Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 27 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel VI

Zimmer, in dem ich ehemals mein Puppentheater aufgebaut hatte, sass ich nun

mit einem Buch auf den Knieen und blickte zu den beiden Vorfahrenbildern

empor, um den Tonfall der Sprache nachzugeniessen, der ich mich hingegeben

hatte, während ein unfruchtbares Chaos von halben Gedanken und

Phantasiebildern mich erfüllte ...

Meine Schwestern hatten sich kurz nacheinander verheiratet, und ich ging,

wenn ich nicht im Geschäft war, oft ins Wohnzimmer hinunter, wo meine

Mutter, die ein wenig kränkelte, und deren Gesicht stets kindlicher und stiller

wurde, nun meistens ganz einsam sass. Wenn sie mir Chopin vorgespielt und ich

ihr einen neuen Einfall von Harmonien-Verbindung gezeigt hatte, fragte sie mich

wohl, ob ich zufrieden in meinem Berufe und glücklich sei .... Kein Zweifel,

dass ich glücklich war.

Ich war nicht viel älter als zwanzig Jahre, meine Lebenslage war nichts als

provisorisch, und der Gedanke war mir nicht fremd, dass ich ganz und gar nicht

gezwungen sei, mein Leben bei Herrn Schlievogt oder in einem Holzgeschäfte

noch grösseren Stils zu verbringen, dass ich mich eines Tages frei machen

könne, um die giebelige Stadt zu verlassen und irgendwo in der Welt meinen

Neigungen zu leben: gute und feingeschriebene Romane zu lesen, ins Theater zu

gehen, ein wenig Musik zu machen ... Glücklich? Aber ich speiste vorzüglich,

ich ging aufs beste gekleidet, und früh bereits, wenn ich etwa während meiner

Schulzeit gesehen hatte, wie arme und schlecht gekleidete Kameraden sich

gewohnheitsmässig duckten und mich und meinesgleichen mit einer Art

schmeichlerischer Scheu willig als Herren und Tonangebende anerkannten, war

ich mir mit Heiterkeit bewusst gewesen, dass ich zu den Oberen, Reichen,

Beneideten gehörte, die nun einmal das Recht haben, mit wohlwollender

Verachtung auf die Armen, Unglücklichen und Neider hinabzublicken. Wie

sollte ich nicht glücklich sein? Mochte alles seinen Gang gehen. Fürs erste hatte

es seinen Reiz, sich fremd, überlegen und heiter unter diesen Verwandten und

Bekannten zu bewegen, über deren Begrenztheit ich mich moquierte, während

ich ihnen, aus Lust daran, zu gefallen, mit gewandter Liebenswürdigkeit

begegnete und mich wohlgefällig in dem unklaren Respekte sonnte, den alle

diese Leute vor meinem Sein und Wesen erkennen liessen, weil sie mit

Unsicherheit etwas Oppositionelles und Extravagantes darin vermuteten.

 

VI.

Es begann eine Veränderung mit meinem Vater vor sich zu gehen. Wenn er

um vier Uhr zu Tische kam, so schienen die Falten zwischen seinen Brauen

täglich tiefer, und er schob nicht mehr mit einer imposanten Gebärde die Hand in

den Rockaufschlag, sondern zeigte ein gedrücktes, nervöses und scheues Wesen.

Eines Tages sagte er zu mir:

– »Du bist alt genug, die Sorgen, die meine Gesundheit untergraben, mit mir

zu teilen. Übrigens habe ich die Verpflichtung, Dich mit ihnen bekannt zu

machen, damit Du Dich über Deine künftige Lebenslage keinen falschen

Erwartungen hingiebst. Du weisst, dass die Heiraten Deiner Schwestern

beträchtliche Opfer gefordert haben. Neuerdings hat die Firma Verluste erlitten,

welche geeignet waren, das Vermögen erheblich zu reduzieren. Ich bin ein alter

Mann, fühle mich entmutigt, und glaube nicht, dass an der Sachlage

Wesentliches zu ändern sein wird. Ich bitte Dich, zu bemerken, dass Du auf Dich

selbst gestellt sein wirst ...«

Dies sprach er zwei Monate etwa vor seinem Tode. Eines Tages fand man

ihn gelblich, gelähmt und lallend in dem Armsessel seines Privatkomptoirs, und

eine Woche darauf nahm die ganze Stadt an seinem Begräbnis teil.

Meine Mutter sass zart und still auf dem Sofa an dem runden Tische im

Wohnzimmer, und ihre Augen waren meist geschlossen. Wenn meine

Schwestern und ich uns um sie bemühten, so nickte sie vielleicht und lächelte,

worauf sie fortfuhr, zu schweigen und regungslos, die Hände im Schosse

gefaltet, mit einem grossen, fremden und traurigen Blick eine Götterfigur der

Tapete zu betrachten. Wenn die Herren in Gehröcken kamen, um über den

Verlauf der Liquidation Bericht zu erstatten, so nickte sie gleichfalls und schloss

aufs neue die Augen.

Sie spielte nicht mehr Chopin, und wenn sie hie und da leise über den

Scheitel strich, so zitterte ihre blasse, zarte und müde Hand. Kaum ein halbes

Jahr nach meines Vaters Tode legte sie sich nieder, und sie starb, ohne einen

Wehelaut, ohne einen Kampf um ihr Leben ...

Nun war das alles zu Ende. Was hielt mich eigentlich am Orte? Die

Geschäfte waren erledigt worden, gehe es gut oder schlecht, es ergab sich, dass

auf mich ein Erbteil von ungefähr hunderttausend Mark gefallen war, und das

genügte, um mich unabhängig zu machen – von aller Welt um so mehr, als man

mich aus irgend einem gleichgültigen Grunde für militäruntüchtig erklärt hatte.

Nichts verband mich länger mit den Leuten, zwischen denen ich

aufgewachsen war, deren Blicke mich stets fremder und erstaunter betrachteten,

und deren Weltanschauung zu einseitig war, als dass ich geneigt gewesen wäre,

mich ihr zu fügen. Zugegeben, dass sie mich richtig kannten, und zwar als ausgemacht unnützlichen Menschen, so kannte auch ich mich. Aber skeptisch