Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 21 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Enttäuschung.

 

Ich gestehe, dass mich die Reden dieses sonderbaren Herrn ganz und gar

verwirrten, und ich fürchte, dass ich auch jetzt noch nicht im stande sein werde,

sie auf eine Weise zu wiederholen, dass sie andere in ähnlicher Weise berührten,

wie an jenem Abend mich selbst. Vielleicht beruhte ihre Wirkung nur auf der

befremdlichen Offenheit, mit der ein ganz Unbekannter sie mir äusserte ...

Der Herbstvormittag, an dem mir jener Unbekannte auf der Piazza San

Marco zum ersten Male auffiel, liegt nun etwa zwei Monate zurück. Auf dem

weiten Platze bewegten sich nur wenige Menschen umher, aber vor dem bunten

Wunderbau, dessen üppige und märchenhafte Umrisse und goldene Zierrate sich

in entzückender Klarheit von einem zarten, lichtblauen Himmel abhoben,

flatterten in leichtem Seewind die Fahnen; grade vor dem Hauptportal hatte sich

um ein junges Mädchen, das Mais streute, ein ungeheurer Rudel von Tauben

versammelt, während immer mehr noch von allen Seiten herbeischossen ... Ein

Anblick von unvergleichlich lichter und festlicher Schönheit.

Da begegnete ich ihm, und ich habe ihn, während ich schreibe, mit

ausserordentlicher Deutlichkeit vor Augen. Er war kaum mittelgross und ging

schnell und gebückt, während er seinen Stock mit beiden Händen auf dem

Rücken hielt. Er trug einen schwarzen, steifen Hut, hellen Sommerüberzieher

und dunkelgestreifte Beinkleider. Aus irgend einem Grunde hielt ich ihn für

einen Engländer. Er konnte dreissig Jahre alt sein, vielleicht auch fünfzig. Sein

Gesicht, mit etwas dicker Nase und müdeblickenden, grauen Augen, war

glattrasiert, und um seinen Mund spielte beständig ein unerklärliches und ein

wenig blödes Lächeln. Nur von Zeit zu Zeit blickte er, indem er die

Augenbrauen hob, forschend um sich her, sah dann wieder vor sich zu Boden,

sprach ein paar Worte mit sich selbst, schüttelte den Kopf und lächelte. So ging

er beharrlich den Platz auf und nieder.

Von nun an beobachtete ich ihn täglich, denn er schien sich mit nichts

anderem zu beschäftigen, als bei gutem wie bei schlechtem Wetter, vormittags

wie nachmittags, dreissig- und fünfzigmal die Piazza auf und ab zu schreiten,

immer allein und immer mit dem gleichen seltsamen Gebahren.

An dem Abend, den ich im Sinne habe, hatte eine Militärkapelle konzertiert.

Ich sass an einem der kleinen Tische, die das Café Florian weit auf den Platz

hinausstellt, und als nach Schluss des Konzertes die Menge, die bis dahin in

dichten Strömen hin und wieder gewogt war, sich zu zerstreuen begann, nahm

der Unbekannte, auf abwesende Art lächelnd wie stets, an einem neben mir

freigewordenen Tische Platz.

Die Zeit verging, rings umher ward es stiller und stiller, und schon standen

weit und breit alle Tische leer. Kaum dass hier und da noch ein Mensch

vorüberschlenderte; ein majestätischer Friede lagerte über dem Platz, der

Himmel hatte sich mit Sternen bedeckt, und über der prachtvoll theatralischen

Façade von San Marco stand der halbe Mond.

Ich las, indem ich meinem Nachbar den Rücken zuwandte, in meiner Zeitung

und war eben im Begriff, ihn allein zu lassen, als ich mich genötigt sah, mich

halb nach ihm umzuwenden; denn während ich bislang nicht einmal das

Geräusch einer Bewegung von ihm vernommen hatte, begann er plötzlich zu

sprechen.

