Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel XII
Eine Art von Übermut begann ihn zu erfüllen. Was für eine Luft das war, und
wie die Vögel zwitscherten! Wie wäre es, wenn er ein wenig spazieren ginge? –
Und da, plötzlich, ohne einen Nebengedanken, stieg mit einem süssen Schrecken
der Gedanke in ihm auf: Wenn ich zu ihr ginge? – Und indem er, förmlich mit
einer Muskelanstrengung, alles in sich unterdrückte, was angstvoll warnte, fügte
er mit einer glückseligen Entschlossenheit hinzu: Ich will zu ihr gehen!
Und er zog seinen schwarzen Sonntagsanzug an, nahm Cylinder und Stock
und ging schnell und hastig atmend durch die ganze Stadt in die südliche
Vorstadt. Ohne einen Menschen zu sehen, hob und senkte er bei jedem Schritte
in eifriger Weise den Kopf, ganz in einem abwesenden, exaltierten Zustand
befangen, bis er draussen in der Kastanienallee vor der roten Villa stand, an
deren Eingang der Name »Oberstlieutenant von Rinnlingen« zu lesen war.
XII.
Hier befiel ihn ein Zittern, und das Herz pochte ihm krampfhaft und
schwer gegen die Brust. Aber er ging über den Flur und klingelte drinnen. Nun
war es entschieden, und es gab kein Zurück. Mochte alles seinen Gang gehen,
dachte er. In ihm war es plötzlich totenstill.
Die Thür sprang auf, der Diener kam ihm über den Vorplatz entgegen, nahm
die Karte in Empfang und eilte damit die Treppe hinauf, auf der ein roter Läufer
lag. Auf diesen starrte Herr Friedemann unbeweglich, bis der Diener zurückkam
und erklärte, die gnädige Frau lasse bitten, sich hinauf zu verfügen.
Oben neben der Salonthür, wo er seinen Stock abstellte, warf er einen Blick
in den Spiegel. Sein Gesicht war bleich, und über den geröteten Augen klebte
das Haar an der Stirn; die Hand, in der er den Cylinder hielt, zitterte
unaufhaltsam.
Der Diener öffnete, und er trat ein. Er sah sich in einem ziemlich grossen,
halbdunklen Gemach; die Fenster waren verhängt. Rechts stand ein Flügel, und
in der Mitte um den runden Tisch gruppierten sich Lehnsessel in brauner Seide.
Über dem Sofa an der linken Seitenwand hing eine Landschaft in schwerem
Goldrahmen. Auch die Tapete war dunkel. Hinten im Erker standen Palmen.
Eine Minute verging, bis Frau von Rinnlingen rechts die Portiere
auseinanderschlug und ihm auf dem dicken braunen Teppich lautlos
entgegenkam. Sie trug ein ganz einfach gearbeitetes, rot und schwarz
gewürfeltes Kleid. Vom Erker her fiel eine Lichtsäule, in welcher der Staub
tanzte, gerade auf ihr schweres, rotes Haar, so dass es einen Augenblick goldig
aufleuchtete. Sie hielt ihre seltsamen Augen forschend auf ihn gerichtet und schob wie gewöhnlich die Unterlippe vor.
»Gnädige Frau,« begann Herr Friedemann und blickte zu ihr in die Höhe,
denn er reichte ihr nur bis zur Brust, »ich möchte Ihnen auch meinerseits meine
Aufwartung machen. Ich war, als Sie meine Schwestern beehrten, leider
abwesend und ... bedauerte das aufrichtig ...«
Er wusste durchaus nicht mehr zu sagen, aber sie stand und sah ihn
unerbittlich an, als wollte sie ihn zwingen, weiter zu sprechen. Alles Blut stieg
ihm plötzlich zu Kopfe. Sie will mich quälen und verhöhnen! dachte er, und sie
durchschaut mich! Wie ihre Augen zittern!... Endlich sagte sie mit einer ganz
hellen und ganz klaren Stimme:
»Es ist liebenswürdig, dass Sie gekommen sind. Ich habe neulich ebenfalls
bedauert, Sie zu verfehlen. Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen?«
Sie setzte sich nahe bei ihm, legte die Arme auf die Seitenlehnen des Sessels
und lehnte sich zurück. Er sass vorgebeugt und hielt den Hut zwischen den
Knieen. Sie sagte:
»Wissen Sie, dass noch vor einer Viertelstunde Ihre Fräulein Schwestern hier
waren? Sie sagten mir, Sie seien krank?«
»Das ist wahr,« erwiderte Herr Friedemann, »ich fühlte mich nicht wohl
heute Morgen. Ich glaubte nicht ausgehen zu können. Ich bitte wegen meiner
Verspätung um Entschuldigung.«
