Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel XV
Er war mit Sorgfalt gekleidet; sein Frack war ohne Tadel, sein Hemd
blendend weiss, und seine schmalen und schön geformten Füsse steckten in
Lackschuhen. Dann und wann konnte man sehen, dass er rotseidene Strümpfe
trug.
Er blickte auf den Korridor hinaus und sah, dass grössere Gruppen sich
bereits die Treppe hinunter in den Garten begaben. Aber er setzte sich mit seiner
Cigarre und seinem Kaffee an die Thür des altdeutschen Zimmers, in dem einige
Herren plaudernd beisammen standen, und blickte in das Wohngemach hinein.
Gleich rechts von der Thür sass um einen kleinen Tisch ein Kreis, dessen
Mittelpunkt von dem Studenten gebildet ward, der mit Eifer sprach. Er hatte die
Behauptung aufgestellt, dass man durch einen Punkt mehr als eine Parallele zu
einer Geraden ziehen könne, Frau Rechtsanwalt Hagenström hatte gerufen:
»Dies ist unmöglich!« und nun bewies er es so schlagend, dass alle thaten, als
hätten sie es verstanden.
Im Hintergrunde des Zimmers aber, auf der Ottomane, neben der die
niedrige, rotverhüllte Lampe stand, sass im Gespräch mit dem jungen Fräulein
Stephens Gerda von Rinnlingen. Sie sass ein wenig in das gelbseidene Kissen
zurückgelehnt, einen Fuss über den anderen gestellt, und rauchte langsam eine
Cigarette, wobei sie den Rauch durch die Nase ausatmete und die Unterlippe
vorschob. Fräulein Stephens sass aufrecht und wie aus Holz geschnitzt vor ihr
und antwortete ängstlich lächelnd.
Niemand beachtete den kleinen Herrn Friedemann, und niemand bemerkte,
dass seine grossen Augen ohne Unterlass auf Frau von Rinnlingen gerichtet
waren. In einer schlaffen Haltung sass er und sah sie an. Es war nichts
Leidenschaftliches in seinem Blick und kaum ein Schmerz; etwas Stumpfes und
Totes lag darin, eine dumpfe, kraft- und willenlose Hingabe.
Zehn Minuten etwa vergingen so; da erhob Frau von Rinnlingen sich
plötzlich, und ohne ihn anzublicken, als ob sie ihn während der ganzen Zeit
heimlich beobachtet hatte, schritt sie auf ihn zu und blieb vor ihm stehen. Er
stand auf, sah zu ihr in die Höhe und vernahm die Worte:
»Haben Sie Lust, mich in den Garten zu begleiten, Herr Friedemann?«
Er antwortete:
»Mit Vergnügen, gnädige Frau.«
XV.
»Sie haben unseren Garten noch nicht gesehen?« sagte sie auf der Treppe
zu ihm. »Er ist ziemlich gross. Hoffentlich sind noch nicht zu viele Menschen dort; ich möchte gern ein wenig aufatmen. Ich habe während des Essens
Kopfschmerzen bekommen; vielleicht war mir dieser Rotwein zu kräftig ... Hier
durch die Thür müssen wir hinausgehen.« Es war eine Glasthür, durch die sie
vom Vorplatz aus einen kleinen, kühlen Flur betraten; dann führten ein paar
Stufen ins Freie.
In der wundervoll sternklaren, warmen Nacht quoll der Duft von allen
Beeten. Der Garten lag in vollem Mondlicht, und auf den weiss leuchtenden
Kieswegen gingen die Gäste plaudernd und rauchend umher. Eine Gruppe hatte
sich um den Springbrunnen versammelt, wo der alte, beliebte Arzt unter
allgemeinem Gelächter Papierschiffchen schwimmen liess.
Frau von Rinnlingen ging mit einem leichten Kopfnicken vorüber und wies
in die Ferne, wo der zierliche und duftende Blumengarten zum Park sich
verdunkelte.
»Wir wollen die Mittelallee hinuntergehen,« sagte sie. Am Eingange standen
zwei niedrige, breite Obelisken.
Dort hinten, am Ende der schnurgeraden Kastanienallee sahen sie grünlich
und blank den Fluss im Mondlicht schimmern. Rings umher war es dunkel und
kühl. Hie und da zweigte ein Seitenweg ab, der im Bogen wohl ebenfalls zum
Flusse führte. Es liess sich lange Zeit kein Laut vernehmen.
»Am Wasser,« sagte sie, »ist ein hübscher Platz, wo ich schon oft gesessen
habe. Dort könnten wir einen Augenblick plaudern. – Sehen Sie, dann und wann
glitzert zwischen dem Laub ein Stern hindurch.«
Er antwortete nicht und blickte auf die grüne, schimmernde Fläche, der sie
sich näherten. Man konnte das jenseitige Ufer erkennen, die Wallanlagen. Als sie
die Allee verliessen und auf den Grasplatz hinaustraten, der sich zum Flusse
hinabsenkte, sagte Frau von Rinnlingen:
»Hier ein wenig nach rechts ist unser Platz; sehen Sie, er ist unbesetzt.«
Die Bank, auf der sie sich niederliessen, lehnte sich sechs Schritte seitwärts
von der Allee an den Park. Hier war es wärmer als zwischen den breiten
Bäumen. Die Grillen zirpten in dem Grase, das hart am Wasser in dünnes Schilf
überging. Der mondhelle Fluss gab ein mildes Licht.
