Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel XII
Ich will erzählen, dass ich infolge eines Zufalles diese junge Dame nach
Verlauf von acht Tagen bereits zum zweiten Male sah, und zwar in der Oper.
Man gab Gounods »Margarete«, und kaum hatte ich den hellerleuchteten Saal
betreten, um mich zu meinem Parkettplatze zu begeben, als ich sie zur Linken
des alten Herrn, in einer Prosceniumsloge der anderen Seite gewahrte. Nebenbei
stellte ich fest, dass mich lächerlicherweise ein kleiner Schreck und etwas wie
Verwirrung dabei berührte, und dass ich aus irgend einem Grunde meine Augen
sofort abschweifen und über die anderen Ränge und Logen hinwandern liess.
Erst beim Beginn der Ouverture entschloss ich mich, die Herrschaften ein wenig
eingehender zu betrachten.
Der alte Herr, in streng geschlossenem Gehrock mit schwarzer Schleife, sass
mit einer ruhigen Würde in seinen Sessel zurückgelehnt und liess die eine der
braun bekleideten Hände leicht auf dem Sammet der Logenbrüstung ruhen,
während die andere hie und da langsam über den Bart oder über das
kurzgehaltene ergraute Haupthaar strich. Das junge Mädchen dagegen – seine
Tochter, ohne Zweifel? – sass interessiert und lebhaft vorgebeugt, beide Hände,
in denen sie ihren Fächer hielt, auf dem Sammetpolster. Dann und wann machte
sie eine kurze Kopfbewegung, um das lockere, lichtbraune Haar ein wenig von
der Stirn und den Schläfen zurückzuwerfen.
Sie trug eine ganz leichte Bluse aus heller Seide, in deren Gürtel ein
Veilchensträusschen steckte, und ihre schmalen Augen blitzten in der scharfen
Beleuchtung noch schwärzer als vor acht Tagen. Übrigens machte ich die
Beobachtung, dass die Mundhaltung, die ich damals an ihr bemerkt hatte, ihr
überhaupt eigentümlich war: in jedem Augenblicke setzte sie ihre weissen, in
kleinen, regelmässigen Abständen schimmernden Zähne auf die Unterlippe und
zog das Kinn ein wenig empor. Diese unschuldige Miene, die von gar keiner
Koketterie zeugte, der ruhig und fröhlich zugleich umherwandernde Blick ihrer
Augen, ihr zarter und weisser Hals, welcher frei war, und um den sich ein
schmales Seidenband von der Farbe der Taille schmiegte, die Bewegung, mit der
sie sich hie und da an den alten Herrn wandte, um ihn auf irgend etwas im
Orchester, am Vorhang, in einer Loge aufmerksam zu machen – alles brachte den
Eindruck einer unsäglich feinen und lieblichen Kindlichkeit hervor, die jedoch
nichts in irgend einem Grade Rührendes und »Mitleid«-Erregendes an sich hatte.
Es war eine vornehme, abgemessene und durch elegantes Wohlleben sicher und
überlegen gemachte Kindlichkeit, und sie legte ein Glück an den Tag, dem nichts
Übermütiges, sondern eher etwas Stilles eignete, weil es selbstverständlich war.
Gounods geistreiche und zärtliche Musik war, wie mich dünkte, keine
falsche Begleitung zu diesem Anblick, und ich lauschte ihr, ohne auf die Bühne
zu achten, und ganz und gar hingegeben an eine milde und nachdenkliche
Stimmung, deren Wehmut ohne diese Musik vielleicht schmerzlicher gewesen
wäre. In der Pause aber bereits, die dem ersten Akte folgte, erhob sich von
seinem Parkettplatz ein Herr von sagen wir einmal: siebenundzwanzig bis
dreissig Jahren, welcher verschwand und gleich darauf mit einer geschickten
Verbeugung in der Loge meiner Aufmerksamkeit erschien. Der alte Herr streckte
ihm alsbald die Hand entgegen, und auch die junge Dame reichte ihm mit einem
freundlichen Kopfnicken die ihre, die er mit Anstand an seine Lippen führte,
worauf man ihn nötigte, Platz zu nehmen.
Ich erkläre mich bereit, zu bekennen, dass dieser Herr den
unvergleichlichsten Hemdeinsatz besass, den ich in meinem Leben erblicken
durfte. Er war vollkommen blossgelegt dieser Hemdeinsatz, denn die Weste war
nichts als ein schmaler, schwarzer Streifen, und die Frackjacke, die nicht früher
als weit unterhalb des Magens durch einen Knopf geschlossen wurde, war von
den Schultern aus in ungewöhnlich weitem Bogen ausgeschnitten. Der
Hemdeinsatz aber, der an dem hohen und scharf zurückgeschlagenen Stehkragen
durch eine breite, schwarze Schleife abgeschlossen wurde, und auf dem in
gemessenen Abständen zwei grosse, viereckige und ebenfalls schwarze Knöpfe
standen, war von blendendem Weiss, und er war bewunderungswürdig gestärkt,
ohne darum der Schmiegsamkeit zu ermangeln, denn in der Gegend des Magens
bildete er auf angenehme Art eine Vertiefung, um sich dann wiederum zu einem
gefälligen und schimmernden Buckel zu erheben.
