Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Den 9. Oktober.
Ich sagte zu Asuncion, als sie auf meinen Knieen sass: »Wie, wenn ich bald
von Dir ginge, auf irgend eine Weise? Würdest Du sehr traurig sein?« Da
schmiegte sie ihr Köpfchen an meine Brust und weinte bitterlich. – Mein Hals ist
zugeschnürt vor Schmerz.
Übrigens habe ich Fieber. Mein Kopf ist heiss, und ich zittere vor Kälte.
Den 10. Oktober.
Er war bei mir, diese Nacht war er bei mir! Ich habe ihn nicht gesehen und
nicht gehört, und dennoch habe ich mit ihm gesprochen. Es ist lächerlich, aber er
benahm sich wie ein Zahnarzt! – »Es ist am besten, wenn wir es gleich
abmachen,« sagte er. Aber ich wollte nicht und wehrte mich. Mit kurzen Worten
habe ich ihn fortgeschickt.
»Es ist am besten, wenn wir es gleich abmachen!« Wie das klang! Es ging
mir durch Mark und Bein. So nüchtern, so langweilig, so bürgerlich! Nie habe
ich ein kälteres und hohnvolleres Gefühl von Enttäuschung gekannt.
Den 11. Oktober (11 Uhr abends).
Verstehe ich es? Oh! glaubt mir, dass ich es verstehe!
Vor anderthalb Stunden, als ich in meinem Zimmer sass, kam der alte Franz
zu mir herein; er zitterte und schluchzte. »Das Fräulein!« rief er, »das Kind!
Ach, kommen Sie schnell!« – Und ich kam schnell.
Ich habe nicht geweint, und nur ein kalter Schauer schüttelte mich. Sie lag in
ihrem Bettchen, und ihr schwarzes Haar rahmte ihr blasses, schmerzliches
Gesichtchen ein. Ich bin bei ihr niedergekniet und habe nichts gethan und nichts
gedacht. – Doktor Gudehus kam.
»Das ist ein Herzschlag,« sagte er und nickte wie einer, der nicht überrascht
ist. Dieser Stümper und Narr that, als habe er es gewusst!
Ich aber – habe ich es verstanden? Oh, als ich allein war mit ihr – draussen
rauschten Regen und Meer, und der Wind heulte im Ofenrohr – da habe ich auf
den Tisch geschlagen, so klar wurde es mir in einem Augenblick! Zwanzig Jahre
lang habe ich den Tod auf den Tag herbeigezogen, der in einer Stunde beginnen
wird, und in mir, tief unten, ist etwas gewesen, das heimlich gewusst hat, ich
könne dies Kind nicht verlassen. Ich hätte nicht sterben können nach
Mitternacht, und es musste doch sein! Ich hätte ihn wieder fortgeschickt, wenn er gekommen wäre: Aber er ist zuerst zu dem Kinde gegangen, weil er meinem
Wissen und Glauben gehorchen musste. – Habe ich selbst den Tod an dein
Bettchen gezogen, habe ich dich getötet, meine kleine Asuncion? Ach, das sind
grobe, armselige Worte für feine und geheimnisvolle Dinge!
Lebe wohl, lebe wohl! Vielleicht, dass ich dort draussen einen Gedanken,
eine Ahnung von dir wiederfinde. Denn sieh: der Zeiger rückt, und die Lampe,
die dein süsses Gesichtchen erhellt, wird bald verlöschen. Ich halte deine kleine,
kalte Hand und warte. Gleich wird er zu mir treten, und ich werde nur nicken
und die Augen schliessen, wenn ich ihn sagen höre: »Es ist am besten, wenn wir
es gleich abmachen« ...