Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel IV
Eines Nachmittags, als ich etwa achtzehn Jahre alt war und an der Schwelle
der hohen Schulklassen stand, belauschte ich ein kurzes Zwiegespräch zwischen
meinen Eltern, die im Wohnzimmer an dem runden Sofatisch beisammensassen
und nicht wussten, dass ich im anliegenden Speisezimmer thatenlos im Fenster
lag und über den Giebelhäusern den blassen Himmel betrachtete. Als ich meinen
Namen verstand, trat ich leise an die weisse Flügelthür, die halb offen stand.
Mein Vater sass in seinen Sessel zurückgelehnt, ein Bein über das andere
geschlagen, und hielt mit der einen Hand das Börsenblatt auf den Knieen,
während er auf der anderen langsam zwischen den Cotelettes sein Kinn
streichelte. Meine Mutter sass auf dem Sofa und hatte ihr stilles Gesicht über
eine Stickerei geneigt. Die Lampe stand zwischen beiden.
Mein Vater sagte: – »Ich bin der Meinung, dass wir ihn demnächst aus der
Schule entfernen und in ein gross angelegtes Geschäft in die Lehre thun.«
– »Oh,« sagte meine Mutter ganz betrübt und blickte auf. »Ein so begabtes
Kind!«
Mein Vater schwieg einen Augenblick, während er mit Sorgfalt eine
Staubfaser von seinem Rocke blies. Dann hob er die Achseln empor, breitete die
Arme aus, indem er meiner Mutter beide Handflächen entgegenhielt und sagte:
– »Wenn Du annimmst, meine Liebe, dass zu der Thätigkeit eines
Kaufmanns keinerlei Begabung gehört, so ist diese Auffassung eine irrige.
Andererseits bringt es der Junge, wie ich zu meinem Leidwesen mehr und mehr
erkennen muss, auf der Schule schlechterdings zu nichts. Seine Begabung, von
der Du sprichst, ist eine Art von Bajazzobegabung, wobei ich mich beeile,
hinzuzufügen, dass ich dergleichen durchaus nicht unterschätze. Er kann
liebenswürdig sein, wenn er Lust hat, er versteht es, mit den Leuten umzugehen,
sie zu amüsieren, ihnen zu schmeicheln, er hat das Bedürfnis, ihnen zu gefallen
und Erfolge zu erzielen; mit derartiger Veranlagung hat bereits mancher sein
Glück gemacht, und mit ihr ist er angesichts seiner sonstigen Indifferenz zum
Handelsmann grösseren Stils relativ geeignet.«
Hier lehnte mein Vater sich befriedigt zurück, nahm eine Cigarette aus dem
Etui und setzte sie langsam in Brand.
– »Du hast sicherlich recht,« sagte meine Mutter und blickte wehmütig im
Zimmer umher. – »Ich habe nur oftmals geglaubt und gewissermassen gehofft,
es könne einmal ein Künstler aus ihm werden ... Es ist wahr, auf sein
musikalisches Talent, das unausgebildet geblieben ist, darf wohl kein Gewicht
gelegt werden; aber hast Du bemerkt, dass er sich neuerdings, seitdem er die kleine Kunstausstellung besuchte, ein wenig mit Zeichnen beschäftigt? Es ist gar