Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 12 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel XIV

sah, wie der Fluss in der Sonne seines Weges zog, wie das Gras sich zitternd

bewegte und die Blumen dastanden, wo sie erblüht waren, um dann zu welken

und zu verwehen, sah, wie alles, alles mit dieser stummen Ergebenheit dem

Dasein sich beugte, – und es überkam ihn auf einmal die Empfindung von

Freundschaft und Einverständnis mit der Notwendigkeit, die eine Art von

Überlegenheit über alles Schicksal zu geben vermag.

Er dachte an jenen Nachmittag seines dreissigsten Geburtstages, als er,

glücklich im Besitze des Friedens, ohne Furcht und Hoffnung über den Rest

seines Lebens hinzublicken geglaubt hatte. Kein Licht und keinen Schatten hatte

er da gesehen, sondern in mildem Dämmerschein hatte alles vor ihm gelegen, bis

es dort hinten, unmerklich fast, im Dunkel verschwamm, und mit einem ruhigen

und überlegenen Lächeln hatte er den Jahren entgegen gesehen, die noch zu

kommen hatten – wie lange war das her?

Da war diese Frau gekommen, sie musste kommen, es war sein Schicksal,

sie selbst war sein Schicksal, sie allein! Hatte er das nicht gefühlt vom ersten

Augenblicke an? Sie war gekommen, und ob er auch versucht hatte, seinen

Frieden zu verteidigen, – für sie musste sich alles in ihm empören, was er von

Jugend auf in sich unterdrückt hatte, weil er fühlte, dass es für ihn Qual und

Untergang bedeutete; es hatte ihn mit furchtbarer, unwiderstehlicher Gewalt

ergriffen und richtete ihn zu Grunde!

Es richtete ihn zu Grunde, das fühlte er. Aber wozu noch kämpfen und sich

quälen? Mochte alles seinen Lauf nehmen! Mochte er seinen Weg weitergehen

und die Augen schliessen vor dem gähnenden Abgrund dort hinten, gehorsam

dem Schicksal, gehorsam der überstarken, peinigend süssen Macht, der man

nicht zu entgehen vermag.

Das Wasser glitzerte, der Jasmin atmete seinen scharfen, schwülen Duft, die

Vögel zwitscherten rings umher in den Bäumen, zwischen denen ein schwerer,

sammetblauer Himmel leuchtete. Der kleine bucklige Herr Friedemann aber sass

noch lange auf seiner Bank. Er sass vornüber gebeugt, die Stirn in beide Hände

gestützt.

 

XIV.

 

Alle waren sich einig, dass man sich bei Rinnlingens vortrefflich unterhielt.

Etwa dreissig Personen sassen an der langen, geschmackvoll dekorierten Tafel,

die sich durch den weiten Speisesaal hinzog; der Bediente und zwei Lohndiener

eilten bereits mit dem Eise umher, es herrschte Geklirr, Geklapper und ein warmer Dunst von Speisen und Parfüms. Gemütliche Grosskaufleute mit ihren

Gemahlinnen und Töchtern waren hier versammelt; ausserdem fast sämtliche

Offiziere der Garnison, ein alter, beliebter Arzt, ein paar Juristen und was sonst

den ersten Kreisen sich beizählte. Auch ein Student der Mathematik war

anwesend, ein Neffe des Oberstlieutenants, der bei seinen Verwandten zu Besuch

war; er führte die tiefsten Gespräche mit Fräulein Hagenström, die Herrn

Friedemann gegenüber ihren Platz hatte.

Dieser sass auf einem schönen Sammetkissen am unteren Ende der Tafel

neben der nicht schönen Gattin des Gymnasialdirektors, nicht weit von Frau von

Rinnlingen, die von Konsul Stephens zu Tische geführt worden war. Es war

erstaunlich, was für eine Veränderung in diesen acht Tagen mit dem kleinen

Herrn Friedemann sich ereignet hatte. Vielleicht lag es zum Teil an dem weissen

Gasglühlicht, von dem der Saal erfüllt war, dass sein Gesicht so erschreckend

bleich erschien; aber seine Wangen waren eingefallen, seine geröteten und

dunkel umschatteten Augen zeigten einen unsäglich traurigen Schimmer, und es

sah aus, als sei seine Gestalt verkrüppelter als je. – Er trank viel Wein und

richtete hie und da ein paar Worte an seine Nachbarin.

Frau von Rinnlingen hatte bei Tische noch kein Wort mit Herrn Friedemann

gewechselt; jetzt beugte sie sich ein wenig vor und rief ihm zu:

»Ich habe Sie in diesen Tagen vergeblich erwartet, Sie und Ihre Geige.«

Er sah sie einen Augenblick vollkommen abwesend an, bevor er antwortete.

Sie trug eine helle, leichte Toilette, die ihren weissen Hals freiliess, und eine voll

erblühte Maréchal Niel-Rose war in ihrem leuchtenden Haar befestigt. Ihre

Wangen waren heute Abend ein wenig gerötet, aber wie immer lagerten

bläuliche Schatten in den Winkeln ihrer Augen.

Herr Friedemann blickte auf seinen Teller nieder und brachte irgend etwas

als Antwort hervor, worauf er der Gymnasialdirektorin die Frage beantworten

musste, ob er Beethoven liebe. In diesem Augenblick aber warf der

Oberstlieutenant, der ganz oben am Tische sass, seiner Gattin einen Blick zu,

schlug ans Glas und sagte:

»Meine Herrschaften, ich schlage vor, dass wir unseren Kaffee in den

anderen Zimmern trinken; übrigens muss es heute Abend auch im Garten nicht

übel sein, und wenn jemand dort ein wenig Luft schöpfen will, so halte ich es

mit ihm.«

In die eingetretene Stille hinein machte Lieutenant von Deidesheim aus

Taktgefühl einen Witz, so dass alles sich unter fröhlichem Gelächter erhob. Herr

Friedemann verliess als einer der letzten mit seiner Dame den Saal, geleitete sie

durch das altdeutsche Zimmer, wo man bereits zu rauchen begann, in das

halbdunkle und behagliche Wohngemach und verabschiedete sich von ihr.