Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Aufbruch
Nanni
Das hibbelige Gefühl begann, als ich beim Frühstück saß und mir gerade mein Brötchen mit Erdbeermarmelade schmierte. Ich hatte mir sechs Brötchen genommen; eins für mich, zwei für Leandro (der seltsamerweise nicht zum Frühstück erschienen war.) und drei Brötchen für die Zugfahrt heute Abend. Als ich meinen Blick nach rechts drehte, bemerkte ich wie mich Martin ganz entgeistert anschaute. „Du isst sechs Brötchen?!“, fragte er skeptisch.
Ich lachte, um meine Verlegenheit zu überspielen. „ Die sind für Leandro. Der ist nicht zum Frühstück gekommen.“ Martin kniff die Augen zusammen und fixierte die 5 Brötchen, die noch auf dem Tisch lagen. „Leandro isst nicht ehrlich fünf Brötchen?“, fragte er abermals.
„Doch tut er.“
„Er isst sonst immer nur zwei!“, kommentierte Martin. Langsam wurde mir das Kerlchen zu schlau. „Er ist doppelt so groß wie du, Martin. Er braucht die Kraft.“, schnaubte ich. „Er braucht die Kraft?“, lachte Martin. „Für Unterricht schwänzen, oder was?“
Ich warf ihm einen bösen Blick zu und biss ihn ignorierend in mein Brötchen.
„Schon gut, Tschuldigung.“, murmelte er. „Solang er nicht dick wird...“
Ich warf ihm einen entsetzten Blick zu. „Er wird nicht dick.“, behauptete ich.
„Woher willst du das wissen?“. Martin schien sich zu amüsieren. „Hattest du dich nicht gerade entschuldigt?“, konterte ich. Martin schwieg. 1:0 für mich.
Kurze zeit später kam auch Leandro in den Raum. „Morgen.“, grüßte er in die Runde und setzte sich auf den Platz neben mich.
„Hier.“, ich schob ihm die fünf Brötchen rüber. Mit misstrauischem Blick beäugte er die Brötchen- „Du hast mir fünf Brötchen mitgebracht?“, fragte er.
„Nun ja, du brauchst Kraft.“, erwiderte ich und verdrehte die Augen in Martins Richtung, der nun aufmerksam unserem Gespräch folgte. Leandro schien meine Andeutung nicht zu verstehen. Oh man, war dieser Kerl wirklich so schwer von Begriff? „Nanni, ich esse immer nur zwei. Immer.“ Martin fing an zu grinsen.
„Du hattest mir doch heute morgen gesagt, du hättest so einen riesigen Hunger.“, zischte ich und trat ihm ordentlich gegen sein Bein.
Endlich schien er verstanden zu haben, was ich ihm sagen wollte. Mit schmerzverzogenem Gesicht rang er sich ein Lachen ab. „Ach der Hunger...“, lenkte er ein.
Enttäuscht sah ich Martin Leandro anblicken. Da hatte sein Held ihn wohl ausnahmsweise im Stich gelassen.
Innerlich aber grinste ich und war froh, dass Martin aufstand und ich die letzten drei Brötchen unauffällig in meinem Schulranzen verschwinden lassen konnte.
Der anschließende Unterricht verging quälend langsam. Zwei Stunden Englisch, Zwei Stunden Bio, Zwei Stunden Mathe. Während ich in Bio eine Alaska-Karte zeichnete, sah ich Leandro alle paar Minuten auf die Uhr zu gucken und unruhig mit den Füßen wibbeln.
Ich versuchte mich selbst ein wenig zu beruhigen; immerhin waren es noch über acht Stunden, bis zu unserem Aufbruch. „Ms. Rogers. Sie möchten gerne meine Aufgabe lösen?“, riss mich die vertraute Stimmer unserer Bio-Lehrerin Jenkins aus den Gedanken.
„Ähm .. nein., möchte ich nicht.“, stammelte ich. „Äquatorialebene!“, zischte es hinter meinem Ohr. Meine Biolehrerin startete einen erneuten Versuch. „Ms. Jenkins. Ich möchte, dass sie mir meine Frage beantworten.“ Ihre braunen Augen glitzerten verdächtig hinter ihrer schwarzen Brille. Ich schluckte.
„Könnten sie die Frage bitte noch einmal wiederholen?“, fragte ich verunsichert.
„Ich nehme an, mein Unterricht ist ihnen nicht interessant genug?“, erwiderte sie.
