Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 33 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel XII

 

Ich will erzählen, dass ich infolge eines Zufalles diese junge Dame nach

Verlauf von acht Tagen bereits zum zweiten Male sah, und zwar in der Oper.

Man gab Gounods »Margarete«, und kaum hatte ich den hellerleuchteten Saal

betreten, um mich zu meinem Parkettplatze zu begeben, als ich sie zur Linken

des alten Herrn, in einer Prosceniumsloge der anderen Seite gewahrte. Nebenbei

stellte ich fest, dass mich lächerlicherweise ein kleiner Schreck und etwas wie

Verwirrung dabei berührte, und dass ich aus irgend einem Grunde meine Augen

sofort abschweifen und über die anderen Ränge und Logen hinwandern liess.

Erst beim Beginn der Ouverture entschloss ich mich, die Herrschaften ein wenig

eingehender zu betrachten.

Der alte Herr, in streng geschlossenem Gehrock mit schwarzer Schleife, sass

mit einer ruhigen Würde in seinen Sessel zurückgelehnt und liess die eine der

braun bekleideten Hände leicht auf dem Sammet der Logenbrüstung ruhen,

während die andere hie und da langsam über den Bart oder über das

kurzgehaltene ergraute Haupthaar strich. Das junge Mädchen dagegen – seine

Tochter, ohne Zweifel? – sass interessiert und lebhaft vorgebeugt, beide Hände,

in denen sie ihren Fächer hielt, auf dem Sammetpolster. Dann und wann machte

sie eine kurze Kopfbewegung, um das lockere, lichtbraune Haar ein wenig von

der Stirn und den Schläfen zurückzuwerfen.

Sie trug eine ganz leichte Bluse aus heller Seide, in deren Gürtel ein

Veilchensträusschen steckte, und ihre schmalen Augen blitzten in der scharfen

Beleuchtung noch schwärzer als vor acht Tagen. Übrigens machte ich die

Beobachtung, dass die Mundhaltung, die ich damals an ihr bemerkt hatte, ihr

überhaupt eigentümlich war: in jedem Augenblicke setzte sie ihre weissen, in

kleinen, regelmässigen Abständen schimmernden Zähne auf die Unterlippe und

zog das Kinn ein wenig empor. Diese unschuldige Miene, die von gar keiner

Koketterie zeugte, der ruhig und fröhlich zugleich umherwandernde Blick ihrer

Augen, ihr zarter und weisser Hals, welcher frei war, und um den sich ein

schmales Seidenband von der Farbe der Taille schmiegte, die Bewegung, mit der

sie sich hie und da an den alten Herrn wandte, um ihn auf irgend etwas im

Orchester, am Vorhang, in einer Loge aufmerksam zu machen – alles brachte den

Eindruck einer unsäglich feinen und lieblichen Kindlichkeit hervor, die jedoch

nichts in irgend einem Grade Rührendes und »Mitleid«-Erregendes an sich hatte.

Es war eine vornehme, abgemessene und durch elegantes Wohlleben sicher und

überlegen gemachte Kindlichkeit, und sie legte ein Glück an den Tag, dem nichts

Übermütiges, sondern eher etwas Stilles eignete, weil es selbstverständlich war.

Gounods geistreiche und zärtliche Musik war, wie mich dünkte, keine

falsche Begleitung zu diesem Anblick, und ich lauschte ihr, ohne auf die Bühne

zu achten, und ganz und gar hingegeben an eine milde und nachdenkliche

Stimmung, deren Wehmut ohne diese Musik vielleicht schmerzlicher gewesen

wäre. In der Pause aber bereits, die dem ersten Akte folgte, erhob sich von

seinem Parkettplatz ein Herr von sagen wir einmal: siebenundzwanzig bis

dreissig Jahren, welcher verschwand und gleich darauf mit einer geschickten

Verbeugung in der Loge meiner Aufmerksamkeit erschien. Der alte Herr streckte

ihm alsbald die Hand entgegen, und auch die junge Dame reichte ihm mit einem

freundlichen Kopfnicken die ihre, die er mit Anstand an seine Lippen führte,

worauf man ihn nötigte, Platz zu nehmen.

Ich erkläre mich bereit, zu bekennen, dass dieser Herr den

unvergleichlichsten Hemdeinsatz besass, den ich in meinem Leben erblicken

durfte. Er war vollkommen blossgelegt dieser Hemdeinsatz, denn die Weste war

nichts als ein schmaler, schwarzer Streifen, und die Frackjacke, die nicht früher

als weit unterhalb des Magens durch einen Knopf geschlossen wurde, war von

den Schultern aus in ungewöhnlich weitem Bogen ausgeschnitten. Der

Hemdeinsatz aber, der an dem hohen und scharf zurückgeschlagenen Stehkragen

durch eine breite, schwarze Schleife abgeschlossen wurde, und auf dem in

gemessenen Abständen zwei grosse, viereckige und ebenfalls schwarze Knöpfe

standen, war von blendendem Weiss, und er war bewunderungswürdig gestärkt,

ohne darum der Schmiegsamkeit zu ermangeln, denn in der Gegend des Magens

bildete er auf angenehme Art eine Vertiefung, um sich dann wiederum zu einem

gefälligen und schimmernden Buckel zu erheben.

Es versteht sich, dass dieses Hemd den grössten Teil der Aufmerksamkeit für

sich verlangte; der Kopf aber, seinerseits, der vollkommen rund war, und dessen

Schädel eine Decke ganz kurzgeschorenen, hellblonden Haares überzog, war

geschmückt mit einem rand- und bandlosen Binocle, einem nicht zu starken,

blonden und leichtgekräuselten Schnurrbart und auf der einen Wange mit einer

Menge von kleinen Mensurschrammen, die sich bis zur Schläfe hinaufzogen.

Übrigens war dieser Herr ohne Fehler gebaut und bewegte sich mit Sicherheit.

Ich habe im Verlaufe des Abends – denn er verblieb in der Loge – zwei

Positionen an ihm beobachtet, die ihm besonders eigentümlich schienen. Gesetzt

nämlich, dass die Unterhaltung mit den Herrschaften ruhte, so sass er, ein Bein

über das andere geschlagen und das Fernglas auf den Knieen, mit

Bequemlichkeit zurückgelehnt, senkte das Haupt und schob den ganzen Mund

heftig hervor, um sich in die Betrachtung seiner beiden Schnurrbartenden zu

versenken, gänzlich hypnotisiert davon, wie es schien, und indem er langsam

und still den Kopf von der einen Seite nach der anderen wandte. In einer Konversation, andernfalls, mit der jungen Dame begriffen, änderte er aus

Ehrerbietung die Stellung seiner Beine, lehnte sich jedoch noch weiter zurück,

wobei er mit beiden Händen seinen Sessel erfasste, erhob das Haupt so weit wie

immer möglich und lächelte mit ziemlich weit geöffnetem Munde in

liebenswürdiger und bis zu einem gewissen Grade überlegener Weise auf seine

junge Nachbarin nieder. Diesen Herrn musste ein wundervoll glückliches

Selbstbewusstsein erfüllen ...

Im Ernste gesprochen, ich weiss dergleichen zu schätzen. Keiner seiner

Bewegungen, und sei ihre Nonchalance immerhin gewagt gewesen, folgte eine

peinliche Verlegenheit; er war getragen von Selbstgefühl. Und warum sollte dies

anders sein? Es war klar: er hatte, ohne sich vielleicht besonders hervorzuthun,

seinen korrekten Weg gemacht, er würde denselben bis zu klaren und nützlichen

Zielen verfolgen, er lebte im Schatten des Einverständnisses mit aller Welt und

in der Sonne der allgemeinen Achtung. Mittlerweile sass er dort in der Loge und

plauderte mit einem jungen Mädchen, für dessen reinen und köstlichen Reiz er

vielleicht nicht unzugänglich war, und dessen Hand er in diesem Falle sich guten

Mutes erbitten konnte. Wahrhaftig, ich spüre keine Lust, irgend ein

missächtliches Wort über diesen Herrn zu äussern!

Ich aber, ich meinesteils? Ich sass hier unten und mochte aus der Entfernung,

aus dem Dunkel heraus grämlich beobachten, wie jenes kostbare und

unerreichliche Geschöpf mit diesem Nichtswürdigen plauderte und lachte!

Ausgeschlossen, unbeachtet, unberechtigt, fremd, hors ligne, deklassiert, Paria,

erbärmlich vor mir selbst ...

Ich blieb bis zum Ende, und ich traf die drei Herrschaften in der Garderobe

wieder, wo man sich beim Umlegen der Pelze ein wenig aufhielt und mit diesem

oder jenem ein paar Worte wechselte, hier mit einer Dame, dort mit einem

Offizier ... Der junge Herr begleitete Vater und Tochter, als sie das Theater

verliessen, und ich folgte ihnen in einem kleinem Abstande durch das Vestibül.

Es regnete nicht, es standen ein paar Sterne am Himmel, und man nahm

keinen Wagen. Gemächlich und plaudernd schritten die drei vor mir her, der ich

sie in scheuer Entfernung verfolgte, – niedergedrückt, gepeinigt von einem

stechend schmerzlichen, höhnischen, elenden Gefühl ... Man hatte nicht weit zu

gehen; kaum war eine Strasse zurückgelegt, als man vor einem stattlichen Hause

mit schlichter Fassade stehen blieb, und gleich darauf verschwanden Vater und

Tochter nach herzlicher Verabschiedung von ihrem Begleiter, der seinerseits

beschleunigten Schrittes davonging.

An der schweren, geschnitzten Thür des Hauses war der Name »Justizrat

Rainer« zu lesen.