Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel III
und die Vorderbeine flehend bewegte, verschränkte die Arme auf der Brust und
sprach mit dem entsetzlich kalten und harten Blick und Ton, mit dem Napoleon
vor die Compagnie hintrat, die in der Schlacht ihren Adler verloren:
»Wie hast Du Dich betragen, wenn ich Dich fragen darf?«
Und der Hund, glücklich bereits über diese Annäherung, kroch noch näher
herbei, schmiegte sich gegen das Bein des Herrn und blickte mit seinen blanken
Augen bittend zu ihm empor.
Während einer guten Weile betrachtete Tobias das demütige Wesen
schweigend und von oben herab; dann jedoch, als er die rührende Wärme des
Körpers an seinem Bein verspürte, hob er Esau zu sich empor.
»Nun, ich will Erbarmen mit Dir haben,« sagte er; als aber das gute Tier
begann, ihm das Gesicht zu lecken, schlug plötzlich seine Stimmung völlig in
Rührung und Wehmut um. Er presste den Hund mit schmerzlicher Liebe an sich,
seine Augen füllten sich mit Thränen, und ohne den Satz zu vollenden,
wiederholte er mehrere Male mit erstickter Stimme:
»Sieh, Du bist ja mein einziger ... mein einziger ...« Dann bettete er Esau mit
Sorgfalt auf das Sofa, setzte sich neben ihn, stützte das Kinn in die Hand und sah
ihn mit milden und stillen Augen an.
III.
Tobias Mindernickel verliess nunmehr das Haus noch seltener als früher,
denn er verspürte keine Neigung, sich mit Esau in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Seine ganze Aufmerksamkeit aber widmete er dem Hunde, ja, er beschäftigte
sich vom Morgen bis zum Abend mit nichts Anderem, als ihn zu füttern, ihm die
Augen auszuwischen, ihm Befehle zu erteilen, ihn zu schelten und aufs
menschlichste mit ihm zu reden. Allein die Sache war die, dass Esau sich nicht
immer zu seinem Wohlgefallen betrug. Wenn er neben ihm auf dem Sofa lag und
ihn schläfrig vor Mangel an Luft und Freiheit, mit melancholischen Augen
ansah, so war Tobias voll Zufriedenheit; er sass in stiller und selbstgefälliger
Haltung da und streichelte mitleidig Esaus Rücken, indem er sagte:
»Siehst Du mich schmerzlich an, mein armer Freund? Ja, ja, die Welt ist
traurig, das erfährst auch Du, so jung Du bist ...«
Wenn aber das Tier, blind und toll vor Spiel- und Jagdtrieb, im Zimmer
umherfuhr, sich mit einem Pantoffel balgte, auf die Stühle sprang und sich mit
ungeheurer Munterkeit überkugelte, so verfolgte Tobias seine Bewegungen aus
der Entfernung mit einem ratlosen, missgünstigen und unsicheren Blick und einem Lächeln, das hässlich und ärgervoll war, bis er es endlich in unwirschem
Tone zu sich rief und es anherrschte:
»Lass nun den Übermut. Es liegt kein Grund vor, umherzutanzen.«
Einmal geschah es sogar, dass Esau aus der Stube entwischte und die
Treppen hinunter auf die Strasse sprang, woselbst er alsbald begann, eine Katze
zu jagen, Pferdekot zu fressen und sich überglücklich mit den Kindern
umherzutreiben. Als aber Tobias unter dem Applaus und Gelächter der halben
Strasse mit schmerzlich verzogenem Gesichte erschien, geschah das Traurige,
dass der Hund in langen Sätzen vor seinem Herrn davonlief ... An diesem Tage
prügelte Tobias ihn lange und mit Erbitterung.
Eines Tages – der Hund gehörte ihm bereits seit einigen Wochen – nahm
Tobias, um Esau zu füttern, ein Brotlaib aus der Kommodenschieblade und
begann mit dem grossen Messer mit Knochengriff, dessen er sich hierbei zu
bedienen pflegte, in gebückter Haltung kleine Stücke abzuschneiden und auf den
Boden fallen zu lassen. Das Tier aber, unsinnig vor Appetit und Albernheit,
sprang blindlings herzu, rannte sich das ungeschickt gehaltene Messer unter das
rechte Schulterblatt und wand sich blutend am Boden.
