Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 1 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel II

 

Das graue Giebelhaus, in dem Johannes Friedemann aufwuchs, lag am

nördlichen Thore der alten, kaum mittelgrossen Handelsstadt. Durch die

Hausthür betrat man eine geräumige, mit Steinfliesen versehene Diele, von der

eine Treppe mit weissgemaltem Holzgeländer in die Etagen hinaufführte. Die

Tapeten des Wohnzimmers im ersten Stock zeigten verblichene Landschaften,

und um den schweren Mahagoni-Tisch mit der dunkelroten Plüschdecke standen

steiflehnige Möbel.

Hier sass er oft in seiner Kindheit am Fenster, vor dem stets schöne Blumen

prangten, auf einem kleinen Schemel zu den Füssen seiner Mutter und lauschte

etwa, während er ihren glatten, grauen Scheitel und ihr gutes, sanftmütiges

Gesicht betrachtete und den leisen Duft atmete, der immer von ihr ausging, auf

eine wundervolle Geschichte. Oder er liess sich vielleicht das Bild des Vaters

zeigen, eines freundlichen Herrn mit grauem Backenbart. Er befand sich im

Himmel, sagte die Mutter, und erwartete dort sie alle.

Hinter dem Hause war ein kleiner Garten, in dem man während des

Sommers einen guten Teil des Tages zuzubringen pflegte, trotz des süsslichen

Dunstes, der von einer nahen Zuckerbrennerei fast immer herüberwehte. Ein

alter, knorriger Wallnussbaum stand dort, und in seinem Schatten sass der kleine

Johannes oft auf einem niedrigen Holzsessel und knackte Nüsse, während Frau

Friedemann und die drei nun schon erwachsenen Schwestern in einem Zelt aus

grauem Segeltuch beisammen waren. Der Blick der Mutter aber hob sich oft von

ihrer Handarbeit, um mit wehmütiger Freundlichkeit zu dem Kinde

hinüberzugleiten.

Er war nicht schön, der kleine Johannes, und wie er so mit seiner spitzen und

hohen Brust, seinem weit ausladenden Rücken und seinen viel zu langen,

mageren Armen auf dem Schemel hockte und mit einem behenden Eifer seine

Nüsse knackte, bot er einen höchst seltsamen Anblick. Seine Hände und Füsse

aber waren zartgeformt und schmal, und er hatte grosse, rehbraune Augen, einen

weichgeschnittenen Mund und feines, lichtbraunes Haar. Obgleich sein Gesicht

so jämmerlich zwischen den Schultern sass, war es doch beinahe schön zu

nennen.

 

III.

 

Als er sieben Jahre alt war, ward er zur Schule geschickt, und nun vergingen die Jahre einförmig und schnell. Täglich wanderte er, mit der komisch

wichtigen Gangart, die Verwachsenen manchmal eigen ist, zwischen den

Giebelhäusern und Läden hindurch nach dem alten Schulhaus mit den gotischen

Gewölben; und wenn er daheim seine Arbeit gethan hatte, las er vielleicht in

seinen Büchern mit den schönen, bunten Titelbildern oder beschäftigte sich im

Garten, während die Schwestern der kränkelnden Mutter den Hausstand führten.

Auch besuchten sie Gesellschaften, denn Friedemanns gehörten zu den ersten

Kreisen der Stadt; aber geheiratet hatten sie leider noch nicht, denn ihr

Vermögen war nicht eben gross, und sie waren ziemlich hässlich.

Johannes erhielt wohl ebenfalls von seinen Altersgenossen hie und da eine

Einladung, aber er hatte nicht viel Freude an dem Verkehr mit ihnen. Er

vermochte an ihren Spielen nicht teilzunehmen, und da sie ihm gegenüber eine

befangene Zurückhaltung immer bewahrten, so konnte es zu einer

Kameradschaft nicht kommen.

Es kam die Zeit, wo er sie auf dem Schulhofe oft von gewissen Erlebnissen

sprechen hörte; aufmerksam und mit grossen Augen lauschte er, wie sie von

ihren Schwärmereien für dies oder jenes kleine Mädchen redeten, und schwieg

dazu. Diese Dinge, sagte er sich, von denen die Anderen ersichtlich ganz erfüllt

waren, gehörten zu denen, für die er sich nicht eignete, wie Turnen und

Ballwerfen. Das machte manchmal ein wenig traurig; am Ende aber war er von

jeher daran gewöhnt, für sich zu stehen und die Interessen der anderen nicht zu

teilen.

Dennoch geschah es, dass er – sechzehn Jahre zählte er damals – zu einem

gleichalterigen Mädchen eine plötzliche Neigung fasste. Sie war die Schwester

eines seiner Klassengenossen, ein blondes, ausgelassen fröhliches Geschöpf, und

bei ihrem Bruder lernte er sie kennen. Er empfand eine seltsame Beklommenheit

in ihrer Nähe, und die befangene und künstlich freundliche Art, mit der auch sie

ihn behandelte, erfüllte ihn mit tiefer Traurigkeit.

Als er eines Sommernachmittags einsam vor der Stadt auf dem Walle

spazieren ging, vernahm er hinter einem Jasminstrauch ein Flüstern und lauschte

vorsichtig zwischen den Zweigen hindurch. Auf der Bank, die dort stand, sass

jenes Mädchen neben einem langen, rotköpfigen Jungen, den er sehr wohl

kannte; er hatte den Arm um sie gelegt und drückte einen Kuss auf ihre Lippen,

den sie kichernd erwiderte. Als Johannes Friedemann dies gesehen hatte, machte

er kehrt und ging leise von dannen.

Sein Kopf sass tiefer als je zwischen den Schultern, seine Hände zitterten,

und ein scharfer, drängender Schmerz stieg ihm aus der Brust in den Hals hinauf.

Aber er würgte ihn hinunter und richtete sich entschlossen auf, so gut er das

vermochte. »Gut,« sagte er zu sich, »das ist zu Ende. Ich will mich niemals wieder um dies alles bekümmern. Den anderen gewährt es Glück und Freude,