»Sie sehen auch jetzt noch nicht gesund aus,« sagte sie ganz ruhig und
blickte ihn unverwandt an. »Sie sind bleich, und Ihre Augen sind entzündet. Ihre
Gesundheit lässt überhaupt zu wünschen übrig?«
»Oh ...« stammelte Herr Friedemann, »ich bin im allgemeinen zufrieden ...«
»Auch ich bin viel krank,« fuhr sie fort, ohne die Augen von ihm
abzuwenden; »aber niemand merkt es. Ich bin nervös und kenne die
merkwürdigsten Zustände.«
Sie schwieg, legte das Kinn auf die Brust und sah ihn von unten herauf
wartend an. Aber er antwortete nicht. Er sass still und hielt seine Augen gross
und sinnend auf sie gerichtet. Wie seltsam sie sprach, und wie ihre helle, haltlose
Stimme ihn berührte! Sein Herz hatte sich beruhigt; ihm war, als träumte er. –
Frau von Rinnlingen begann aufs neue:
»Ich müsste mich irren, wenn Sie nicht gestern das Theater vor Schluss der
Vorstellung verliessen?«
»Ja, gnädige Frau.«
»Ich bedauerte das. Sie waren ein andächtiger Nachbar, obgleich die
Aufführung nicht gut war, oder nur relativ gut. Sie lieben die Musik? Spielen Sie
Klavier?«
»Ich spiele ein wenig Violine,« sagte Herr Friedemann. »Das heisst – es ist beinahe nichts ...«
»Sie spielen Violine?« fragte sie; dann sah sie an ihm vorbei in die Luft und
dachte nach.
»Aber dann könnten wir hin und wieder miteinander musizieren,« sagte sie
plötzlich. »Ich kann etwas begleiten. Es würde mich freuen, hier jemanden
gefunden zu haben ... Werden Sie kommen?«
»Ich stehe der gnädigen Frau mit Vergnügen zur Verfügung,« sagte er, immer
wie im Traum. Es entstand eine Pause. Da änderte sich plötzlich der Ausdruck
ihres Gesichtes. Er sah, wie es sich in einem kaum merklichen grausamen Spott
verzerrte, wie ihre Augen sich wieder mit jenem unheimlichen Zittern fest und
forschend auf ihn richteten, wie schon zweimal vorher. Sein Gesicht ward
glühend rot, und ohne zu wissen, wohin er sich wenden sollte, völlig ratlos und
ausser sich, liess er seinen Kopf ganz zwischen die Schultern sinken und blickte
fassungslos auf den Teppich nieder. Wie ein kurzer Schauer aber durchrieselte
ihn wieder jene ohnmächtige, süsslich peinigende Wut ...
Als er mit einem verzweifelten Entschluss den Blick wieder erhob, sah sie
ihn nicht mehr an, sondern blickte ruhig über seinen Kopf hinweg auf die Thür.
Er brachte mühsam ein paar Worte hervor:
»Und sind gnädige Frau bis jetzt leidlich zufrieden mit Ihrem Aufenthalt in
unserer Stadt?«
»Oh,« sagte Frau von Rinnlingen gleichgültig, »gewiss. Warum sollte ich
nicht zufrieden sein? Freilich ein wenig beengt und beobachtet komme ich mir
vor, aber ... Übrigens,« fuhr sie gleich darauf fort, »ehe ich es vergesse: Wir
denken in den nächsten Tagen einige Leute bei uns zu sehen, eine kleine,
zwanglose Gesellschaft. Man könnte ein wenig Musik machen, ein wenig
plaudern ... Überdies haben wir hinterm Hause einen recht hübschen Garten; er
geht bis zum Flusse hinunter. Kurz und gut: Sie und Ihre Damen werden
selbstverständlich noch eine Einladung erhalten, aber ich bitte Sie gleich hiermit
um Ihre Teilnahme; werden Sie uns das Vergnügen machen?«
Herr Friedemann hatte kaum seinen Dank und seine Zusage hervorgebracht,
als der Thürgriff energisch niedergedrückt wurde und der Oberstlieutenant
eintrat. Beide erhoben sich, und während Frau von Rinnlingen die Herren
einander vorstellte, verbeugte sich ihr Gatte mit der gleichen Höflichkeit vor
Herrn Friedemann wie vor ihr. Sein braunes Gesicht war ganz blank vor Wärme.
Während er sich die Handschuhe auszog, sprach er mit seiner kräftigen und
scharfen Stimme irgend etwas zu Herrn Friedemann, der mit grossen,
gedankenlosen Augen zu ihm in die Höhe blickte und immer erwartete,
wohlwollend von ihm auf die Schulter geklopft zu werden. Indessen wandte sich
der Oberstlieutenant mit zusammengezogenen Absätzen und leicht vorgebeugtem Oberkörper an seine Gattin und sagte mit merklich gedämpfter