Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 32 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel XI

und mit einem Worte Lächerliches ist mir zu tief eigentlich, als dass ich mich

selbst noch zu achten vermöchte, wenn ich unglücklich wäre.

Wie dürfte ich mir gestatten, unglücklich zu sein? Welche Rolle müsste ich

vor mir spielen? Müsste ich nicht als eine Art von Fledermaus oder Eule im

Dunkeln hocken und neidisch zu den »Lichtmenschen« hinüberblinzeln, den

liebenswürdigen Glücklichen? Ich müsste sie hassen, mit jenem Hass, der nichts

ist als eine vergiftete Liebe, – und mich verachten!

»Im Dunkeln hocken!« Ah, und mir fällt ein, was ich seit manchem Monat

hin und wieder über meine »Ausserhalb-Stellung« und »philosophische

Vereinsamung« gedacht und gefühlt habe! Und die Angst meldet sich wieder, die

übelbekannte Angst! Und das Bewusstsein irgend einer Art von Empörung

gegen eine drohende Macht ...

– Unzweifelhaft, dass sich ein Trost fand, eine Ablenkung, eine Betäubung

für dieses Mal und ein anderes und wiederum ein nächstes. Aber es kehrte

wieder, alles dies, es kehrte tausendmal wieder im Laufe der Monate und der

Jahre.

 

XI.

 

Es giebt Herbsttage, die wie ein Wunder sind. Der Sommer ist vorüber,

draussen hat längst das Laub zu vergilben begonnen, und in der Stadt hat Tage

lang bereits der Wind um alle Ecken gepfiffen, während in den Rinnsteinen

unreinliche Bäche sprudelten. Du hast dich darein ergeben, du hast dich

sozusagen am Ofen bereit gesetzt, um den Winter über dich ergehen zu lassen;

eines Morgens aber beim Erwachen bemerkst du mit ungläubigen Augen, dass

ein schmaler Streif von leuchtendem Blau zwischen den Fenstervorhängen

hindurch in dein Zimmer blitzt. Ganz erstaunt springst du aus dem Bette, du

öffnest das Fenster, eine Woge von zitterndem Sonnenlicht strömt dir entgegen,

und zugleich vernimmst du durch alles Strassengeräusch hindurch ein

geschwätziges und munteres Vogelgezwitscher, während es dir nicht anders ist,

als atmetest du mit der frischen und leichten Luft eines ersten Oktobertages die

unvergleichlich süsse und verheissungsvolle Würze ein, die sonst den Winden

des Mai gehört. Es ist Frühling, es ist ganz augenscheinlich Frühling, dem

Kalender zum Trotz, und du wirfst dich in die Kleider, um unter dem

schimmernden Himmel durch die Strassen und ins Freie zu eilen ...

Ein so unverhoffter und merkwürdiger Tag erschien vor nunmehr etwa vier

Monaten, – wir stehen augenblicklich am Anfang des Februar – und an diesem Tage sah ich etwas ausnehmend Hübsches. Vor neun Uhr am Morgen hatte ich

mich aufgemacht, und ganz erfüllt von einer leichten und freudigen Stimmung,

von einer unbestimmten Hoffnung auf Veränderungen, Überraschungen und

Glück schlug ich den Weg zum Lerchenberge ein. Ich stieg am rechten Ende den

Hügel hinan, und ich verfolgte seinen ganzen Rücken der Länge nach, indem ich

mich stets auf der Hauptpromenade am Rande und an der niedrigen Steinrampe

hielt, um auf dem ganzen Wege, der wohl eine kleine halbe Stunde in Anspruch

nimmt, den Ausblick über die leicht terrassenförmig abfallende Stadt und den

Fluss freizuhaben, dessen Schlingungen in der Sonne blinkten und hinter dem

die Landschaft mit Hügeln und Grün im Sonnendunst verschwamm.

Es war noch beinahe menschenleer hier oben. Die Bänke jenseits des Weges

standen einsam, und hie und da blickte zwischen den Bäumen eine Statue hervor,

weissschimmernd vor Sonne, während doch ein welkes Blatt dann und wann

langsam darauf niedertaumelte. Die Stille, der ich horchte, während ich im

Wandern den Blick auf das lichte Panorama zur Seite gerichtet hielt, blieb

ungestört, bis ich das Ende des Hügels erreicht hatte, und der Weg sich zwischen

alten Kastanien zu senken begann. Hier jedoch klang hinter mir Pferdegestampf

und das Rollen eines Wagens auf, der sich in raschem Trabe näherte, und dem

ich an der Mitte etwa des Abstieges Platz machen musste. Ich trat zur Seite und

blieb stehen.

