Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 30 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel IX

 

Ist ein Siebenundzwanzigjähriger überhaupt im stande, an die endgültige

Unabänderlichkeit seiner Lage, und sei diese Unabänderlichkeit nur zu

wahrscheinlich, im Ernste zu glauben? Das Zwitschern eines Vogels, ein

winziges Stück Himmelsblau, irgend ein halber und verwischter Traum zur

Nacht, alles ist geeignet, plötzliche Ströme von vager Hoffnung in sein Herz zu

ergiessen und es mit der festlichen Erwartung eines grossen, unvorhergesehenen

Glückes zu erfüllen ... Ich schlenderte von einem Tag in den andern –

beschaulich, ohne ein Ziel, beschäftigt mit dieser oder jener kleinen Hoffnung,

handele es sich auch nur um den Tag der Herausgabe einer unterhaltenden

Zeitschrift, mit der energischen Überzeugung, glücklich zu sein, und hin und

wieder ein wenig müde vor Einsamkeit.

Wahrhaftig, die Stunden waren nicht gerade selten, in denen ein Unwille

über Mangel an Verkehr und Gesellschaft mich ergriff, – denn ist es nötig, diesen

Mangel zu erklären? Mir fehlte jede Verbindung mit der guten Gesellschaft und

den ersten und zweiten Kreisen der Stadt; um mich bei der goldenen Jugend als

fêtard einzuführen, gebrach es mir bei Gott an Mitteln, – und andererseits die

Bohème? Aber ich bin ein Mensch von Erziehung, ich trage saubere Wäsche und

einen heilen Anzug, und ich finde schlechterdings keine Lust darin, mit

ungepflegten jungen Leuten an absinthklebrigen Tischen anarchistische

Gespräche zu führen. Um kurz zu sein: es gab keinen bestimmten

Gesellschaftskreis, dem ich mit Selbstverständlichkeit angehört hätte, und die

Bekanntschaften, die sich auf eine oder die andere Weise von selbst ergaben,

waren selten, oberflächlich und kühl – durch mein eigenes Verschulden, wie ich

zugebe, denn ich hielt mich auch in solchen Fällen mit einem Gefühl der

Unsicherheit zurück und mit dem unangenehmen Bewusstsein, nicht einmal

einem verbummelten Maler auf kurze, klare und Anerkennung erweckende

Weise sagen zu können, wer und was ich eigentlich sei.

Übrigens hatte ich ja wohl mit der »Gesellschaft« gebrochen und auf sie

verzichtet, als ich mir die Freiheit nahm, ohne ihr in irgend einer Weise zu

dienen, meine eigenen Wege zu gehen, und wenn ich, um glücklich zu sein, der

»Leute« bedurft hätte, so musste ich mir erlauben, mich zu fragen, ob ich in

diesem Falle nicht zur Stunde damit beschäftigt gewesen wäre, mich als

Geschäftsmann grösseren Stils gemeinnützlich zu bereichern und mir den

allgemeinen Neid und Respekt zu verschaffen.

Indessen – indessen! Die Thatsache bestand, dass mich meine philosophische

Vereinsamung in viel zu hohem Grade verdross, und dass sie am Ende durchaus nicht mit meiner Auffassung von »Glück« übereinstimmen wollte, mit meinem