Sie schwiegen beide eine Weile und blickten auf das Wasser. Dann aber
horchte er ganz erschüttert, denn der Ton, den er vor einer Woche vernommen,
dieser leise, nachdenkliche und sanfte Ton berührte ihn wieder:
»Seit wann haben Sie Ihr Gebrechen, Herr Friedemann?« fragte sie. »Sind
Sie damit geboren?«
Er schluckte hinunter, denn die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Dann
antwortete er leise und artig:
»Nein, gnädige Frau. Als kleines Kind liess man mich zu Boden fallen; daher stammt es.«
»Und wie alt sind Sie nun?« fragte sie weiter.
»Dreissig Jahre, gnädige Frau.«
»Dreissig Jahre,« wiederholte sie. »Und Sie waren nicht glücklich, diese
dreissig Jahre?«
Herr Friedemann schüttelte den Kopf, und seine Lippen bebten. »Nein,«
sagte er; »das war Lüge und Einbildung.«
»Sie haben also geglaubt, glücklich zu sein?« fragte sie.
»Ich habe es versucht,« sagte er, und sie antwortete:
»Das war tapfer.«
Eine Minute verstrich. Nur die Grillen zirpten, und hinter ihnen rauschte es
ganz leise in den Bäumen.
»Ich verstehe mich ein wenig auf das Unglück,« sagte sie dann. »Solche
Sommernächte am Wasser sind das beste dafür.«
Hierauf antwortete er nicht, sondern wies mit einer schwachen Gebärde
hinüber nach dem jenseitigen Ufer, das friedlich im Dunkel lag.
»Dort habe ich neulich gesessen,« sagte er.
»Als Sie von mir kamen?« fragte sie.
Er nickte nur.
Dann aber bebte er plötzlich auf seinem Sitz in die Höhe, schluchzte auf,
stiess einen Laut aus, einen Klagelaut, der doch zugleich etwas Erlösendes hatte,
und sank langsam vor ihr zu Boden. Er hatte mit seiner Hand die ihre berührt,
die neben ihm auf der Bank geruht hatte, und während er sie nun festhielt,
während er auch die andere ergriff, während dieser kleine, gänzlich verwachsene
Mensch zitternd und zuckend vor ihr auf den Knieen lag und sein Gesicht in
ihren Schoss drückte, stammelte er mit einer unmenschlichen, keuchenden
Stimme:
»Sie wissen es ja ... Lass mich ... Ich kann nicht mehr ... Mein Gott ... Mein
Gott ...«
Sie wehrte ihm nicht, sie beugte sich auch nicht zu ihm nieder. Sie sass hoch
aufgerichtet, ein wenig von ihm zurückgelehnt, und ihre kleinen, nahe
beieinander liegenden Augen, in denen sich der feuchte Schimmer des Wassers
zu spiegeln schien, blickten starr und gespannt gradeaus, über ihn fort, ins Weite.
Und dann, plötzlich, mit einem Ruck, mit einem kurzen, stolzen,
verächtlichen Lachen hatte sie ihre Hände seinen heissen Fingern entrissen, hatte
ihn am Arm gepackt, ihn seitwärts vollends zu Boden geschleudert, war
aufgesprungen und in der Allee verschwunden.
Er lag da, das Gesicht im Grase, betäubt, ausser sich, und ein Zucken lief
jeden Augenblick durch seinen Körper. Er raffte sich auf, that zwei Schritte und stürzte wieder zu Boden. Er lag am Wasser. –
Was ging eigentlich in ihm vor, bei dem, was nun geschah? Vielleicht war es
dieser wollüstige Hass, den er empfunden hatte, wenn sie ihn mit ihrem Blicke
demütigte, der jetzt, wo er, behandelt von ihr wie ein Hund, am Boden lag, in
eine irrsinnige Wut ausartete, die er bethätigen musste, sei es auch gegen sich
selbst ... ein Ekel vielleicht vor sich selbst, der ihn mit einem Durst erfüllte, sich
zu vernichten, sich in Stücke zu zerreissen, sich auszulöschen ...
Auf dem Bauche schob er sich noch weiter vorwärts, erhob den Oberkörper
und liess ihn ins Wasser fallen. Er hob den Kopf nicht wieder; nicht einmal die
Beine, die am Ufer lagen, bewegte er mehr.
Bei dem Aufklatschen des Wassers waren die Grillen einen Augenblick
verstummt. Nun setzte ihr Zirpen wieder ein, der Park rauschte leise auf, und
durch die lange Allee herunter klang gedämpftes Lachen.