Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 15 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Den 18. September.

letzten Herbst. Heute Nachmittag aber, als ich am Fenster meines

Arbeitszimmers sass, war ein Wagen da, der Vorräte brachte, der alte Franz half

beim Auspacken, und es gab Geräusch und verschiedene Stimmen. Ich kann

nicht sagen, wie mich das störte. Ich zitterte vor Missbilligung: Ich habe

befohlen, dass dergleichen nur frühmorgens geschehen soll, wenn ich schlafe.

Der alte Franz sagte nur: – Zu Befehl, Herr Graf. Aber er sah mich mit seinen

entzündeten Augen ängstlich und zweifelnd an.

Wie könnte er mich verstehen? Er weiss es ja nicht. Ich will nicht, dass

Alltäglichkeit und Langeweile an meine letzten Tage rühren. Ich ängstige mich

davor, dass der Tod etwas Bürgerliches und Gewöhnliches an sich haben könnte.

Es soll um mich her fremdartig und seltsam sein an jenem grossen, ernsten,

rätselhaften Tage – am zwölften Oktober ...

 

Den 18. September.

 

Während der letzten Tage bin ich nicht ausgegangen, sondern habe die

meiste Zeit auf der Chaiselongue zugebracht. Ich konnte auch nicht viel lesen,

weil dabei alle Nerven mich quälten. Ich habe einfach stillgelegen und in den

unermüdlichen, langsamen Regen hinausgeblickt.

Asuncion kam oft, und einmal brachte sie mir Blumen, ein paar dürre und

nasse Pflanzen, die sie am Strande gefunden; als ich das Kind zum Danke

küsste, weinte es, weil ich »krank« sei. Wie unsäglich schmerzlich mich ihre

zärtliche und wehmütige Liebe berührte!

 

Den 21. September.

 

Ich habe lange in meinem Arbeitszimmer am Fenster gesessen, und

Asuncion sass auf meinen Knieen. Wir haben auf das graue und weite Meer

hinausgeblickt, und hinter uns in dem grossen Gemach mit der hohen, weissen

Thür und den steiflehnigen Möbeln herrschte tiefe Stille. Und während ich

langsam das weiche Haar des Kindes streichelte, das schwarz und schlicht auf

ihre zarten Schultern hinabfliesst, habe ich zurückgedacht in meinem wirren,

bunten Leben; ich habe an meine Jugend gedacht, die still war und behütet, an

meine Wanderungen durch die ganze Welt und an die kurze, lichte Zeit meines

Glückes.

Erinnerst du dich des anmutigen und flammend zärtlichen Geschöpfes unter dem Sammethimmel von Lissabon? Es sind zwölf Jahre, dass sie dir das Kind