Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 38 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel III

und die Vorderbeine flehend bewegte, verschränkte die Arme auf der Brust und

sprach mit dem entsetzlich kalten und harten Blick und Ton, mit dem Napoleon

vor die Compagnie hintrat, die in der Schlacht ihren Adler verloren:

»Wie hast Du Dich betragen, wenn ich Dich fragen darf?«

Und der Hund, glücklich bereits über diese Annäherung, kroch noch näher

herbei, schmiegte sich gegen das Bein des Herrn und blickte mit seinen blanken

Augen bittend zu ihm empor.

Während einer guten Weile betrachtete Tobias das demütige Wesen

schweigend und von oben herab; dann jedoch, als er die rührende Wärme des

Körpers an seinem Bein verspürte, hob er Esau zu sich empor.

»Nun, ich will Erbarmen mit Dir haben,« sagte er; als aber das gute Tier

begann, ihm das Gesicht zu lecken, schlug plötzlich seine Stimmung völlig in

Rührung und Wehmut um. Er presste den Hund mit schmerzlicher Liebe an sich,

seine Augen füllten sich mit Thränen, und ohne den Satz zu vollenden,

wiederholte er mehrere Male mit erstickter Stimme:

»Sieh, Du bist ja mein einziger ... mein einziger ...« Dann bettete er Esau mit

Sorgfalt auf das Sofa, setzte sich neben ihn, stützte das Kinn in die Hand und sah

ihn mit milden und stillen Augen an.

 

III.

 

Tobias Mindernickel verliess nunmehr das Haus noch seltener als früher,

denn er verspürte keine Neigung, sich mit Esau in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Seine ganze Aufmerksamkeit aber widmete er dem Hunde, ja, er beschäftigte

sich vom Morgen bis zum Abend mit nichts Anderem, als ihn zu füttern, ihm die

Augen auszuwischen, ihm Befehle zu erteilen, ihn zu schelten und aufs

menschlichste mit ihm zu reden. Allein die Sache war die, dass Esau sich nicht

immer zu seinem Wohlgefallen betrug. Wenn er neben ihm auf dem Sofa lag und

ihn schläfrig vor Mangel an Luft und Freiheit, mit melancholischen Augen

ansah, so war Tobias voll Zufriedenheit; er sass in stiller und selbstgefälliger

Haltung da und streichelte mitleidig Esaus Rücken, indem er sagte:

»Siehst Du mich schmerzlich an, mein armer Freund? Ja, ja, die Welt ist

traurig, das erfährst auch Du, so jung Du bist ...«

Wenn aber das Tier, blind und toll vor Spiel- und Jagdtrieb, im Zimmer

umherfuhr, sich mit einem Pantoffel balgte, auf die Stühle sprang und sich mit

ungeheurer Munterkeit überkugelte, so verfolgte Tobias seine Bewegungen aus

der Entfernung mit einem ratlosen, missgünstigen und unsicheren Blick und einem Lächeln, das hässlich und ärgervoll war, bis er es endlich in unwirschem

Tone zu sich rief und es anherrschte:

»Lass nun den Übermut. Es liegt kein Grund vor, umherzutanzen.«

Einmal geschah es sogar, dass Esau aus der Stube entwischte und die

Treppen hinunter auf die Strasse sprang, woselbst er alsbald begann, eine Katze

zu jagen, Pferdekot zu fressen und sich überglücklich mit den Kindern

umherzutreiben. Als aber Tobias unter dem Applaus und Gelächter der halben

Strasse mit schmerzlich verzogenem Gesichte erschien, geschah das Traurige,

dass der Hund in langen Sätzen vor seinem Herrn davonlief ... An diesem Tage

prügelte Tobias ihn lange und mit Erbitterung.

Eines Tages – der Hund gehörte ihm bereits seit einigen Wochen – nahm

Tobias, um Esau zu füttern, ein Brotlaib aus der Kommodenschieblade und

begann mit dem grossen Messer mit Knochengriff, dessen er sich hierbei zu

bedienen pflegte, in gebückter Haltung kleine Stücke abzuschneiden und auf den

Boden fallen zu lassen. Das Tier aber, unsinnig vor Appetit und Albernheit,

sprang blindlings herzu, rannte sich das ungeschickt gehaltene Messer unter das

rechte Schulterblatt und wand sich blutend am Boden.

