Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 16 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Den 23. September.

schenkte und starb, während ihr schmaler Arm um deinen Hals lag.

Sie hat die dunklen Augen ihrer Mutter, die kleine Asuncion; nur müder sind

sie und nachdenklicher. Vor allem aber hat sie ihren Mund, diesen unendlich

weichen und doch ein wenig herb geschnittenen Mund, der am schönsten ist,

wenn er schweigt und nur ganz leise lächelt.

Meine kleine Asuncion! Wenn du wüsstest, dass ich dich werde verlassen

müssen. Weintest du, weil ich »krank« sei? Ach, was hat das damit zu thun! Was

hat das mit dem zwölften Oktober zu thun!...

 

Den 23. September.

 

Tage, an denen ich zurückdenken kann und in Erinnerungen mich verlieren,

sind selten. Wie viele Jahre sind es, dass ich nur vorwärts zu denken vermag, nur

zu warten auf diesen grossen und schauerlichen Tag, auf den zwölften Oktober

meines vierzigsten Lebensjahres!

Wie es sein wird, wie es nur sein wird! Ich fürchte mich nicht, aber mich

dünkt, dass er qualvoll langsam herankommt, dieser zwölfte Oktober.

 

Den 27. September.

 

Der alte Doktor Gudehus kam von Kronshafen, er kam zu Wagen den

Chausseeweg gefahren und nahm das zweite Frühstück mit Asuncion und mir.

»Es ist nötig,« sagte er und ass ein halbes Huhn, »dass Sie sich Bewegung

machen, Herr Graf, viel Bewegung in frischer Luft. Nicht lesen! Nicht denken!

Nicht grübeln! Ich halte Sie nämlich für einen Philosophen, he, he!«

Nun, ich habe die Achseln gezuckt und ihm herzlich für seine Bemühungen

gedankt. Auch für die kleine Asuncion gab er Ratschläge und betrachtete sie mit

seinem gezwungenen und verlegenen Lächeln. Er hat meine Brom-Dosis

erhöhen müssen; vielleicht, dass ich nun ein wenig mehr schlafen kann.

 

Den 30. September.

 

Der letzte September! Nun ist es nicht lange mehr. Es ist drei Uhr

nachmittags, und ich habe mir ausgerechnet, wie viele Minuten noch fehlen bis

zum Beginn des zwölften Oktobers. Es sind 8460.

Ich habe nicht schlafen können heute Nacht, denn es ist Wind aufgekommen, und das Meer und der Regen rauscht. Ich habe gelegen und die Zeit