Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel VIII
Beifall geschlossen, als ein alter Herr auf mich zueilte, der beinahe kein Haar
mehr auf dem Kopfe hatte, und dessen weisse, spärliche Cotelettes auf seine
graue Reisejoppe hinabflatterten. Er ergriff meine beiden Hände und rief mit
Thränen in den Augen:
– »Aber das ist erstaunlich! Das ist erstaunlich, mein teurer Herr! Ich
schwöre Ihnen, dass ich mich seit dreissig Jahren nicht mehr so köstlich
unterhalten habe! Ah, Sie gestatten, dass ich Ihnen aus vollem Herzen danke,
nicht wahr! Aber es ist nötig, dass Sie Schauspieler oder Musiker werden!«
Es ist wahr, dass ich bei solchen Gelegenheiten etwas von dem genialen
Übermut eines grossen Malers empfand, der im Freundeskreise sich herbeiliess,
eine lächerliche zugleich und geistreiche Karrikatur auf die Tischplatte zu
zeichnen. Nach dem Diner aber begab ich mich allein in den Salon zurück und
verbrachte eine einsame und wehmütige Stunde damit, dem Instrumente
getragene Accorde zu entlocken, in die ich die Stimmung zu legen glaubte, die
der Anblick Palermos in mir erweckt.
Ich hatte von Sizilien aus Afrika ganz flüchtig berührt, war alsdann nach
Spanien gegangen und dort, in der Nähe von Madrid, auf dem Lande war es, im
Winter, an einem trüben, regnerischen Nachmittage, als ich zum ersten Male den
Wunsch empfand, nach Deutschland zurückzukehren – und die Notwendigkeit
obendrein. Denn abgesehen davon, dass ich begann, mich nach einem ruhigen,
geregelten und ansässigen Leben zu sehnen, war es nicht schwer, mir
auszurechnen, dass bis zu meiner Ankunft in Deutschland bei aller
Einschränkung 20000 Mark verausgabt sein würden.
Ich zögerte nicht allzu lange, den langsamen Rückweg durch Frankreich
anzutreten, auf den ich bei längerem Aufenthalt in einzelnen Städten annähernd
ein halbes Jahr verwendete, und ich erinnere mich mit wehmütiger Deutlichkeit
des Sommerabends, an dem ich in den Bahnhof der mitteldeutschen
Residenzstadt einfuhr, die ich mir beim Beginn meiner Reise bereits ausersehen
hatte, – ein wenig unterrichtet nunmehr, mit einigen Erfahrungen und
Kenntnissen versehen und ganz voll von einer kindlichen Freude, mir hier, in
meiner sorglosen Unabhängigkeit und gern meinen bescheidenen Mitteln
gemäss, nun ein ungestörtes und beschauliches Dasein gründen zu können.
Damals war ich 25 Jahre alt.
VIII.
Der Platz war nicht übel gewählt. Es ist eine ansehnliche Stadt, noch ohne
allzu lärmenden Grossstadttrubel und allzu anstössiges Geschäftstreiben, mit
einigen ziemlich beträchtlichen alten Plätzen andererseits und einem
Strassenleben, das weder der Lebhaftigkeit noch zum Teile der Elégance
entbehrt. Die Umgebung besitzt mancherlei angenehme Punkte; aber ich habe
stets die geschmackvoll angelegte Promenade bevorzugt, die sich auf dem
»Lerchenberge« hinzieht, einem schmalen und langgestreckten Hügel, an den ein
grosser Teil der Stadt sich lehnt, und von dem man einen weiten Ausblick über
Häuser, Kirchen und den weich geschlängelten Fluss hinweg ins Freie geniesst.
An einigen Punkten, und besonders, wenn an schönen Sommernachmittagen
eine Militärkapelle konzertiert und Equipagen und Spaziergänger sich hin und
her bewegen, wird man dort an den Pincio erinnert. – Aber ich werde dieser
Promenade noch zu erwähnen haben ...
Niemand glaubt, mit welchem umständlichen Vergnügen ich mir das
geräumige Zimmer herrichtete, das ich nebst anstossender Schlafkammer etwa
inmitten der Stadt, in belebter Gegend gemietet hatte. Die elterlichen Möbel
waren zwar zum grössten Teil in den Besitz meiner Schwestern übergegangen,
indessen war mir immerhin zugefallen, was ich gebrauchte: stattliche und
gediegene Dinge, die zusammen mit meinen Büchern und den beiden
Vorfahrenporträts eintrafen; vor allem aber der alte Flügel, den meine Mutter für
mich bestimmt hatte.
