Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel IV
mir aber vermag es immer nur Gram und Leid zu bringen. Ich bin fertig damit.
Es ist für mich abgethan. Nie wieder. –«
Der Entschluss that ihm wohl. Er verzichtete, verzichtete auf immer. Er ging
nach Hause und nahm ein Buch zur Hand oder spielte Violine, was er trotz
seiner verwachsenen Brust erlernt hatte.
IV.
Mit siebenzehn Jahren verliess er die Schule, um Kaufmann zu werden,
wie in seinen Kreisen alle Welt es war, und trat in das grosse Holzgeschäft des
Herrn Schlievogt, unten am Fluss, als Lehrling ein. Man behandelte ihn mit
Nachsicht, er seinerseits war freundlich und entgegenkommend, und friedlich
und geregelt verging die Zeit. In seinem einundzwanzigsten Lebensjahre aber
starb nach langem Leiden seine Mutter.
Das war ein grosser Schmerz für Johannes Friedemann, den er sich lange
bewahrte. Er genoss ihn, diesen Schmerz, er gab sich ihm hin, wie man sich
einem grossen Glücke hingiebt, er pflegte ihn mit tausend
Kindheitserinnerungen und beutete ihn aus als sein erstes starkes Erlebnis.
Ist nicht das Leben an sich etwas Gutes, gleichviel, ob es sich nun so für uns
gestaltet, dass man es »glücklich« nennt? Johannes Friedemann fühlte das, und
er liebte das Leben. Niemand versteht, mit welcher innigen Sorgfalt er, der auf
das grösste Glück, das es uns zu bieten vermag, Verzicht geleistet hatte, die
Freuden, die ihm zugänglich waren, zu geniessen wusste. Ein Spaziergang zur
Frühlingszeit draussen in den Anlagen vor der Stadt, der Duft einer Blume, der
Gesang eines Vogels – konnte man für solche Dinge nicht dankbar sein?
Und dass zur Genussfähigkeit Bildung gehört, ja, dass Bildung immer nur
gleich Genussfähigkeit ist, – auch das verstand er: und er bildete sich. Er liebte
die Musik und besuchte alle Konzerte, die etwa in der Stadt veranstaltet wurden.
Er selbst spielte allmählich, obgleich er sich ungemein merkwürdig dabei
ausnahm, die Geige nicht übel und freute sich an jedem schönen und weichen
Ton, der ihm gelang. Auch hatte er sich durch viele Lektüre mit der Zeit einen
litterarischen Geschmack angeeignet, den er wohl in der Stadt mit niemandem
teilte. Er war unterrichtet über die neueren Erscheinungen des In- und
Auslandes, er wusste den rhythmischen Reiz eines Gedichtes auszukosten, die
intime Stimmung einer fein geschriebenen Novelle auf sich wirken zu lassen ...
oh! man konnte beinahe sagen, dass er ein Epikuräer war.
Er lernte begreifen, dass alles geniessenswert, und dass es beinahe thöricht ist, zwischen glücklichen und unglücklichen Erlebnissen zu unterscheiden. Er