– Sie sind zum ersten Mal in Venedig, mein Herr? fragte er in schlechtem

Französisch; und als ich mich bemühte, ihm in englischer Sprache zu antworten,

fuhr er in dialektfreiem Deutsch zu sprechen fort mit einer leisen und heiseren

Stimme, die er oft durch ein Hüsteln aufzufrischen suchte.

– Sie sehen das alles zum ersten Male? Es erreicht Ihre Erwartungen? –

Übertrifft es sie vielleicht sogar? – Ah! Sie haben es sich nicht schöner gedacht?

– Das ist wahr? – Sie sagen das nicht nur, um glücklich und beneidenswert zu

erscheinen? – Ah! – Er lehnte sich zurück und betrachtete mich mit schnellem

Blinzeln und einem ganz unerklärlichen Gesichtsausdruck.

Die Pause, die eintrat, währte lange, und ohne zu wissen, wie dieses seltsame

Gespräch fortzusetzen sei, war ich aufs neue im Begriff, mich zu erheben, als er

sich hastig vorbeugte.

– Wissen Sie, mein Herr, was das ist: Enttäuschung? fragte er leise und

eindringlich, indem er sich mit beiden Händen auf seinen Stock lehnte. – Nicht

im Kleinen und Einzelnen ein Misslingen, ein Fehlschlagen, sondern die grosse,

die allgemeine Enttäuschung, die Enttäuschung, die alles, das ganze Leben

einem bereitet? Sicherlich, Sie kennen sie nicht. Ich aber bin von Jugend auf mit

ihr umhergegangen, und sie hat mich einsam, unglücklich und ein wenig

wunderlich gemacht, ich leugne es nicht.

Wie könnten Sie mich bereits verstehen, mein Herr? Vielleicht aber werden

Sie es, wenn ich Sie bitten darf, mir zwei Minuten lang zuzuhören. Denn wenn

es gesagt werden kann, so ist es schnell gesagt ...

Lassen Sie mich erwähnen, dass ich in einer ganz kleinen Stadt aufgewachsen bin in einem Pastorhause, in dessen überreinlichen Räumen ein

altmodisch pathetischer Gelehrtenoptimismus herrschte, und in dem man eine

eigentümliche Atmosphäre von Kanzelrhetorik einatmete – von diesen grossen

Wörtern für Gut und Böse, Schön und Hässlich, die ich so bitterlich hasse, weil

sie vielleicht, sie allein an meinem Leiden die Schuld tragen.

Das Leben bestand für mich schlechterdings aus grossen Wörtern, denn ich

kannte nichts davon als die ungeheuren und wesenlosen Ahnungen, die diese

Wörter in mir hervorriefen. Ich erwartete von den Menschen das göttlich Gute

und das haarsträubend Teuflische; ich erwartete vom Leben das entzückend

Schöne und das Grässliche, und eine Begierde nach alledem erfüllte mich, eine

tiefe, angstvolle Sehnsucht nach der weiten Wirklichkeit, nach dem Erlebnis,

gleichviel welcher Art, nach dem berauschend herrlichen Glück und dem

unsäglich, unahnbar furchtbaren Leiden.

Ich erinnere mich, mein Herr, mit einer traurigen Deutlichkeit der ersten

Enttäuschung meines Lebens, und ich bitte Sie, zu bemerken, dass sie

keineswegs in dem Fehlschlagen einer schönen Hoffnung bestand, sondern in

dem Eintritt eines Unglücks. Ich war beinahe noch ein Kind, als ein nächtlicher

Brand in meinem väterlichen Hause entstand. Das Feuer hatte heimlich und

tückisch um sich gegriffen, bis an meine Kammerthür brannte das ganze kleine

Stockwerk, und auch die Treppe war nicht weit entfernt, in Flammen

aufzugehen. Ich war der erste, der es bemerkte, und ich weiss, dass ich durch das

Haus stürzte, indem ich einmal über das andere den Ruf hervorstiess: »Nun

brennt es! Nun brennt es!« Ich entsinne mich dieses Wortes mit grosser

Genauigkeit, und ich weiss auch, welches Gefühl ihm zu Grunde lag, obgleich es

mir damals kaum zum Bewusstsein gekommen sein mag. Dies ist, so empfand

ich, eine Feuersbrunst; nun erlebe ich sie! Schlimmer ist es nicht? Das ist das

Ganze?...

