Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 29 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel VIII

Beifall geschlossen, als ein alter Herr auf mich zueilte, der beinahe kein Haar

mehr auf dem Kopfe hatte, und dessen weisse, spärliche Cotelettes auf seine

graue Reisejoppe hinabflatterten. Er ergriff meine beiden Hände und rief mit

Thränen in den Augen:

– »Aber das ist erstaunlich! Das ist erstaunlich, mein teurer Herr! Ich

schwöre Ihnen, dass ich mich seit dreissig Jahren nicht mehr so köstlich

unterhalten habe! Ah, Sie gestatten, dass ich Ihnen aus vollem Herzen danke,

nicht wahr! Aber es ist nötig, dass Sie Schauspieler oder Musiker werden!«

Es ist wahr, dass ich bei solchen Gelegenheiten etwas von dem genialen

Übermut eines grossen Malers empfand, der im Freundeskreise sich herbeiliess,

eine lächerliche zugleich und geistreiche Karrikatur auf die Tischplatte zu

zeichnen. Nach dem Diner aber begab ich mich allein in den Salon zurück und

verbrachte eine einsame und wehmütige Stunde damit, dem Instrumente

getragene Accorde zu entlocken, in die ich die Stimmung zu legen glaubte, die

der Anblick Palermos in mir erweckt.

Ich hatte von Sizilien aus Afrika ganz flüchtig berührt, war alsdann nach

Spanien gegangen und dort, in der Nähe von Madrid, auf dem Lande war es, im

Winter, an einem trüben, regnerischen Nachmittage, als ich zum ersten Male den

Wunsch empfand, nach Deutschland zurückzukehren – und die Notwendigkeit

obendrein. Denn abgesehen davon, dass ich begann, mich nach einem ruhigen,

geregelten und ansässigen Leben zu sehnen, war es nicht schwer, mir

auszurechnen, dass bis zu meiner Ankunft in Deutschland bei aller

Einschränkung 20000 Mark verausgabt sein würden.

Ich zögerte nicht allzu lange, den langsamen Rückweg durch Frankreich

anzutreten, auf den ich bei längerem Aufenthalt in einzelnen Städten annähernd

ein halbes Jahr verwendete, und ich erinnere mich mit wehmütiger Deutlichkeit

des Sommerabends, an dem ich in den Bahnhof der mitteldeutschen

Residenzstadt einfuhr, die ich mir beim Beginn meiner Reise bereits ausersehen

hatte, – ein wenig unterrichtet nunmehr, mit einigen Erfahrungen und

Kenntnissen versehen und ganz voll von einer kindlichen Freude, mir hier, in

meiner sorglosen Unabhängigkeit und gern meinen bescheidenen Mitteln

gemäss, nun ein ungestörtes und beschauliches Dasein gründen zu können.

Damals war ich 25 Jahre alt.

 

VIII.

Der Platz war nicht übel gewählt. Es ist eine ansehnliche Stadt, noch ohne

allzu lärmenden Grossstadttrubel und allzu anstössiges Geschäftstreiben, mit

einigen ziemlich beträchtlichen alten Plätzen andererseits und einem

Strassenleben, das weder der Lebhaftigkeit noch zum Teile der Elégance

entbehrt. Die Umgebung besitzt mancherlei angenehme Punkte; aber ich habe

stets die geschmackvoll angelegte Promenade bevorzugt, die sich auf dem

»Lerchenberge« hinzieht, einem schmalen und langgestreckten Hügel, an den ein

grosser Teil der Stadt sich lehnt, und von dem man einen weiten Ausblick über

Häuser, Kirchen und den weich geschlängelten Fluss hinweg ins Freie geniesst.

An einigen Punkten, und besonders, wenn an schönen Sommernachmittagen

eine Militärkapelle konzertiert und Equipagen und Spaziergänger sich hin und

her bewegen, wird man dort an den Pincio erinnert. – Aber ich werde dieser

Promenade noch zu erwähnen haben ...

Niemand glaubt, mit welchem umständlichen Vergnügen ich mir das

geräumige Zimmer herrichtete, das ich nebst anstossender Schlafkammer etwa

inmitten der Stadt, in belebter Gegend gemietet hatte. Die elterlichen Möbel

waren zwar zum grössten Teil in den Besitz meiner Schwestern übergegangen,

indessen war mir immerhin zugefallen, was ich gebrauchte: stattliche und

gediegene Dinge, die zusammen mit meinen Büchern und den beiden

Vorfahrenporträts eintrafen; vor allem aber der alte Flügel, den meine Mutter für

mich bestimmt hatte.

