Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Anna K. · Kapitel 1 von 35

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Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Prolog

Anna.K

 

Leandro & Nanni

 

Bis zu den Sternen

Prolog

 

„Was soll ich denn hier?!“, fauchte ich nun ungefähr zum gefühlten vierzigsten Mal.

Der gesamte Speisesaal schaute mich an, als wäre ich verrückt geworden.

Ich zog eine Grimasse und warf Blicke in die Runde. „ Ich bin bis jetzt auch ganz gut ohne euch zurechtgekommen!“ Meine neue Sitznachbarin Lena warf mir einen mitfühlenden Blick zu.

„Es ist doch nur für kurze Zeit.“

„Für kurze Zeit!“, fauchte ich. „Zwei Jahre sind mir ne verdammt lange Zeit!“

Bella, die Hausmutter des Jugendheims warf mir einen mahnenden Blick zu, den ich ignorierte

.

„Was haben deine Eltern denn gemacht?“, fragte einer der blonden Knirpse mich.

„Geht dich das was an?“, fragte ich zurück. Eine meiner blonden Strähnen viel aus meinem Zopf, verärgert strich ich sie zurück.

„Iss erst mal was.“, beruhigte mich Lena, die zufällig am selben Tag mit mir ins Jugendheim gekommen war.

„Pah, ich habe keinen Hunger.“

„Komm schon. Essen wirkt beruhigend auf die Nerven und Gefühle eines aufgebrachten Mädchens.“

„Mit meinen Gefühlen ist alles in Ordnung!“, konterte ich. Lena holte tief Luft und ich ahnte schon, was jetzt kommen würde. Der kampflustige Blick in ihren Augen sagte mir Alles. „Dann lebe deinen Scheiß doch alleine!“, schrie sie zurück. „Mensch, ich bin auch Neu hier und benehme mich nicht total daneben!“ Okay, im Stillen gab ich ihr Recht, aber ich war zu aufgebracht um das jetzt zuzugeben.

„Ich bin doch keine Marionette!“, schrie ich zurück. „Ich auch nicht!“ Ihre blitzenden Augen trafen mich. „Du benimmst dich aber so!“ Ich funkelte sie wütend an. In meinem Inneren kochte es..

„Ich bin keine Marionette“, verbesserte sie mich und verschränkte aufgebracht die Arme vor der Brust. „Ich nehme mein Schicksal nur an!“

„Super, und I.C.H nicht!“, ergänzte ich.

Dann herrschte Stille. Am Tisch hatten alle Unbeteiligten den Kopf gesenkt und einzig unsere Hausmutter Bella schien das Geschehen aufmerksam zu verfolgen.

Es wunderte mich, dass sie noch nicht eingegriffen hatte. „Mädels, ihr wisst aber schon, dass ihr auf einem Zimmer seit, oder?“, warf jetzt wieder der kleine blonde Knirps ein. „Klappe!“, riefen Lena und Ich aus einem Mund. Ich erstarrte und guckte sie an.

Einen Moment blickte sie mich wütend an; dann verwandelte sich ihre grimmige Miene in nervöses Grinsen. Wie aus heiterem Himmel fing sie an zu lachen. Erst hinter der Hand und dann immer lauter.

Lachte sie mich etwa gerade aus?!

Lena konnte scheinbar gar nicht mehr aufhören mit dem Kichern. Einer der Knirpse neben mir fing auch an zu Kichern. Verständnislos guckte ich in die Runde.

Während ich mit Schafsblick auf Lena starrte, fing der gesamte Speisesaal an zu lachen.

„Was soll das?!“, begann ich den Satz, bis ich plötzlich auch von dem Kichern erfasst wurde.

Ich riss mich zusammen, aber aus dem nervösen Kichern wurde immer lauteres Lachen.

Das fehlte mir noch! Das ich gerade als Neue einen Lachkrampf kriege, weil ich jemanden zwei Sekunden davor zur Schnecke gemacht habe!

Doch mein Verstand schien ausgesetzt zu haben. Ich konnte gar nicht mehr aufhören mit Lachen. Kichernd japste ich nach Luft.

„Du kannst aufhören mit Lachen.“, bemerkte Lena neben mir, die endlich wieder normal reden konnte.

