Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel XIV
sah, wie der Fluss in der Sonne seines Weges zog, wie das Gras sich zitternd
bewegte und die Blumen dastanden, wo sie erblüht waren, um dann zu welken
und zu verwehen, sah, wie alles, alles mit dieser stummen Ergebenheit dem
Dasein sich beugte, – und es überkam ihn auf einmal die Empfindung von
Freundschaft und Einverständnis mit der Notwendigkeit, die eine Art von
Überlegenheit über alles Schicksal zu geben vermag.
Er dachte an jenen Nachmittag seines dreissigsten Geburtstages, als er,
glücklich im Besitze des Friedens, ohne Furcht und Hoffnung über den Rest
seines Lebens hinzublicken geglaubt hatte. Kein Licht und keinen Schatten hatte
er da gesehen, sondern in mildem Dämmerschein hatte alles vor ihm gelegen, bis
es dort hinten, unmerklich fast, im Dunkel verschwamm, und mit einem ruhigen
und überlegenen Lächeln hatte er den Jahren entgegen gesehen, die noch zu
kommen hatten – wie lange war das her?
Da war diese Frau gekommen, sie musste kommen, es war sein Schicksal,
sie selbst war sein Schicksal, sie allein! Hatte er das nicht gefühlt vom ersten
Augenblicke an? Sie war gekommen, und ob er auch versucht hatte, seinen
Frieden zu verteidigen, – für sie musste sich alles in ihm empören, was er von
Jugend auf in sich unterdrückt hatte, weil er fühlte, dass es für ihn Qual und
Untergang bedeutete; es hatte ihn mit furchtbarer, unwiderstehlicher Gewalt
ergriffen und richtete ihn zu Grunde!
Es richtete ihn zu Grunde, das fühlte er. Aber wozu noch kämpfen und sich
quälen? Mochte alles seinen Lauf nehmen! Mochte er seinen Weg weitergehen
und die Augen schliessen vor dem gähnenden Abgrund dort hinten, gehorsam
dem Schicksal, gehorsam der überstarken, peinigend süssen Macht, der man
nicht zu entgehen vermag.
Das Wasser glitzerte, der Jasmin atmete seinen scharfen, schwülen Duft, die
Vögel zwitscherten rings umher in den Bäumen, zwischen denen ein schwerer,
sammetblauer Himmel leuchtete. Der kleine bucklige Herr Friedemann aber sass
noch lange auf seiner Bank. Er sass vornüber gebeugt, die Stirn in beide Hände
gestützt.
XIV.
Alle waren sich einig, dass man sich bei Rinnlingens vortrefflich unterhielt.
Etwa dreissig Personen sassen an der langen, geschmackvoll dekorierten Tafel,
die sich durch den weiten Speisesaal hinzog; der Bediente und zwei Lohndiener
eilten bereits mit dem Eise umher, es herrschte Geklirr, Geklapper und ein warmer Dunst von Speisen und Parfüms. Gemütliche Grosskaufleute mit ihren
Gemahlinnen und Töchtern waren hier versammelt; ausserdem fast sämtliche
Offiziere der Garnison, ein alter, beliebter Arzt, ein paar Juristen und was sonst
den ersten Kreisen sich beizählte. Auch ein Student der Mathematik war
anwesend, ein Neffe des Oberstlieutenants, der bei seinen Verwandten zu Besuch
war; er führte die tiefsten Gespräche mit Fräulein Hagenström, die Herrn
Friedemann gegenüber ihren Platz hatte.
Dieser sass auf einem schönen Sammetkissen am unteren Ende der Tafel
neben der nicht schönen Gattin des Gymnasialdirektors, nicht weit von Frau von
Rinnlingen, die von Konsul Stephens zu Tische geführt worden war. Es war
erstaunlich, was für eine Veränderung in diesen acht Tagen mit dem kleinen
Herrn Friedemann sich ereignet hatte. Vielleicht lag es zum Teil an dem weissen
Gasglühlicht, von dem der Saal erfüllt war, dass sein Gesicht so erschreckend
bleich erschien; aber seine Wangen waren eingefallen, seine geröteten und
dunkel umschatteten Augen zeigten einen unsäglich traurigen Schimmer, und es
sah aus, als sei seine Gestalt verkrüppelter als je. – Er trank viel Wein und
richtete hie und da ein paar Worte an seine Nachbarin.
Frau von Rinnlingen hatte bei Tische noch kein Wort mit Herrn Friedemann
gewechselt; jetzt beugte sie sich ein wenig vor und rief ihm zu:
»Ich habe Sie in diesen Tagen vergeblich erwartet, Sie und Ihre Geige.«
Er sah sie einen Augenblick vollkommen abwesend an, bevor er antwortete.
Sie trug eine helle, leichte Toilette, die ihren weissen Hals freiliess, und eine voll
erblühte Maréchal Niel-Rose war in ihrem leuchtenden Haar befestigt. Ihre
Wangen waren heute Abend ein wenig gerötet, aber wie immer lagerten
bläuliche Schatten in den Winkeln ihrer Augen.
Herr Friedemann blickte auf seinen Teller nieder und brachte irgend etwas
als Antwort hervor, worauf er der Gymnasialdirektorin die Frage beantworten
musste, ob er Beethoven liebe. In diesem Augenblick aber warf der
Oberstlieutenant, der ganz oben am Tische sass, seiner Gattin einen Blick zu,
schlug ans Glas und sagte:
»Meine Herrschaften, ich schlage vor, dass wir unseren Kaffee in den
anderen Zimmern trinken; übrigens muss es heute Abend auch im Garten nicht
übel sein, und wenn jemand dort ein wenig Luft schöpfen will, so halte ich es
mit ihm.«
In die eingetretene Stille hinein machte Lieutenant von Deidesheim aus
Taktgefühl einen Witz, so dass alles sich unter fröhlichem Gelächter erhob. Herr
Friedemann verliess als einer der letzten mit seiner Dame den Saal, geleitete sie
durch das altdeutsche Zimmer, wo man bereits zu rauchen begann, in das
halbdunkle und behagliche Wohngemach und verabschiedete sich von ihr.