Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel XIV
– Ich bitte um ein Glas Wein.
Es ist vollkommen gleichgültig, ob ich mich irrte, als ich zu bemerken
glaubte, dass das junge Mädchen einen raschen und spöttischen Blick zu ihrem
Freunde hinüberspielen liess. Schweigend wie er und ich gab sie mir den Wein,
und ohne den Blick zu erheben, rot und verstört vor Wut und Schmerz, eine
unglückliche und lächerliche Figur, stand ich zwischen diesen beiden, trank ein
paar Schlucke, legte das Geld auf den Tisch, verbeugte mich fassungslos,
verliess den Saal und stürzte ins Freie.
Seit diesem Augenblicke ist es zu Ende mit mir, und es fügt der Sache
bitterwenig hinzu, dass ich ein paar Tage später in den Journalen die
Verkündigung fand:
»Die Verlobung meiner Tochter Anna mit Herrn Assessor Dr. Alfred
Witznagel beehre ich mich ergebenst anzuzeigen. Justizrat Rainer.«
XIV.
Seit diesem Augenblick ist es zu Ende mit mir. Mein letzter Rest von
Glücksbewusstsein und Selbstgefälligkeit ist zu Tode gehetzt
zusammengebrochen, ich kann nicht mehr, ja, ich bin unglücklich, ich gestehe es
ein, und ich sehe eine klägliche und lächerliche Figur in mir! – Aber ich halte
das nicht aus! Ich gehe zu Grunde! Ich werde mich totschiessen, sei es heut oder
morgen!
Meine erste Regung, mein erster Instinkt war der schlaue Versuch, das
Belletristische aus der Sache zu ziehen und mein erbärmliches Übelbefinden in
»unglückliche Liebe« umzudeuten: Eine Albernheit, wie sich von selbst versteht.
Man geht an keiner unglücklichen Liebe zu Grunde. Eine unglückliche Liebe ist
eine Attitüde, die nicht übel ist. In einer unglücklichen Liebe gefällt man sich.
Ich aber gehe daran zu Grunde, dass es mit allem Gefallen an mir selbst so ohne
Hoffnung zu Ende ist!
Liebte ich, wenn endlich einmal diese Frage erlaubt ist, liebte ich dieses
Mädchen denn eigentlich? – Vielleicht ... aber wie und warum? War diese Liebe
nicht eine Ausgeburt meiner längst schon gereizten und kranken Eitelkeit, die
beim ersten Anblick dieser unerreichbaren Kostbarkeit peinigend aufbegehrt war
und Gefühle von Neid, Hass und Selbstverachtung hervorgebracht hatte, für die
dann die Liebe bloss Vorwand, Ausweg und Rettung war?
Ja, das alles ist Eitelkeit! Und hat mich nicht mein Vater schon einst einen
Bajazzo genannt?
Ach, ich war nicht berechtigt, ich am wenigsten, mich seitab zu setzen und
die »Gesellschaft« zu ignorieren, ich, der ich zu eitel bin, ihre Miss- und
Nichtachtung zu ertragen, der ich ihrer und ihres Beifalls nicht zu entraten
vermag! – Aber es handelt sich nicht um Berechtigung? Sondern um
Notwendigkeit? Und mein unbrauchbares Bajazzotum hätte für keine sociale
Stellung getaugt? Nunwohl, eben dieses Bajazzotum ist es, an dem ich in jedem
Falle zu Grunde gehen musste.
Gleichgültigkeit, ich weiss, das wäre eine Art von Glück ... Aber ich bin
nicht im stande, gleichgültig gegen mich zu sein, ich bin nicht im stande, mich
mit anderen Augen anzusehen, als mit denen der »Leute«, und ich gehe an
bösem Gewissen zu Grunde – erfüllt von Unschuld ... Sollte das böse Gewissen
denn niemals etwas anderes sein, als eiternde Eitelkeit? –
Es giebt nur ein Unglück: das Gefallen an sich selbst einbüssen. Sich nicht
mehr zu gefallen, das ist das Unglück – ah, und ich habe das stets sehr deutlich
gefühlt! Alles übrige ist Spiel und Bereicherung des Lebens, in jedem anderen
Leiden kann man so ausserordentlich mit sich zufrieden sein, sich so vorzüglich
ausnehmen. Die Zwietracht erst mit dir selbst, das böse Gewissen im Leiden, die
Kämpfe der Eitelkeit erst sind es, die dich zu einem kläglichen und
widerwärtigen Anblick machen ...
