Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Der kleine Herr Friedemann
Novellen
BERLIN
S. Fischer, Verlag
1898.
Alle Rechte vorbehalten.
Der kleine Herr Friedemann.
I.
Die Amme hatte die Schuld. – Was half es, dass, als der erste Verdacht
entstand, Frau Konsul Friedemann ihr ernstlich zuredete, solches Laster zu
unterdrücken? Was half es, dass sie ihr ausser dem nahrhaften Bier ein Glas
Rotwein täglich verabreichte? Es stellte sich plötzlich heraus, dass dieses
Mädchen sich herbeiliess, auch noch den Spiritus zu trinken, der für den
Kochapparat verwendet werden sollte, und ehe Ersatz für sie eingetroffen war,
ehe man sie hatte fortschicken können, war das Unglück geschehen. Als die
Mutter und ihre drei halbwüchsigen Töchter eines Tages von einem Ausgange
zurückkehrten, lag der kleine, etwa einen Monat alte Johannes, vom
Wickeltische gestürzt, mit einem entsetzlich leisen Wimmern am Boden,
während die Amme stumpfsinnig daneben stand.
Der Arzt, der mit einer behutsamen Festigkeit die Glieder des gekrümmten
und zuckenden kleinen Wesens prüfte, machte ein sehr, sehr ernstes Gesicht, die
drei Töchter standen schluchzend in einem Winkel, und Frau Friedemann in
ihrer Herzensangst betete laut.
Die arme Frau hatte es noch vor der Geburt des Kindes erleben müssen, dass
ihr Gatte, der niederländische Konsul, von einer ebenso plötzlichen wie heftigen
Krankheit dahingerafft wurde, und sie war noch zu gebrochen, um überhaupt der
Hoffnung fähig zu sein, der kleine Johannes möchte ihr erhalten bleiben. Allein
nach zwei Tagen erklärte ihr der Arzt mit einem ermutigenden Händedruck, eine
unmittelbare Gefahr sei schlechterdings nicht mehr vorhanden, die leichte
Gehirnaffektion, vor allem, sei gänzlich gehoben, was man schon an dem Blicke
sehen könne, der durchaus nicht mehr den stieren Ausdruck zeige wie anfangs ...
Freilich müsse man abwarten, wie im übrigen sich die Sache entwickeln werde –
und das Beste hoffen, wie gesagt, das Beste hoffen ...