In der That, als alles aufgestellt und geordnet war, als die Photographieen,
die ich auf Reisen gesammelt, alle Wände sowie den schweren Mahagoni-
Schreibtisch und die bauchige Kommode schmückten, und als ich mich, fertig
und geborgen, in einem Lehnsessel am Fenster niederliess, um abwechselnd die
Strassen draussen und meine neue Wohnung zu betrachten, war mein Behagen
nicht gering. Und dennoch – ich habe diesen Augenblick nicht vergessen –
dennoch regte sich neben Zufriedenheit und Vertrauen sacht etwas anderes in
mir, irgend ein kleines Gefühl von Ängstlichkeit und Unruhe, das leise
Bewusstsein irgend einer Art von Empörung und Auflehnung meinerseits gegen
eine drohende Macht ... der leicht bedrückende Gedanke, dass meine Lage, die
bislang niemals mehr als etwas Vorläufiges gewesen war, nunmehr zum ersten
Male als definitiv und unabänderlich betrachtet werden musste ...
Ich verschweige nicht, dass diese und ähnliche Empfindungen sich hie und
da wiederholten. Aber sind die gewissen Nachmittagsstunden überhaupt zu
vermeiden, in denen man hinaus in die wachsende Dämmerung und vielleicht in
einen langsamen Regen blickt und das Opfer trübseherischer Anwandlungen
wird? In jedem Falle stand fest, dass meine Zukunft vollkommen gesichert war. Ich hatte die runde Summe von 80000 Mark der städtischen Bank vertraut, die
Zinsen betrugen – mein Gott, die Zeiten sind schlecht! – etwa 600 Mark für das
Vierteljahr und gestatteten mir also, anständig zu leben, mich mit Lektüre zu
versehen, hier und da ein Theater zu besuchen – ein Bisschen leichteren
Zeitvertreibs nicht ausgeschlossen.
Meine Tage vergingen fortab in Wirklichkeit dem Ideale gemäss, das von
jeher mein Ziel gewesen war. Ich erhob mich etwa um 10 Uhr, frühstückte und
verbrachte die Zeit bis zum Mittage am Klavier und mit der Lektüre einer
litterarischen Zeitschrift oder eines Buches. Dann schlenderte ich die Strasse
hinauf zu dem kleinen Restaurant, in dem ich mit Regelmässigkeit verkehrte,
speiste und machte darauf einen längeren Spaziergang durch die Strassen, durch
eine Gallerie, in die Umgegend, auf den Lerchenberg. Ich kehrte nach Hause
zurück und nahm die Beschäftigungen des Vormittags wieder auf: ich las,
musizierte, unterhielt mich manchmal sogar mit einer Art von Zeichenkunst oder
schrieb mit Sorgfalt einen Brief. Wenn ich mich nach dem Abendessen nicht in
ein Theater oder ein Konzert begab, so hielt ich mich im Café auf und las bis
zum Schlafengehen die Zeitungen. Der Tag aber war gut und schön gewesen, er
hatte einen beglückenden Inhalt gehabt, wenn mir am Klaviere ein Motiv
gelungen war, das mir neu und schön erschien, wenn ich aus der Lektüre einer
Novelle, aus dem Anblick eines Bildes eine zarte und anhaltende Stimmung
davongetragen hatte ...
Übrigens unterlasse ich es nicht, zu sagen, dass ich in meinen Dispositionen
mit einer gewissen Idealität zu Werke ging und dass ich mit Ernst darauf bedacht
war, meinen Tagen so viel »Inhalt« zu geben, wie nur immer möglich. Ich
speiste bescheiden, hielt mir in der Regel nur einen Anzug, kurz, schränkte
meine leiblichen Bedürfnisse mit Vorsicht ein, um andererseits in der Lage zu
sein, für einen guten Platz in der Oper oder im Konzert einen hohen Preis zu
zahlen, mir neue litterarische Erscheinungen zu kaufen, diese oder jene
Kunstausstellung zu besuchen ...
Die Tage aber verstrichen, und es wurden Wochen und Monate daraus –
Langeweile? Ich gebe zu: es ist nicht immer ein Buch zur Hand, das einer Reihe
von Stunden den Inhalt verschaffen könnte; übrigens hast du ohne jedes Glück
versucht, auf dem Klavier zu phantasieren, du sitzest am Fenster, rauchst
Cigaretten, und unwiderstehlich beschleicht dich ein Gefühl der Abneigung von
aller Welt und dir selbst; die Ängstlichkeit befällt dich wieder, die übelbekannte
Ängstlichkeit, und du springst auf und machst dich davon, um dir auf der Strasse
mit dem heiteren Achselzucken des Glücklichen die Berufs- und Arbeitsleute zu
betrachten, die geistig und materiell zu unbegabt sind für Musse und Genuss.