Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 35 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel XIV

– Ich bitte um ein Glas Wein.

Es ist vollkommen gleichgültig, ob ich mich irrte, als ich zu bemerken

glaubte, dass das junge Mädchen einen raschen und spöttischen Blick zu ihrem

Freunde hinüberspielen liess. Schweigend wie er und ich gab sie mir den Wein,

und ohne den Blick zu erheben, rot und verstört vor Wut und Schmerz, eine

unglückliche und lächerliche Figur, stand ich zwischen diesen beiden, trank ein

paar Schlucke, legte das Geld auf den Tisch, verbeugte mich fassungslos,

verliess den Saal und stürzte ins Freie.

Seit diesem Augenblicke ist es zu Ende mit mir, und es fügt der Sache

bitterwenig hinzu, dass ich ein paar Tage später in den Journalen die

Verkündigung fand:

»Die Verlobung meiner Tochter Anna mit Herrn Assessor Dr. Alfred

Witznagel beehre ich mich ergebenst anzuzeigen. Justizrat Rainer.«

 

XIV.

 

Seit diesem Augenblick ist es zu Ende mit mir. Mein letzter Rest von

Glücksbewusstsein und Selbstgefälligkeit ist zu Tode gehetzt

zusammengebrochen, ich kann nicht mehr, ja, ich bin unglücklich, ich gestehe es

ein, und ich sehe eine klägliche und lächerliche Figur in mir! – Aber ich halte

das nicht aus! Ich gehe zu Grunde! Ich werde mich totschiessen, sei es heut oder

morgen!

Meine erste Regung, mein erster Instinkt war der schlaue Versuch, das

Belletristische aus der Sache zu ziehen und mein erbärmliches Übelbefinden in

»unglückliche Liebe« umzudeuten: Eine Albernheit, wie sich von selbst versteht.

Man geht an keiner unglücklichen Liebe zu Grunde. Eine unglückliche Liebe ist

eine Attitüde, die nicht übel ist. In einer unglücklichen Liebe gefällt man sich.

Ich aber gehe daran zu Grunde, dass es mit allem Gefallen an mir selbst so ohne

Hoffnung zu Ende ist!

Liebte ich, wenn endlich einmal diese Frage erlaubt ist, liebte ich dieses

Mädchen denn eigentlich? – Vielleicht ... aber wie und warum? War diese Liebe

nicht eine Ausgeburt meiner längst schon gereizten und kranken Eitelkeit, die

beim ersten Anblick dieser unerreichbaren Kostbarkeit peinigend aufbegehrt war

und Gefühle von Neid, Hass und Selbstverachtung hervorgebracht hatte, für die

dann die Liebe bloss Vorwand, Ausweg und Rettung war?

Ja, das alles ist Eitelkeit! Und hat mich nicht mein Vater schon einst einen

Bajazzo genannt?

Ach, ich war nicht berechtigt, ich am wenigsten, mich seitab zu setzen und

die »Gesellschaft« zu ignorieren, ich, der ich zu eitel bin, ihre Miss- und

Nichtachtung zu ertragen, der ich ihrer und ihres Beifalls nicht zu entraten

vermag! – Aber es handelt sich nicht um Berechtigung? Sondern um

Notwendigkeit? Und mein unbrauchbares Bajazzotum hätte für keine sociale

Stellung getaugt? Nunwohl, eben dieses Bajazzotum ist es, an dem ich in jedem

Falle zu Grunde gehen musste.

Gleichgültigkeit, ich weiss, das wäre eine Art von Glück ... Aber ich bin

nicht im stande, gleichgültig gegen mich zu sein, ich bin nicht im stande, mich

mit anderen Augen anzusehen, als mit denen der »Leute«, und ich gehe an

bösem Gewissen zu Grunde – erfüllt von Unschuld ... Sollte das böse Gewissen

denn niemals etwas anderes sein, als eiternde Eitelkeit? –

Es giebt nur ein Unglück: das Gefallen an sich selbst einbüssen. Sich nicht

mehr zu gefallen, das ist das Unglück – ah, und ich habe das stets sehr deutlich

gefühlt! Alles übrige ist Spiel und Bereicherung des Lebens, in jedem anderen

Leiden kann man so ausserordentlich mit sich zufrieden sein, sich so vorzüglich

ausnehmen. Die Zwietracht erst mit dir selbst, das böse Gewissen im Leiden, die

Kämpfe der Eitelkeit erst sind es, die dich zu einem kläglichen und

widerwärtigen Anblick machen ...

