Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 10 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel XII

Eine Art von Übermut begann ihn zu erfüllen. Was für eine Luft das war, und

wie die Vögel zwitscherten! Wie wäre es, wenn er ein wenig spazieren ginge? –

Und da, plötzlich, ohne einen Nebengedanken, stieg mit einem süssen Schrecken

der Gedanke in ihm auf: Wenn ich zu ihr ginge? – Und indem er, förmlich mit

einer Muskelanstrengung, alles in sich unterdrückte, was angstvoll warnte, fügte

er mit einer glückseligen Entschlossenheit hinzu: Ich will zu ihr gehen!

Und er zog seinen schwarzen Sonntagsanzug an, nahm Cylinder und Stock

und ging schnell und hastig atmend durch die ganze Stadt in die südliche

Vorstadt. Ohne einen Menschen zu sehen, hob und senkte er bei jedem Schritte

in eifriger Weise den Kopf, ganz in einem abwesenden, exaltierten Zustand

befangen, bis er draussen in der Kastanienallee vor der roten Villa stand, an

deren Eingang der Name »Oberstlieutenant von Rinnlingen« zu lesen war.

 

XII.

 

Hier befiel ihn ein Zittern, und das Herz pochte ihm krampfhaft und

schwer gegen die Brust. Aber er ging über den Flur und klingelte drinnen. Nun

war es entschieden, und es gab kein Zurück. Mochte alles seinen Gang gehen,

dachte er. In ihm war es plötzlich totenstill.

Die Thür sprang auf, der Diener kam ihm über den Vorplatz entgegen, nahm

die Karte in Empfang und eilte damit die Treppe hinauf, auf der ein roter Läufer

lag. Auf diesen starrte Herr Friedemann unbeweglich, bis der Diener zurückkam

und erklärte, die gnädige Frau lasse bitten, sich hinauf zu verfügen.

Oben neben der Salonthür, wo er seinen Stock abstellte, warf er einen Blick

in den Spiegel. Sein Gesicht war bleich, und über den geröteten Augen klebte

das Haar an der Stirn; die Hand, in der er den Cylinder hielt, zitterte

unaufhaltsam.

Der Diener öffnete, und er trat ein. Er sah sich in einem ziemlich grossen,

halbdunklen Gemach; die Fenster waren verhängt. Rechts stand ein Flügel, und

in der Mitte um den runden Tisch gruppierten sich Lehnsessel in brauner Seide.

Über dem Sofa an der linken Seitenwand hing eine Landschaft in schwerem

Goldrahmen. Auch die Tapete war dunkel. Hinten im Erker standen Palmen.

Eine Minute verging, bis Frau von Rinnlingen rechts die Portiere

auseinanderschlug und ihm auf dem dicken braunen Teppich lautlos

entgegenkam. Sie trug ein ganz einfach gearbeitetes, rot und schwarz

gewürfeltes Kleid. Vom Erker her fiel eine Lichtsäule, in welcher der Staub

tanzte, gerade auf ihr schweres, rotes Haar, so dass es einen Augenblick goldig

aufleuchtete. Sie hielt ihre seltsamen Augen forschend auf ihn gerichtet und schob wie gewöhnlich die Unterlippe vor.

»Gnädige Frau,« begann Herr Friedemann und blickte zu ihr in die Höhe,

denn er reichte ihr nur bis zur Brust, »ich möchte Ihnen auch meinerseits meine

Aufwartung machen. Ich war, als Sie meine Schwestern beehrten, leider

abwesend und ... bedauerte das aufrichtig ...«

Er wusste durchaus nicht mehr zu sagen, aber sie stand und sah ihn

unerbittlich an, als wollte sie ihn zwingen, weiter zu sprechen. Alles Blut stieg

ihm plötzlich zu Kopfe. Sie will mich quälen und verhöhnen! dachte er, und sie

durchschaut mich! Wie ihre Augen zittern!... Endlich sagte sie mit einer ganz

hellen und ganz klaren Stimme:

»Es ist liebenswürdig, dass Sie gekommen sind. Ich habe neulich ebenfalls

bedauert, Sie zu verfehlen. Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen?«

Sie setzte sich nahe bei ihm, legte die Arme auf die Seitenlehnen des Sessels

und lehnte sich zurück. Er sass vorgebeugt und hielt den Hut zwischen den

Knieen. Sie sagte:

