Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Thomas Mann · Kapitel 9 von 39

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Der kleine Herr Friedemann: Novellen

Kapitel XI

zu ...

Wie sie ihn angesehen hatte! Wie? Sie hatte ihn gezwungen, die Augen

niederzuschlagen? Sie hatte ihn mit ihrem Blick gedemütigt? War sie nicht eine

Frau und er ein Mann? Und hatten ihre seltsamen braunen Augen nicht förmlich

dabei vor Freude gezittert?

Er fühlte wieder diesen ohnmächtigen, wollüstigen Hass in sich aufsteigen,

aber dann dachte er an jenen Augenblick, wo ihr Kopf den seinen berührt, wo er

den Duft ihres Körpers eingeatmet hatte, und er blieb zum zweiten Male stehen,

beugte den verwachsenen Oberkörper zurück, zog die Luft durch die Zähne ein

und murmelte dann abermals völlig ratlos, verzweifelt, ausser sich:

»Mein Gott! Mein Gott!«

Und wieder schritt er mechanisch weiter, langsam, durch die schwüle

Abendluft, durch die menschenleeren, hallenden Strassen, bis er vor seiner

Wohnung stand. Auf der Diele verweilte er einen Augenblick und sog den

kühlen, kellerigen Geruch ein, der dort herrschte; dann trat er in sein »Bureau«.

Er setzte sich an den Schreibtisch am offenen Fenster und starrte geradeaus

auf eine grosse, gelbe Rose, die jemand ihm dort ins Wasserglas gestellt hatte. Er

nahm sie und atmete mit geschlossenen Augen ihren Duft; aber dann schob er

sie mit einer müden und traurigen Geberde beiseite. Nein, nein, das war zu

Ende! Was war ihm noch solcher Duft? Was war ihm noch alles, was bis jetzt

sein »Glück« ausgemacht hatte?...

Er wandte sich zur Seite und blickte auf die stille Strasse hinaus. Dann und

wann klangen Schritte auf und hallten vorüber. Die Sterne standen und

glitzerten. Wie todmüde und schwach er wurde! Sein Kopf war so leer, und seine

Verzweiflung begann, in eine grosse, sanfte Wehmut sich aufzulösen. Ein paar

Gedichtzeilen flatterten ihm durch den Sinn, die Lohengrin-Musik klang ihm

wieder in den Ohren, er sah noch einmal Frau von Rinnlingens Gestalt vor sich,

ihren weissen Arm auf dem roten Sammet, und dann verfiel er in einen

schweren, fieberdumpfen Schlaf.

 

XI.

 

Oft war er dicht am Erwachen, aber er fürchtete sich davor und versank

jedesmal aufs neue in Bewusstlosigkeit. Als es aber völlig hell geworden war,

schlug er die Augen auf und sah mit einem grossen, schmerzlichen Blick um

sich. Alles stand ihm klar vor der Seele; es war, als sei sein Leiden durch den

Schlaf gar nicht unterbrochen worden.

Sein Kopf war dumpf und die Augen brannten ihm; als er sich aber

gewaschen und die Stirn mit Eau de Cologne benetzt hatte, fühlte er sich wohler

und setzte sich still wieder an seinen Platz am Fenster, das offen geblieben war.

Es war noch ganz früh am Tage, etwa um 5 Uhr. Dann und wann ging ein

Bäckerjunge vorüber, sonst war niemand zu sehen. Gegenüber waren noch alle

Rouleaux geschlossen. Aber die Vögel zwitscherten und der Himmel war

leuchtend blau. Es war ein wunderschöner Sonntagmorgen.

Ein Gefühl von Behaglichkeit und Vertrauen überkam den kleinen Herrn

Friedemann. Wovor ängstigte er sich? War nicht alles wie sonst? Zugegeben,

dass es gestern ein schlimmer Anfall gewesen war; nun, aber damit sollte es ein

Ende haben! Noch war es nicht zu spät, noch konnte er dem Verderben

entrinnen! Jeder Veranlassung musste er ausweichen, die den Anfall erneuern

könnte; er fühlte die Kraft dazu. Er fühlte die Kraft, es zu überwinden und es

gänzlich in sich zu ersticken....

Als es halb acht Uhr schlug, trat Friederike ein und stellte den Kaffee auf den

runden Tisch, der vor dem Ledersofa an der Rückwand stand.

»Guten Morgen, Johannes,« sagte sie, »hier ist Dein Frühstück.«

»Danke,« sagte Herr Friedemann. Und dann: »Liebe Friederike, es thut mir

leid, dass Ihr den Besuch werdet allein machen müssen. Ich fühle mich nicht

wohl genug, um Euch begleiten zu können. Ich habe schlecht geschlafen, habe

Kopfschmerzen, und kurz und gut, ich muss Euch bitten ...«

Friederike antwortete:

»Das ist schade. Du darfst den Besuch keinesfalls ganz unterlassen. Aber es

ist wahr, dass Du krank aussiehst. Soll ich Dir meinen Migränestift leihen?«

»Danke,« sagte Herr Friedemann. »Es wird vorübergehen.« Und Friederike

ging.

Er trank, am Tische stehend, langsam seinen Kaffee und ass ein Hörnchen

dazu. Er war zufrieden mit sich und stolz auf seine Entschlossenheit. Als er

fertig war, nahm er eine Cigarre und setzte sich wieder ans Fenster. Das

Frühstück hatte ihm wohl gethan, und er fühlte sich glücklich und hoffnungsvoll.

Er nahm ein Buch, las, rauchte und blickte blinzelnd hinaus in die Sonne.

Es war jetzt lebendig geworden auf der Strasse; Wagengerassel, Gespräch

und das Klingeln der Pferdebahn tönten zu ihm herein; zwischen allem aber war

das Zwitschern der Vögel zu vernehmen, und vom strahlend blauen Himmel

wehte eine weiche, warme Luft.

Um zehn Uhr hörte er die Schwestern über die Diele kommen, hörte die

Hausthür knarren und sah die drei Damen dann am Fenster vorübergehen, ohne

dass er besonders darauf achtete. Eine Stunde verging; er fühlte sich glücklicher

und glücklicher.