Erschrocken warf Tobias alles beiseite und beugte sich über den
Verwundeten; plötzlich jedoch veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes,
und es ist wahr, dass ein Schimmer von Erleichterung und Glück darüber hin
ging. Behutsam trug er den wimmernden Hund auf das Sofa, und niemand
vermag auszudenken, mit welcher Hingebung er den Kranken zu pflegen
begann. Er wich während des Tages nicht von ihm, er liess ihn zur Nacht auf
seinem eigenen Lager schlafen, er wusch und verband ihn, streichelte, tröstete
und bemitleidete ihn mit unermüdlicher Freude und Sorgfalt.
»Schmerzt es sehr?« sagte er. »Ja, ja, Du leidest bitterlich, mein armes Tier!
Aber sei still, wir müssen es ertragen« ... Sein Gesicht war ruhig, wehmütig und
glücklich bei solchen Worten.
In dem Grade jedoch, in welchem Esau zu Kräften kam, fröhlicher wurde
und genas, ward das Benehmen des Tobias unruhiger und unzufriedener. Er
befand es nunmehr für gut, sich nicht mehr um die Wunde zu bekümmern,
sondern lediglich durch Worte und Streicheln dem Hunde sein Erbarmen zu
zeigen. Allein die Heilung war weit vorgeschritten, Esau besass eine gute Natur,
er begann bereits wieder, sich im Zimmer umherzubewegen, und eines Tages,
nachdem er einen Teller mit Milch und Weissbrot leergeschlappt hatte, sprang er
völlig gesundet vom Sofa herunter, um mit freudigem Geblaff und der alten
Unbändigkeit durch die beiden Stuben zu fahren, an der Bettdecke zu zerren,
eine Kartoffel vor sich her zu jagen und sich vor Lust zu überkugeln.
Tobias stand am Fenster, am Blumentopfe, und während eine seiner Hände, die lang und mager aus dem ausgefransten Ärmel hervorsah, mechanisch an dem
tief in die Schläfen gestrichenen Haare drehte, hob seine Gestalt sich schwarz
und sonderbar von der grauen Mauer des Nachbarhauses ab. Sein Gesicht war
bleich und gramverzerrt, und mit einem scheelen, verlegenen, neidischen und
bösen Blick verfolgte er unbeweglich Esaus Sprünge. Plötzlich jedoch raffte er
sich auf, schritt auf ihn zu, hielt ihn an und nahm ihn langsam in seine Arme.
»Mein armes Tier« ... begann er mit wehleidiger Stimme – aber Esau,
ausgelassen und gar nicht geneigt, sich ferner in dieser Weise behandeln zu
lassen, schnappte munter nach der Hand, die ihn streicheln wollte, entwand sich
den Armen, sprang zu Boden, machte einen neckischen Seitensatz, blaffte auf
und rannte fröhlich davon.
Was nun geschah, war etwas so Unverständliches und Infames, dass ich mich
weigere, es ausführlich zu erzählen. Tobias Mindernickel stand mit am Leibe
herunterhängenden Armen ein wenig vorgebeugt, seine Lippen waren
zusammengepresst, und seine Augäpfel zitterten unheimlich in ihren Höhlen.
Und dann, plötzlich, mit einer Art von irrsinnigem Sprunge, hatte er das Tier
ergriffen, ein grosser, blanker Gegenstand blitzte in seiner Hand, und mit einem
Schnitt, der von der rechten Schulter bis tief in die Brust lief, stürzte der Hund
zu Boden – er gab keinen Laut von sich, er fiel einfach auf die Seite, blutend und
bebend ...
Im nächsten Augenblicke lag er auf dem Sofa, und Tobias kniete vor ihm,
drückte ein Tuch auf die Wunde und stammelte:
»Mein armes Tier! Mein armes Tier! Wie traurig alles ist! Wie traurig wir
beide sind! Leidest Du? Ja, ja, ich weiss, Du leidest ... wie kläglich Du da vor
mir liegst! Aber ich, ich bin bei Dir! Ich tröste Dich! Ich werde mein bestes
Taschentuch« ...
Allein Esau lag da und röchelte. Seine getrübten und fragenden Augen waren
voll Verständnislosigkeit, Unschuld und Klage auf seinen Herrn, gerichtet – und
dann streckte er ein wenig seine Beine und starb.
Tobias aber verharrte unbeweglich in seiner Stellung. Er hatte das Gesicht
auf Esaus Körper gelegt und weinte bitterlich.