Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel XIII
Ich bin entschlossen, diese Niederschrift zu Ende zu führen, obgleich ich
vor innerem Widerstreben in jedem Augenblicke aufspringen und davonlaufen
möchte. Ich habe in dieser Angelegenheit so bis zur Erschlaffung gegraben und
gebohrt! Ich bin alles dessen so bis zur Übelkeit überdrüssig!...
Es sind nicht völlig drei Monate, dass mich die Zeitungen über einen
»Bazar« unterrichteten, der zu Zwecken der Wohlthätigkeit im Rathause der
Stadt arrangiert worden war, und zwar unter Beteiligung der vornehmen Welt.
Ich las diese Annonce mit Aufmerksamkeit, und ich war gleich darauf
entschlossen, den Bazar zu besuchen. Sie wird dort sein, dachte ich, vielleicht als
Verkäuferin, und in diesem Falle wird nichts mich abhalten, mich ihr zu nähern.
Ruhig überlegt bin ich Mensch von Bildung und guter Familie, und wenn mir
dieses Fräulein Rainer gefällt, so ist es mir bei solcher Gelegenheit so wenig wie
dem Herrn mit dem erstaunlichen Hemdeinsatz verwehrt, sie anzureden, ein paar
scherzhafte Worte mit ihr zu wechseln ...
Es war ein windiger und regnerischer Nachmittag, als ich mich zum
Rathause begab, vor dessen Portal ein Gedränge von Menschen und Wagen
herrschte. Ich bahnte mir einen Weg in das Gebäude, erlegte das Eintrittsgeld,
gab Überzieher und Hut in Verwahrung und gelangte mit einiger Anstrengung
die breite, mit Menschen bedeckte Treppe hinauf ins erste Stockwerk und in den
Festsaal, aus dem mir ein schwüler Dunst von Wein, Speisen, Parfüms und
Tannengeruch, ein wirrer Lärm von Gelächter, Gespräch, Musik, Ausrufen und
Gongschlägen entgegendrang.
Der ungeheuer hohe und weite Raum war mit Fahnen und Guirlanden
buntfarbig geschmückt, und an den Wänden wie in der Mitte zogen sich die
Buden hin, offene Verkaufsstellen sowohl, wie geschlossene Verschläge, deren
Besuch phantastisch maskierte Herren aus vollen Lungen empfahlen. Die
Damen, die ringsumher Blumen, Handarbeiten, Tabak und Erfrischungen aller
Art verkauften, waren gleichfalls in verschiedener Weise kostümiert. Am oberen
Ende des Saales lärmte auf einer mit Pflanzen besetzten Estrade die
Musikkapelle, während in dem nicht breiten Gange, den die Buden freiliessen,
ein kompakter Zug von Menschen sich langsam vorwärts bewegte.
Ein wenig frappiert von dem Geräusch der Musik, der Glückshäfen, der
lustigen Reklame, schloss ich mich dem Strome an, und noch war keine Minute
vergangen, als ich vier Schritte links vom Eingange die junge Dame erblickte,
die ich hier suchte. Sie hielt in einer kleinen, mit Tannenlaub bekränzten Bude
Weine und Limonaden feil und war als Italienerin gekleidet: mit dem bunten Rock, der weissen, rechtwinkligen Kopfbedeckung und dem kurzen Mieder der
Albanerinnen, dessen Hemdärmel ihre zarten Arme bis zu den Ellenbogen
entblösst liessen. Ein wenig erhitzt lehnte sie seitwärts am Verkaufstisch, spielte
mit ihrem bunten Fächer und plauderte mit einer Anzahl von Herren, die
rauchend die Bude umstanden, und unter denen ich mit dem ersten Blicke den
Wohlbekannten gewahrte; ihr zunächst stand er am Tische, vier Finger jeder
Hand in den Seitentaschen seines Jaquetts.
Ich drängte langsam vorüber, entschlossen, zu ihr zu treten, sobald eine
Gelegenheit sich böte, sobald sie weniger in Anspruch genommen wäre ... Ah!
Es sollte sich erweisen nunmehr, ob ich noch über einen Rest von fröhlicher
Sicherheit und selbstbewusster Gewandtheit verfügte, oder ob die Morosität und
die halbe Verzweiflung meiner letzten Wochen berechtigt gewesen war! Was
hatte mich eigentlich angefochten? Woher angesichts dieses Mädchens dies
peinigende und elende Mischgefühl aus Neid, Liebe, Scham und gereizter
Bitterkeit, das mir auch nun wieder, ich bekenne es, das Gesicht erhitzte?
Freimut! Liebenswürdigkeit! Heitere und anmutige Selbstgefälligkeit, zum
Teufel, wie sie einem begabten und glücklichen Menschen geziemt! Und ich
dachte mit einem nervösen Eifer der scherzhaften Wendung, dem guten Worte,
der italienischen Anrede nach, mit der ich mich ihr zu nähern beabsichtigte ...
Es währte eine gute Weile, bis ich in der schwerfällig vorwärts schiebenden
Menge den Weg um den Saal zurückgelegt hatte, – und in der That: als ich mich
aufs neue bei der kleinen Weinbude befand, war der Halbkreis von Herren
verschwunden, und nur der Wohlbekannte lehnte noch am Schanktische, indem
er sich aufs lebhafteste mit der jungen Verkäuferin unterhielt. Nun wohl, so
musste ich mir erlauben, diese Unterhaltung zu unterbrechen ... Und mit einer
kurzen Wendung verliess ich den Strom und stand am Tische.
Was geschah? Ah, nichts! Beinahe nichts! Die Konversation brach ab, der
Wohlbekannte trat einen Schritt zur Seite, indem er mit allen fünf Fingern sein
rand- und bandloses Binocle erfasste und mich zwischen diesen Fingern
hindurch betrachtete, und die junge Dame liess einen ruhigen und prüfenden
Blick über mich hingleiten – über meinen Anzug bis auf die Stiefel hinab. Dieser
Anzug war keineswegs neu, und diese Stiefel waren vom Strassenkot besudelt,
ich wusste das. Überdies war ich erhitzt, und mein Haar war sehr
möglicherweise in Unordnung. Ich war nicht kühl, nicht frei, nicht auf der Höhe
der Situation. Das Gefühl, dass ich, ein Fremder, Unberechtigter, Unzugehöriger,
hier störte und mich lächerlich machte, befiel mich. Unsicherheit, Hilflosigkeit,
Hass und Jämmerlichkeit verwirrten mir den Blick, und mit einem Worte, ich
führte meine munteren Absichten aus, indem ich mit finster
zusammengezogenen Brauen, mit heiserer Stimme und auf kurze, beinahe grobe Weise sagte: