Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 37 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel II

abgeschnitten ist, steht ein Blumentopf, voll von Erde, in der jedoch durchaus

nichts wächst; gleichwohl tritt Tobias Mindernickel zuweilen dorthin, betrachtet

den Blumentopf und riecht an der blossen Erde. – Neben dieser Stube liegt eine

kleine, dunkle Schlafkammer. – Nachdem er eingetreten, legt Tobias Cylinder

und Stock auf den Tisch, setzt sich auf das grün überzogene Sofa, das nach

Staub riecht, stützt das Kinn in die Hand und blickt mit erhobenen Augenbrauen

vor sich nieder zu Boden. Es scheint, dass es für ihn auf Erden nichts weiter zu

thun giebt.

Was Mindernickels Charakter betrifft, so ist es sehr schwer, darüber zu

urteilen; der folgende Vorfall scheint zu Gunsten desselben zu sprechen. Als der

sonderbare Mann eines Tages das Haus verliess und wie gewöhnlich eine Schar

von Kindern sich einfand, die ihn mit Spottrufen und Gelächter verfolgten,

strauchelte ein Junge von etwa zehn Jahren über den Fuss eines anderen und

schlug so heftig auf das Pflaster, dass ihm das Blut aus der Nase und von der

Stirne lief und er weinend liegen blieb. Alsbald wandte Tobias sich um, eilte auf

den Gestürzten zu, beugte sich über ihn und begann mit milder und bebender

Stimme ihn zu bemitleiden. »Du armes Kind,« sagte er, »hast Du Dir

wehgethan? Du blutest! Seht, das Blut läuft ihm von der Stirn herunter! Ja, ja,

wie elend Du nun daliegst! Freilich, es thut so weh, dass es weint, das arme

Kind! Welch Erbarmen ich mit Dir habe! Es war Deine Schuld, aber ich will Dir

mein Taschentuch um den Kopf binden ... So, so! Nun fasse Dich nur, nun

erhebe Dich nur wieder ...« Und nachdem er mit diesen Worten dem Jungen in

der That sein eigenes Schnupftuch umgewunden hatte, stellte er ihn mit Sorgfalt

auf die Füsse und ging davon. Seine Haltung und sein Gesicht aber zeigten in

diesem Augenblicke einen entschieden anderen Ausdruck als gewöhnlich. Er

schritt fest und aufrecht, und seine Brust atmete tief unter dem engen Gehrock;

seine Augen hatten sich vergrössert, sie hatten Glanz erhalten und fassten mit

Sicherheit Menschen und Dinge, während um seinen Mund ein Zug von

schmerzlichem Glücke lag ...

Dieser Vorfall hatte zur Folge, dass sich die Spottlust der Leute vom Grauen

Wege zunächst ein wenig verminderte. Nach Verlauf einiger Zeit jedoch war sein

überraschendes Betragen vergessen, und eine Menge von gesunden,

wohlgemuten und grausamen Kehlen sang wieder hinter dem geduckten und

haltlosen Manne drein: »Ho, ho, Tobias!«

 

II.

Eines sonnigen Vormittags um 11 Uhr verliess Mindernickel das Haus und

begab sich durch die ganze Stadt hinauf zum Lerchenberge, jenem

langgestreckten Hügel, der um die Nachmittagsstunden die vornehmste

Promenade der Stadt bildet, der aber bei dem ausgezeichneten Frühlingswetter,

welches herrschte, auch um diese Zeit bereits von einigen Wagen und

Fussgängern besucht war. Unter einem Baum der grossen Hauptallee stand ein

Mann mit einem jungen Jagdhund an der Leine, den er den Vorübergehenden mit

der ersichtlichen Absicht zeigte, ihn zu verkaufen; es war ein kleines gelbes und

muskulöses Tier von etwa vier Monaten, mit einem schwarzen Augenring und

einem schwarzen Ohr.

Als Tobias dies aus einer Entfernung von zehn Schritten bemerkte, blieb er

stehen, strich mehrere Male mit der Hand über das Kinn und blickte

nachdenklich auf den Verkäufer und auf das alert mit dem Schwanze wedelnde

Hündchen. Hierauf begann er aufs neue zu gehen, umkreiste, die Krücke seines

Stockes gegen den Mund gedrückt, dreimal den Baum, an welchem der Mann

lehnte, trat dann auf den letzteren zu und sagte, während er unverwandt das Tier

im Auge behielt, mit leiser und hastiger Stimme:

»Was kostet dieser Hund?«

»Zehn Mark,« antwortete der Mann.

Tobias schwieg einen Augenblick und wiederholte dann unschlüssig:

»Zehn Mark?«

»Ja,« sagte der Mann.

Da zog Tobias eine schwarze Lederbörse aus der Tasche, entnahm derselben

einen Fünf-Mark-Schein, ein Drei- und ein Zwei-Mark-Stück, händigte rasch

dieses Geld dem Verkäufer ein, ergriff die Leine und zerrte eilig, gebückt und

scheu um sich blickend, da einige Leute den Kauf beobachtet hatten und lachten,

das quiekende und sich sträubende Tier hinter sich her. Es wehrte sich während

der Dauer des ganzen Weges, stemmte die Vorderbeine gegen den Boden und

blickte ängstlich fragend zu seinem neuen Herrn empor; er jedoch zerrte

schweigend und mit Energie und gelangte glücklich durch die Stadt hinunter.

Unter der Strassenjugend des Grauen Weges entstand ein ungeheurer Lärm,

als Tobias mit dem Hunde erschien, aber er nahm ihn auf den Arm, beugte sich

über ihn und eilte verhöhnt und am Rocke gezupft durch die Spottrufe und das

Gelächter hindurch, die Treppen hinauf und in sein Zimmer. Hier setzte er den

Hund, der beständig winselte, auf den Boden, streichelte ihn mit Wohlwollen

und sagte herablassend:

»Nun, nun, Du brauchst Dich nicht vor mir zu fürchten, Du Tier; das ist nicht

nötig.«

Hierauf entnahm er einer Kommodenschieblade einen Teller mit gekochtem

Fleisch und Kartoffeln und warf dem Tiere einen Anteil davon zu, worauf es

seine Klagelaute einstellte und schmatzend und wedelnd das Mahl verzehrte.

»Übrigens sollst Du Esau heissen,« sagte Tobias; »verstehst Du mich? Esau.

Du kannst den einfachen Klang sehr wohl behalten ...« Und indem er vor sich

auf den Boden zeigte, rief er befehlend:

»Esau!«

Der Hund, in der Erwartung vielleicht, noch mehr zu essen zu erhalten, kam

in der That herbei, und Tobias klopfte ihn beifällig auf die Seite, indem er sagte:

»So ist es recht, mein Freund; ich darf Dich loben.«

Dann trat er ein paar Schritte zurück, wies auf den Boden und befahl aufs

neue:

»Esau!«

Und das Tier, das ganz munter geworden war, sprang wiederum herzu und

leckte den Stiefel seines Herrn.

Diese Übung wiederholte Tobias mit unermüdlicher Freude am Befehl und

dessen Ausführung wohl zwölf- bis vierzehnmal; endlich jedoch schien der

Hund ermüdet, er schien Lust zu haben, zu ruhen und zu verdauen, und legte

sich in der anmutigen und klugen Pose der Jagdhunde auf den Boden, beide

langen und feingebauten Vorderbeine dicht nebeneinander ausgestreckt.

»Noch einmal!« sagte Tobias. »Esau!«

Aber Esau wandte den Kopf zur Seite und verharrte am Platze.

»Esau!« rief Tobias mit herrisch, erhobener Stimme; »Du hast zu kommen,

auch wenn Du müde bist!«

Aber Esau legte den Kopf auf die Pfoten und kam durchaus nicht.

»Höre,« sagte Tobias, und sein Ton war voll von leiser und furchtbarer

Drohung; »gehorche, oder Du wirst erfahren, dass es nicht klug ist, mich zu

reizen!«

Allein das Tier bewegte kaum ein wenig seinen Schwanz.

Da packte den Mindernickel ein massloser, ein unverhältnismässiger und

toller Zorn. Er ergriff seinen schwarzen Stock, hob Esau am Nackenfell empor

und hieb auf das schreiende Tierchen ein, indem er ausser sich vor entrüsteter

Wut und mit schrecklich zischender Stimme ein Mal über das andere

wiederholte:

»Wie, Du gehorchst nicht? Du wagst es, mir nicht zu gehorchen?«

Endlich warf er den Stock beiseite, setzte den winselnden Hund auf den

Boden und begann tief atmend und die Hände auf dem Rücken mit langen

Schritten vor ihm auf und ab zu schreiten, während er dann und wann einen

stolzen und zornigen Blick auf Esau warf. Nachdem er diese Promenade eine Zeit lang fortgesetzt hatte, blieb er bei dem Tiere stehen, das auf dem Rücken lag