Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel VIII
Grosskaufmann Stephens:
»Der Teufel hole mich, wenn dort nicht die Rinnlingen dahergefahren
kommt.«
»Nun, das trifft sich gut,« sagte Herr Friedemann mit seiner hohen und etwas
scharfen Stimme und blickte erwartungsvoll geradeaus. »Ich habe sie nämlich
noch immer nicht zu Gesichte bekommen. Da haben wir den gelben Wagen.«
In der That war es der gelbe Jagdwagen, den Frau von Rinnlingen heute
benutzte, und sie lenkte die beiden schlanken Pferde in eigener Person, während
der Diener mit verschränkten Armen hinter ihr sass. Sie trug eine weite, ganz
helle Jacke, und auch der Rock war hell. Unter dem kleinen, runden Strohhut mit
braunem Lederbande quoll das rotblonde Haar hervor, das über die Ohren frisiert
war und als ein dicker Knoten tief in den Nacken fiel. Die Hautfarbe ihres
ovalen Gesichtes war mattweiss, und in den Winkeln ihrer ungewöhnlich nahe
bei einander liegenden braunen Augen lagerten bläuliche Schatten. Über ihrer
kurzen, aber recht fein geschnittenen Nase sass ein kleiner Sattel von
Sommersprossen, was sie gut kleidete; ob aber ihr Mund schön war, konnte man
nicht erkennen, denn sie schob unaufhörlich die Unterlippe vor und wieder
zurück, indem sie sie an der Oberlippe scheuerte.
Grosskaufmann Stephens grüsste ausserordentlich ehrerbietig, als der Wagen
herangekommen war, und auch der kleine Herr Friedemann lüftete seinen Hut,
wobei er Frau von Rinnlingen gross und aufmerksam ansah. Sie senkte ihre
Peitsche, nickte leicht mit dem Kopfe und fuhr langsam vorüber, indem sie
rechts und links die Häuser und Schaufenster betrachtete.
Nach ein paar Schritten sagte der Grosskaufmann:
»Sie hat eine Spazierfahrt gemacht und fährt nun nach Hause.«
Der kleine Herr Friedemann antwortete nicht, sondern blickte vor sich nieder
auf das Pflaster. Dann sah er plötzlich den Grosskaufmann an und fragte:
»Wie meinten Sie?«
Und Herr Stephens wiederholte seine scharfsinnige Bemerkung.
VIII.
Drei Tage später kam Johannes Friedemann um 12 Uhr mittags von seinem
regelmässigen Spaziergange nach Hause. Um halb 1 Uhr wurde zu Mittag
gespeist, und er wollte gerade noch für eine halbe Stunde in sein »Bureau«
gehen, das gleich rechts neben der Hausthür lag, als das Dienstmädchen über die
Diele kam und zu ihm sagte: