Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Der Bajazzo.
Nach allem zum Schluss und als würdiger Ausgang, in der That, alles dessen
ist es nun der Ekel, den mir das Leben – mein Leben – den mir »alles das« und
»das Ganze« einflösst, dieser Ekel, der mich würgt, mich aufjagt, mich schüttelt
und wieder niederwirft, und der mir vielleicht über kurz oder lang einmal die
notwendige Schwungkraft geben wird, die ganze lächerliche und nichtswürdige
Angelegenheit überm Knie zu zerbrechen und mich auf und davon zu machen.
Sehr möglich immerhin, dass ich es noch diesen und den anderen Monat treibe,
dass ich noch ein Viertel- oder Halbjahr fortfahre zu essen, zu schlafen und mich
zu beschäftigen – in derselben mechanischen, wohlgeregelten und ruhigen Art,
in der mein äusseres Leben während dieses Winters verlief, und die mit dem
wüsten Auflösungsprozess meines Innern in entsetzlichem Widerstreite stand.
Scheint es nicht, dass die inneren Erlebnisse eines Menschen desto stärker und
angreifender sind, je dégagierter, weltfremder und ruhiger er äusserlich lebt? Es
hilft nichts: man muss leben; und wenn du dich wehrst, ein Mensch der Action
zu sein, und dich in die friedlichste Einöde zurückziehst, so werden die
Wechselfälle des Daseins dich innerlich überfallen, und du wirst deinen
Charakter in ihnen zu bewähren haben, seiest du nun ein Held oder ein Narr.
Ich habe mir dies reinliche Heft bereitet, um meine »Geschichte« darin zu
erzählen: warum eigentlich? Vielleicht um überhaupt etwas zu thun zu haben?
Aus Lust am Psychologischen vielleicht und um mich an der Notwendigkeit
alles dessen zu laben? Die Notwendigkeit ist so tröstlich! Vielleicht auch, um auf
Augenblicke eine Art von Überlegenheit über mich selbst und etwas wie
Gleichgültigkeit zu geniessen? – Denn Gleichgültigkeit, ich weiss, das wäre eine
Art von Glück ...
I.
Sie liegt so weit dahinten, die kleine, alte Stadt mit ihren schmalen,
winkeligen und giebeligen Strassen, ihren gotischen Kirchen und Brunnen, ihren betriebsamen, soliden und einfachen Menschen und dem grossen, altersgrauen
Patrizierhause, in dem ich aufgewachsen bin.
Das lag inmitten der Stadt und hatte vier Generationen von vermögenden
und angesehenen Kaufleuten überdauert. »Ora et labora« stand über der
Hausthür, und wenn man von der weiten, steinernen Diele, um die sich oben eine
Gallerie aus weisslackiertem Holze zog, die breite Treppe hinangestiegen war, so
musste man noch einen weitläufigen Vorplatz und eine kleine, dunkle
Säulenhalle durchschreiten, um durch eine der hohen, weissen Thüren in das
Wohnzimmer zu gelangen, wo meine Mutter am Flügel sass und spielte.
Sie sass im Dämmerlicht, denn vor den Fenstern befanden sich schwere,
dunkelrote Vorhänge; und die weissen Götterfiguren der Tapete schienen
plastisch aus ihrem blauen Hintergrund hervorzutreten und zu lauschen auf diese
schweren, tiefen Anfangstöne eines Chopinschen Notturnos, das sie vor allem
liebte und stets sehr langsam spielte, wie um die Melancholie eines jeden
Accordes auszugeniessen. Der Flügel war alt und hatte an Klangfülle eingebüsst,
aber mit dem Piano-Pedal, welches die hohen Töne so verschleierte, dass sie an
mattes Silber erinnerten, konnte man die seltsamsten Wirkungen erzielen.
Ich sass auf dem massigen, steiflehnigen Damastsofa und lauschte und
betrachtete meine Mutter. Sie war klein und zart gebaut und trug meistens ein
Kleid aus weichem, hellgrauem Stoff. Ihr schmales Gesicht war nicht schön,
aber es war unter dem gescheitelten, leichtgewellten Haar von schüchternem
Blond wie ein stilles, zartes, verträumtes Kinderantlitz, und wenn sie, den Kopf
ein wenig zur Seite geneigt, am Klaviere sass, so glich sie den kleinen,
rührenden Engeln, die sich auf alten Bildern oft zu Füssen der Madonna mit der
Guitarre bemühen.
Als ich klein war, erzählte sie mir mit ihrer leisen und zurückhaltenden
Stimme oft Märchen, wie sonst niemand sie kannte; oder sie legte auch einfach
ihre Hände auf meinen Kopf, der in ihrem Schosse lag, und sass schweigend und
unbeweglich. Mich dünkt, das waren die glücklichsten und friedevollsten
Stunden meines Lebens. – Ihr Haar wurde nicht grau, und sie schien mir nicht
älter zu werden; ihre Gestalt ward nur beständig zarter und ihr Gesicht schmaler,
stiller und verträumter.
Mein Vater aber war ein grosser und breiter Herr in feinem, schwarzen
Tuchrock und weisser Weste, auf der ein goldenes Binocle hing. Zwischen
seinen kurzen, eisgrauen Cotelettes trat das Kinn, das wie die Oberlippe
glattrasiert war, rund und stark hervor, und zwischen seinen Brauen standen stets
zwei tiefe, senkrechte Falten. Es war ein mächtiger Mann von grossem Einfluss
auf die öffentlichen Angelegenheiten; ich habe Menschen ihn mit fliegendem
Atem und leuchtenden Augen verlassen sehen und andere, die gebrochen und ganz verzweifelt waren. Denn es geschah zuweilen, dass ich und auch wohl