Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel V
nahm alle seine Empfindungen und Stimmungen bereitwilligst auf und pflegte
sie, die trüben so gut wie die heiteren: auch die unerfüllten Wünsche, – die
Sehnsucht. Er liebte sie um ihrer selbst willen und sagte sich, dass mit der
Erfüllung das Beste vorbei sein würde. Ist das süsse, schmerzliche, vage Sehnen
und Hoffen stiller Frühlingsabende nicht genussreicher als alle Erfüllungen, die
der Sommer zu bringen vermöchte? – Ja, er war ein Epikuräer, der kleine Herr
Friedemann!
Das wussten die Leute wohl nicht, die ihn auf der Strasse mit jener mitleidig
freundlichen Art begrüssten, an die er von jeher gewöhnt war. Sie wussten nicht,
dass dieser unglückliche Krüppel, der da mit seiner putzigen Wichtigkeit in
hellem Überzieher und blankem Cylinder – er war seltsamerweise ein wenig
eitel – durch die Strassen marschierte, das Leben zärtlich liebte, das ihm sanft
dahinfloss, ohne grosse Affekte, aber erfüllt von einem stillen und zarten Glück,
das er sich zu schaffen wusste.
V.
Die Hauptneigung aber des Herrn Friedemann, seine eigentliche
Leidenschaft war das Theater. Er besass ein ungemein starkes dramatisches
Empfinden, und bei einer wuchtigen Bühnenwirkung, der Katastrophe eines
Trauerspiels, konnte sein ganzer kleiner Körper ins Zittern geraten. Er hatte auf
dem ersten Range des Stadttheaters seinen bestimmten Platz, den er mit
Regelmässigkeit besuchte, und hin und wieder begleiteten ihn seine drei
Schwestern dorthin. Sie führten seit dem Tode der Mutter sich und ihrem Bruder
allein die Wirtschaft in dem alten Hause, in dessen Besitz sie sich mit ihm
teilten.
Verheiratet waren sie leider noch immer nicht; aber sie waren längst in einem
Alter, in dem man sich bescheidet, denn Friederike, die Älteste, hatte siebzehn
Jahre vor Herrn Friedemann voraus. Sie und ihre Schwester Henriette waren ein
wenig zu lang und dünn, während Pfiffi, die Jüngste, allzu klein und beleibt
erschien. Letztere übrigens hatte eine drollige Art, sich bei jedem Worte zu
schütteln und Feuchtigkeit dabei in die Mundwinkel zu bekommen.
Der kleine Herr Friedemann kümmerte sich nicht viel um die drei Mädchen:
sie aber hielten treu zusammen und waren stets einer Meinung. Besonders wenn
eine Verlobung in ihrer Bekanntschaft sich ereignete, betonten sie einstimmig,
dass dies ja sehr erfreulich sei.
Ihr Bruder fuhr fort, bei ihnen zu wohnen, auch als er die Holzhandlung des Herrn Schlievogt verliess und sich selbständig machte, indem er irgend ein