Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel XI
und mit einem Worte Lächerliches ist mir zu tief eigentlich, als dass ich mich
selbst noch zu achten vermöchte, wenn ich unglücklich wäre.
Wie dürfte ich mir gestatten, unglücklich zu sein? Welche Rolle müsste ich
vor mir spielen? Müsste ich nicht als eine Art von Fledermaus oder Eule im
Dunkeln hocken und neidisch zu den »Lichtmenschen« hinüberblinzeln, den
liebenswürdigen Glücklichen? Ich müsste sie hassen, mit jenem Hass, der nichts
ist als eine vergiftete Liebe, – und mich verachten!
»Im Dunkeln hocken!« Ah, und mir fällt ein, was ich seit manchem Monat
hin und wieder über meine »Ausserhalb-Stellung« und »philosophische
Vereinsamung« gedacht und gefühlt habe! Und die Angst meldet sich wieder, die
übelbekannte Angst! Und das Bewusstsein irgend einer Art von Empörung
gegen eine drohende Macht ...
– Unzweifelhaft, dass sich ein Trost fand, eine Ablenkung, eine Betäubung
für dieses Mal und ein anderes und wiederum ein nächstes. Aber es kehrte
wieder, alles dies, es kehrte tausendmal wieder im Laufe der Monate und der
Jahre.
XI.
Es giebt Herbsttage, die wie ein Wunder sind. Der Sommer ist vorüber,
draussen hat längst das Laub zu vergilben begonnen, und in der Stadt hat Tage
lang bereits der Wind um alle Ecken gepfiffen, während in den Rinnsteinen
unreinliche Bäche sprudelten. Du hast dich darein ergeben, du hast dich
sozusagen am Ofen bereit gesetzt, um den Winter über dich ergehen zu lassen;
eines Morgens aber beim Erwachen bemerkst du mit ungläubigen Augen, dass
ein schmaler Streif von leuchtendem Blau zwischen den Fenstervorhängen
hindurch in dein Zimmer blitzt. Ganz erstaunt springst du aus dem Bette, du
öffnest das Fenster, eine Woge von zitterndem Sonnenlicht strömt dir entgegen,
und zugleich vernimmst du durch alles Strassengeräusch hindurch ein
geschwätziges und munteres Vogelgezwitscher, während es dir nicht anders ist,
als atmetest du mit der frischen und leichten Luft eines ersten Oktobertages die
unvergleichlich süsse und verheissungsvolle Würze ein, die sonst den Winden
des Mai gehört. Es ist Frühling, es ist ganz augenscheinlich Frühling, dem
Kalender zum Trotz, und du wirfst dich in die Kleider, um unter dem
schimmernden Himmel durch die Strassen und ins Freie zu eilen ...
Ein so unverhoffter und merkwürdiger Tag erschien vor nunmehr etwa vier
Monaten, – wir stehen augenblicklich am Anfang des Februar – und an diesem Tage sah ich etwas ausnehmend Hübsches. Vor neun Uhr am Morgen hatte ich
mich aufgemacht, und ganz erfüllt von einer leichten und freudigen Stimmung,
von einer unbestimmten Hoffnung auf Veränderungen, Überraschungen und
Glück schlug ich den Weg zum Lerchenberge ein. Ich stieg am rechten Ende den
Hügel hinan, und ich verfolgte seinen ganzen Rücken der Länge nach, indem ich
mich stets auf der Hauptpromenade am Rande und an der niedrigen Steinrampe
hielt, um auf dem ganzen Wege, der wohl eine kleine halbe Stunde in Anspruch
nimmt, den Ausblick über die leicht terrassenförmig abfallende Stadt und den
Fluss freizuhaben, dessen Schlingungen in der Sonne blinkten und hinter dem
die Landschaft mit Hügeln und Grün im Sonnendunst verschwamm.
Es war noch beinahe menschenleer hier oben. Die Bänke jenseits des Weges
standen einsam, und hie und da blickte zwischen den Bäumen eine Statue hervor,
weissschimmernd vor Sonne, während doch ein welkes Blatt dann und wann
langsam darauf niedertaumelte. Die Stille, der ich horchte, während ich im
Wandern den Blick auf das lichte Panorama zur Seite gerichtet hielt, blieb
ungestört, bis ich das Ende des Hügels erreicht hatte, und der Weg sich zwischen
alten Kastanien zu senken begann. Hier jedoch klang hinter mir Pferdegestampf
und das Rollen eines Wagens auf, der sich in raschem Trabe näherte, und dem
ich an der Mitte etwa des Abstieges Platz machen musste. Ich trat zur Seite und
blieb stehen.
