Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 23 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel II

meine Mutter und meine beiden älteren Schwestern solchen Scenen beiwohnten;

vielleicht, weil mein Vater mir Ehrgeiz einflössen wollte, es so weit in der Welt

zu bringen wie er; vielleicht auch, wie ich argwöhne, weil er eines Publikums

bedurfte. Er hatte eine Art, an seinen Stuhl gelehnt und die eine Hand in den

Rockaufschlag geschoben, dem beglückten oder vernichteten Menschen

nachzublicken, die mich schon als Kind diesen Verdacht empfinden liess.

Ich sass in einem Winkel und betrachtete meinen Vater und meine Mutter,

wie als ob ich wählte zwischen beiden, und mich bedächte, ob in träumerischem

Sinnen oder in That und Macht das Leben besser zu verbringen sei. Und meine

Augen verweilten am Ende auf dem stillen Gesicht meiner Mutter.

 

II.

 

Nicht dass ich in meinem äusseren Wesen ihr gleich gewesen wäre, denn

meine Beschäftigungen waren zu einem grossen Teile durchaus nicht still und

geräuschlos. Ich denke an eine davon, die ich dem Verkehr mit Altersgenossen

und ihren Arten von Spiel mit Leidenschaft vorzog, und die mich noch jetzt, da

ich beiläufig dreissig Jahre zähle, mit Heiterkeit und Vergnügen erfüllt.

Es handelte sich um ein grosses und wohlausgestattetes Puppentheater, mit

dem ich mich ganz allein in meinem Zimmer einschloss, um die merkwürdigsten

Musikdramen darauf zur Aufführung zu bringen. Mein Zimmer, das im zweiten

Stocke lag, und in dem zwei dunkle Vorfahrenportraits mit Wallensteinbärten

hingen, ward verdunkelt und eine Lampe neben das Theater gestellt; denn die

künstliche Beleuchtung erschien zur Erhöhung der Stimmung erforderlich. Ich

nahm unmittelbar vor der Bühne Platz, denn ich war der Kapellmeister, und

meine linke Hand ruhte auf einer grossen runden Pappschachtel, die das einzige

sichtbare Orchester-Instrument ausmachte.

Es trafen nunmehr die mitwirkenden Künstler ein, die ich selbst mit Tinte

und Feder gezeichnet, ausgeschnitten und mit Holzleisten versehen hatte, so dass

sie stehen konnten. Es waren Herren in Überziehern und Cylindern und Damen

von grosser Schönheit.

– Guten Abend, sagte ich, meine Herrschaften! Wohlauf allerseits? Ich bin

bereits zur Stelle, denn es waren noch einige Anordnungen zu treffen. Aber es

wird an der Zeit sein, sich in die Garderoben zu begeben.

Man begab sich in die Garderoben, die hinter der Bühne lagen, und man

kehrte bald darauf gänzlich verändert und als bunte Theaterfiguren zurück, um

sich durch das Loch, das ich in den Vorhang geschnitten hatte, über die Besetzung des Hauses zu unterrichten. Das Haus war in der That nicht übel