Ein alter Bekannter erschien auf der Bildfläche, ein Herr Namens Schilling,

mit dem ich einst in dem grossen Holzgeschäfte des Herrn Schlievogt

gemeinschaftlich der Gesellschaft diente. Er berührte in Geschäften die Stadt

und kam, mich zu besuchen – ein »skeptisches Individuum«, die Hände in den

Hosentaschen, mit einem schwarzgeränderten Pincenez und einem realistisch

duldsamen Achselzucken. Er traf des Abends ein und sagte: »Ich bleibe ein paar

Tage hier.« – Wir gingen in eine Weinstube.

Er begegnete mir, als sei ich noch der glückliche Selbstgefällige, als den er

mich gekannt hatte, und in dem guten Glauben, mir nur meine eigne fröhliche

Meinung entgegen zu bringen, sagte er:

– »Bei Gott, Du hast Dir Dein Leben angenehm eingerichtet, mein Junge!

Unabhängig, was? frei! Eigentlich hast Du recht, zum Teufel! Man lebt nur

einmal, wie? Was geht einen im Grunde das übrige an? Du bist der Klügere von

uns beiden, das muss ich sagen. Übrigens, Du warst immer ein Genie ...« Und

wie ehemals fuhr er fort, mich bereitwilligst anzuerkennen und mir gefällig zu

sein, ohne zu ahnen, dass ich meinerseits voll Angst war, zu missfallen.

Mit verzweifelten Anstrengungen bemühte ich mich, den Platz zu behaupten,

den ich in seinen Augen einnahm, nach wie vor auf der Höhe zu erscheinen,

glücklich und selbstzufrieden zu erscheinen – umsonst! Mir fehlte jedes

Rückgrat, jeder gute Mut, jede Contenance, ich kam ihm mit einer matten Verlegenheit, einer geduckten Unsicherheit entgegen – und er erfasste das mit

unglaublicher Schnelligkeit! Es war entsetzlich, zu sehen, wie er, der

vollkommen bereit gewesen war, mich als glücklichen und überlegenen

Menschen anzuerkennen, begann, mich zu durchschauen, mich erstaunt

anzusehen, kühl zu werden, überlegen zu werden, ungeduldig und widerwillig zu

werden und mir schliesslich seine Verachtung mit jeder Miene zu zeigen. Er

brach früh auf, und am nächsten Tage belehrten mich ein paar flüchtige Zeilen

darüber, dass er dennoch genötigt gewesen sei, abzureisen.

Es ist Thatsache, alle Welt ist viel zu angelegentlich mit sich selbst

beschäftigt, als dass man ernstlich eine Meinung über einen anderen zu haben

vermöchte; man acceptiert mit träger Bereitwilligkeit den Grad von Respekt, den

du die Sicherheit hast, vor dir selber an den Tag zu legen. Sei, wie du willst,

lebe, wie du willst, aber zeige kecke Zuversicht und kein böses Gewissen, und

niemand wird moralisch genug sein, dich zu verachten. Erlebe es andererseits,

die Einigkeit mit dir zu verlieren, die Selbstgefälligkeit einzubüssen, zeige, dass

du dich verachtest, und blindlings wird man dir recht geben. – Was mich betrifft,

ich bin verloren ...

 

Ich höre auf zu schreiben, ich werfe die Feder fort – voll Ekel, voll Ekel! –

Ein Ende machen: aber wäre das nicht beinahe zu heldenhaft für einen

»Bajazzo«? Es wird sich ergeben, fürchte ich, dass ich weiter leben, weiter

essen, schlafen und mich ein wenig beschäftigen werde und mich allgemach

dumpfsinnig daran gewöhnen, eine »unglückliche und lächerliche Figur« zu

sein.

Mein Gott, wer hätte es gedacht, wer hätte es denken können, dass es ein

solches Verhängnis und Unglück ist, als ein »Bajazzo« geboren zu werden!...