Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 25 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel IV

 

Eines Nachmittags, als ich etwa achtzehn Jahre alt war und an der Schwelle

der hohen Schulklassen stand, belauschte ich ein kurzes Zwiegespräch zwischen

meinen Eltern, die im Wohnzimmer an dem runden Sofatisch beisammensassen

und nicht wussten, dass ich im anliegenden Speisezimmer thatenlos im Fenster

lag und über den Giebelhäusern den blassen Himmel betrachtete. Als ich meinen

Namen verstand, trat ich leise an die weisse Flügelthür, die halb offen stand.

Mein Vater sass in seinen Sessel zurückgelehnt, ein Bein über das andere

geschlagen, und hielt mit der einen Hand das Börsenblatt auf den Knieen,

während er auf der anderen langsam zwischen den Cotelettes sein Kinn

streichelte. Meine Mutter sass auf dem Sofa und hatte ihr stilles Gesicht über

eine Stickerei geneigt. Die Lampe stand zwischen beiden.

Mein Vater sagte: – »Ich bin der Meinung, dass wir ihn demnächst aus der

Schule entfernen und in ein gross angelegtes Geschäft in die Lehre thun.«

– »Oh,« sagte meine Mutter ganz betrübt und blickte auf. »Ein so begabtes

Kind!«

Mein Vater schwieg einen Augenblick, während er mit Sorgfalt eine

Staubfaser von seinem Rocke blies. Dann hob er die Achseln empor, breitete die

Arme aus, indem er meiner Mutter beide Handflächen entgegenhielt und sagte:

– »Wenn Du annimmst, meine Liebe, dass zu der Thätigkeit eines

Kaufmanns keinerlei Begabung gehört, so ist diese Auffassung eine irrige.

Andererseits bringt es der Junge, wie ich zu meinem Leidwesen mehr und mehr

erkennen muss, auf der Schule schlechterdings zu nichts. Seine Begabung, von

der Du sprichst, ist eine Art von Bajazzobegabung, wobei ich mich beeile,

hinzuzufügen, dass ich dergleichen durchaus nicht unterschätze. Er kann

liebenswürdig sein, wenn er Lust hat, er versteht es, mit den Leuten umzugehen,

sie zu amüsieren, ihnen zu schmeicheln, er hat das Bedürfnis, ihnen zu gefallen

und Erfolge zu erzielen; mit derartiger Veranlagung hat bereits mancher sein

Glück gemacht, und mit ihr ist er angesichts seiner sonstigen Indifferenz zum

Handelsmann grösseren Stils relativ geeignet.«

Hier lehnte mein Vater sich befriedigt zurück, nahm eine Cigarette aus dem

Etui und setzte sie langsam in Brand.

– »Du hast sicherlich recht,« sagte meine Mutter und blickte wehmütig im

Zimmer umher. – »Ich habe nur oftmals geglaubt und gewissermassen gehofft,

es könne einmal ein Künstler aus ihm werden ... Es ist wahr, auf sein

musikalisches Talent, das unausgebildet geblieben ist, darf wohl kein Gewicht

gelegt werden; aber hast Du bemerkt, dass er sich neuerdings, seitdem er die kleine Kunstausstellung besuchte, ein wenig mit Zeichnen beschäftigt? Es ist gar