Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 21 von 42

PDF-Seiten

Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Beinahe hätten sie mich gegessen

Als aber das Marsfeld vom Heulen und Winseln gesättigt, als die Erde vom

vergossenen Affenblut aufgequollen war und das getaufte und ungetaufte

russische Volk sich krank gelacht hatte, kam auf ehernem Rosse ein Reiter in

Rüstung aus grünem Erz dahergesprengt. Ein Lasso schwirrte durch die Luft und

legte sich mir um den Hals, und ich fiel in die Knie. Ich, Anführer der

Schimpansen Australiens, Afrikas und Südamerikas, blickte angesichts des

unnötigen und ungebetenen Todes den schrecklichen und stolzen Reiter mit

frechen Augen an und schleuderte gegen ihn und den mir verhaßten Tod ein

dreifaches Kikeriki.

 

Beinahe hätten sie mich gegessen

 

Ich hatte zwölf unterirdische Kammern und zwölf Schlüssel — man nahm sie

mir weg. Ich sammelte mir im Hofe verschiedene Lumpen — man nahm sie mir

auch weg. Die Schlüssel und die Lumpen trug man in die Vorratskammer und

schloß sie dort ein. Und Wlassow, mit dem ich erst vor kurzem mein Zimmer

geteilt hatte und ohne den ich keinen Schritt machen konnte, verließ mich.

Ich bin ganz nackt, und doch rauben sie mich noch immer aus: sie saugen mir

das letzte Blut aus dem Körper. Nun hat mich auch noch eine Zitterkrankheit

befallen. Mit Tränen in den Augen flehe ich sie an, mich in Ruhe zu lassen und

mir nicht so furchtbar zuzusetzen. Sie will aber nicht auf mich hören.

Sie hatten mich frech beraubt, und ich wußte, daß sie mich nicht am Leben

lassen würden, daß sie mich unbedingt ins Grab bringen wollten. Ich konnte es

nicht länger aushalten und schickte mein Dienstmädchen auf die Ligowka zu

einem mir bekannten Sargmacher, einen Sarg zu holen. — Meine Sterbestunde

rückte heran, und es kam mir immer klarer zum Bewußtsein, daß sie meinen

Leib schon nach wenigen Tagen mit Brot verzehren und nur meine Knochen in

den Sarg legen würden.

Mit unsagbarer Mühe kroch ich die Treppe hinunter und wandte mich an den

Portier mit der Bitte um Hilfe: ich flehte ihn mit den letzten Kräften, mein letztes

Blut vergießend, an, die vornehmsten Bürger der Stadt auffordern zu lassen,

gleich morgen zu mir zu kommen, um mich zu bestatten, solange ich noch nicht

verzehrt sei.

Und während ich so den Portier anflehte und mich vor ihm bis zur Erde

verneigte, sprang plötzlich das Plakat mit der Aufforderung, die Gummischuhe

unten beim Portier abzugeben, ab, und an der Stelle, wo es gehangen hatte, trat

aus der Wand Wlassow. Indem er seinen stechenden Feuerwehrmannschnurrbart drehte, reichte er mir die Schlüssel, die Lumpen und etwas Roggenmehl, aus