ ganz einfach und schenkten ihm nicht die geringste
Beachtung.
»Wenn Wersenew den Teufel ruft, so ist es seine Sache! Es gibt Redensarten,
die von Vornehmheit und Überhebung zeugen: so das ›Bitte zu beachten‹ des
Landrats Pustoroslew; es gibt fromme Redensarten, die ekstatisch veranlagten
Leuten eigen sind, wie zum Beispiel ›Herr Jesus!‹ Es kommt aber auch vor, daß
vornehme Herren in hoher gesellschaftlicher Stellung, wie zum Beispiel der
General a. D. Belojarow, Ausdrücke gebrauchen, die nicht wiederzugeben sind;
und zwar nicht nur, wenn sie von etwas überrascht und bestürzt sind — in
diesem Fall kann es ja auch jedem wohlerzogenen Menschen, der sonst in seiner
Ausdrucksweise sehr vorsichtig ist, passieren —, nein, es ist einfach eine üble
Angewohnheit.«
So urteilten die Gleichgültigen.
Niemand wagte Sergej Sergejewitsch selbst über seine Redensart zu befragen.
Manchmal lächelte man dazu, aber niemand hatte den Mut, die Frage ganz
unverblümt zu stellen. Man genierte sich einfach, eine solche Bagatelle zur
Sprache zu bringen.
Wersenew selbst war sich aber seiner Angewohnheit wohl gar nicht bewußt.
Wäre er sich dieser seiner Angewohnheit bewußt gewesen, so hätte er sich
doch hie und da beherrschen können. Das war aber noch niemals vorgekommen:
jede Begrüßungsansprache, jeder Geburtstagstoast endete bei ihm unfehlbar mit
dem ›Teufel‹.
Ohne den Teufel gab es bei ihm keine einzige Rede, kein einziges Gespräch
und keinen einzigen Satz.
Es wäre aber immerhin interessant zu ergründen, wann und warum er sich
diese dumme Redensart angewöhnt hatte!
Eines war klar: daß es hier weder das berühmte Astriosowsche ›eiserne
Bindeglied‹, noch überhaupt ein Bindeglied gab: der Wersenewsche ›Teufel‹
hing einfach in der Luft, und zwar in der gleichen Höhe wie das
›gewissermaßen‹ des Adelsmarschalls, mindestens ebenso klar war es auch, daß
Sergej Sergejewitsch ohne diesen ›Teufel‹ undenkbar war und daß, wenn man
ihm diese Eigenheit genommen hätte, man es nicht mehr mit Sergej Sergejewitsch Wersenew, sondern mit einem ganz anderen Menschen zu tun
haben würde.
Wersenew konnte sich gut an seine Mutter erinnern.
Fedossja Alexejewna stammte aus einer alteingesessenen Moskauer
Kaufmannsfamilie mit alten Traditionen. Unendliche Abendgottesdienste,
Frühmessen, Heilung von Besessenen im Simonskloster, Schlittenfahrten im
Karneval, rote Osterkerzen, Glockengeläut im Kreml, Maifeiern im Sokolniki-
Wäldchen, Berichte von Pilgern, Wallfahrten nach dem Troiza-Sergius-Kloster,
Kirchenprozessionen und die strenge Hausordnung im Vaterhaus — das war das
Wiegenlied, unter dem sie aufgewachsen war, das erste rote Bändchen in ihren
Zopf geflochten, das erste Feuer in ihrem verzagten Herzen und ihren
weitgeöffneten Augen entzündet und ihr erstes Lächeln durch ihren ersten
Kummer getrübt hatte.
Aus dem alten, frommen Moskau kam sie plötzlich in das Wersenewsche
Herrenhaus, nach Krutowrag mit dem grundlosen Weiher und dem gewölbten
Keller, an dessen Wänden braune Blutspritzer zu sehen waren.
Wenn Wersenew an seine früheste Kindheit dachte, so erhob sich vor ihm
sofort wie im Nebel das Bild seiner Mutter. Niemals konnte er vergessen, wie sie
Tage und Nächte hindurch am Eckfenster ihres Zimmers im Obergeschoß
gesessen hatte. Er schlief in ihrem Zimmer und war immer bei ihr. Und wenn er
nachts erwachte, sah er sie oft am Fenster sitzen.
Als er größer wurde und erfuhr, daß auch er, wie die andern Kinder, einen
Vater hatte und daß dieser Vater sich irgendwo im Auslande, fern von Krutowrag
aufhielt, als er erfuhr, daß seine Mutter immer den Vater erwartete und darum die
Nächte aufblieb, begann auch er selbst auf den Vater zu warten.
