Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 2 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel IV

mir aber vermag es immer nur Gram und Leid zu bringen. Ich bin fertig damit.

Es ist für mich abgethan. Nie wieder. –«

Der Entschluss that ihm wohl. Er verzichtete, verzichtete auf immer. Er ging

nach Hause und nahm ein Buch zur Hand oder spielte Violine, was er trotz

seiner verwachsenen Brust erlernt hatte.

 

IV.

 

Mit siebenzehn Jahren verliess er die Schule, um Kaufmann zu werden,

wie in seinen Kreisen alle Welt es war, und trat in das grosse Holzgeschäft des

Herrn Schlievogt, unten am Fluss, als Lehrling ein. Man behandelte ihn mit

Nachsicht, er seinerseits war freundlich und entgegenkommend, und friedlich

und geregelt verging die Zeit. In seinem einundzwanzigsten Lebensjahre aber

starb nach langem Leiden seine Mutter.

Das war ein grosser Schmerz für Johannes Friedemann, den er sich lange

bewahrte. Er genoss ihn, diesen Schmerz, er gab sich ihm hin, wie man sich

einem grossen Glücke hingiebt, er pflegte ihn mit tausend

Kindheitserinnerungen und beutete ihn aus als sein erstes starkes Erlebnis.

Ist nicht das Leben an sich etwas Gutes, gleichviel, ob es sich nun so für uns

gestaltet, dass man es »glücklich« nennt? Johannes Friedemann fühlte das, und

er liebte das Leben. Niemand versteht, mit welcher innigen Sorgfalt er, der auf

das grösste Glück, das es uns zu bieten vermag, Verzicht geleistet hatte, die

Freuden, die ihm zugänglich waren, zu geniessen wusste. Ein Spaziergang zur

Frühlingszeit draussen in den Anlagen vor der Stadt, der Duft einer Blume, der

Gesang eines Vogels – konnte man für solche Dinge nicht dankbar sein?

Und dass zur Genussfähigkeit Bildung gehört, ja, dass Bildung immer nur

gleich Genussfähigkeit ist, – auch das verstand er: und er bildete sich. Er liebte

die Musik und besuchte alle Konzerte, die etwa in der Stadt veranstaltet wurden.

Er selbst spielte allmählich, obgleich er sich ungemein merkwürdig dabei

ausnahm, die Geige nicht übel und freute sich an jedem schönen und weichen

Ton, der ihm gelang. Auch hatte er sich durch viele Lektüre mit der Zeit einen

litterarischen Geschmack angeeignet, den er wohl in der Stadt mit niemandem

teilte. Er war unterrichtet über die neueren Erscheinungen des In- und

Auslandes, er wusste den rhythmischen Reiz eines Gedichtes auszukosten, die

intime Stimmung einer fein geschriebenen Novelle auf sich wirken zu lassen ...

oh! man konnte beinahe sagen, dass er ein Epikuräer war.

Er lernte begreifen, dass alles geniessenswert, und dass es beinahe thöricht ist, zwischen glücklichen und unglücklichen Erlebnissen zu unterscheiden. Er