Gott weiss, dass es keine Kleinigkeit war. Das ganze Haus brannte nieder,

wir alle retteten uns mit Mühe aus äusserster Gefahr, und ich selbst trug ganz

beträchtliche Verletzungen davon. Auch wäre es unrichtig, zu sagen, dass meine

Phantasie den Ereignissen vorgegriffen und mir einen Brand des Elternhauses

entsetzlicher ausgemalt hätte. Aber ein vages Ahnen, eine gestaltlose Vorstellung

von etwas noch weit Grässlicherem hatte in mir gelebt, und im Vergleich damit

erschien die Wirklichkeit mir matt. Die Feuersbrunst war mein erstes grosses

Erlebnis: eine furchtbare Hoffnung wurde damit enttäuscht.

Fürchten Sie nicht, dass ich fortfahren werde, Ihnen meine Enttäuschungen

im einzelnen zu berichten. Ich begnüge mich damit, zu sagen, dass ich mit

unglückseligem Eifer meine grossartigen Erwartungen vom Leben durch tausend

Bücher nährte: durch die Werke der Dichter. Ach, ich habe gelernt, sie zu hassen, diese Dichter, die ihre grossen Wörter an alle Wände schreiben und sie mit einer

in den Vesuv getauchten Ceder am liebsten an die Himmelsdecke malen

möchten – während doch ich nicht umhin kann, jedes grosse Wort als eine Lüge

oder als einen Hohn zu empfinden!

Verzückte Poeten haben mir vorgesungen, die Sprache sei arm, ach, sie sei

arm – oh nein, mein Herr! Die Sprache, dünkt mich, ist reich, ist

überschwenglich reich im Vergleich mit der Dürftigkeit und Begrenztheit des

Lebens. Der Schmerz hat seine Grenzen: der körperliche in der Ohnmacht, der

seelische im Stumpfsinn, – es ist mit dem Glück nicht anders! Das menschliche

Mitteilungsbedürfnis aber hat sich Laute erfunden, die über diese Grenzen

hinweglügen.

Liegt es an mir? Läuft nur mir die Wirkung gewisser Wörter auf eine Weise

das Rückenmark hinunter, dass sie mir Ahnungen von Erlebnissen erwecken, die

es gar nicht giebt?

Ich bin in das berühmte Leben hinausgetreten, voll von dieser Begierde nach

einem, einem Erlebnis, das meinen grossen Ahnungen entspräche. Gott helfe

mir, es ist mir nicht zu teil geworden! Ich bin umhergeschweift, um die

gepriesensten Gegenden der Erde zu besuchen, um vor die Kunstwerke

hinzutreten, um die die Menschheit mit den grössten Wörtern tanzt; ich habe

davor gestanden und mir gesagt: Es ist schön. Und doch: Schöner ist es nicht?

Das ist das Ganze?

Ich habe keinen Sinn für Thatsächlichkeiten; das sagt vielleicht alles.