Manchmal kamen Briefe vom Vater.
Mit welcher Ungeduld bestürmte der Knabe die Mutter, ihm diese Briefe
vorzulesen!
Die Briefe waren aber kurz und stets vom gleichen Inhalt: anfangs war die
Rede vom Geld, und dann gab er den Tag seiner Ankunft in Krutowrag an.
Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam nicht.
Die Mutter bemühte sich, ihre Erbitterung vor dem Kinde zu verbergen. Sie
weinte nicht; sie saß wieder am Fenster und blickte wieder auf die Landstraße
hinaus. Aber der Knabe fühlte mit seinem ganzen kindlichen Wesen den
Kummer, der auf ihrem Herzen lastete, der sie marterte und ihr Herz vor Kälte
zusammenschrumpfen ließ. Er wollte ihr helfen, wußte aber nicht wie, und
weinte auch selbst still in sich hinein.
Die Rückkehr seines Vaters nach Krutowrag war sein sehnlichster Wunsch.
Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er schrieb immer wieder um Geld
und bestimmte von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag brach an, doch
der Vater kam nicht.
Einmal, als seine Ungeduld aufs höchste gesteigert war und er nicht länger
warten konnte, lief er auf die Landstraße hinaus, rannte eine weite Strecke, ohne
stehenzubleiben, kehrte dann plötzlich um und eilte mit zusammengekniffenen
Augen dem Hause zu.
»Vater kommt! Vater kommt!« rief er seiner Mutter mit so echter Freude und
so felsenfester Überzeugung zu, daß sie und auch er selbst plötzlich ein
Glöckchen in der Ferne zu hören vermeinten.
Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur hinaus, fiel auf die Knie,
umarmte den Sohn und hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen Schutz,
wie einen geliebten Bruder, wie den treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden, ihrer
schlaflosen Nächte und all ihrer Erbitterung. Sie konnte sich nicht länger
beherrschen, sie lachte und weinte und stieß plötzlich einen Schrei aus, der ihr
aus der Tiefe des Herzens drang.
Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus; es war, als ob sie
zusammen nur ein Paar Augen hätten, mit denen sie hinausblickten . . . Sie
glaubten und zweifelten zugleich. Und das Glöckchen läutete noch immer in der
Ferne.
Einige Wagen mit Teefässern kamen vorbei. Die Räder knirschten und
übertönten alles. Der Staub verdeckte den Ausblick. Endlich legte sich der
Staub, und die Straße lag leer da.
Bis zum Horizont war die Straße zu sehen, und kein Glöckchen läutete mehr.
Still und leer war die Welt. Nur die Pappeln im Garten rauschten.
Von diesem Tage an begann für den Knaben ein neues Leben: Er hatte ein
neues Spiel: ›Ankunft des Vaters‹.
Dieses Spiel hatte er selbst erfunden.
Es amüsierte ihn, wenn die Mutter bei seinem Ruf: ›Vater kommt!‹ von ihrem
Platz am Fenster aufsprang und plötzlich leichenblaß wurde und zitterte. Ihn
amüsierte ihr Aufschrei, der jedesmal unheimlicher und abgerissener klang . . .
Und wenn er so spielte, glaubte er selber daran, daß er den Vater gesehen
hätte; auch seine Mutter glaubte es.
Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus . . . So lange scheint es her
zu sein und ist doch vor kurzem hier, auf dieser Erde, geschehen! Wie schön
rauschten damals die Pappeln im Garten!
›Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .‹
»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch gegen den Ansturm der
Erinnerungen.
Die Mutter starb, ohne den Vater wiedergesehen zu haben. Sie starb, am
Fenster sitzend und auf die Straße blickend.
Bald nach ihrem Tode kam der Vater.
Der Knabe erschrak vor dem Vater: es war nicht der echte Vater, nicht der
Vater, an den er soviel gedacht, den er mit solcher Sehnsucht erwartet hatte.
Er versteckte sich immer vor ihm; er schrie und weinte nachts vor Angst.
Der Vater, der nicht zu den weichherzigen Naturen gehörte, nahm die
Erziehung des Sohnes energisch in die Hand. Er hielt ihn sehr streng und
bestrafte ihn oft und hart, so daß dem Knaben jede Lust zu weinen verging. Er
schlief jeden Abend ruhig ein und wurde ganz zahm.
Im Herbst brachte man ihn in die Stadt und steckte ihn ins Kadettenkorps.
Nun begann für Wersenew ein neues Leben, vielleicht die lustigste Periode
seines Daseins.
Wenn er in den Ferien nach Krutowrag kam, fühlte er sich da heimisch und
nicht mehr so fremd und bedrückt wie früher.
Von der Mutter wurde im Hause niemals gesprochen: Sergej Petrowitsch
erwähnte niemals ihren Namen, und der Sohn wagte nicht, als erster von ihr zu
sprechen.
Das Eckzimmer im Obergeschoß mit den Kleiderschränken wurde sorgfältig
im gleichen Zustand belassen, wie es zu Mutters Lebzeiten gewesen war: alle
ihre Sachen, ihr Tischchen, ihr Spiegel — alles stand noch da. Der Sohn suchte
aber immer seltener dieses Zimmer auf. In der ersten Zeit kam er oft heimlich
hinauf und weinte sogar manchmal am Fenster, wo die Mutter gesessen hatte;
später interessierte er sich aber mehr für Pferde.
So kam es, daß er niemals erfuhr, warum der Vater die Mutter verlassen hatte;
in den späteren Jahren tat es ihm sogar leid, daß er es nicht wußte. Der Vater
hatte in seinem Arbeitszimmer bis zu seinem Tode das Bildnis der Mutter
hängen. Hatte er sie geliebt? Und wenn ja, warum hatte er sie verlassen? Warum
hatte der Vater die Mutter verlassen? Warum mußte sie soviel Leid, so viele
bittere Tage und Nächte über sich ergehen lassen?
›Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .‹
»Teufel!« sagte sich Sergej Sergejewitsch, wenn er an die alten Zeiten von
Krutowrag dachte.
Nachdem er das Kadettenkorps absolviert hatte, ging er nach Petersburg und
wurde Offizier.
Da hatte er ein gutes Leben. Niemals hatte er Mangel an Geld: sein Vater
geizte nicht und schickte ihm regelmäßig größere Summen. Der Vater war
immer besorgt, daß es ihm gut ginge. Er konnte sich über nichts beklagen. Bei
seinen guten Verbindungen und großen Mitteln durfte er auf eine glänzende Zukunft hoffen.
Er lebte ebenso wie die andern Offiziere: spielte Karten, nahm an
Trinkgelagen teil, besuchte Bälle, erzählte Witze, imitierte seine Kameraden und
Vorgesetzten, machte Damen den Hof, war an allen Regimentsintrigen beteiligt,
regte sich auf, zankte sich — und die Tage gingen gleichmäßig dahin, und ein
Tag war wie der andere. Und wenn auch zuweilen etwas Ausschließliches und
Besonderes vorkam, so blieb es doch immer in den Grenzen des in seinen
Kreisen Erlaubten und Üblichen: so verlor er zum Beispiel einmal eine
Riesensumme im Kartenspiel; wem ist das aber noch nicht passiert? Auch die
anderen Ausnahmen waren von der gleichen Art.
Gleichmäßig, mit ganz unbedeutenden Sprüngen, floß sein Petersburger
Leben dahin.
Dieses erfolgreiche, leichte und vielversprechende Leben hätte eigentlich in
seinem Gedächtnis keine Spuren zurücklassen müssen.
Und doch hatte er eine Erinnerung.
Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz gewöhnliches Erlebnis.
Gibt es denn im Leben auch viel Ungewöhnliches?
Sergej Sergejewitsch dachte in seinen späteren Jahren mehr als einmal an
dieses Erlebnis zurück; er prüfte sich und saß über sich selber zu Gericht und
verantwortete sich vor sich selbst.
Er hatte schon längst eingesehen, daß eine Handlung durchaus nicht besonders
auffallend und außergewöhnlich zu sein braucht, um für immer im Gedächtnis
haftenzubleiben; daß auch etwas ganz Unbedeutendes, etwas, das man kaum
merkt, sich wie ein winziges Stäubchen in der Seele festsetzen kann.
›Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern stürzt vom Himmel, ein Erdbeben
vernichtet eine ganze Stadt — das kann für dich schon am nächsten Tage seine
ganze Bedeutung verlieren und farblos werden; du kannst es vergessen wie den
gestrigen Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes Lichtchen — ein
irgendwo unter einer Brücke flackerndes Flämmchen oder die qualmende
Petroleumlampe in einer dummen Straßenlaterne, die wie eine Hopfenstange
unter deinem Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir für dein ganzes Leben im
Gedächtnis bleiben.‹
Ja, er dachte viel darüber nach, und wie er so über sich selber zu Gericht saß
und sich vor sich selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste Tiefe, in den
trübsten Bodensatz seiner Seele hinein.
Kann man da aber viel sehen? Und wenn man sieht, viel erkennen? Und wenn
man auch etwas erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben? Und wenn
man es auch kann, hat man den Mut dazu?
Mord und Betrug, Lüge und Verrat sind schwere Vergehen, große Sünden, die von allen Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei heraus? Der Mord
läßt den Mörder vollkommen kalt; er denkt überhaupt nicht mehr an ihn! Was er
aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen muß, was seine Qual, sein Lohn und
seine Strafe ist, was im Augenblick der Tat sein ganzes Sein erfüllt, das ist gar
nicht der Mord, sondern das ist dieses, daß er einmal einen Tag, eine Woche, ein
Jahr oder vielleicht zehn Jahre vor dem Morde ein zudringliches Mädel, das ihn
auf der Straße anbettelte, von sich gestoßen hat — es gibt solche kleine
Bettlerinnen, die einen auf der Straße verfolgen und schmierige Zettel mit
Prophezeiungen zum Kauf anbieten: ›Herr, kaufen Sie mir doch einen
Glückszettel ab!‹ — Es handelt sich auch gar nicht darum, daß er das Mädel, das
ihm sein Glück zum Kauf anbot, von sich stieß, sondern darum, daß das
frierende Mädel ihm einen Blick zuwarf, einen Blick, den er sein Lebtag nicht
vergessen wird.
»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm das Petersburger Erlebnis
wieder in den Sinn kam.
Einer seiner Regimentskameraden hatte eine Braut. Der Offizier war von
altem Adel, das Mädchen aber aus einfacher Familie und sehr arm. Die
Angehörigen des Bräutigams waren gegen diese Verbindung und suchten sie auf
jede Weise zu vereiteln.
Sergej Sergejewitsch nahm sich die Angelegenheit seines Kameraden sehr zu
Herzen; er besuchte ihn oft und wünschte ihm und seiner Braut aufrichtig Glück.
Und als nach unendlicher Mühe die Hindernisse endlich aus dem Wege
geräumt waren und der Tag der Hochzeit festgesetzt war, nahm die Sache ein
unerwartetes und trauriges Ende: die Braut löste die Verlobung.
Wersenew kann sich noch an den Abend erinnern, an diesen Petersburger
Herbstabend mit dem durchdringenden feuchten Wind und den hinter dem
Schleier des feinen Regens trübe leuchtenden Straßenlaternen; an ihr Zimmer
irgendwo in der Rusowskaja-Straße in der Nähe der Kasernen. Sie bat ihn, zu ihr
zu kommen, um mit ihm über die aufgehobene Verlobung zu sprechen. Er
zweifelte nicht, daß das der wahre Grund sei, warum sie ihn zu sich gerufen
habe; als er aber zu ihr kam, sagte sie ihm die ganze Wahrheit . . .
Er kann sich auch an ihr Gesicht erinnern, das plötzlich so blaß geworden war,
so entsetzlich blaß, wie das Gesicht seiner Mutter zu werden pflegte, wenn er
mit den Worten: ›Vater kommt!‹ zu ihr ins Eckzimmer hineingestürzt gekommen
war.
Sie eröffnete ihm, daß sie ihn liebgewonnen hätte und nur ihn allein liebte.
Er liebte sie aber gar nicht. Hatte er ihr denn einen Grund gegeben,
dergleichen anzunehmen? Er hatte sie als die zukünftige Gattin seines Freundes
stets aufmerksam behandelt und war aufrichtig bestrebt gewesen, beiden, ihr und
ihm, zu helfen. Er hatte sie niemals geliebt und liebte sie auch jetzt gar nicht.
Er kann sich noch erinnern, wie sie in der Ecke am Fenster stand, während die
Regentropfen gleichmäßig und unaufhörlich gegen die Scheiben prasselten; ein
Tropfen folgte dem andern, ein Bächlein dem andern. Wie sie ihn, ohne mit den
Wimpern zu zucken, die Mundwinkel traurig gesenkt, ansah und später mit
unbeweglichen Blicken begleitete, so starr, als trüge er das ganze Blut ihres
Körpers, die ganze Kraft ihrer Seele und die ganze Hoffnung ihres Herzens mit
fort, als hätte er es ihr entrissen und ginge damit fort!
Am nächsten Abend traf er sie zufällig auf der Kukuschkin-Brücke. Er hatte
sich nicht geirrt: sie war es. Er erkannte sie an ihrem Blick, der ebenso
unbeweglich war wie am vorigen Tag. Und etwas später hörte er etwas in das
ekle schwarze Wasser des Kanals plumpsen. Er blickte aber nicht einmal zurück
und setzte seinen Weg fort.
