Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel VII
vorderhand noch kein Urteil; die Damen aber waren geradeheraus nicht
einverstanden mit dem Sein und Wesen Gerdas von Rinnlingen.
»Dass man die hauptstädtische Luft verspürt,« äusserte sich Frau
Rechtsanwalt Hagenström gesprächsweise gegen Henriette Friedemann, – »nun,
das ist natürlich. Sie raucht, sie reitet – einverstanden! Aber ihr Benehmen ist
nicht nur frei, es ist burschikos, und auch das ist noch nicht das rechte Wort ...
Sehen Sie, sie ist durchaus nicht hässlich, man könnte sie sogar hübsch finden:
und dennoch entbehrt sie jedes weiblichen Reizes, und ihrem Blick, ihrem
Lachen, ihren Bewegungen fehlt alles, was Männer lieben. Sie ist nicht kokett,
und ich bin, Gott weiss es, die letzte, die das nicht lobenswert fände; aber darf
eine so junge Frau – sie ist vierundzwanzig Jahre alt – die natürliche anmutige
Anziehungskraft ... vollkommen vermissen lassen? Liebste, ich bin nicht
zungenfertig, aber ich weiss, was ich meine. Unsere Herren sind jetzt noch wie
vor den Kopf geschlagen: Sie werden sehen, dass sie sich nach ein paar Wochen
gänzlich dégoutiert von ihr abwenden ...«
»Nun«, sagte Fräulein Friedemann, »sie ist ja vortrefflich versorgt.«
»Ja, ihr Mann!« rief Frau Hagenström. »Wie behandelt sie ihn? Sie sollten es
sehen! Sie werden es sehen! Ich bin die erste, die darauf besteht, dass eine
verheiratete Frau gegen das andere Geschlecht bis zu einem gewissen Grade
abweisend zu sein hat. Wie aber benimmt sie sich gegen ihren eigenen Mann?
Sie hat eine Art, ihn eiskalt anzusehen und mit einer mitleidigen Betonung
»Lieber Freund« zu ihm zu sagen, die mich empört! Denn man muss ihn dabei
sehen – korrekt, stramm, ritterlich, ein prächtig konservierter Vierziger, ein
glänzender Offizier! Vier Jahre sind sie verheiratet ... Liebste ...«
VII.
Der Ort, an dem es dem kleinen Herrn Friedemann zum ersten Male
vergönnt war, Frau von Rinnlingen zu erblicken, war die Hauptstrasse, an der
fast ausschliesslich Geschäftshäuser lagen, und diese Begegnung ereignete sich
um die Mittagszeit, als er soeben von der Börse kam, wo er ein Wörtchen
mitgeredet hatte.
Er spazierte, winzig und wichtig, neben dem Grosskaufmann Stephens,
einem ungewöhnlich grossen und vierschrötigen Herrn mit rundgeschnittenem
Backenbart und furchtbar dicken Augenbrauen. Beide trugen Cylinder und
hatten wegen der grossen Wärme die Überzieher geöffnet. Sie sprachen über
Politik, wobei sie taktmässig ihre Spazierstöcke auf das Trottoir stiessen; als sie aber etwa bis zur Mitte der Strasse gekommen waren, sagte plötzlich der