Mist, das lief in die falsche Richtung. Ich kramte in meinen höflichsten Formulierungen: „Nein, Ms. Jenkins, ihr Unterricht ist äußert faszinierend aber...“
„Was aber?!“
„Ich habe ihren Satz akustisch nicht verstanden.“ „Ah“, breitete sich ein überraschtes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Es dauerte ein oder zwei Sekunden, bis ich bemerkte, dass die Bombe entschärft war.
„Ich wollte wissen...“, sagte meine Bio-Lehrerin. „wo die Chromosomen sich in der Metaphase der Mitose sammeln.“ „Auf der Äquatorialebene?“, riet ich.
Ihr plötzliches Nicken, ließ mich aufatmen. „Danke.“, zischte ich nach hinten, wer auch immer mir die richtige Antwort verraten hatte. „Ich hoffe ich liege richtig in der Annahme, sie wählen den Biologie-Leistungskurs?“, platzte meine Lehrerin plötzlich heraus. Ich nickte verunsichert und sie schien mit meinem stündlichen Unterrichtsbeitrag zufrieden zu sein; den Rest der Stunde konnte ich ununterbrochen Alaska-Karten in allen Formen und Farben zeichnen.
„Das war ja Rettung in letzter Sekunde.“, meinte Leandro als wir nach Unterrichtsschluss durch die Flure schlenderten. Oh ja, wie Recht er hatte. Äquatorialebene, so ein bescheuertes Wort war mir die letzten Bio-Stunden auch nicht in den Mund gekommen. Oder ich hatte einfach nicht aufgepasst. Allgemein hatte sich mein Unterrichtsbeitrag die letzten anderthalb Monate enorm verschlechtert und das lag sicher nicht an den kühlen Temperaturen.
Obwohl es im Grunde genommen irrelevant war, da ich meinen Schulabschluss nicht in naher Zukunft absorbieren würde. „Hast du gesehen, wer mir die Lösung vorgeflüstert hat, ich hab’s nicht erkannt.“, erkundigte ich mich.
„Nein.“, schüttelte er den Kopf.
„Ich weiß nicht, was ich heute Abend anziehen soll.“ Er starrte mich perplex an. „ Einen Pullover?“ Ich verdrehte die Augen. „Klar einen Pullover, aber was für einen?“ „Hauptsache warm.“
„Den schwarzen mit den Glubschaugen an?“ Er kicherte. „Okay. Jeden außer Diesen.“
Das hatte mir zwar nicht viel geholfen, aber ich gab mich zufrieden und verabschiedete mich, um noch einmal gründlich meinen Kleiderschrank zu durchsuchen.
Ich hatte mich letzten Endes für meinen dunkelblauen mit Green-Day-Aufruck entschieden. Warm, bequem und unauffällig. Denn besonders heute sollten wir vermeiden, gesehen zu werden. Dazu eine dunkle Jeans und meinen blauen Anorak. Meinen Rucksack hatte ich Leandro überlassen- er würde besser wissen, was es einzupacken galt und was nicht. Ich selbst hatte mir nur meine Handtasche auf mein Bett gestellt. Noch war sie vollkommen leer.
Ich griff nach meinem Kissen und stopfte es hinein. Noch etwas für heute Nacht? Ich packte ebenfalls einen Zehner, eine Packung Taschentücher, zwei Proteinrigel und unsere drei geschmierten Brötchen ein.
Das Füllvolumen meiner Tasche war damit voll ausgenommen. Mit beiden Beinen quetschte ich sie zusammen, während ich oben am Reisverschluss zehrte, um die Tasche zu schließen. „Ratsch.“; machte es.
Ich warf die Fracht in meinen Kleiderschrank. Wenn Jemand in mein Zimmer kommen würde, musste er nicht gleich sehen, dass ich auswandern würde.
Und damit galt es warten. Ich legte mich auf mein Bett und machte meinen I-Pod an.
Die Musik erfüllte mich mit ihren Klängen und die Drumms des Schlagzeugs dröhnten in meinen Ohren. Für eine kurze Zeitspanne vergaß ich Alaska.
Da ich nicht verreisen wollte, ohne Bella bescheid zu sagen, gefiel mir die Idee, ihr auch einen Brief zu schreiben. Ich schrieb ihr von meinem plötzlichen Beschluss nach Alaska zu gehen, mit der Begründung Leandro bei familiären Problemen helfen zu wollen.
Ich dankte ihr ausführlich für ihre Gastfreundschaft, und das Leckere Essen.
Ich verheimlichte allerdings unsere Zugreise und unsere Route, würde sie auf die Idee kommen (und das würde sie ganz bestimmt!!! ) die Polizei zu alarmieren und uns zu suchen. Als letztes unterschrieb ich und setzte ein: „Mach dir keine Sorgen um uns!“, darunter.