Ein alter Bekannter erschien auf der Bildfläche, ein Herr Namens Schilling,
mit dem ich einst in dem grossen Holzgeschäfte des Herrn Schlievogt
gemeinschaftlich der Gesellschaft diente. Er berührte in Geschäften die Stadt
und kam, mich zu besuchen – ein »skeptisches Individuum«, die Hände in den
Hosentaschen, mit einem schwarzgeränderten Pincenez und einem realistisch
duldsamen Achselzucken. Er traf des Abends ein und sagte: »Ich bleibe ein paar
Tage hier.« – Wir gingen in eine Weinstube.
Er begegnete mir, als sei ich noch der glückliche Selbstgefällige, als den er
mich gekannt hatte, und in dem guten Glauben, mir nur meine eigne fröhliche
Meinung entgegen zu bringen, sagte er:
– »Bei Gott, Du hast Dir Dein Leben angenehm eingerichtet, mein Junge!
Unabhängig, was? frei! Eigentlich hast Du recht, zum Teufel! Man lebt nur
einmal, wie? Was geht einen im Grunde das übrige an? Du bist der Klügere von
uns beiden, das muss ich sagen. Übrigens, Du warst immer ein Genie ...« Und
wie ehemals fuhr er fort, mich bereitwilligst anzuerkennen und mir gefällig zu
sein, ohne zu ahnen, dass ich meinerseits voll Angst war, zu missfallen.
Mit verzweifelten Anstrengungen bemühte ich mich, den Platz zu behaupten,
den ich in seinen Augen einnahm, nach wie vor auf der Höhe zu erscheinen,
glücklich und selbstzufrieden zu erscheinen – umsonst! Mir fehlte jedes
Rückgrat, jeder gute Mut, jede Contenance, ich kam ihm mit einer matten Verlegenheit, einer geduckten Unsicherheit entgegen – und er erfasste das mit
unglaublicher Schnelligkeit! Es war entsetzlich, zu sehen, wie er, der
vollkommen bereit gewesen war, mich als glücklichen und überlegenen
Menschen anzuerkennen, begann, mich zu durchschauen, mich erstaunt
anzusehen, kühl zu werden, überlegen zu werden, ungeduldig und widerwillig zu
werden und mir schliesslich seine Verachtung mit jeder Miene zu zeigen. Er
brach früh auf, und am nächsten Tage belehrten mich ein paar flüchtige Zeilen
darüber, dass er dennoch genötigt gewesen sei, abzureisen.
Es ist Thatsache, alle Welt ist viel zu angelegentlich mit sich selbst
beschäftigt, als dass man ernstlich eine Meinung über einen anderen zu haben
vermöchte; man acceptiert mit träger Bereitwilligkeit den Grad von Respekt, den
du die Sicherheit hast, vor dir selber an den Tag zu legen. Sei, wie du willst,
lebe, wie du willst, aber zeige kecke Zuversicht und kein böses Gewissen, und
niemand wird moralisch genug sein, dich zu verachten. Erlebe es andererseits,
die Einigkeit mit dir zu verlieren, die Selbstgefälligkeit einzubüssen, zeige, dass
du dich verachtest, und blindlings wird man dir recht geben. – Was mich betrifft,
ich bin verloren ...
Ich höre auf zu schreiben, ich werfe die Feder fort – voll Ekel, voll Ekel! –
Ein Ende machen: aber wäre das nicht beinahe zu heldenhaft für einen
»Bajazzo«? Es wird sich ergeben, fürchte ich, dass ich weiter leben, weiter
essen, schlafen und mich ein wenig beschäftigen werde und mich allgemach
dumpfsinnig daran gewöhnen, eine »unglückliche und lächerliche Figur« zu
sein.
Mein Gott, wer hätte es gedacht, wer hätte es denken können, dass es ein
solches Verhängnis und Unglück ist, als ein »Bajazzo« geboren zu werden!...