Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 8 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel X

beiseite, sondern fuhr fort, ihn ohne eine Spur von Verlegenheit aufmerksam zu

betrachten, bis er selbst, bezwungen und gedemütigt, die Augen niederschlug. Er

ward noch bleicher dabei, und ein seltsamer, süsslich beizender Zorn stieg in ihm

auf ... Die Musik begann.

Gegen Ende dieses Aufzuges geschah es, dass Frau von Rinnlingen sich

ihren Fächer entgleiten liess und dass derselbe neben Herrn Friedemann zu

Boden fiel. Beide bückten sich gleichzeitig, aber sie ergriff ihn selbst und sagte

mit einem Lächeln, das spöttisch war:

»Ich danke.«

Ihre Köpfe waren ganz dicht beieinander gewesen, und er hatte einen

Augenblick den warmen Duft ihrer Brust atmen müssen. Sein Gesicht war

verzerrt, sein ganzer Körper zog sich zusammen, und sein Herz klopfte so

grässlich schwer und wuchtig, dass ihm der Atem verging. Er sass noch eine

halbe Minute, dann schob er den Sessel zurück, stand leise auf und ging leise

hinaus.

 

X.

 

Er ging, gefolgt von den Klängen der Musik, über den Korridor, liess sich

an der Garderobe seinen Cylinder, seinen hellen Überzieher und seinen Stock

geben und schritt die Treppe hinab auf die Strasse.

Es war ein warmer, stiller Abend. Im Lichte der Gaslaternen standen die

grauen Giebelhäuser schweigend gegen den Himmel, an dem die Sterne hell und

milde glänzten. Die Schritte der wenigen Menschen, die Herrn Friedemann

begegneten, hallten auf dem Trottoir. Jemand grüsste ihn, aber er sah es nicht; er

hielt den Kopf tief gesenkt, und seine hohe, spitze Brust zitterte, so schwer

atmete er. Dann und wann sagte er leise vor sich hin:

»Mein Gott! Mein Gott!«

Er sah mit einem entsetzten und angstvollen Blick in sich hinein, wie sein

Empfinden, das er so sanft gepflegt, so milde und klug stets behandelt hatte, nun

emporgerissen war, aufgewirbelt, zerwühlt ... Und plötzlich, ganz überwältigt, in

einem Zustand von Schwindel, Trunkenheit, Sehnsucht und Qual, lehnte er sich

gegen einen Laternenpfahl und flüsterte bebend:

»Gerda!« –

Alles blieb still. Weit und breit war in diesem Augenblick kein Mensch zu

sehen. Der kleine Herr Friedemann raffte sich auf und schritt weiter. Er war die

Strasse hinaufgegangen, in der das Theater lag und die ziemlich steil zum Flusse hinunterlief, und verfolgte nun die Hauptstrasse nach Norden, seiner Wohnung