Es versteht sich, dass dieses Hemd den grössten Teil der Aufmerksamkeit für
sich verlangte; der Kopf aber, seinerseits, der vollkommen rund war, und dessen
Schädel eine Decke ganz kurzgeschorenen, hellblonden Haares überzog, war
geschmückt mit einem rand- und bandlosen Binocle, einem nicht zu starken,
blonden und leichtgekräuselten Schnurrbart und auf der einen Wange mit einer
Menge von kleinen Mensurschrammen, die sich bis zur Schläfe hinaufzogen.
Übrigens war dieser Herr ohne Fehler gebaut und bewegte sich mit Sicherheit.
Ich habe im Verlaufe des Abends – denn er verblieb in der Loge – zwei
Positionen an ihm beobachtet, die ihm besonders eigentümlich schienen. Gesetzt
nämlich, dass die Unterhaltung mit den Herrschaften ruhte, so sass er, ein Bein
über das andere geschlagen und das Fernglas auf den Knieen, mit
Bequemlichkeit zurückgelehnt, senkte das Haupt und schob den ganzen Mund
heftig hervor, um sich in die Betrachtung seiner beiden Schnurrbartenden zu
versenken, gänzlich hypnotisiert davon, wie es schien, und indem er langsam
und still den Kopf von der einen Seite nach der anderen wandte. In einer Konversation, andernfalls, mit der jungen Dame begriffen, änderte er aus
Ehrerbietung die Stellung seiner Beine, lehnte sich jedoch noch weiter zurück,
wobei er mit beiden Händen seinen Sessel erfasste, erhob das Haupt so weit wie
immer möglich und lächelte mit ziemlich weit geöffnetem Munde in
liebenswürdiger und bis zu einem gewissen Grade überlegener Weise auf seine
junge Nachbarin nieder. Diesen Herrn musste ein wundervoll glückliches
Selbstbewusstsein erfüllen ...
Im Ernste gesprochen, ich weiss dergleichen zu schätzen. Keiner seiner
Bewegungen, und sei ihre Nonchalance immerhin gewagt gewesen, folgte eine
peinliche Verlegenheit; er war getragen von Selbstgefühl. Und warum sollte dies
anders sein? Es war klar: er hatte, ohne sich vielleicht besonders hervorzuthun,
seinen korrekten Weg gemacht, er würde denselben bis zu klaren und nützlichen
Zielen verfolgen, er lebte im Schatten des Einverständnisses mit aller Welt und
in der Sonne der allgemeinen Achtung. Mittlerweile sass er dort in der Loge und
plauderte mit einem jungen Mädchen, für dessen reinen und köstlichen Reiz er
vielleicht nicht unzugänglich war, und dessen Hand er in diesem Falle sich guten
Mutes erbitten konnte. Wahrhaftig, ich spüre keine Lust, irgend ein
missächtliches Wort über diesen Herrn zu äussern!
Ich aber, ich meinesteils? Ich sass hier unten und mochte aus der Entfernung,
aus dem Dunkel heraus grämlich beobachten, wie jenes kostbare und
unerreichliche Geschöpf mit diesem Nichtswürdigen plauderte und lachte!
Ausgeschlossen, unbeachtet, unberechtigt, fremd, hors ligne, deklassiert, Paria,
erbärmlich vor mir selbst ...
Ich blieb bis zum Ende, und ich traf die drei Herrschaften in der Garderobe
wieder, wo man sich beim Umlegen der Pelze ein wenig aufhielt und mit diesem
oder jenem ein paar Worte wechselte, hier mit einer Dame, dort mit einem
Offizier ... Der junge Herr begleitete Vater und Tochter, als sie das Theater
verliessen, und ich folgte ihnen in einem kleinem Abstande durch das Vestibül.
Es regnete nicht, es standen ein paar Sterne am Himmel, und man nahm
keinen Wagen. Gemächlich und plaudernd schritten die drei vor mir her, der ich
sie in scheuer Entfernung verfolgte, – niedergedrückt, gepeinigt von einem
stechend schmerzlichen, höhnischen, elenden Gefühl ... Man hatte nicht weit zu
gehen; kaum war eine Strasse zurückgelegt, als man vor einem stattlichen Hause
mit schlichter Fassade stehen blieb, und gleich darauf verschwanden Vater und
Tochter nach herzlicher Verabschiedung von ihrem Begleiter, der seinerseits
beschleunigten Schrittes davonging.
An der schweren, geschnitzten Thür des Hauses war der Name »Justizrat
Rainer« zu lesen.