„Ich will ja, aber“, prustete ich. „Ich kann nicht.“ Und mein Satz verklang in meinem Lachen.

Lena schaute mich ein wenig entgeistert an. „Du kannst nicht?“

Ich holte tief Luft. Schon besser. „Es ist... Alles in Ordnung!“, keuchte ich und hielt mir meinen schmerzenden Bauch. „Bekommst du immer unerwartete Lach Flashs?“ Lena blickte mich mit großen Augen an. Von ihrer Wut war nichts mehr zu sehen. „Eigentlich nicht.“, antwortete ich grinsend. „Nur wenn du jemanden anschreist?“

„Wenn ich nervös bin.“

Sie streckte mir die Hand hin. „Schön dich kennengelernt zu haben, Nanni. Ich fürchte wir sind Zimmergenossinen.“ Schade aber auch., dachte ich und schüttelte ihre Hand. „Danke.“

 

Nanni

Die Regeln im TPA Jugendheim waren denkbar einfach. Aufstehen um sechs, Frühstück auf halb sieben, um Acht in den Unterricht bis ungefähr drei.

Von Vier bis halb sechs Freizeit, danach Abendbrot. Spätestens um halb Zehn abends zurück sein, wenn wir etwas unternahmen.

Zehn Uhr Nachtruhe.

Keine Drogen, kein Alkohol.

Die Regeln waren okay. Für manche mehr, für andere weniger. Aber wir hatten uns alle nicht ausgesucht hier zusein.-Naja, die meisten nicht.

Ich sprach eigentlich mit niemandem über meine Vergangenheit. Unsere Geschichten waren ohnehin fast alle gleich. Alkoholkonsum der Eltern, Misshandlung, Krankheitsfälle in der Familie und nicht selten auch überhaupt keine Eltern mehr. Bei mir war es ersteres gewesen. Es passierte als mein Dad sich von meiner Mutter trennte und mit seiner Neuen nach Italien auswanderte. Meine Mutter hatte den Schlag nicht verkraftet. Die nächsten Monate waren nicht einfach. Zwischen Schule, Lernen und Sport versuchte ihr so gut es ging meine Mutter in meinen Tagesplan einzubeziehen. Morgens Frühstück für Beide, zur Schule und wenn ich wiederkam Mittagessen kochen, Wäsche waschen und das Haus putzen, das meine Mutter in ihrem Rausch nicht mehr alleine schaffte.

Während es bei ihr anfangs nur abends eine Flasche Tequila gewesen war, so steigerte sich doch der Konsum in den nächsten Wochen auf unkontrolliertes Trinken, das unserem Geld ordentlich zu Kopf ging. Letztenendes war es meine Nachbarin gewesen, die von dem Ganzen Ohr bekommen hatte und das Jugendamt alamierte.

Und jetzt saß ich hier. Ohne irgendwelche Pläne für die Zukunft.

„Nanni?!“ Der elfjährige Martin rannte auf mich zu. „Hast du Luke gesehen? Ich hab ihn seit heute Mittag nicht mehr gesehen. Bella tobt wie ein Teufel!“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, hab ich nicht gesehen. Sorry.“ Bella tobte eigentlich ständig. Als Hausmutter für dreizehn Kinder im Alter von neun bis sechszehn Jahren hatte sie alle Hände voll zu tun, uns alle im TPA zu halten. „Vielleicht wollte Luke ja nur in die Stadt?“, schlug ich Martin vor, aber der kleine Junge mit den blonden Strubbelhaaren war schon wieder vorbeigerauscht und stürzte sich auf meine Zimmergenossin Lena, die soeben durch die Tür gekommen war. Ich schüttelte den Kopf. Wie hatte ich es hier schon ganze lange zwei Jahre ausgehalten?

Ich lief in die Küche, um Teller und Gabeln zu holen und deckte in aller Eile alleine den Tisch. Im Grunde genommen hielt sich hier keiner an den Tischdienst, aber das alleine decken machte mir nichts aus und war weniger hektisch als wenn mir drei der Knirpse helfen würden.

„Schon wieder alleine am Tisch decken?“ Erschrocken zuckte ich zusammen und drehte mich nach der vollbusigen Frau um, die hinter mir stand. Bella, die Haushälterin stand hinter mir und schwang drohend ihren Kochlöffel. „Na die Bengel können was zu hören bekommen!“ und guckte mich streng an.

„Mir macht das nichts. Ehrlich!“, sagte ich und zuckte die Schultern. Die beleibte Frau lächelte und strich mir meine schwarze Kapuze vom Kopf.

„ Ich weiß, Kleine, aber es gehört sich trotzdem nicht!“ Widerwillig nickte ich, strich mir meine schwarze Kapuze aber trotzdem wieder über den Kopf. Den Kopf schüttend zog Bella ab und rief die Kleinen zum Essen an den Tisch. Ich war mit Abstand die Älteste hier im Heim, abgesehen von Lena, auch wenn ich mit ihr nicht viel gemeinsam hatte.

Ihr quirliger Typ, ihre schwarzen lockigen Haare und ihr engelsgleicher Charme ließen das Herz eines jeden Erwachsenen höher schlagen, wirkten aber kaum auf mich. Ich war eher so der aufmerksame stille Typ. Der Typ, der lieber nicht aus der Menge hervorsticht und unbeachtet bleibt. Nicht das mich das stören würde- Ich hatte mir meine Art selber gesucht und gefunden. Und mit meinem schwarzen Kapuzenpullover fühlte ich mich so gut wie vollständig. Lena war der Meinung, ewig meine schwarzen Klamotten, würden aussehen, als wolle ich zu einem Begräbnis gehen, aber ich wollte mich nicht ändern. „ Was soll’s?“, fragte ich sie meistens und zog die Augenbrauen hoch. „Sie sind sauber unauffällig und meine. Was will ich mehr?“ „ Du bist ein richtiger Langweiler! Willst du das Leben nicht genießen?“ lachte sie und zog an meiner Hand. Ich lächelte ebenfalls und breitete die Arme aus. „ Ich genieße das Leben! Siehst du das nicht?“ Sie zwinkerte. „Und ob ich das sehe, du schwarze Katze!“

Oder so ähnlich verliefen unsere Gespräche meistens. Mittlerweile saßen wir alle am Tisch. Obwohl es unausgesprochen war, hatte jeder von uns einen Stammplatz. Ich saß neben Lena und Martin. Seltsamerweise waren wir alle am selben Tag ins TPA gekommen. Neue hatten es immer am Schwierigsten und wurden meist beim ersten Essen an einen Randplatz verwiesen. Zugegebenermaßen war ich ausgesprochen froh gewesen, Lena und Martin bei mir zu haben und hatte mich beim ersten Abendessen mit den Beiden zusammengesetzt. „ Na, Luke wieder gefunden?“, fragte ich jetzt Martin, der erwartungsvoll mit der Gabel gegen den Teller klopfte. „ Jap, der ist nur in der Stadt gewesen“ Lena verdrehte die Augen. „Ständig machen sich hier alle Sorgen um Luke und dann war er doch nur Eisessen.“ Ich lachte.

„Oder er war T-Shirts kaufen, oder schwimmen oder Fotos machen...“

Ich grinste in mich hinein. War ja erst das dritte Mal diese Woche, dass unser Luke verschwunden war. Martin grinste ebenfalls und zog mir die Kapuze vom Kopf. Diesmal ließ ich sie unten, sonst würde ich wieder einmal Ärger mit Bella bekommen. „Du bist ohne Kapuze viel hübscher, als wenn du das schwarze Ding immer auf dem Kopf hast!“, bemerkte Martin. „Mhh.“, grummelte ich und betrachtete meine Fingernägel. Ich mochte den kleinen Bengel, aber seiner Meinung war ich nicht. Ehrlicherweise: Ich war auch nicht hässlich. Helle Haut, Dunkelgrüne Augen, dichte Wimpern hellrosa Lippen und strubbelige blonde Haare, die Ich meistens zu einem zotteligen Knoten band. Aber ich fand mich auch nicht sonderlich attraktiv, ein Durschnittsmädchen halt.

Eine Person, der man meistens keinen zweiten Blick schenkt. Die Kapuze verbarg das, was ich anderen nicht zeigen wollte. Dinge, die ich nicht bereit war, anderen zu offenbaren. Dinge die ich für zu persönlich hielt.