Es war ein kleiner, ganz leichter und zweirädiger Jagdwagen, bespannt mit
zwei grossen, blanken und lebhaft schnaubenden Füchsen. Die Zügel hielt eine
junge Dame von neunzehn vielleicht oder zwanzig Jahren, neben der ein alter
Herr von stattlichem und vornehmem Äussern sass, mit weissem à la russe
aufgebürstetem Schnurrbart und dichten, weissen Augenbrauen. Ein Bedienter in
einfacher, schwarz-silberner Livree dekorierte den Rücksitz.
Das Tempo der Pferde war bei Beginn des Abstieges zum Schritt verzögert
worden, da das eine von ihnen nervös und unruhig schien. Es hatte sich weit
seitwärts von der Deichsel entfernt, drückte den Kopf auf die Brust und setzte
seine schlanken Beine mit einem so zitternden Widerstreben, dass der alte Herr,
ein wenig besorgt, sich vorbeugte, um mit seiner elegant behandschuhten Linken
der jungen Dame beim Straffziehen der Zügel behilflich zu sein. Die Lenkung
schien ihr nur vorübergehend und halb zum Scherze anvertraut worden,
wenigstens sah es aus, als ob sie das Kutschieren mit einer Art von kindlicher
Wichtigkeit und Unerfahrenheit zugleich behandelte. Sie machte eine kleine,
ernsthafte und indignierte Kopfbewegung, während sie das scheuende und
stolpernde Tier zu beruhigen suchte.
Sie war brünett und schlank. Auf ihrem Haar, das überm Nacken zu einem
festen Knoten gewunden war und das sich ganz leicht und lose um Stirn und Schläfen legte, so dass einzelne lichtbraune Fäden zu unterscheiden waren, sass
ein runder, dunkelfarbiger Strohhut, geschmückt ausschliesslich mit einem
kleinen Arrangement von Bandwerk. Übrigens trug sie eine kurze, dunkelblaue
Jacke und einen schlichtgearbeiteten Rock aus hellgrauem Tuch.
In ihrem ovalen und feingeformten Gesicht, dessen zartbrünetter Teint von
der Morgenluft frisch gerötet war, bildeten das Anziehendste sicherlich die
Augen: ein Paar schmaler und langgeschnittener Augen, deren kaum zur Hälfte
sichtbare Iris blitzend schwarz war, und über denen sich ausserordentlich
gleichmässige und wie mit der Feder gezeichnete Brauen wölbten. Die Nase war
vielleicht ein wenig lang, und der Mund, dessen Lippenlinien jedenfalls klar und
fein waren, hätte schmaler sein dürfen. Im Augenblicke aber wurde ihm durch
die schimmernd weissen und etwas von einander entfernt stehenden Zähne ein
Reiz gegeben, die das junge Mädchen bei den Bemühungen um das Pferd
energisch auf die Unterlippe drückte, und mit denen sie das fast kindlich runde
Kinn ein wenig emporzog.
Es wäre ganz falsch, zu sagen, dass dieses Gesicht von auffallender und
bewunderungswürdiger Schönheit gewesen sei. Es besass den Reiz der Jugend
und der fröhlichen Frische, und dieser Reiz war gleichsam geglättet, stillgemacht
und veredelt durch wohlhabende Sorglosigkeit, vornehme Erziehung und
luxuriöse Pflege; es war gewiss, dass diese schmalen und blitzenden Augen, die
jetzt mit verwöhnter Ärgerlichkeit auf das störrische Pferd blickten, in der
nächsten Minute wieder den Ausdruck sicheren und selbstverständlichen
Glückes annehmen würden. – Die Ärmel der Jacke, die an den Schultern weit
und bauschig waren, umspannten ganz knapp die schlanken Handgelenke, und
niemals habe ich einen entzückenderen Eindruck von auserlesener Eleganz
empfangen, als durch die Art, mit der diese schmalen, unbekleideten,
mattweissen Hände die Zügel hielten! –
Ich stand am Wege, von keinem Blicke gestreift, während der Wagen
vorüberfuhr, und ich ging langsam weiter, als er sich wieder in Trab setzte und
rasch verschwand. Was ich empfand, war Freude und Bewunderung; aber irgend
ein seltsamer und stechender Schmerz meldete sich zur gleichen Zeit, ein herbes
und drängendes Gefühl von – Neid? von Liebe? – ich wagte es nicht
auszudenken – von Selbstverachtung?
Während ich schreibe, kommt mir die Vorstellung eines armseligen Bettlers,
der vor dem Schaufenster eines Juweliers in den kostbaren Schimmer eines
Edelsteinkleinods starrt. Dieser Mensch wird es in seinem Inneren nicht zu dem
klaren Wunsche bringen, das Geschmeid zu besitzen; denn schon der Gedanke
an diesen Wunsch wäre eine lächerliche Unmöglichkeit, die ihn vor sich selbst
zum Gespött machen würde.