War er es, der sie in das ekle schwarze Wasser gestoßen hatte?
»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm die Geschichte wieder in
den Sinn kam.
Bald nach diesem Vorfall mußte er plötzlich nach Krutowrag abreisen: sein
Vater lag im Sterben.
Der alte Sergej Petrowitsch Wersenew starb ganz allein und ließ niemanden,
weder den Arzt noch den Geistlichen, zu sich herein. Nur in den
allerdringendsten Fällen durfte als einzige ›Kreatur‹ der Lakai Sinowi sein
Zimmer betreten. Der Alte wollte nichts genießen und schloß des Nachts kein
Auge.
Im ganzen Hause konnte niemand schlafen. Allen war es so unheimlich
zumute; man hatte Angst zu sprechen und selbst zu flüstern.
Alle Zimmer waren erleuchtet, und alle Türen standen weit offen; nur die Tür
des Arbeitszimmers war fest verschlossen.
Sergej Sergejewitsch kam zu einer späten Nachtstunde in Krutowrag an; er
wollte den Vater nachts nicht stören und sich erst am Morgen bei ihm melden.
Der Vater fühlte aber sofort, daß der Sohn gekommen war, und ließ ihn durch
Sinowi rufen.
Der Alte saß in der Ecke beim Schrank mit dem alten astronomischen Globus,
in einem Sessel zusammengekauert; er war fürchterlich abgemagert und lag
anscheinend in den letzten Zügen. Er keuchte schwer, als ob ihm jemand die
Kehle zusammenpreßte, die Augen waren aber ganz tot und die Pupillen trübe und starr; nur der Rand der Pupillen hatte einen unangenehmen scharfen Glanz.
Der Sohn ergriff seine Hand und beugte sich über sie; die Hand war eiskalt.
Und als er sich über sein Gesicht beugte, um den Vater auf die Wange zu küssen,
spürte er einen unüberwindlichen Ekel und küßte die Luft.
Vater und Sohn begrüßten einander.
Der Alte küßte den Sohn: die Lippen waren eiskalt, noch kälter als die Hände.
Der Sohn wartete eine Weile und beugte sich wieder zum Vater:
»Nun, wie geht es Ihnen?«
»Die Teufel kommen immer her«, zischte der Alte durch die Zähne.
»Was für Teufel? Kleine mit Schwänzchen?« versuchte der Sohn zu scherzen;
er verstand es sonst sehr gut, mit dem Alten auszukommen und zu sprechen.
»Was fällt dir ein! Echte Teufel!« zischte der Vater, und seine Pupillen wurden
noch dunkler.
Wersenew erinnert sich an diese toten Augen und die starren, dunklen
Pupillen mit dem scharfen, noch lebenden Rand; der scharfe, lebende Rand der
Pupillen zog sich plötzlich zusammen und leuchtete wie rote Kohlenglut auf.
Er griff unwillkürlich nach seinem Säbelknauf und wich einige Schritte
zurück.
Der Alte schlug seinen Schlafrock vorn auf und begann sich krampfhaft die
Brust zu kratzen.
»Echte Teufel . . .« zischte der Alte, indem er sich die Brust kratzte. Plötzlich
sprang er kreischend vom Sessel auf und fiel mit dem Gesicht auf den Teppich.
Das war also der Vater, an den er einst soviel gedacht, den er einst so
sehnsüchtig erwartet hatte!
Was quälte aber den Vater? Wen sah er vor sich? Wer besuchte ihn in seiner
Sterbestunde? Wer war der Echte? Wer umklammerte sein Herz mit dem echten
letzten Zucken des Gewissens, mit dem letzten Willen und dem letzten Wort?
Wer war das?
»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als er sich an den Tod seines
Vaters erinnerte, des Vaters, an den er einst soviel gedacht, den er so sehnsüchtig
erwartet hatte.
Wersenew nahm zu Neujahr seinen Abschied, zog aus Petersburg nach
Krutowrag und widmete sich der Landwirtschaft. Um die gleiche Zeit heiratete
er.
Warum er geheiratet hatte, wußte er selbst nicht mehr; wahrscheinlich hatte
ihm Jelisaweta Nikolajewna gut gefallen: sie war so still und sanft wie ein stiller
Engel Gottes. Auch langweilte er sich allein in dem alten Hause.
Mit der Landwirtschaft beschäftigte er sich nur kurze Zeit. Dann versuchte er,
sich in der Semstwoverwaltung zu betätigen, gab aber auch das aus irgendeinem ganz unsinnigen Grunde sehr bald auf. Allmählich zog er sich von jeder