Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Den 5. Oktober.
Ich denke unaufhörlich daran, und es beschäftigt mich ganz und gar. – Ich
sinne darüber, wann und woher mein Wissen mir gekommen ist, ich vermag es
nicht zu sagen! Ich wusste mit neunzehn oder zwanzig Jahren, dass ich mit
vierzig sterben müsste, und irgend eines Tages, als ich mich eindringlich fragte,
an welchem Tage es geschehen werde, da wusste ich auch den Tag!
Und nun ist er so nahe herangekommen, so nahe, dass ich den kalten Atem
des Todes zu verspüren meine.
Den 7. Oktober.
Der Wind hat sich verstärkt, die See braust, und der Regen trommelt auf dem
Dache. Ich habe in der Nacht nicht geschlafen, sondern bin in meinem
Wettermantel hinunter an den Strand gegangen und habe mich dort auf einen
Stein gesetzt.
Hinter mir war in Dunkelheit und Regen der Hügel mit dem grauen Haus, in
dem die kleine Asuncion schlief, meine kleine Asuncion! Und vor mir wälzte
das Meer seinen trüben Schaum bis vor meine Füsse.
Ich habe die ganze Nacht hinausgeblickt, und mich dünkte, so müsse der Tod
sein oder das Nach dem Tode: dort drüben und draussen ein unendliches, dumpf
brausendes Dunkel. Wird dort ein Gedanke, eine Ahnung von mir fortleben und -
weben und ewig auf das unbegreifliche Brausen horchen?
Den 8. Oktober.
Ich will dem Tode danken, wenn er kommt, denn nun wird es zu bald erfüllt
sein, als dass ich noch warten könnte. Drei kurze Herbsttage noch, und es wird
geschehen. Wie gespannt ich bin auf den letzten Augenblick, den allerletzten!
Sollte es nicht ein Augenblick des Entzückens und unsäglicher Süssigkeit sein?
Ein Augenblick höchster Wollust?
Drei kurze Herbsttage noch, und der Tod wird hier zu mir ins Zimmer treten
– wie er sich nur benehmen wird! Wird er mich behandeln wie einen Wurm?
Wird er mich an der Kehle packen und mich würgen? Oder wird er mit seiner
Hand in mein Gehirn greifen? – Aber ich denke ihn mir gross und schön und von
einer wilden Majestät!