Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 4 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel VI

kleines Geschäft übernahm, eine Agentur oder dergleichen, was nicht allzuviel

Arbeit in Anspruch nahm. Er hatte ein paar Parterre-Räumlichkeiten des Hauses

inne, damit er nur zu den Mahlzeiten die Treppe hinaufzusteigen brauchte, denn

hin und wieder litt er ein wenig an Asthma. –

An seinem dreissigsten Geburtstage, einem hellen und warmen Junitage, sass

er nach dem Mittagessen in dem grauen Gartenzelt mit einer neuen Nackenrolle,

die Henriette ihm gearbeitet hatte, einer guten Cigarre im Munde und einem

guten Buche in der Hand. Dann und wann hielt er das letztere beiseite, horchte

auf das vergnügte Zwitschern von Sperlingen, die in dem alten Nussbaum

sassen, und blickte auf den sauberen Kiesweg, der zum Hause führte, und auf

den Rasenplatz mit den bunten Beeten.

Der kleine Herr Friedemann trug keinen Bart, und sein Gesicht hatte sich fast

gar nicht verändert; nur dass die Züge ein wenig schärfer geworden waren. Sein

feines, lichtbraunes Haar trug er seitwärts glatt gescheitelt.

Als er einmal das Buch ganz auf die Kniee hinabsinken liess und hinauf in

den blauen, sonnigen Himmel blinzelte, sagte er zu sich: »Das wären nun

dreissig Jahre. Nun kommen vielleicht noch zehn oder auch noch zwanzig, Gott

weiss es. Sie werden still und geräuschlos daherkommen und vorüberziehen wie

die verflossenen, und ich erwarte sie mit Seelenfrieden.« –

 

VI.

 

Im Juli desselben Jahres ereignete sich jener Wechsel in der Bezirks-

Kommandantur, der alle Welt in Erregung versetzte. Der beleibte, joviale Herr,

der lange Jahre hindurch diesen Posten innegehabt hatte, war in den

gesellschaftlichen Kreisen sehr beliebt gewesen, und man sah ihn ungern

scheiden. Gott weiss, infolge welches Umstandes nun ausgemacht Herr von

Rinnlingen aus der Hauptstadt hierher gelangte.

Der Tausch schien übrigens nicht übel zu sein, denn der neue

Oberstlieutenant, der verheiratet aber kinderlos war, mietete in der südlichen

Vorstadt eine sehr geräumige Villa, woraus man schloss, dass er ein Haus zu

machen gedachte. Jedenfalls wurde das Gerücht, er sei ganz ausserordentlich

vermögend, auch dadurch bestätigt, dass er vier Dienstboten, fünf Reit- und

Wagenpferde, einen Landauer und einen leichten Jagdwagen mit sich brachte.

Die Herrschaften begannen bald nach ihrer Ankunft bei den angesehenen

Familien Besuche zu machen, und ihr Name war in aller Munde; das

Hauptinteresse aber nahm schlechterdings nicht Herr von Rinnlingen selbst in Anspruch, sondern seine Gattin. Die Herren waren verblüfft und hatten