In der That, als alles aufgestellt und geordnet war, als die Photographieen,

die ich auf Reisen gesammelt, alle Wände sowie den schweren Mahagoni-

Schreibtisch und die bauchige Kommode schmückten, und als ich mich, fertig

und geborgen, in einem Lehnsessel am Fenster niederliess, um abwechselnd die

Strassen draussen und meine neue Wohnung zu betrachten, war mein Behagen

nicht gering. Und dennoch – ich habe diesen Augenblick nicht vergessen –

dennoch regte sich neben Zufriedenheit und Vertrauen sacht etwas anderes in

mir, irgend ein kleines Gefühl von Ängstlichkeit und Unruhe, das leise

Bewusstsein irgend einer Art von Empörung und Auflehnung meinerseits gegen

eine drohende Macht ... der leicht bedrückende Gedanke, dass meine Lage, die

bislang niemals mehr als etwas Vorläufiges gewesen war, nunmehr zum ersten

Male als definitiv und unabänderlich betrachtet werden musste ...

Ich verschweige nicht, dass diese und ähnliche Empfindungen sich hie und

da wiederholten. Aber sind die gewissen Nachmittagsstunden überhaupt zu

vermeiden, in denen man hinaus in die wachsende Dämmerung und vielleicht in

einen langsamen Regen blickt und das Opfer trübseherischer Anwandlungen

wird? In jedem Falle stand fest, dass meine Zukunft vollkommen gesichert war. Ich hatte die runde Summe von 80000 Mark der städtischen Bank vertraut, die

Zinsen betrugen – mein Gott, die Zeiten sind schlecht! – etwa 600 Mark für das

Vierteljahr und gestatteten mir also, anständig zu leben, mich mit Lektüre zu

versehen, hier und da ein Theater zu besuchen – ein Bisschen leichteren

Zeitvertreibs nicht ausgeschlossen.

Meine Tage vergingen fortab in Wirklichkeit dem Ideale gemäss, das von

jeher mein Ziel gewesen war. Ich erhob mich etwa um 10 Uhr, frühstückte und

verbrachte die Zeit bis zum Mittage am Klavier und mit der Lektüre einer

litterarischen Zeitschrift oder eines Buches. Dann schlenderte ich die Strasse

hinauf zu dem kleinen Restaurant, in dem ich mit Regelmässigkeit verkehrte,

speiste und machte darauf einen längeren Spaziergang durch die Strassen, durch

eine Gallerie, in die Umgegend, auf den Lerchenberg. Ich kehrte nach Hause

zurück und nahm die Beschäftigungen des Vormittags wieder auf: ich las,

musizierte, unterhielt mich manchmal sogar mit einer Art von Zeichenkunst oder

schrieb mit Sorgfalt einen Brief. Wenn ich mich nach dem Abendessen nicht in

ein Theater oder ein Konzert begab, so hielt ich mich im Café auf und las bis

zum Schlafengehen die Zeitungen. Der Tag aber war gut und schön gewesen, er

hatte einen beglückenden Inhalt gehabt, wenn mir am Klaviere ein Motiv

gelungen war, das mir neu und schön erschien, wenn ich aus der Lektüre einer

Novelle, aus dem Anblick eines Bildes eine zarte und anhaltende Stimmung

davongetragen hatte ...

Übrigens unterlasse ich es nicht, zu sagen, dass ich in meinen Dispositionen

mit einer gewissen Idealität zu Werke ging und dass ich mit Ernst darauf bedacht

war, meinen Tagen so viel »Inhalt« zu geben, wie nur immer möglich. Ich

speiste bescheiden, hielt mir in der Regel nur einen Anzug, kurz, schränkte

meine leiblichen Bedürfnisse mit Vorsicht ein, um andererseits in der Lage zu

sein, für einen guten Platz in der Oper oder im Konzert einen hohen Preis zu

zahlen, mir neue litterarische Erscheinungen zu kaufen, diese oder jene

Kunstausstellung zu besuchen ...

Die Tage aber verstrichen, und es wurden Wochen und Monate daraus –

Langeweile? Ich gebe zu: es ist nicht immer ein Buch zur Hand, das einer Reihe

von Stunden den Inhalt verschaffen könnte; übrigens hast du ohne jedes Glück

versucht, auf dem Klavier zu phantasieren, du sitzest am Fenster, rauchst

Cigaretten, und unwiderstehlich beschleicht dich ein Gefühl der Abneigung von

aller Welt und dir selbst; die Ängstlichkeit befällt dich wieder, die übelbekannte

Ängstlichkeit, und du springst auf und machst dich davon, um dir auf der Strasse

mit dem heiteren Achselzucken des Glücklichen die Berufs- und Arbeitsleute zu

betrachten, die geistig und materiell zu unbegabt sind für Musse und Genuss.