Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel II
meine Mutter und meine beiden älteren Schwestern solchen Scenen beiwohnten;
vielleicht, weil mein Vater mir Ehrgeiz einflössen wollte, es so weit in der Welt
zu bringen wie er; vielleicht auch, wie ich argwöhne, weil er eines Publikums
bedurfte. Er hatte eine Art, an seinen Stuhl gelehnt und die eine Hand in den
Rockaufschlag geschoben, dem beglückten oder vernichteten Menschen
nachzublicken, die mich schon als Kind diesen Verdacht empfinden liess.
Ich sass in einem Winkel und betrachtete meinen Vater und meine Mutter,
wie als ob ich wählte zwischen beiden, und mich bedächte, ob in träumerischem
Sinnen oder in That und Macht das Leben besser zu verbringen sei. Und meine
Augen verweilten am Ende auf dem stillen Gesicht meiner Mutter.
II.
Nicht dass ich in meinem äusseren Wesen ihr gleich gewesen wäre, denn
meine Beschäftigungen waren zu einem grossen Teile durchaus nicht still und
geräuschlos. Ich denke an eine davon, die ich dem Verkehr mit Altersgenossen
und ihren Arten von Spiel mit Leidenschaft vorzog, und die mich noch jetzt, da
ich beiläufig dreissig Jahre zähle, mit Heiterkeit und Vergnügen erfüllt.
Es handelte sich um ein grosses und wohlausgestattetes Puppentheater, mit
dem ich mich ganz allein in meinem Zimmer einschloss, um die merkwürdigsten
Musikdramen darauf zur Aufführung zu bringen. Mein Zimmer, das im zweiten
Stocke lag, und in dem zwei dunkle Vorfahrenportraits mit Wallensteinbärten
hingen, ward verdunkelt und eine Lampe neben das Theater gestellt; denn die
künstliche Beleuchtung erschien zur Erhöhung der Stimmung erforderlich. Ich
nahm unmittelbar vor der Bühne Platz, denn ich war der Kapellmeister, und
meine linke Hand ruhte auf einer grossen runden Pappschachtel, die das einzige
sichtbare Orchester-Instrument ausmachte.
Es trafen nunmehr die mitwirkenden Künstler ein, die ich selbst mit Tinte
und Feder gezeichnet, ausgeschnitten und mit Holzleisten versehen hatte, so dass
sie stehen konnten. Es waren Herren in Überziehern und Cylindern und Damen
von grosser Schönheit.
– Guten Abend, sagte ich, meine Herrschaften! Wohlauf allerseits? Ich bin
bereits zur Stelle, denn es waren noch einige Anordnungen zu treffen. Aber es
wird an der Zeit sein, sich in die Garderoben zu begeben.
Man begab sich in die Garderoben, die hinter der Bühne lagen, und man
kehrte bald darauf gänzlich verändert und als bunte Theaterfiguren zurück, um
sich durch das Loch, das ich in den Vorhang geschnitten hatte, über die Besetzung des Hauses zu unterrichten. Das Haus war in der That nicht übel