Den fertigen Brief legte ich auf den Schreibtisch; sie würde ihn finden, wenn sie uns am nächsten Tag suchen würde.
Als ich den Essenssaal erreichte, griff eine Hand nach mir und zog mich in die Ecke.
Aber es war nur Leandro, der mit mir reden wollte. „Du wirfst deine Handtasche aus dem Fenster, okay?“, fing er an. Nein, das war definitiv nicht okay! Als er meinen verwirrten Blick sah, seufzte er auf.
„Willst du, dass alle sehen, dass wir auswandern?“, flüsterte er scharf.
Nein, warum sollte ich das wollen? Verärgert entwand ich mein Handgelenk seinen Fingern, aber er griff erneut danach. „Hast du verstanden?“, zischte er und schaute mir tief in die Augen. Ich schubste ihn zurück und fauchte: „Ja, ich hab verstanden! Ich bin keine sechs mehr!“ Manchmal widerte mich seine arrogante besserwischerische Art regelrecht an.
Ich stapfte zum Tisch und verteilte schweigend Teller und Löffel. Arroganter Mistsack! Mit dem wollte ich auswandern? Die Suppe schmeckte wässrig, als ich sie probierte. Hätte es nicht ausgerechnet heute mal etwas Deftiges geben können? -Nein, natürlich nicht. Als würde man meine Wünsche jemals erhören!
Leandro
Der Wärter gab mir die Hundeleine und streckte die Hand aus. Ich drückte ihm 100 Mäuse in die Hand. „Mehr hast du nicht?“, nuschelte er. Er schien mir ziemlich angetrunken. Ich zuckte mit den Achseln. „Ich bin auch nur jung und arbeitslos.“ Der Mann stieß etwas aus, das sich stark nach Fluch anhörte und spuckte braunen Tabaksaft auf den Boden. Angewidert rückte ich einen Schritt beiseite. „Dann wünsch ich dir mal was Gutes für die Reise.“, keckerte er. Mist, ich hatte ihm von der Reise erzählt? Wie unvernünftig; wenn er morgen früh wieder bei Sinnen wäre, würde er sich an meine nächtliche Flucht erinnern.
Und mich verpetzten.
Kurzerhand nahm ich die Kehrschaufel aus der Ecke. „Was machst n da?“, hörte ich ihn noch grummeln, dann erstickten seine Worte unter der Schaufel, die ich ihm über den Kopf schlug. Bewusstlos sackte er zusammen. Ich packte ihn an den Armen und zerrte ihn in den hinteren Teil des Tierheims. Vor dem Morgengrauen würde er sich von dem Schlag und dem Rausch nicht erholt haben. Zufrieden mit meiner Arbeit, stellte ich die Kehrschaufel wieder in ihre Ecke zurück und machte mich mit Chuppine auf den Weh zum TPA.
Nannis Tasche lag bereits im Gras, als ich am Jugendhaus ankam. Unauffällig und in weitem Bogen führte ich Chuppie hinter das Haus und band sie an einem Baum fest. „Bin gleich zurück, Kleine.“, sagte ich.
Ich brauchte an Nannis Tür nicht klopfen, sie stand sperrangelweit offen. „Nanni?“, rief ich unsicher.
„ Bing ier.!“, tönte aus dem Bad, dann ein kurzes Gurgeln und der Wasserhahn wurde abgedreht. Sie guckte kurz aus dem Bad. „Du putzt dir die Zähne?“
Sie spuckte aus. „Mh, ist so eine Art Ritual vor Reisen.“ „Aha.“ Ich schaute mich im Zimmer um. Von ihrer Abreise war kaum etwas zu sehen.
Das Zimmer war unordentlich wie immer. Einige Pullover auf dem Bett, ein Handtuch auf dem Stuhl. Drei Schulbücher auf dem Regal, etwaiger Krimskrams auf dem Boden.
„Können wir?“, fragte ich, nachdem sie kritisch einen Blick in den Spiegel geworfen hatte.
„Auf der Stelle.“
Sie zog ihre Jacke über, warf einen letzten Blick in das Zimmer, knipste das Licht aus und schloss die Tür. Hand in Hand liefen wir durchs Treppenhaus dem Ausgang entgegen. Die Eingangshalle war in warmes Licht getaucht und mit einem schmerzhaften Stich spürte ich den Verlust dieses zweiten Zuhauses. Als wir die Tür passierten, blickte ich nicht zurück. Bis bald, dachte ich und schlenderte mit Nanni der rufenden Freiheit Alaskas entgegen.