Erschrocken warf Tobias alles beiseite und beugte sich über den

Verwundeten; plötzlich jedoch veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes,

und es ist wahr, dass ein Schimmer von Erleichterung und Glück darüber hin

ging. Behutsam trug er den wimmernden Hund auf das Sofa, und niemand

vermag auszudenken, mit welcher Hingebung er den Kranken zu pflegen

begann. Er wich während des Tages nicht von ihm, er liess ihn zur Nacht auf

seinem eigenen Lager schlafen, er wusch und verband ihn, streichelte, tröstete

und bemitleidete ihn mit unermüdlicher Freude und Sorgfalt.

»Schmerzt es sehr?« sagte er. »Ja, ja, Du leidest bitterlich, mein armes Tier!

Aber sei still, wir müssen es ertragen« ... Sein Gesicht war ruhig, wehmütig und

glücklich bei solchen Worten.

In dem Grade jedoch, in welchem Esau zu Kräften kam, fröhlicher wurde

und genas, ward das Benehmen des Tobias unruhiger und unzufriedener. Er

befand es nunmehr für gut, sich nicht mehr um die Wunde zu bekümmern,

sondern lediglich durch Worte und Streicheln dem Hunde sein Erbarmen zu

zeigen. Allein die Heilung war weit vorgeschritten, Esau besass eine gute Natur,

er begann bereits wieder, sich im Zimmer umherzubewegen, und eines Tages,

nachdem er einen Teller mit Milch und Weissbrot leergeschlappt hatte, sprang er

völlig gesundet vom Sofa herunter, um mit freudigem Geblaff und der alten

Unbändigkeit durch die beiden Stuben zu fahren, an der Bettdecke zu zerren,

eine Kartoffel vor sich her zu jagen und sich vor Lust zu überkugeln.

Tobias stand am Fenster, am Blumentopfe, und während eine seiner Hände, die lang und mager aus dem ausgefransten Ärmel hervorsah, mechanisch an dem

tief in die Schläfen gestrichenen Haare drehte, hob seine Gestalt sich schwarz

und sonderbar von der grauen Mauer des Nachbarhauses ab. Sein Gesicht war

bleich und gramverzerrt, und mit einem scheelen, verlegenen, neidischen und

bösen Blick verfolgte er unbeweglich Esaus Sprünge. Plötzlich jedoch raffte er

sich auf, schritt auf ihn zu, hielt ihn an und nahm ihn langsam in seine Arme.

»Mein armes Tier« ... begann er mit wehleidiger Stimme – aber Esau,

ausgelassen und gar nicht geneigt, sich ferner in dieser Weise behandeln zu

lassen, schnappte munter nach der Hand, die ihn streicheln wollte, entwand sich

den Armen, sprang zu Boden, machte einen neckischen Seitensatz, blaffte auf

und rannte fröhlich davon.

Was nun geschah, war etwas so Unverständliches und Infames, dass ich mich

weigere, es ausführlich zu erzählen. Tobias Mindernickel stand mit am Leibe

herunterhängenden Armen ein wenig vorgebeugt, seine Lippen waren

zusammengepresst, und seine Augäpfel zitterten unheimlich in ihren Höhlen.

Und dann, plötzlich, mit einer Art von irrsinnigem Sprunge, hatte er das Tier

ergriffen, ein grosser, blanker Gegenstand blitzte in seiner Hand, und mit einem

Schnitt, der von der rechten Schulter bis tief in die Brust lief, stürzte der Hund

zu Boden – er gab keinen Laut von sich, er fiel einfach auf die Seite, blutend und

bebend ...

Im nächsten Augenblicke lag er auf dem Sofa, und Tobias kniete vor ihm,

drückte ein Tuch auf die Wunde und stammelte:

»Mein armes Tier! Mein armes Tier! Wie traurig alles ist! Wie traurig wir

beide sind! Leidest Du? Ja, ja, ich weiss, Du leidest ... wie kläglich Du da vor

mir liegst! Aber ich, ich bin bei Dir! Ich tröste Dich! Ich werde mein bestes

Taschentuch« ...

Allein Esau lag da und röchelte. Seine getrübten und fragenden Augen waren

voll Verständnislosigkeit, Unschuld und Klage auf seinen Herrn, gerichtet – und

dann streckte er ein wenig seine Beine und starb.

Tobias aber verharrte unbeweglich in seiner Stellung. Er hatte das Gesicht

auf Esaus Körper gelegt und weinte bitterlich.