Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel IX
Ist ein Siebenundzwanzigjähriger überhaupt im stande, an die endgültige
Unabänderlichkeit seiner Lage, und sei diese Unabänderlichkeit nur zu
wahrscheinlich, im Ernste zu glauben? Das Zwitschern eines Vogels, ein
winziges Stück Himmelsblau, irgend ein halber und verwischter Traum zur
Nacht, alles ist geeignet, plötzliche Ströme von vager Hoffnung in sein Herz zu
ergiessen und es mit der festlichen Erwartung eines grossen, unvorhergesehenen
Glückes zu erfüllen ... Ich schlenderte von einem Tag in den andern –
beschaulich, ohne ein Ziel, beschäftigt mit dieser oder jener kleinen Hoffnung,
handele es sich auch nur um den Tag der Herausgabe einer unterhaltenden
Zeitschrift, mit der energischen Überzeugung, glücklich zu sein, und hin und
wieder ein wenig müde vor Einsamkeit.
Wahrhaftig, die Stunden waren nicht gerade selten, in denen ein Unwille
über Mangel an Verkehr und Gesellschaft mich ergriff, – denn ist es nötig, diesen
Mangel zu erklären? Mir fehlte jede Verbindung mit der guten Gesellschaft und
den ersten und zweiten Kreisen der Stadt; um mich bei der goldenen Jugend als
fêtard einzuführen, gebrach es mir bei Gott an Mitteln, – und andererseits die
Bohème? Aber ich bin ein Mensch von Erziehung, ich trage saubere Wäsche und
einen heilen Anzug, und ich finde schlechterdings keine Lust darin, mit
ungepflegten jungen Leuten an absinthklebrigen Tischen anarchistische
Gespräche zu führen. Um kurz zu sein: es gab keinen bestimmten
Gesellschaftskreis, dem ich mit Selbstverständlichkeit angehört hätte, und die
Bekanntschaften, die sich auf eine oder die andere Weise von selbst ergaben,
waren selten, oberflächlich und kühl – durch mein eigenes Verschulden, wie ich
zugebe, denn ich hielt mich auch in solchen Fällen mit einem Gefühl der
Unsicherheit zurück und mit dem unangenehmen Bewusstsein, nicht einmal
einem verbummelten Maler auf kurze, klare und Anerkennung erweckende
Weise sagen zu können, wer und was ich eigentlich sei.
Übrigens hatte ich ja wohl mit der »Gesellschaft« gebrochen und auf sie
verzichtet, als ich mir die Freiheit nahm, ohne ihr in irgend einer Weise zu
dienen, meine eigenen Wege zu gehen, und wenn ich, um glücklich zu sein, der
»Leute« bedurft hätte, so musste ich mir erlauben, mich zu fragen, ob ich in
diesem Falle nicht zur Stunde damit beschäftigt gewesen wäre, mich als
Geschäftsmann grösseren Stils gemeinnützlich zu bereichern und mir den
allgemeinen Neid und Respekt zu verschaffen.
Indessen – indessen! Die Thatsache bestand, dass mich meine philosophische
Vereinsamung in viel zu hohem Grade verdross, und dass sie am Ende durchaus nicht mit meiner Auffassung von »Glück« übereinstimmen wollte, mit meinem