»Wissen Sie, dass noch vor einer Viertelstunde Ihre Fräulein Schwestern hier

waren? Sie sagten mir, Sie seien krank?«

»Das ist wahr,« erwiderte Herr Friedemann, »ich fühlte mich nicht wohl

heute Morgen. Ich glaubte nicht ausgehen zu können. Ich bitte wegen meiner

Verspätung um Entschuldigung.«

»Sie sehen auch jetzt noch nicht gesund aus,« sagte sie ganz ruhig und

blickte ihn unverwandt an. »Sie sind bleich, und Ihre Augen sind entzündet. Ihre

Gesundheit lässt überhaupt zu wünschen übrig?«

»Oh ...« stammelte Herr Friedemann, »ich bin im allgemeinen zufrieden ...«

»Auch ich bin viel krank,« fuhr sie fort, ohne die Augen von ihm

abzuwenden; »aber niemand merkt es. Ich bin nervös und kenne die

merkwürdigsten Zustände.«

Sie schwieg, legte das Kinn auf die Brust und sah ihn von unten herauf

wartend an. Aber er antwortete nicht. Er sass still und hielt seine Augen gross

und sinnend auf sie gerichtet. Wie seltsam sie sprach, und wie ihre helle, haltlose

Stimme ihn berührte! Sein Herz hatte sich beruhigt; ihm war, als träumte er. –

Frau von Rinnlingen begann aufs neue:

»Ich müsste mich irren, wenn Sie nicht gestern das Theater vor Schluss der

Vorstellung verliessen?«

»Ja, gnädige Frau.«

»Ich bedauerte das. Sie waren ein andächtiger Nachbar, obgleich die

Aufführung nicht gut war, oder nur relativ gut. Sie lieben die Musik? Spielen Sie

Klavier?«

»Ich spiele ein wenig Violine,« sagte Herr Friedemann. »Das heisst – es ist beinahe nichts ...«

»Sie spielen Violine?« fragte sie; dann sah sie an ihm vorbei in die Luft und

dachte nach.

»Aber dann könnten wir hin und wieder miteinander musizieren,« sagte sie

plötzlich. »Ich kann etwas begleiten. Es würde mich freuen, hier jemanden

gefunden zu haben ... Werden Sie kommen?«

»Ich stehe der gnädigen Frau mit Vergnügen zur Verfügung,« sagte er, immer

wie im Traum. Es entstand eine Pause. Da änderte sich plötzlich der Ausdruck

ihres Gesichtes. Er sah, wie es sich in einem kaum merklichen grausamen Spott

verzerrte, wie ihre Augen sich wieder mit jenem unheimlichen Zittern fest und

forschend auf ihn richteten, wie schon zweimal vorher. Sein Gesicht ward

glühend rot, und ohne zu wissen, wohin er sich wenden sollte, völlig ratlos und

ausser sich, liess er seinen Kopf ganz zwischen die Schultern sinken und blickte

fassungslos auf den Teppich nieder. Wie ein kurzer Schauer aber durchrieselte

ihn wieder jene ohnmächtige, süsslich peinigende Wut ...

Als er mit einem verzweifelten Entschluss den Blick wieder erhob, sah sie

ihn nicht mehr an, sondern blickte ruhig über seinen Kopf hinweg auf die Thür.

Er brachte mühsam ein paar Worte hervor:

»Und sind gnädige Frau bis jetzt leidlich zufrieden mit Ihrem Aufenthalt in

unserer Stadt?«

»Oh,« sagte Frau von Rinnlingen gleichgültig, »gewiss. Warum sollte ich

nicht zufrieden sein? Freilich ein wenig beengt und beobachtet komme ich mir

vor, aber ... Übrigens,« fuhr sie gleich darauf fort, »ehe ich es vergesse: Wir

denken in den nächsten Tagen einige Leute bei uns zu sehen, eine kleine,

zwanglose Gesellschaft. Man könnte ein wenig Musik machen, ein wenig

plaudern ... Überdies haben wir hinterm Hause einen recht hübschen Garten; er

geht bis zum Flusse hinunter. Kurz und gut: Sie und Ihre Damen werden

selbstverständlich noch eine Einladung erhalten, aber ich bitte Sie gleich hiermit

um Ihre Teilnahme; werden Sie uns das Vergnügen machen?«

Herr Friedemann hatte kaum seinen Dank und seine Zusage hervorgebracht,

als der Thürgriff energisch niedergedrückt wurde und der Oberstlieutenant

eintrat. Beide erhoben sich, und während Frau von Rinnlingen die Herren

einander vorstellte, verbeugte sich ihr Gatte mit der gleichen Höflichkeit vor

Herrn Friedemann wie vor ihr. Sein braunes Gesicht war ganz blank vor Wärme.

Während er sich die Handschuhe auszog, sprach er mit seiner kräftigen und

scharfen Stimme irgend etwas zu Herrn Friedemann, der mit grossen,

gedankenlosen Augen zu ihm in die Höhe blickte und immer erwartete,

wohlwollend von ihm auf die Schulter geklopft zu werden. Indessen wandte sich

der Oberstlieutenant mit zusammengezogenen Absätzen und leicht vorgebeugtem Oberkörper an seine Gattin und sagte mit merklich gedämpfter