Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Den 18. September.
letzten Herbst. Heute Nachmittag aber, als ich am Fenster meines
Arbeitszimmers sass, war ein Wagen da, der Vorräte brachte, der alte Franz half
beim Auspacken, und es gab Geräusch und verschiedene Stimmen. Ich kann
nicht sagen, wie mich das störte. Ich zitterte vor Missbilligung: Ich habe
befohlen, dass dergleichen nur frühmorgens geschehen soll, wenn ich schlafe.
Der alte Franz sagte nur: – Zu Befehl, Herr Graf. Aber er sah mich mit seinen
entzündeten Augen ängstlich und zweifelnd an.
Wie könnte er mich verstehen? Er weiss es ja nicht. Ich will nicht, dass
Alltäglichkeit und Langeweile an meine letzten Tage rühren. Ich ängstige mich
davor, dass der Tod etwas Bürgerliches und Gewöhnliches an sich haben könnte.
Es soll um mich her fremdartig und seltsam sein an jenem grossen, ernsten,
rätselhaften Tage – am zwölften Oktober ...
Den 18. September.
Während der letzten Tage bin ich nicht ausgegangen, sondern habe die
meiste Zeit auf der Chaiselongue zugebracht. Ich konnte auch nicht viel lesen,
weil dabei alle Nerven mich quälten. Ich habe einfach stillgelegen und in den
unermüdlichen, langsamen Regen hinausgeblickt.
Asuncion kam oft, und einmal brachte sie mir Blumen, ein paar dürre und
nasse Pflanzen, die sie am Strande gefunden; als ich das Kind zum Danke
küsste, weinte es, weil ich »krank« sei. Wie unsäglich schmerzlich mich ihre
zärtliche und wehmütige Liebe berührte!
Den 21. September.
Ich habe lange in meinem Arbeitszimmer am Fenster gesessen, und
Asuncion sass auf meinen Knieen. Wir haben auf das graue und weite Meer
hinausgeblickt, und hinter uns in dem grossen Gemach mit der hohen, weissen
Thür und den steiflehnigen Möbeln herrschte tiefe Stille. Und während ich
langsam das weiche Haar des Kindes streichelte, das schwarz und schlicht auf
ihre zarten Schultern hinabfliesst, habe ich zurückgedacht in meinem wirren,
bunten Leben; ich habe an meine Jugend gedacht, die still war und behütet, an
meine Wanderungen durch die ganze Welt und an die kurze, lichte Zeit meines
Glückes.
Erinnerst du dich des anmutigen und flammend zärtlichen Geschöpfes unter dem Sammethimmel von Lissabon? Es sind zwölf Jahre, dass sie dir das Kind