Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel VI
Zimmer, in dem ich ehemals mein Puppentheater aufgebaut hatte, sass ich nun
mit einem Buch auf den Knieen und blickte zu den beiden Vorfahrenbildern
empor, um den Tonfall der Sprache nachzugeniessen, der ich mich hingegeben
hatte, während ein unfruchtbares Chaos von halben Gedanken und
Phantasiebildern mich erfüllte ...
Meine Schwestern hatten sich kurz nacheinander verheiratet, und ich ging,
wenn ich nicht im Geschäft war, oft ins Wohnzimmer hinunter, wo meine
Mutter, die ein wenig kränkelte, und deren Gesicht stets kindlicher und stiller
wurde, nun meistens ganz einsam sass. Wenn sie mir Chopin vorgespielt und ich
ihr einen neuen Einfall von Harmonien-Verbindung gezeigt hatte, fragte sie mich
wohl, ob ich zufrieden in meinem Berufe und glücklich sei .... Kein Zweifel,
dass ich glücklich war.
Ich war nicht viel älter als zwanzig Jahre, meine Lebenslage war nichts als
provisorisch, und der Gedanke war mir nicht fremd, dass ich ganz und gar nicht
gezwungen sei, mein Leben bei Herrn Schlievogt oder in einem Holzgeschäfte
noch grösseren Stils zu verbringen, dass ich mich eines Tages frei machen
könne, um die giebelige Stadt zu verlassen und irgendwo in der Welt meinen
Neigungen zu leben: gute und feingeschriebene Romane zu lesen, ins Theater zu
gehen, ein wenig Musik zu machen ... Glücklich? Aber ich speiste vorzüglich,
ich ging aufs beste gekleidet, und früh bereits, wenn ich etwa während meiner
Schulzeit gesehen hatte, wie arme und schlecht gekleidete Kameraden sich
gewohnheitsmässig duckten und mich und meinesgleichen mit einer Art
schmeichlerischer Scheu willig als Herren und Tonangebende anerkannten, war
ich mir mit Heiterkeit bewusst gewesen, dass ich zu den Oberen, Reichen,
Beneideten gehörte, die nun einmal das Recht haben, mit wohlwollender
Verachtung auf die Armen, Unglücklichen und Neider hinabzublicken. Wie
sollte ich nicht glücklich sein? Mochte alles seinen Gang gehen. Fürs erste hatte
es seinen Reiz, sich fremd, überlegen und heiter unter diesen Verwandten und
Bekannten zu bewegen, über deren Begrenztheit ich mich moquierte, während
ich ihnen, aus Lust daran, zu gefallen, mit gewandter Liebenswürdigkeit
begegnete und mich wohlgefällig in dem unklaren Respekte sonnte, den alle
diese Leute vor meinem Sein und Wesen erkennen liessen, weil sie mit
Unsicherheit etwas Oppositionelles und Extravagantes darin vermuteten.
VI.
Es begann eine Veränderung mit meinem Vater vor sich zu gehen. Wenn er
um vier Uhr zu Tische kam, so schienen die Falten zwischen seinen Brauen
täglich tiefer, und er schob nicht mehr mit einer imposanten Gebärde die Hand in
den Rockaufschlag, sondern zeigte ein gedrücktes, nervöses und scheues Wesen.
Eines Tages sagte er zu mir:
– »Du bist alt genug, die Sorgen, die meine Gesundheit untergraben, mit mir
zu teilen. Übrigens habe ich die Verpflichtung, Dich mit ihnen bekannt zu
machen, damit Du Dich über Deine künftige Lebenslage keinen falschen
Erwartungen hingiebst. Du weisst, dass die Heiraten Deiner Schwestern
beträchtliche Opfer gefordert haben. Neuerdings hat die Firma Verluste erlitten,
welche geeignet waren, das Vermögen erheblich zu reduzieren. Ich bin ein alter
Mann, fühle mich entmutigt, und glaube nicht, dass an der Sachlage
Wesentliches zu ändern sein wird. Ich bitte Dich, zu bemerken, dass Du auf Dich
selbst gestellt sein wirst ...«
Dies sprach er zwei Monate etwa vor seinem Tode. Eines Tages fand man
ihn gelblich, gelähmt und lallend in dem Armsessel seines Privatkomptoirs, und
eine Woche darauf nahm die ganze Stadt an seinem Begräbnis teil.
Meine Mutter sass zart und still auf dem Sofa an dem runden Tische im
Wohnzimmer, und ihre Augen waren meist geschlossen. Wenn meine
Schwestern und ich uns um sie bemühten, so nickte sie vielleicht und lächelte,
worauf sie fortfuhr, zu schweigen und regungslos, die Hände im Schosse
gefaltet, mit einem grossen, fremden und traurigen Blick eine Götterfigur der
Tapete zu betrachten. Wenn die Herren in Gehröcken kamen, um über den
Verlauf der Liquidation Bericht zu erstatten, so nickte sie gleichfalls und schloss
aufs neue die Augen.
Sie spielte nicht mehr Chopin, und wenn sie hie und da leise über den
Scheitel strich, so zitterte ihre blasse, zarte und müde Hand. Kaum ein halbes
Jahr nach meines Vaters Tode legte sie sich nieder, und sie starb, ohne einen
Wehelaut, ohne einen Kampf um ihr Leben ...
Nun war das alles zu Ende. Was hielt mich eigentlich am Orte? Die
Geschäfte waren erledigt worden, gehe es gut oder schlecht, es ergab sich, dass
auf mich ein Erbteil von ungefähr hunderttausend Mark gefallen war, und das
genügte, um mich unabhängig zu machen – von aller Welt um so mehr, als man
mich aus irgend einem gleichgültigen Grunde für militäruntüchtig erklärt hatte.
Nichts verband mich länger mit den Leuten, zwischen denen ich
aufgewachsen war, deren Blicke mich stets fremder und erstaunter betrachteten,
und deren Weltanschauung zu einseitig war, als dass ich geneigt gewesen wäre,
mich ihr zu fügen. Zugegeben, dass sie mich richtig kannten, und zwar als ausgemacht unnützlichen Menschen, so kannte auch ich mich. Aber skeptisch