Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Leandro fliegt raus
Völlig verschwitzt und verheult sank ich auf den Boden. Die Uferstelle verlief in seichtes hüfthohes Wasser und war von Bäumen und Büschen vor neugierigen Blicken geschützt. Ich warf noch einmal einen Blick hinter mich- bevor ich mir das T-Shirt über den Kopf zog und nur mit Slip bekleidet in das kühle Wasser eintauchte.
Das tat gut. Langsam wurde mein Kopf wieder klar. Mit beiden Händen rubbelte ich mir durchs Gesicht um all die Tränen und den Schmutz abzuwaschen. Ich fror ein wenig und legte meine Arme enger um den Körper.
Lena hatte Recht behalten. Leandro würde mir das Herz brechen, wenn ich nicht aufhören würde ständig an ihn zu denken. Aber da erzähle mir mal irgendein Wissenschaftler wie ein sechzehnjähriges Mädchen, von den Füßen bis zum Kopf verliebt und hormongeplagt, seinem Herz befehlen sollte nicht mehr an Ihn zu denken. Nein, da war ich mir sicher. Das würde nicht funktionieren.
Langsam stieg ich nun wieder aus dem Wasser. Kühles Nass rann aus meinen Haaren über meine Schulter und kitzelte mich am Rücken.
Ich griff nach meinem schwarzen Shirt und versuchte mich bestmöglich trockenzurubbeln, bevor ich es über den Kopf zog und meine Jeans zuknöpfte.
Bella würde toben wenn ich in diesem Zustand völlig nass im TPA ankommen würde.
Als ich endlich am Jugendhaus ankam, war ich froh, dass die Eingangshalle noch erhellt und die die Tür noch offen war. Zitternd schob ich mich durch die Tür in die Wärme und tapste die Treppe hoch während ich hinter mir eine Reihe Wasserspritzer hinterließ. „Mein Gott, was hat den hier gewütet.“, hörte ich Bella klagen, die wahrscheinlich gerade gekommen war um das TPA zur Nachtruhe abzuschließen.
Dann erblickte sie mich auf der Treppe. „Nanni, warst du das?“ Ich nickte ergeben und trat aus dem Schatten der Treppe. „Kindchen, was ist denn mit dir passiert! Du bist ja ganz nass!“, hörte ich ihre erschrockene Stimme. Ich wurde von der Treppe gezogen und ins Licht gestellt. „Warte mal kurz.“, und sie eilte davon. Ich stand frierend in der Eingangshalle, als sie dann endlich wieder mit einem Stapel Handtücher in der Hand zurückkehrte. Sie nahm das Oberste blaue und legte es mir über die Schultern. „Trockne dich erst mal ab. Du holst dir noch den Tod!“, bemutterte sie mich und schob mich in den Essensraum.
Als wir uns gesetzt hatten sagte sie: „So, jetzt erzähl, Kleine. Wie ist das passiert? Hat dich jemand extra ins Wasser geschupst?“ Ich lächelte schon wieder leicht. „Nein, da brauchen sie sich keine Sorgen machen. Ich war freiwillig schwimmen.“ Die mollige Frau schnappte erschrocken nach Luft. „Freiwillig?“, wiederholte sie und klang dabei fast wie meine Mutter. Betreten schaute ich auf den Boden. „Mädchenprobleme und son Zeugs.“
„Ah!“. Bellas Gesicht erhellte sich aber sie guckte mich mitleidig an. „Leandro?“
Und als ich diesmal nickte, flossen die Tränen wieder. „Na ,na Schätzchen. Nicht weinen!“ Sie nahm mich in den Arm. „Das beste Mittel gegen Liebeskummer ist heiße Schokolade. Ich mach dir eine.“, und kam kurz darauf mit einer riesigen Tasse dampfendem Kakao wieder zurück. Ich kostete einen Schluck. Liebeskummer ade!
Leandro
Den nächsten Tag ignorierte sie ihn. Er nahm das als gutes Zeichen, denn ein erneutes Streitgespräch hätte er nicht vertragen. Der Unterricht am Vormittag war wie immer stinklangweilig. Er sah Nanni einige Tische weiter eifrig in ihr Heft kritzeln, während Mr. Ports die Tafel mit linearen Gleichungssystemen und Graphen füllte. „So!“, ertönte dessen Stimme. „Ich hoffe sie haben alles übertragen, damit wir nun so gleich mit der Arbeit beginnen können.“ Und erwähnte keine Sekunde später: „Mr. Dentales, ich hoffe sie haben alles kopiert, damit sie direkt mit der Arbeit beginnen können.“ Der pummelige Lehrer trat einen Schritt näher um Leandros Heft zu überblicken.
„Scheint als hätten wir einen Hochbegabten in unserer Klasse.“, sagte er und deutete auf Leandro.
Leandro hörte Stühle über den Boden kratzen als seine Klasse sich neugierig nach ihm umdrehte. Abermals erhob Mr. Ports seine Stimme und schaute dabei wissend lächelnd auf ihn herab. „Mir scheint, als könne Mr. Dentales sich die Gleichungen alle im Kopf merken.“ Allgemeines Gekicher erfüllte den Raum. „Nun denn, Leandro, wollen sie uns vielleicht einen Einblick in ihre Fähigkeiten geben und die erste Aufgabe an der Tafel vorrechnen?“ Damit hatte er ihn erwischt. Leandro schüttelte unmerklich den Kopf. „Nun, denn Leandro, dann würde ich sie bitten dieses Tafelbild jetzt sofort zu kopieren; es sei denn sie wollen nachsitzen.“ „Soll ich mich mit dem Kopieren beeilen?“, ein schelmischer Blick zog über das Gesicht des Jungen. Mr. Dents lief rot an und donnerte: Natürlich sollen sie sich beeilen. Wir warten schließlich nur auf sie!“ Leandro nickte. „Gerne!“, zog sein Handy aus der Hosentasche und fotografierte das Tafelbild. Auch Nanni musste lächeln, als die ganze Klasse in Gelächter ausbrach. Da hatte sich Leandro aber mal wieder schön dumm angestellt. „Raus! Sofort!“, brüllte der Lehrer und Leandro schnappte sich seinen Rucksack und ging ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen.