Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 7 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel IX

»Es ist Besuch da, Herr Friedemann.«

»Bei mir?« fragte er.

»Nein, oben, bei den Damen.«

»Wer denn?«

»Herr und Frau Oberstlieutenant von Rinnlingen.«

»Oh,« sagte Herr Friedemann, »da will ich doch ...«

Und er ging die Treppe hinauf. Oben schritt er über den Vorplatz, und er

hatte schon den Griff der hohen, weissen Thür in der Hand, die zum

»Landschaftszimmer« führte, als er plötzlich innehielt, einen Schritt zurücktrat,

kehrt machte und langsam wieder davonging, wie er gekommen war. Und

obgleich er vollkommen allein war, sagte er ganz laut vor sich hin:

»Nein. Lieber nicht. –«

Er ging hinunter in sein »Bureau«, setzte sich an den Schreibtisch und nahm

die Zeitung zur Hand. Nach einer Minute aber liess er sie wieder sinken und

blickte seitwärts zum Fenster hinaus. So blieb er sitzen, bis das Mädchen kam

und meldete, dass angerichtet sei; dann begab er sich hinauf ins Speisezimmer,

wo die Schwestern schon seiner warteten, und nahm auf seinem Stuhle Platz, auf

dem drei Notenbücher lagen.

Henriette, welche die Suppe auffüllte, sagte:

»Weisst Du, Johannes, wer hier war?«

»Nun?« fragte er.

»Die neuen Oberstlieutenants.«

»Ja, so? Das ist liebenswürdig.«

»Ja,« sagte Pfiffi und bekam Flüssigkeit in die Mundwinkel, »ich finde, dass

beide durchaus angenehme Menschen sind.«

»Jedenfalls,« sagte Friederike, »dürfen wir mit unserem Gegenbesuch nicht

zögern. Ich schlage vor, dass wir übermorgen gehen, Sonntag.«

»Sonntag,« sagten Henriette und Pfiffi.

»Du wirst doch mit uns gehen, Johannes?« fragte Friederike.

»Selbstredend!« sagte Pfiffi und schüttelte sich. Herr Friedemann hatte die

Frage ganz überhört und ass mit einer stillen und ängstlichen Miene seine Suppe.

Es war, als ob er irgendwohin horchte, auf irgend ein unheimliches Geräusch.

 

IX.

 

Am folgenden Abend gab man im Stadttheater den »Lohengrin«, und alle

gebildeten Leute waren anwesend. Der kleine Raum war besetzt von oben bis

unten und erfüllt von summendem Geräusch, Gasgeruch und Parfums. Alle Augengläser aber, im Parquet wie auf den Rängen, richteten sich auf Loge 13,

gleich rechts neben der Bühne, denn dort waren heute zum ersten Male Herr von

Rinnlingen nebst Frau erschienen, und man hatte Gelegenheit, das Paar einmal

gründlich zu mustern.

Als der kleine Herr Friedemann in tadellosem schwarzen Anzug mit

glänzend weissem, spitz hervorstehendem Hemdeinsatz seine Loge – Loge 13 –

betrat, zuckte er in der Thür zurück, wobei er eine Bewegung mit der Hand nach

der Stirn machte und seine Nasenflügel sich einen Augenblick krampfhaft

öffneten. Dann aber liess er sich auf seinem Sessel nieder, dem Platze links von

Frau Rinnlingen.

Sie blickte ihn, während er sich setzte, eine Weile aufmerksam an, indem sie

die Unterlippe vorschob, und wandte sich dann, um mit ihrem Gatten, der hinter

ihr stand, ein paar Worte zu wechseln. Es war ein grosser, breiter Herr mit

aufgebürstetem Schnurrbart und einem braunen, gutmütigen Gesicht.

Als die Ouvertüre begann und Frau von Rinnlingen sich über die Brüstung

beugte, liess Herr Friedemann einen raschen, hastigen Seitenblick über sie

hingleiten. Sie trug eine helle Gesellschaftstoilette und war, als die einzige der

anwesenden Damen, sogar ein wenig dekolletiert. Ihre Ärmel waren sehr weit

und bauschig, und die weissen Handschuhe reichten bis an die Ellenbogen. Ihre

Gestalt hatte heute etwas Üppiges, was neulich, als sie die weite Jacke trug, nicht

bemerkbar gewesen war; ihr Busen hob und senkte sich voll und langsam, und

der Knoten des rotblonden Haares fiel tief und schwer in den Nacken.

Herr Friedemann war bleich, viel bleicher als gewöhnlich, und unter dem

glattgescheitelten braunen Haar standen kleine Tropfen auf seiner Stirn. Frau

von Rinnlingen hatte von ihrem linken Arm, der auf dem roten Sammet der

Brüstung lag, den Handschuh gestreift, und diesen runden, mattweissen Arm, der

wie die schmucklose Hand von ganz blassblauem Geäder durchzogen war, sah er

immer; das war nicht zu ändern.

Die Geigen sangen, die Posaunen schmetterten darein, Telramund fiel, im

Orchester herrschte allgemeiner Jubel, und der kleine Herr Friedemann sass

unbeweglich, blass und still, den Kopf tief zwischen den Schultern, einen

Zeigefinger am Munde und die andere Hand im Aufschlage seines Rockes.

Während der Vorhang fiel, erhob sich Frau von Rinnlingen, um mit ihrem

Gatten die Loge zu verlassen. Herr Friedemann sah es ohne hinzublicken, fuhr

mit seinem Taschentuch leicht über die Stirn, stand plötzlich auf, ging bis an die

Thür, die auf den Korridor führte, kehrte wieder um, setzte sich an seinen Platz

und verharrte dort regungslos in der Stellung, die er vorher innegehabt hatte.

Als das Klingelzeichen erscholl und seine Nachbarn wieder eintraten, fühlte

er, dass Frau von Rinnlingens Augen auf ihm ruhten, und ohne es zu wollen, erhob er den Kopf nach ihr. Als ihre Blicke sich trafen, sah sie durchaus nicht