Irgendwo in der Welt stand ich einmal im Gebirge an einer tiefen, schmalen

Schlucht. Die Felsenwände waren nackt und senkrecht, und drunten brauste das

Wasser über die Blöcke vorbei. Ich blickte hinab und dachte: Wie, wenn ich

stürzte? Aber ich hatte Erfahrung genug, mir zu antworten: Wenn es geschähe,

so würde ich im Falle zu mir sprechen: Nun stürzt du hinab, nun ist es

Thatsache! Was ist das nun eigentlich? –

Wollen Sie mir glauben, dass ich genug erlebt habe, um ein wenig mitreden

zu können? Vor Jahren liebte ich ein Mädchen, ein zartes und holdes Geschöpf,

das ich an meiner Hand und unter meinem Schutze gern dahingeführt hätte; sie

aber liebte mich nicht, das war kein Wunder, und ein anderer durfte sie schützen

... Giebt es ein Erlebnis, das leidvoller wäre? Giebt es etwas Peinigenderes als

diese herbe Drangsal, die mit Wollust grausam vermengt ist? Ich habe manche

Nacht mit offenen Augen gelegen, und trauriger, quälender als alles übrige war

stets der Gedanke: Dies ist der grosse Schmerz! Nun erlebe ich ihn! – Was ist

das nun eigentlich? –

Ist es nötig, dass ich Ihnen auch von meinem Glücke spreche? Denn auch das

Glück habe ich erlebt, auch das Glück hat mich enttäuscht ... Es ist nicht nötig; denn dies alles sind plumpe Beispiele, die Ihnen nicht klar machen werden, dass

es das Leben im ganzen und allgemeinen ist, das Leben in seinem

mittelmässigen, uninteressanten und matten Verlaufe, das mich enttäuscht hat,

enttäuscht, enttäuscht.

»Was ist,« schreibt der junge Werther einmal, »der Mensch, der gepriesene

Halbgott? Ermangeln ihm nicht eben da die Kräfte, wo er sie am nötigsten

braucht? Und wenn er in Freude sich aufschwingt oder in Leiden versinkt, wird

er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da zu dem stumpfen, kalten

Bewusstsein wieder zurückgebracht, da er sich in der Fülle des Unendlichen zu

verlieren sehnte?«

Ich gedenke oft des Tages, an dem ich das Meer zum ersten Male erblickte.

Das Meer ist gross, das Meer ist weit, mein Blick schweifte vom Strande hinaus

und hoffte, befreit zu sein: dort hinten aber war der Horizont. Warum habe ich

einen Horizont? Ich habe vom Leben das Unendliche erwartet.

Vielleicht ist er enger, mein Horizont, als der anderer Menschen? Ich habe

gesagt, mir fehle der Sinn für Thatsächlichkeiten, – habe ich vielleicht zu viel

Sinn dafür? Kann ich zu bald nicht mehr? Bin ich zu schnell fertig? Kenne ich

Glück und Schmerz nur in den niedrigsten Graden, nur in verdünntem Zustande?

Ich glaube es nicht; und ich glaube den Menschen nicht, ich glaube den

wenigsten, die angesichts des Lebens in die grossen Wörter der Dichter

einstimmen – es ist Feigheit und Lüge! Haben Sie übrigens bemerkt, mein Herr,

dass es Menschen giebt, die so eitel sind und so gierig nach der Hochachtung

und dem heimlichen Neide der anderen, dass sie vorgeben, nur die grossen

Wörter des Glücks erlebt zu haben, nicht aber die des Leidens?

Es ist dunkel, und Sie hören mir kaum noch zu; darum will ich es mir heute

noch einmal gestehen, dass auch ich, ich selbst es einst versucht habe, mit diesen

Menschen zu lügen, um mich vor mir und den anderen als glücklich

hinzustellen. Aber es ist manches Jahr her, dass diese Eitelkeit zusammenbrach,

und ich bin einsam, unglücklich und ein wenig wunderlich geworden, ich leugne

es nicht.

Es ist meine Lieblingsbeschäftigung, bei Nacht den Sternenhimmel zu

betrachten, denn ist das nicht die beste Art, von der Erde und vom Leben

abzusehen? Und vielleicht ist es verzeihlich, dass ich es mir dabei angelegen

sein lasse, mir meine Ahnungen wenigstens zu wahren? Von einem befreiten

Leben zu träumen, in dem die Wirklichkeit in meinen grossen Ahnungen ohne

den quälenden Rest der Enttäuschung aufgeht? Von einem Leben, in dem es

keinen Horizont mehr giebt?...

Ich träume davon, und ich erwarte den Tod. Ach, ich kenne ihn bereits so

genau, den Tod, diese letzte Enttäuschung! Das ist der Tod, werde ich im letzten Augenblicke zu mir sprechen; nun erlebe ich ihn! – Was ist das nun eigentlich? –

Aber es ist kalt geworden auf dem Platze, mein Herr; ich bin im stande, das

zu empfinden, hehe! Ich empfehle mich Ihnen aufs allerbeste. Adieu ...