Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 3 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel V

nahm alle seine Empfindungen und Stimmungen bereitwilligst auf und pflegte

sie, die trüben so gut wie die heiteren: auch die unerfüllten Wünsche, – die

Sehnsucht. Er liebte sie um ihrer selbst willen und sagte sich, dass mit der

Erfüllung das Beste vorbei sein würde. Ist das süsse, schmerzliche, vage Sehnen

und Hoffen stiller Frühlingsabende nicht genussreicher als alle Erfüllungen, die

der Sommer zu bringen vermöchte? – Ja, er war ein Epikuräer, der kleine Herr

Friedemann!

Das wussten die Leute wohl nicht, die ihn auf der Strasse mit jener mitleidig

freundlichen Art begrüssten, an die er von jeher gewöhnt war. Sie wussten nicht,

dass dieser unglückliche Krüppel, der da mit seiner putzigen Wichtigkeit in

hellem Überzieher und blankem Cylinder – er war seltsamerweise ein wenig

eitel – durch die Strassen marschierte, das Leben zärtlich liebte, das ihm sanft

dahinfloss, ohne grosse Affekte, aber erfüllt von einem stillen und zarten Glück,

das er sich zu schaffen wusste.

 

V.

 

Die Hauptneigung aber des Herrn Friedemann, seine eigentliche

Leidenschaft war das Theater. Er besass ein ungemein starkes dramatisches

Empfinden, und bei einer wuchtigen Bühnenwirkung, der Katastrophe eines

Trauerspiels, konnte sein ganzer kleiner Körper ins Zittern geraten. Er hatte auf

dem ersten Range des Stadttheaters seinen bestimmten Platz, den er mit

Regelmässigkeit besuchte, und hin und wieder begleiteten ihn seine drei

Schwestern dorthin. Sie führten seit dem Tode der Mutter sich und ihrem Bruder

allein die Wirtschaft in dem alten Hause, in dessen Besitz sie sich mit ihm

teilten.

Verheiratet waren sie leider noch immer nicht; aber sie waren längst in einem

Alter, in dem man sich bescheidet, denn Friederike, die Älteste, hatte siebzehn

Jahre vor Herrn Friedemann voraus. Sie und ihre Schwester Henriette waren ein

wenig zu lang und dünn, während Pfiffi, die Jüngste, allzu klein und beleibt

erschien. Letztere übrigens hatte eine drollige Art, sich bei jedem Worte zu

schütteln und Feuchtigkeit dabei in die Mundwinkel zu bekommen.

Der kleine Herr Friedemann kümmerte sich nicht viel um die drei Mädchen:

sie aber hielten treu zusammen und waren stets einer Meinung. Besonders wenn

eine Verlobung in ihrer Bekanntschaft sich ereignete, betonten sie einstimmig,

dass dies ja sehr erfreulich sei.

Ihr Bruder fuhr fort, bei ihnen zu wohnen, auch als er die Holzhandlung des Herrn Schlievogt verliess und sich selbständig machte, indem er irgend ein