Der kleine Herr Friedemann: Novellen
Kapitel XI
zu ...
Wie sie ihn angesehen hatte! Wie? Sie hatte ihn gezwungen, die Augen
niederzuschlagen? Sie hatte ihn mit ihrem Blick gedemütigt? War sie nicht eine
Frau und er ein Mann? Und hatten ihre seltsamen braunen Augen nicht förmlich
dabei vor Freude gezittert?
Er fühlte wieder diesen ohnmächtigen, wollüstigen Hass in sich aufsteigen,
aber dann dachte er an jenen Augenblick, wo ihr Kopf den seinen berührt, wo er
den Duft ihres Körpers eingeatmet hatte, und er blieb zum zweiten Male stehen,
beugte den verwachsenen Oberkörper zurück, zog die Luft durch die Zähne ein
und murmelte dann abermals völlig ratlos, verzweifelt, ausser sich:
»Mein Gott! Mein Gott!«
Und wieder schritt er mechanisch weiter, langsam, durch die schwüle
Abendluft, durch die menschenleeren, hallenden Strassen, bis er vor seiner
Wohnung stand. Auf der Diele verweilte er einen Augenblick und sog den
kühlen, kellerigen Geruch ein, der dort herrschte; dann trat er in sein »Bureau«.
Er setzte sich an den Schreibtisch am offenen Fenster und starrte geradeaus
auf eine grosse, gelbe Rose, die jemand ihm dort ins Wasserglas gestellt hatte. Er
nahm sie und atmete mit geschlossenen Augen ihren Duft; aber dann schob er
sie mit einer müden und traurigen Geberde beiseite. Nein, nein, das war zu
Ende! Was war ihm noch solcher Duft? Was war ihm noch alles, was bis jetzt
sein »Glück« ausgemacht hatte?...
Er wandte sich zur Seite und blickte auf die stille Strasse hinaus. Dann und
wann klangen Schritte auf und hallten vorüber. Die Sterne standen und
glitzerten. Wie todmüde und schwach er wurde! Sein Kopf war so leer, und seine
Verzweiflung begann, in eine grosse, sanfte Wehmut sich aufzulösen. Ein paar
Gedichtzeilen flatterten ihm durch den Sinn, die Lohengrin-Musik klang ihm
wieder in den Ohren, er sah noch einmal Frau von Rinnlingens Gestalt vor sich,
ihren weissen Arm auf dem roten Sammet, und dann verfiel er in einen
schweren, fieberdumpfen Schlaf.
XI.
Oft war er dicht am Erwachen, aber er fürchtete sich davor und versank
jedesmal aufs neue in Bewusstlosigkeit. Als es aber völlig hell geworden war,
schlug er die Augen auf und sah mit einem grossen, schmerzlichen Blick um
sich. Alles stand ihm klar vor der Seele; es war, als sei sein Leiden durch den
Schlaf gar nicht unterbrochen worden.
Sein Kopf war dumpf und die Augen brannten ihm; als er sich aber
gewaschen und die Stirn mit Eau de Cologne benetzt hatte, fühlte er sich wohler
und setzte sich still wieder an seinen Platz am Fenster, das offen geblieben war.
Es war noch ganz früh am Tage, etwa um 5 Uhr. Dann und wann ging ein
Bäckerjunge vorüber, sonst war niemand zu sehen. Gegenüber waren noch alle
Rouleaux geschlossen. Aber die Vögel zwitscherten und der Himmel war
leuchtend blau. Es war ein wunderschöner Sonntagmorgen.
Ein Gefühl von Behaglichkeit und Vertrauen überkam den kleinen Herrn
Friedemann. Wovor ängstigte er sich? War nicht alles wie sonst? Zugegeben,
dass es gestern ein schlimmer Anfall gewesen war; nun, aber damit sollte es ein
Ende haben! Noch war es nicht zu spät, noch konnte er dem Verderben
entrinnen! Jeder Veranlassung musste er ausweichen, die den Anfall erneuern
könnte; er fühlte die Kraft dazu. Er fühlte die Kraft, es zu überwinden und es
gänzlich in sich zu ersticken....
Als es halb acht Uhr schlug, trat Friederike ein und stellte den Kaffee auf den
runden Tisch, der vor dem Ledersofa an der Rückwand stand.
»Guten Morgen, Johannes,« sagte sie, »hier ist Dein Frühstück.«
»Danke,« sagte Herr Friedemann. Und dann: »Liebe Friederike, es thut mir
leid, dass Ihr den Besuch werdet allein machen müssen. Ich fühle mich nicht
wohl genug, um Euch begleiten zu können. Ich habe schlecht geschlafen, habe
Kopfschmerzen, und kurz und gut, ich muss Euch bitten ...«
Friederike antwortete:
»Das ist schade. Du darfst den Besuch keinesfalls ganz unterlassen. Aber es
ist wahr, dass Du krank aussiehst. Soll ich Dir meinen Migränestift leihen?«
»Danke,« sagte Herr Friedemann. »Es wird vorübergehen.« Und Friederike
ging.
Er trank, am Tische stehend, langsam seinen Kaffee und ass ein Hörnchen
dazu. Er war zufrieden mit sich und stolz auf seine Entschlossenheit. Als er
fertig war, nahm er eine Cigarre und setzte sich wieder ans Fenster. Das
Frühstück hatte ihm wohl gethan, und er fühlte sich glücklich und hoffnungsvoll.
Er nahm ein Buch, las, rauchte und blickte blinzelnd hinaus in die Sonne.
Es war jetzt lebendig geworden auf der Strasse; Wagengerassel, Gespräch
und das Klingeln der Pferdebahn tönten zu ihm herein; zwischen allem aber war
das Zwitschern der Vögel zu vernehmen, und vom strahlend blauen Himmel
wehte eine weiche, warme Luft.
Um zehn Uhr hörte er die Schwestern über die Diele kommen, hörte die
Hausthür knarren und sah die drei Damen dann am Fenster vorübergehen, ohne
dass er besonders darauf achtete. Eine Stunde verging; er fühlte sich glücklicher
und glücklicher.