Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 22 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Der Bajazzo.

 

Nach allem zum Schluss und als würdiger Ausgang, in der That, alles dessen

ist es nun der Ekel, den mir das Leben – mein Leben – den mir »alles das« und

»das Ganze« einflösst, dieser Ekel, der mich würgt, mich aufjagt, mich schüttelt

und wieder niederwirft, und der mir vielleicht über kurz oder lang einmal die

notwendige Schwungkraft geben wird, die ganze lächerliche und nichtswürdige

Angelegenheit überm Knie zu zerbrechen und mich auf und davon zu machen.

Sehr möglich immerhin, dass ich es noch diesen und den anderen Monat treibe,

dass ich noch ein Viertel- oder Halbjahr fortfahre zu essen, zu schlafen und mich

zu beschäftigen – in derselben mechanischen, wohlgeregelten und ruhigen Art,

in der mein äusseres Leben während dieses Winters verlief, und die mit dem

wüsten Auflösungsprozess meines Innern in entsetzlichem Widerstreite stand.

Scheint es nicht, dass die inneren Erlebnisse eines Menschen desto stärker und

angreifender sind, je dégagierter, weltfremder und ruhiger er äusserlich lebt? Es

hilft nichts: man muss leben; und wenn du dich wehrst, ein Mensch der Action

zu sein, und dich in die friedlichste Einöde zurückziehst, so werden die

Wechselfälle des Daseins dich innerlich überfallen, und du wirst deinen

Charakter in ihnen zu bewähren haben, seiest du nun ein Held oder ein Narr.

Ich habe mir dies reinliche Heft bereitet, um meine »Geschichte« darin zu

erzählen: warum eigentlich? Vielleicht um überhaupt etwas zu thun zu haben?

Aus Lust am Psychologischen vielleicht und um mich an der Notwendigkeit

alles dessen zu laben? Die Notwendigkeit ist so tröstlich! Vielleicht auch, um auf

Augenblicke eine Art von Überlegenheit über mich selbst und etwas wie

Gleichgültigkeit zu geniessen? – Denn Gleichgültigkeit, ich weiss, das wäre eine

Art von Glück ...

 

I.

 

Sie liegt so weit dahinten, die kleine, alte Stadt mit ihren schmalen,

winkeligen und giebeligen Strassen, ihren gotischen Kirchen und Brunnen, ihren betriebsamen, soliden und einfachen Menschen und dem grossen, altersgrauen

Patrizierhause, in dem ich aufgewachsen bin.

Das lag inmitten der Stadt und hatte vier Generationen von vermögenden

und angesehenen Kaufleuten überdauert. »Ora et labora« stand über der

Hausthür, und wenn man von der weiten, steinernen Diele, um die sich oben eine

Gallerie aus weisslackiertem Holze zog, die breite Treppe hinangestiegen war, so

musste man noch einen weitläufigen Vorplatz und eine kleine, dunkle

Säulenhalle durchschreiten, um durch eine der hohen, weissen Thüren in das

Wohnzimmer zu gelangen, wo meine Mutter am Flügel sass und spielte.

Sie sass im Dämmerlicht, denn vor den Fenstern befanden sich schwere,

dunkelrote Vorhänge; und die weissen Götterfiguren der Tapete schienen

plastisch aus ihrem blauen Hintergrund hervorzutreten und zu lauschen auf diese

schweren, tiefen Anfangstöne eines Chopinschen Notturnos, das sie vor allem

liebte und stets sehr langsam spielte, wie um die Melancholie eines jeden

Accordes auszugeniessen. Der Flügel war alt und hatte an Klangfülle eingebüsst,

aber mit dem Piano-Pedal, welches die hohen Töne so verschleierte, dass sie an

mattes Silber erinnerten, konnte man die seltsamsten Wirkungen erzielen.

Ich sass auf dem massigen, steiflehnigen Damastsofa und lauschte und

betrachtete meine Mutter. Sie war klein und zart gebaut und trug meistens ein

Kleid aus weichem, hellgrauem Stoff. Ihr schmales Gesicht war nicht schön,

aber es war unter dem gescheitelten, leichtgewellten Haar von schüchternem

Blond wie ein stilles, zartes, verträumtes Kinderantlitz, und wenn sie, den Kopf

ein wenig zur Seite geneigt, am Klaviere sass, so glich sie den kleinen,

rührenden Engeln, die sich auf alten Bildern oft zu Füssen der Madonna mit der

Guitarre bemühen.

Als ich klein war, erzählte sie mir mit ihrer leisen und zurückhaltenden

Stimme oft Märchen, wie sonst niemand sie kannte; oder sie legte auch einfach

ihre Hände auf meinen Kopf, der in ihrem Schosse lag, und sass schweigend und

unbeweglich. Mich dünkt, das waren die glücklichsten und friedevollsten

Stunden meines Lebens. – Ihr Haar wurde nicht grau, und sie schien mir nicht

älter zu werden; ihre Gestalt ward nur beständig zarter und ihr Gesicht schmaler,

stiller und verträumter.

Mein Vater aber war ein grosser und breiter Herr in feinem, schwarzen

Tuchrock und weisser Weste, auf der ein goldenes Binocle hing. Zwischen

seinen kurzen, eisgrauen Cotelettes trat das Kinn, das wie die Oberlippe

glattrasiert war, rund und stark hervor, und zwischen seinen Brauen standen stets

zwei tiefe, senkrechte Falten. Es war ein mächtiger Mann von grossem Einfluss

auf die öffentlichen Angelegenheiten; ich habe Menschen ihn mit fliegendem

Atem und leuchtenden Augen verlassen sehen und andere, die gebrochen und ganz verzweifelt waren. Denn es geschah zuweilen, dass ich und auch wohl