Es war ein kleiner, ganz leichter und zweirädiger Jagdwagen, bespannt mit

zwei grossen, blanken und lebhaft schnaubenden Füchsen. Die Zügel hielt eine

junge Dame von neunzehn vielleicht oder zwanzig Jahren, neben der ein alter

Herr von stattlichem und vornehmem Äussern sass, mit weissem à la russe

aufgebürstetem Schnurrbart und dichten, weissen Augenbrauen. Ein Bedienter in

einfacher, schwarz-silberner Livree dekorierte den Rücksitz.

Das Tempo der Pferde war bei Beginn des Abstieges zum Schritt verzögert

worden, da das eine von ihnen nervös und unruhig schien. Es hatte sich weit

seitwärts von der Deichsel entfernt, drückte den Kopf auf die Brust und setzte

seine schlanken Beine mit einem so zitternden Widerstreben, dass der alte Herr,

ein wenig besorgt, sich vorbeugte, um mit seiner elegant behandschuhten Linken

der jungen Dame beim Straffziehen der Zügel behilflich zu sein. Die Lenkung

schien ihr nur vorübergehend und halb zum Scherze anvertraut worden,

wenigstens sah es aus, als ob sie das Kutschieren mit einer Art von kindlicher

Wichtigkeit und Unerfahrenheit zugleich behandelte. Sie machte eine kleine,

ernsthafte und indignierte Kopfbewegung, während sie das scheuende und

stolpernde Tier zu beruhigen suchte.

Sie war brünett und schlank. Auf ihrem Haar, das überm Nacken zu einem

festen Knoten gewunden war und das sich ganz leicht und lose um Stirn und Schläfen legte, so dass einzelne lichtbraune Fäden zu unterscheiden waren, sass

ein runder, dunkelfarbiger Strohhut, geschmückt ausschliesslich mit einem

kleinen Arrangement von Bandwerk. Übrigens trug sie eine kurze, dunkelblaue

Jacke und einen schlichtgearbeiteten Rock aus hellgrauem Tuch.

In ihrem ovalen und feingeformten Gesicht, dessen zartbrünetter Teint von

der Morgenluft frisch gerötet war, bildeten das Anziehendste sicherlich die

Augen: ein Paar schmaler und langgeschnittener Augen, deren kaum zur Hälfte

sichtbare Iris blitzend schwarz war, und über denen sich ausserordentlich

gleichmässige und wie mit der Feder gezeichnete Brauen wölbten. Die Nase war

vielleicht ein wenig lang, und der Mund, dessen Lippenlinien jedenfalls klar und

fein waren, hätte schmaler sein dürfen. Im Augenblicke aber wurde ihm durch

die schimmernd weissen und etwas von einander entfernt stehenden Zähne ein

Reiz gegeben, die das junge Mädchen bei den Bemühungen um das Pferd

energisch auf die Unterlippe drückte, und mit denen sie das fast kindlich runde

Kinn ein wenig emporzog.

Es wäre ganz falsch, zu sagen, dass dieses Gesicht von auffallender und

bewunderungswürdiger Schönheit gewesen sei. Es besass den Reiz der Jugend

und der fröhlichen Frische, und dieser Reiz war gleichsam geglättet, stillgemacht

und veredelt durch wohlhabende Sorglosigkeit, vornehme Erziehung und

luxuriöse Pflege; es war gewiss, dass diese schmalen und blitzenden Augen, die

jetzt mit verwöhnter Ärgerlichkeit auf das störrische Pferd blickten, in der

nächsten Minute wieder den Ausdruck sicheren und selbstverständlichen

Glückes annehmen würden. – Die Ärmel der Jacke, die an den Schultern weit

und bauschig waren, umspannten ganz knapp die schlanken Handgelenke, und

niemals habe ich einen entzückenderen Eindruck von auserlesener Eleganz

empfangen, als durch die Art, mit der diese schmalen, unbekleideten,

mattweissen Hände die Zügel hielten! –

Ich stand am Wege, von keinem Blicke gestreift, während der Wagen

vorüberfuhr, und ich ging langsam weiter, als er sich wieder in Trab setzte und

rasch verschwand. Was ich empfand, war Freude und Bewunderung; aber irgend

ein seltsamer und stechender Schmerz meldete sich zur gleichen Zeit, ein herbes

und drängendes Gefühl von – Neid? von Liebe? – ich wagte es nicht

auszudenken – von Selbstverachtung?

Während ich schreibe, kommt mir die Vorstellung eines armseligen Bettlers,

der vor dem Schaufenster eines Juweliers in den kostbaren Schimmer eines

Edelsteinkleinods starrt. Dieser Mensch wird es in seinem Inneren nicht zu dem

klaren Wunsche bringen, das Geschmeid zu besitzen; denn schon der Gedanke

an diesen Wunsch wäre eine lächerliche Unmöglichkeit, die ihn vor sich selbst

zum Gespött machen würde.