Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel IX
»Es ist Besuch da, Herr Friedemann.«
»Bei mir?« fragte er.
»Nein, oben, bei den Damen.«
»Wer denn?«
»Herr und Frau Oberstlieutenant von Rinnlingen.«
»Oh,« sagte Herr Friedemann, »da will ich doch ...«
Und er ging die Treppe hinauf. Oben schritt er über den Vorplatz, und er
hatte schon den Griff der hohen, weissen Thür in der Hand, die zum
»Landschaftszimmer« führte, als er plötzlich innehielt, einen Schritt zurücktrat,
kehrt machte und langsam wieder davonging, wie er gekommen war. Und
obgleich er vollkommen allein war, sagte er ganz laut vor sich hin:
»Nein. Lieber nicht. –«
Er ging hinunter in sein »Bureau«, setzte sich an den Schreibtisch und nahm
die Zeitung zur Hand. Nach einer Minute aber liess er sie wieder sinken und
blickte seitwärts zum Fenster hinaus. So blieb er sitzen, bis das Mädchen kam
und meldete, dass angerichtet sei; dann begab er sich hinauf ins Speisezimmer,
wo die Schwestern schon seiner warteten, und nahm auf seinem Stuhle Platz, auf
dem drei Notenbücher lagen.
Henriette, welche die Suppe auffüllte, sagte:
»Weisst Du, Johannes, wer hier war?«
»Nun?« fragte er.
»Die neuen Oberstlieutenants.«
»Ja, so? Das ist liebenswürdig.«
»Ja,« sagte Pfiffi und bekam Flüssigkeit in die Mundwinkel, »ich finde, dass
beide durchaus angenehme Menschen sind.«
»Jedenfalls,« sagte Friederike, »dürfen wir mit unserem Gegenbesuch nicht
zögern. Ich schlage vor, dass wir übermorgen gehen, Sonntag.«
»Sonntag,« sagten Henriette und Pfiffi.
»Du wirst doch mit uns gehen, Johannes?« fragte Friederike.
»Selbstredend!« sagte Pfiffi und schüttelte sich. Herr Friedemann hatte die
Frage ganz überhört und ass mit einer stillen und ängstlichen Miene seine Suppe.
Es war, als ob er irgendwohin horchte, auf irgend ein unheimliches Geräusch.
IX.
Am folgenden Abend gab man im Stadttheater den »Lohengrin«, und alle
gebildeten Leute waren anwesend. Der kleine Raum war besetzt von oben bis
unten und erfüllt von summendem Geräusch, Gasgeruch und Parfums. Alle Augengläser aber, im Parquet wie auf den Rängen, richteten sich auf Loge 13,
gleich rechts neben der Bühne, denn dort waren heute zum ersten Male Herr von
Rinnlingen nebst Frau erschienen, und man hatte Gelegenheit, das Paar einmal
gründlich zu mustern.
Als der kleine Herr Friedemann in tadellosem schwarzen Anzug mit
glänzend weissem, spitz hervorstehendem Hemdeinsatz seine Loge – Loge 13 –
betrat, zuckte er in der Thür zurück, wobei er eine Bewegung mit der Hand nach
der Stirn machte und seine Nasenflügel sich einen Augenblick krampfhaft
öffneten. Dann aber liess er sich auf seinem Sessel nieder, dem Platze links von
Frau Rinnlingen.
Sie blickte ihn, während er sich setzte, eine Weile aufmerksam an, indem sie
die Unterlippe vorschob, und wandte sich dann, um mit ihrem Gatten, der hinter
ihr stand, ein paar Worte zu wechseln. Es war ein grosser, breiter Herr mit
aufgebürstetem Schnurrbart und einem braunen, gutmütigen Gesicht.
Als die Ouvertüre begann und Frau von Rinnlingen sich über die Brüstung
beugte, liess Herr Friedemann einen raschen, hastigen Seitenblick über sie
hingleiten. Sie trug eine helle Gesellschaftstoilette und war, als die einzige der
anwesenden Damen, sogar ein wenig dekolletiert. Ihre Ärmel waren sehr weit
und bauschig, und die weissen Handschuhe reichten bis an die Ellenbogen. Ihre
Gestalt hatte heute etwas Üppiges, was neulich, als sie die weite Jacke trug, nicht
bemerkbar gewesen war; ihr Busen hob und senkte sich voll und langsam, und
der Knoten des rotblonden Haares fiel tief und schwer in den Nacken.
Herr Friedemann war bleich, viel bleicher als gewöhnlich, und unter dem
glattgescheitelten braunen Haar standen kleine Tropfen auf seiner Stirn. Frau
von Rinnlingen hatte von ihrem linken Arm, der auf dem roten Sammet der
Brüstung lag, den Handschuh gestreift, und diesen runden, mattweissen Arm, der
wie die schmucklose Hand von ganz blassblauem Geäder durchzogen war, sah er
immer; das war nicht zu ändern.
Die Geigen sangen, die Posaunen schmetterten darein, Telramund fiel, im
Orchester herrschte allgemeiner Jubel, und der kleine Herr Friedemann sass
unbeweglich, blass und still, den Kopf tief zwischen den Schultern, einen
Zeigefinger am Munde und die andere Hand im Aufschlage seines Rockes.
Während der Vorhang fiel, erhob sich Frau von Rinnlingen, um mit ihrem
Gatten die Loge zu verlassen. Herr Friedemann sah es ohne hinzublicken, fuhr
mit seinem Taschentuch leicht über die Stirn, stand plötzlich auf, ging bis an die
Thür, die auf den Korridor führte, kehrte wieder um, setzte sich an seinen Platz
und verharrte dort regungslos in der Stellung, die er vorher innegehabt hatte.
Als das Klingelzeichen erscholl und seine Nachbarn wieder eintraten, fühlte
er, dass Frau von Rinnlingens Augen auf ihm ruhten, und ohne es zu wollen, erhob er den Kopf nach ihr. Als ihre Blicke sich trafen, sah sie durchaus nicht