Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 24 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel III

besetzt, und ich gab mir das Klingelzeichen zum Beginn der Vorstellung, worauf

ich den Taktstock erhob und ein Weilchen die grosse Stille genoss, die dieser

Wink hervorrief. Alsbald jedoch ertönte auf eine neue Bewegung hin der

ahnungsvoll dumpfe Trommelwirbel, der den Anfang der Ouverture bildete, und

den ich mit der linken Hand auf der Pappschachtel vollführte, – die Trompeten,

Klarinetten und Flöten, deren Toncharakter ich mit dem Munde auf

unvergleichliche Weise nachahmte, setzten ein, und die Musik spielte fort, bis

bei einem machtvollen crescendo der Vorhang emporrollte und in dunklem Wald

oder prangendem Saal das Drama begann.

Es war vorher in Gedanken entworfen, musste aber im einzelnen

improvisiert werden, und was an leidenschaftlichen und süssen Gesängen

erscholl, zu denen die Klarinetten trillerten und die Pappschachtel grollte, das

waren seltsame, volltönende Verse, die voll grosser und kühner Worte steckten

und sich zuweilen reimten, einen verstandesmässigen Inhalt jedoch selten

ergaben. Die Oper aber nahm ihren Fortgang, während ich mit der linken Hand

trommelte, mit dem Munde sang und musizierte und mit der Rechten nicht nur

die darstellenden Figuren, sondern auch alles übrige aufs umsichtigste dirigierte,

so dass nach den Aktschlüssen begeisterter Beifall erscholl, der Vorhang wieder

und wieder sich öffnen musste und es manchmal sogar nötig war, dass der

Kapellmeister sich auf seinem Sitze wendete und auf stolze zugleich und

geschmeichelte Art in die Stube hinein dankte.

Wahrhaftig, wenn ich nach solch einer anstrengenden Aufführung mit

heissem Kopf mein Theater zusammenpackte, so erfüllte mich eine glückliche

Mattigkeit, wie ein starker Künstler sie empfinden muss, der ein Werk, an das er

sein bestes Können gesetzt, siegreich vollendete. – Dieses Spiel blieb bis zu

meinem dreizehnten oder vierzehnten Jahre meine Lieblingsbeschäftigung.

 

III.

 

Wie verging doch meine Kindheit und Knabenzeit in dem grossen Hause,

in dessen unteren Räumen mein Vater seine Geschäfte leitete, während oben

meine Mutter in einem Lehnsessel träumte oder leise und nachdenklich Klavier

spielte und meine beiden Schwestern, die zwei und drei Jahre älter waren als ich,

in der Küche und an den Wäscheschränken hantierten? Ich erinnere mich an so

weniges.

Fest steht, dass ich ein ungeheuer muntrer Junge war, der bei seinen

Mitschülern durch bevorzugte Herkunft, durch mustergültige Nachahmung der Lehrer, durch tausend Schauspielerstückchen und durch eine Art überlegener

Redensarten sich Respekt und Beliebtheit zu verschaffen wusste. Beim

Unterricht aber erging es mir übel, denn ich war zu tief beschäftigt damit, die

Komik aus den Bewegungen der Lehrer herauszufinden, als dass ich auf das

übrige hätte aufmerksam sein können, und zu Hause war mir der Kopf zu voll

von Opernstoffen, Versen und buntem Unsinn, als dass ich ernstlich im stande

gewesen wäre, zu arbeiten.

– »Pfui,« sagte mein Vater, und die Falten zwischen seinen Brauen vertieften

sich, wenn ich ihm nach dem Mittagessen mein Zeugnis ins Wohnzimmer

gebracht und er das Papier, die Hand im Rockaufschlag, durchlesen hatte. – »Du

machst mir wenig Freude, das ist wahr. Was soll aus Dir werden, wenn Du die

Güte haben willst, mir das zu sagen? Du wirst im Leben niemals an die

Oberfläche gelangen ...«

Das war betrübend; allein es hinderte nicht, dass ich bereits nach dem

Abendessen den Eltern und Schwestern ein Gedicht vorlas, das ich während des

Nachmittags geschrieben. Mein Vater lachte dabei, dass sein Pincenez auf der

weissen Weste hin und her sprang. – »Was für Narrenspossen!« rief er einmal

über das andere. Meine Mutter aber zog mich zu sich, strich mir das Haar aus

der Stirn und sagte: – »Es ist gar nicht schlecht, mein Junge, ich finde, dass ein

paar hübsche Stellen darin sind.«

Später, als ich noch ein wenig älter war, erlernte ich auf eigene Hand eine

Art von Klavierspiel. Ich begann damit, in fis-dur Accorde zu greifen, weil ich

die schwarzen Tasten besonders reizvoll fand, suchte mir Übergänge zu anderen

Tonarten und gelangte allmählich, da ich lange Stunden am Flügel verbrachte, zu

einer gewissen Fertigkeit im takt- und melodielosen Wechsel von Harmonieen,

wobei ich in dies mystische Gewoge so viel Ausdruck legte, wie nur immer

möglich.

Meine Mutter sagte: – »Er hat einen Anschlag, der Geschmack verrät.« Und

sie veranlasste, dass ich Unterricht erhielt, der während eines halben Jahres

fortgesetzt wurde, denn ich war wirklich nicht dazu angethan, den gehörigen

Fingersatz und Takt zu erlernen. –

Nun, die Jahre vergingen, und ich wuchs trotz der Sorgen, die mir die Schule

bereitete, ungemein fröhlich heran. Ich bewegte mich heiter und beliebt im

Kreise meiner Bekannten und Verwandten, und ich war gewandt und

liebenswürdig aus Lust daran, den Liebenswürdigen zu spielen, obgleich ich alle

diese Leute, die trocken und phantasielos waren, aus einem Instinkt heraus zu

verachten begann.