Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Den 23. September.
schenkte und starb, während ihr schmaler Arm um deinen Hals lag.
Sie hat die dunklen Augen ihrer Mutter, die kleine Asuncion; nur müder sind
sie und nachdenklicher. Vor allem aber hat sie ihren Mund, diesen unendlich
weichen und doch ein wenig herb geschnittenen Mund, der am schönsten ist,
wenn er schweigt und nur ganz leise lächelt.
Meine kleine Asuncion! Wenn du wüsstest, dass ich dich werde verlassen
müssen. Weintest du, weil ich »krank« sei? Ach, was hat das damit zu thun! Was
hat das mit dem zwölften Oktober zu thun!...
Den 23. September.
Tage, an denen ich zurückdenken kann und in Erinnerungen mich verlieren,
sind selten. Wie viele Jahre sind es, dass ich nur vorwärts zu denken vermag, nur
zu warten auf diesen grossen und schauerlichen Tag, auf den zwölften Oktober
meines vierzigsten Lebensjahres!
Wie es sein wird, wie es nur sein wird! Ich fürchte mich nicht, aber mich
dünkt, dass er qualvoll langsam herankommt, dieser zwölfte Oktober.
Den 27. September.
Der alte Doktor Gudehus kam von Kronshafen, er kam zu Wagen den
Chausseeweg gefahren und nahm das zweite Frühstück mit Asuncion und mir.
»Es ist nötig,« sagte er und ass ein halbes Huhn, »dass Sie sich Bewegung
machen, Herr Graf, viel Bewegung in frischer Luft. Nicht lesen! Nicht denken!
Nicht grübeln! Ich halte Sie nämlich für einen Philosophen, he, he!«
Nun, ich habe die Achseln gezuckt und ihm herzlich für seine Bemühungen
gedankt. Auch für die kleine Asuncion gab er Ratschläge und betrachtete sie mit
seinem gezwungenen und verlegenen Lächeln. Er hat meine Brom-Dosis
erhöhen müssen; vielleicht, dass ich nun ein wenig mehr schlafen kann.
Den 30. September.
Der letzte September! Nun ist es nicht lange mehr. Es ist drei Uhr
nachmittags, und ich habe mir ausgerechnet, wie viele Minuten noch fehlen bis
zum Beginn des zwölften Oktobers. Es sind 8460.
Ich habe nicht schlafen können heute Nacht, denn es ist Wind aufgekommen, und das Meer und der Regen rauscht. Ich habe gelegen und die Zeit