Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel III
besetzt, und ich gab mir das Klingelzeichen zum Beginn der Vorstellung, worauf
ich den Taktstock erhob und ein Weilchen die grosse Stille genoss, die dieser
Wink hervorrief. Alsbald jedoch ertönte auf eine neue Bewegung hin der
ahnungsvoll dumpfe Trommelwirbel, der den Anfang der Ouverture bildete, und
den ich mit der linken Hand auf der Pappschachtel vollführte, – die Trompeten,
Klarinetten und Flöten, deren Toncharakter ich mit dem Munde auf
unvergleichliche Weise nachahmte, setzten ein, und die Musik spielte fort, bis
bei einem machtvollen crescendo der Vorhang emporrollte und in dunklem Wald
oder prangendem Saal das Drama begann.
Es war vorher in Gedanken entworfen, musste aber im einzelnen
improvisiert werden, und was an leidenschaftlichen und süssen Gesängen
erscholl, zu denen die Klarinetten trillerten und die Pappschachtel grollte, das
waren seltsame, volltönende Verse, die voll grosser und kühner Worte steckten
und sich zuweilen reimten, einen verstandesmässigen Inhalt jedoch selten
ergaben. Die Oper aber nahm ihren Fortgang, während ich mit der linken Hand
trommelte, mit dem Munde sang und musizierte und mit der Rechten nicht nur
die darstellenden Figuren, sondern auch alles übrige aufs umsichtigste dirigierte,
so dass nach den Aktschlüssen begeisterter Beifall erscholl, der Vorhang wieder
und wieder sich öffnen musste und es manchmal sogar nötig war, dass der
Kapellmeister sich auf seinem Sitze wendete und auf stolze zugleich und
geschmeichelte Art in die Stube hinein dankte.
Wahrhaftig, wenn ich nach solch einer anstrengenden Aufführung mit
heissem Kopf mein Theater zusammenpackte, so erfüllte mich eine glückliche
Mattigkeit, wie ein starker Künstler sie empfinden muss, der ein Werk, an das er
sein bestes Können gesetzt, siegreich vollendete. – Dieses Spiel blieb bis zu
meinem dreizehnten oder vierzehnten Jahre meine Lieblingsbeschäftigung.
III.
Wie verging doch meine Kindheit und Knabenzeit in dem grossen Hause,
in dessen unteren Räumen mein Vater seine Geschäfte leitete, während oben
meine Mutter in einem Lehnsessel träumte oder leise und nachdenklich Klavier
spielte und meine beiden Schwestern, die zwei und drei Jahre älter waren als ich,
in der Küche und an den Wäscheschränken hantierten? Ich erinnere mich an so
weniges.
Fest steht, dass ich ein ungeheuer muntrer Junge war, der bei seinen
Mitschülern durch bevorzugte Herkunft, durch mustergültige Nachahmung der Lehrer, durch tausend Schauspielerstückchen und durch eine Art überlegener
Redensarten sich Respekt und Beliebtheit zu verschaffen wusste. Beim
Unterricht aber erging es mir übel, denn ich war zu tief beschäftigt damit, die
Komik aus den Bewegungen der Lehrer herauszufinden, als dass ich auf das
übrige hätte aufmerksam sein können, und zu Hause war mir der Kopf zu voll
von Opernstoffen, Versen und buntem Unsinn, als dass ich ernstlich im stande
gewesen wäre, zu arbeiten.
– »Pfui,« sagte mein Vater, und die Falten zwischen seinen Brauen vertieften
sich, wenn ich ihm nach dem Mittagessen mein Zeugnis ins Wohnzimmer
gebracht und er das Papier, die Hand im Rockaufschlag, durchlesen hatte. – »Du
machst mir wenig Freude, das ist wahr. Was soll aus Dir werden, wenn Du die
Güte haben willst, mir das zu sagen? Du wirst im Leben niemals an die
Oberfläche gelangen ...«
Das war betrübend; allein es hinderte nicht, dass ich bereits nach dem
Abendessen den Eltern und Schwestern ein Gedicht vorlas, das ich während des
Nachmittags geschrieben. Mein Vater lachte dabei, dass sein Pincenez auf der
weissen Weste hin und her sprang. – »Was für Narrenspossen!« rief er einmal
über das andere. Meine Mutter aber zog mich zu sich, strich mir das Haar aus
der Stirn und sagte: – »Es ist gar nicht schlecht, mein Junge, ich finde, dass ein
paar hübsche Stellen darin sind.«
Später, als ich noch ein wenig älter war, erlernte ich auf eigene Hand eine
Art von Klavierspiel. Ich begann damit, in fis-dur Accorde zu greifen, weil ich
die schwarzen Tasten besonders reizvoll fand, suchte mir Übergänge zu anderen
Tonarten und gelangte allmählich, da ich lange Stunden am Flügel verbrachte, zu
einer gewissen Fertigkeit im takt- und melodielosen Wechsel von Harmonieen,
wobei ich in dies mystische Gewoge so viel Ausdruck legte, wie nur immer
möglich.
Meine Mutter sagte: – »Er hat einen Anschlag, der Geschmack verrät.« Und
sie veranlasste, dass ich Unterricht erhielt, der während eines halben Jahres
fortgesetzt wurde, denn ich war wirklich nicht dazu angethan, den gehörigen
Fingersatz und Takt zu erlernen. –
Nun, die Jahre vergingen, und ich wuchs trotz der Sorgen, die mir die Schule
bereitete, ungemein fröhlich heran. Ich bewegte mich heiter und beliebt im
Kreise meiner Bekannten und Verwandten, und ich war gewandt und
liebenswürdig aus Lust daran, den Liebenswürdigen zu spielen, obgleich ich alle
diese Leute, die trocken und phantasielos waren, aus einem Instinkt heraus zu
verachten begann.