Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 6 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel VIII

Grosskaufmann Stephens:

»Der Teufel hole mich, wenn dort nicht die Rinnlingen dahergefahren

kommt.«

»Nun, das trifft sich gut,« sagte Herr Friedemann mit seiner hohen und etwas

scharfen Stimme und blickte erwartungsvoll geradeaus. »Ich habe sie nämlich

noch immer nicht zu Gesichte bekommen. Da haben wir den gelben Wagen.«

In der That war es der gelbe Jagdwagen, den Frau von Rinnlingen heute

benutzte, und sie lenkte die beiden schlanken Pferde in eigener Person, während

der Diener mit verschränkten Armen hinter ihr sass. Sie trug eine weite, ganz

helle Jacke, und auch der Rock war hell. Unter dem kleinen, runden Strohhut mit

braunem Lederbande quoll das rotblonde Haar hervor, das über die Ohren frisiert

war und als ein dicker Knoten tief in den Nacken fiel. Die Hautfarbe ihres

ovalen Gesichtes war mattweiss, und in den Winkeln ihrer ungewöhnlich nahe

bei einander liegenden braunen Augen lagerten bläuliche Schatten. Über ihrer

kurzen, aber recht fein geschnittenen Nase sass ein kleiner Sattel von

Sommersprossen, was sie gut kleidete; ob aber ihr Mund schön war, konnte man

nicht erkennen, denn sie schob unaufhörlich die Unterlippe vor und wieder

zurück, indem sie sie an der Oberlippe scheuerte.

Grosskaufmann Stephens grüsste ausserordentlich ehrerbietig, als der Wagen

herangekommen war, und auch der kleine Herr Friedemann lüftete seinen Hut,

wobei er Frau von Rinnlingen gross und aufmerksam ansah. Sie senkte ihre

Peitsche, nickte leicht mit dem Kopfe und fuhr langsam vorüber, indem sie

rechts und links die Häuser und Schaufenster betrachtete.

Nach ein paar Schritten sagte der Grosskaufmann:

»Sie hat eine Spazierfahrt gemacht und fährt nun nach Hause.«

Der kleine Herr Friedemann antwortete nicht, sondern blickte vor sich nieder

auf das Pflaster. Dann sah er plötzlich den Grosskaufmann an und fragte:

»Wie meinten Sie?«

Und Herr Stephens wiederholte seine scharfsinnige Bemerkung.

 

VIII.

 

Drei Tage später kam Johannes Friedemann um 12 Uhr mittags von seinem

regelmässigen Spaziergange nach Hause. Um halb 1 Uhr wurde zu Mittag

gespeist, und er wollte gerade noch für eine halbe Stunde in sein »Bureau«

gehen, das gleich rechts neben der Hausthür lag, als das Dienstmädchen über die

Diele kam und zu ihm sagte: