Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 28 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel VII

und fatalistisch genug, um – mit dem Worte meines Vaters – meine

»Bajazzobegabung« von der heiteren Seite zu nehmen, und fröhlich gewillt, das

Leben auf meine Art zu geniessen, fehlte mir nichts an Selbstzufriedenheit.

Ich erhob mein kleines Vermögen, und beinahe ohne mich zu verabschieden,

verliess ich die Stadt, um mich vorerst auf Reisen zu begeben.

 

VII.

 

Dieser drei Jahre, die nun folgten, und in denen ich mich mit begieriger

Empfänglichkeit tausend neuen, wechselnden, reichen Eindrücken hingab,

erinnere ich mich wie eines schönen, fernen Traumes. Wie lange ist es her, dass

ich bei den Mönchen auf dem Symplon zwischen Schnee und Eis ein

Neujahrsfest verbrachte; dass ich zu Verona über die Piazza Erbe schlenderte;

dass ich vom Borgo San Spirito aus zum ersten Male unter die Kolonnaden von

Sankt Peter trat und meine eingeschüchterten Augen sich auf dem ungeheuren

Platze verloren; dass ich vom Corso Vittorio Emanuele über das

weissschimmernde Neapel hinabblickte und fern im Meere die graziöse

Silhouette von Capri in blauem Dunst verschwimmen sah ... Es sind in

Wirklichkeit sechs Jahre und nicht viel mehr.

Oh, ich lebte vollkommen vorsichtig und meinen Verhältnissen

entsprechend: in einfachen Privatzimmern, in wohlfeilen Pensionen – bei dem

häufigen Ortswechsel aber, und weil es mir anfangs schwer fiel, mich meiner

gutbürgerlichen Gewohnheiten zu entwöhnen, waren grössere Ausgaben

gleichwohl nicht zu vermeiden. Ich hatte mir für die Zeit meiner Wanderungen

15000 Mark meines Kapitals ausgesetzt; diese Summe freilich ward

überschritten.

Übrigens befand ich mich wohl unter den Leuten, mit denen ich unterwegs

hier und da in Berührung kam, uninteressierte und sehr interessante Existenzen

oft, denen ich allerdings nicht wie meiner ehemaligen Umgebung ein

Gegenstand des Respekts war, aber von denen ich auch keine befremdeten

Blicke und Fragen zu befürchten hatte.

Mit meiner Art von gesellschaftlicher Begabung erfreute ich mich in

Pensionen zuweilen aufrichtiger Beliebtheit bei der übrigen Reisegesellschaft –

wobei ich mich einer Scene im Salon der Pension Minelli zu Palermo erinnere.

In einem Kreise von Franzosen verschiedenen Alters hatte ich am Pianino von

ungefähr begonnen, mit grossem Aufwand von tragischem Mienenspiel,

deklamierendem Gesang und rollenden Harmonieen ein Musikdrama »von Richard Wagner« zu improvisieren, und ich hatte soeben unter ungeheurem